In dieser Geschichte kommt es ganz auf den Standpunkt an. Die einen reden von dem »mutigen Marburg«. Davon, dass die Stadt in der Solarenergie eine Vorreiterrolle für ganz Deutschland haben wird und dass Bürger eben zu ihrem Glück gezwungen werden müssen. Die anderen sehen einen »umweltpolitischen Irrsinn« heraufziehen. Und eine Diktatur. Eine Ökodiktatur.

Auslöser dieses Konflikts sind ein paar Blätter Papier. Auf der ersten Seite steht ganz oben: »Satzung der Universitätsstadt Marburg zur verbindlichen Nutzung der Solarenergie in Gebäuden«. Als erste Stadt Deutschlands will Marburg für alle Gebäude eine Solaranlagen-Pflicht einführen. Sobald jemand ein neues Haus baut, seine Heizungsanlage austauscht, sein Gebäude erweitert oder nur Teile des Daches saniert, muss er – so sieht es der Plan des grünen Bürgermeisters Franz Kahle vor – eine »solarthermische Anlage« errichten. Wer sich weigert, dem droht ein Bußgeld von bis zu 15.000 Euro.

Vor allem Anlagen, die für die Gewinnung von heißem Wasser genutzt werden, sollen installiert werden. Das kleinste Modell ist für rund 5000 Euro zu haben – Kosten, die der Hausbesitzer tragen muss, die sich aber in zehn bis 15 Jahren durch die Heizkostenersparnis amortisiert haben werden, wie die Stadt errechnet hat. Über den Entwurf wird im März in der Stadtverordnetenversammlung abgestimmt. Die Chancen stehen gut, dass er bereits im Juni umgesetzt wird. »Die Wärmepreise explodieren. Das trifft vor allem die untere Mittelschicht. Wenn wir jetzt nichts unternehmen, werden wir bald ein großes soziales Problem haben«, sagt Bürgermeister und Baudezernent Kahle. Das Thema Wärme sei eine globale Aufgabe. Und die müsse jetzt gelöst werden. In Marburg soll die Rettung beginnen.

Wo sonst?, könnte man sich fragen. 80.000 Einwohner zählt die Stadt, ein Drittel davon sind Studenten, ein weiteres Drittel Verwaltungsangestellte der Universität, und ein Drittel macht das »normale Volk« aus, wie man hier sagt. Die Stadt ist schon immer eher links, die rot-grüne Mehrheit ist stabil, Kahle, der grüne Bürgermeister, ist seit 2001 im Amt. Er schwärmt von den positiven Reaktionen auf seinen Solar-Vorstoß, erzählt von begeisterten E-Mails.

Die kamen allerdings nicht von der Marburger Bürgerliste. »Wir haben hier eine Ökodiktatur«, sagt deren Stadtverordneter Hermann Uchtmann. »Aber niemand traut sich, etwas dagegen zu sagen. Alles, was mit Ökologie zu tun hat, darf man nicht kritisieren.«

Tatsächlich scheint die Angst bei Gegnern des »Solar-Zwangs« groß, in den Ruch mangelnden Umweltbewusstseins zu geraten. Mindestens so groß wie ihre Wut auf den grünen Bürgermeister. »Schreiben Sie nicht, dass wir gegen Umweltschutz sind«, bittet Rainer Flatter von der hessischen Eigentümer-Lobby »Haus und Grund«. »Aber mit Zwang erreicht man gar nichts.« Die Anreize müssten so gesetzt werden, dass die Leute das auch von allein täten.

In der Industrie- und Handelskammer fürchtet man gar wirtschaftliche Rückschläge, sollte sich Kahle mit seiner Solar-Satzung durchsetzen. »Gewerbebetriebe werden einfach in Gemeinden umsiedeln, die eine solch irrsinnige Satzung nicht haben«, sagt Ruprecht Bardt, stellvertretender Geschäftsführer der Kammer, und befürchtet, dass aus der ganzen Sache ein »Flächenbrand« werden könnte. Denn auch Kassel habe bereits Interesse an der Satzung gezeigt. Im Übrigen, betont Bardt, sei auch er für den Umweltschutz.