Politik Als Israel gegründet wurde
Ilan Pappe spricht von einer systematischen Vertreibungspolitik gegen die Palästinenser, bleibt aber den Beweis dafür schuldig
Millionen von Menschen verloren in den 1940er Jahren ihre Heimat, lebten als Displaced Persons in fremden Ländern und suchten nach einer permanenten Zuflucht. Ein großer Teil der Juden, die in Europa die Shoa überlebt hatte, wollte nach Palästina. Dort brach nach dem zunächst zögerlichen, dann schnellen Rückzug der britischen Mandatsmacht der erste große israelisch-arabische Krieg aus. Die Geschichtsschreibung über diesen Krieg variiert. Lange galt: Der Jischuw, später der Staat Israel, war zweimal in der Defensive, die Israelis kämpften um ihr Überleben und das ihrer großen Idee: Der Errichtung eines jüdischen Staates. Von Dezember 1947 bis März 1948 schien die militärische Lage prekär und noch einmal im Mai und Juni 1948, als reguläre arabische Streitkräfte in den Krieg eingriffen. Aber die Israelis setzten sich durch. In Palästina kam es während des Krieges zu einer gewaltigen Flüchtlingsbewegung. Mehr als 700000 Palästinenser verließen diejenigen Gebiete, die im Verlauf des Krieges unter israelische Herrschaft kamen. Sie kehrten nie mehr zurück.
Der Krieg 1947 bis 1949 war nicht so defensiv, wie bisher behauptet
Die klassische zionistische Geschichtsschreibung betonte, dass die Palästinenser während des Krieges ihr Land verließen, weil sie von arabisch-nationalistischen Führern dazu aufgefordert wurden. Sie sollten den militärischen Operationen nicht im Wege stehen, und nach dem arabischen Sieg wäre ihre Rückkehr wieder möglich. Andere Flüchtlinge, so wurde geschrieben, wollten schlicht und einfach der Gefahr des Krieges entgehen, und viele fürchteten auch Übergriffe und Attacken radikaler jüdischer Gruppen. Es gab aber keine gezielte Politik der Vertreibung. Brutale Übergriffe, wie das Massaker von Deir Yassin, die Vernichtung eines ganzen Dorfes, waren Einzelfälle. Die Staatsführung hatte diese Politik nicht zu verantworten, sie versuchte, Massaker dieser Art zu verhindern.
Als Israel in den 1980er Jahren seine Archive öffnete, geriet diese Interpretation ins Wanken. Eine Gruppe von Historikern versuchte eine Neubewertung der Kriegsereignisse. Die Kriegsführung in den Jahren 1947 bis 1949 war unübersichtlicher als vermutet. Sie war auch weniger defensiv, als das in der offiziellen Geschichtsschreibung behauptet wurde. Es gab weitaus mehr Übergriffe auf Dörfer als angenommen; die Flucht der palästinensischen Landbevölkerung war oft eine gezielte Vertreibung. Israelische Politiker und Militärs nahmen billigend in Kauf, dass die Flüchtlingsströme immer weiter anschwollen. Eine Rückkehr der Flüchtlinge war nie vorgesehen, denn die Errichtung eines demokratischen jüdischen Staates setzte eine gewisse Homogenität der Bevölkerung voraus. Über einen »Transfer« der arabischen Bevölkerung war vielerorts gesprochen worden, es gab Ideen, Pläne einzelner Militärs und Diskussionen. Auch Ben Gurion machte sich darüber Gedanken. Doch gab es eine Vertreibungspolitik? »Neue Historiker« wie Benny Morris, der sich um eine objektivere Sicht des Krieges und der Flucht und Vertreibung verdient machte, betonten nach Auswertung der nun zur Verfügung stehenden Dokumente, dass der Vertreibung keine systematische Politik zugrunde lag. Die Vertreibung entwickelte sich im Verlauf des Krieges, von diesem teilweise bedingt, teilweise gefördert. Es gab eine Dynamik von militärischen Notwendigkeiten, Angriffen und Vergeltungsschlägen, in vielen Fällen auch gezielte Vertreibungen. Einen »Masterplan« gab es nicht.
Der israelische Politikwissenschaftler Ilan Pappe geht in seiner Interpretation der Flucht und Vertreibung der Palästinenser aus ihren Siedlungsgebieten im heutigen israelischen Kernland weit über diese Argumentation der »Neuen Historiker« hinaus. Er entwirft dabei ein neues und in sich durchaus stimmiges Bild. Vor allem macht er aus einer sich entwickelnden und eskalierenden Dynamik der Kriegsführung in den 1940er Jahren eine systematische Politik. Seine Argumentation erfolgt in zwei Schritten: Zunächst zeichnet er ein justiertes Bild des israelisch-palästinensisch-arabischen Krieges. Die israelischen Streitkräfte waren demnach nie wirklich in der Defensive. Sie waren an Waffen, Ausbildung und Moral ihren Gegnern weit überlegen. Ben Gurion, so schreibt er wiederholt, war von der militärischen Überlegenheit der israelischen Streitkräfte überzeugt. Diese Überzeugung, deren Richtigkeit Pappe unterstellt, ohne ausführlich auf den Kriegsverlauf und seine Ausgangsbedingungen einzugehen, ermöglichte es Ben Gurion, seine Entscheidungen nicht in erster Linie einem militärischen Kalkül zu unterwerfen, sondern sie in langfristige politische Planungen einzuordnen.
Das Buch ist weniger Historiografie als vielmehr eine Interpretation
Dazu gehörte das Ziel, ein größeres – als von den Vereinten Nationen zugeteiltes – Staatsgebiet zu erobern und die arabische Bevölkerung aus diesem Gebiet zu vertreiben, sodass ein weitgehend ethnisch und religiös homogenes Gebiet das Resultat sein würde. Diese »ethnische Säuberung« ist für Pappe Kern einer geplanten zionistischen Politik. Konzeptionell, so Pappe, wurde diese Politik in einer »Beratergruppe« Ben Gurions entworfen, der Politiker, Militärs und Experten für arabische Angelegenheiten angehörten. Die Treffen waren zahlreich und informell. Protokolle der Gespräche liegen nicht vor. Am Neujahrstag 1948 traf sich die Gruppe zu einer besonders intensiven Beratung. Pappe zufolge wurde bei diesem Treffen der berühmte Plan D (Dalet) entwickelt, der die systematische Vertreibung der ländlichen palästinensischen Bevölkerung vorsah.
Es gibt nur wenig Dokumente, die eine solche Sicht der Dinge explizit unterstützen. Nur für die Beratung des Neujahrstages liegt ein Protokoll vor. Seine übrigen Schlussfolgerungen leitet Pappe aus Tagebüchern, Memoiren und anderen Quellen ab – vor allem zieht er die Tagebücher Ben Gurions als Beleg heran. Das Buch ist also weniger eine sorgfältige historiografische Darstellung als eine Interpretation. So könnte es gewesen sein. Die Argumente sind plausibel, die Fakten aber nicht systematisch belegt.
Pappes Interpretation verdient als eine selbstkritische Darstellung der Gründungsgeschichte Israels Beachtung. Jede Geschichte Israels muss diese Sicht der Dinge bedenken. Was für Israel der heroische Akt der Gründung war, war für die Palästinenser al-Nakba, die Katastrophe.
Allerdings gibt es auch eine Reihe gewichtiger Einwände: Pappes Buch ist vor allem an jenen Stellen problematisch, an denen er von einer strikten historischen Darstellung abweicht und plädoyerhaft in politische Analogien und Gegenvorstellungen zum zionistischen Projekt ausweicht. Die Politik der 1940er Jahr ist nur schwer mit den Jugoslawien-Kriegen der 1990er Jahre zu vergleichen. Die Bezugnahme auf die »ethnischen Säuberungen« im ehemaligen Jugoslawien und ihre Ächtung durch die Völkergemeinschaft ist polemisch – kein historisches, allenfalls ein politisches Argument. Sodann stellt sich eine grundlegende Frage nach der Methodik der Argumentation: Flucht und Vertreibung förderten den Staatsaufbau Israels. Aber ist sie deswegen schon eine systematisch geplante und dann rücksichtslos durchgeführte Politik? Letztlich bleibt Pappe den Beweis hierfür schuldig.
Und was wäre die tatsächliche Alternative zur zionistischen Politik gewesen? Ein binationaler Staat hätte unter den Bedingungen der späten 1940er Jahre kaum eine konsensfähige Staatsform finden können. Er wäre nicht demokratisch geworden – dies war aber Ziel der Politik der sozialdemokratischen und sozialistischen Zionisten. Die Raison d’Être Israels erforderte zudem die Öffnung des Landes für jüdische Flüchtlinge aus aller Welt. Auch eine solche Einwanderungspolitik wäre in einem binationalen Staat nicht möglich gewesen. Der Referenzrahmen für eine historische Darstellung des israelisch-arabischen Krieges muss die Politik der 1940er Jahre sein, nicht die Gegenwart.
Dietmar Herz ist Professor für Vergleichende Regierungslehre an der Universität Erfurt. 2007 veröffentlichte er bei C. H. Beck das Buch »Die Amerikaner im Krieg: Bericht aus dem Irak im vierten Kriegsjahr«
- Datum 10.02.2008 - 04:47 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.02.2008 Nr. 07
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IMHO ein wohltuend informativer Artikel,in all dem Wust von Propaganda aus dieser Zeitepoche (von ALLEN Seiten!!) ist das endlich mal ein Lichtblick.Ich dachte wirklich schon, die tatsächlich geschehene Geschichte wäre endgültig unter dem Müll des Internets verschwunden.Aber es reicht lange noch nicht.Nicht erklärt wird, warum- Israel einen immer noch sehr hohen Prozentsatz an (recht zufriedener, wie man hört) arabischstämmiger Bevölkerung hatte und hat,- und: dass und warum Israel große bereits eroberte Gebiete (Westbanks, Gaza, Sinai) später freiwillig und ohne Not zurückgegeben bzw. geräumt hat. nur am Rande erwähnt: Nicht erklärt wird auch, dass die "Vertreibung" (die es ja nur teilweise wirklich gegeben haben soll) in großem Maßstab auf dem damals noch existierenden osmanischen Bodenrecht basierte (das ungefähr lautet: Besitz gibt es nicht, und wer weg geht, verliert sein Nutzungsrecht).
Der Autor schreibt sebst "die Flucht der palästinensischen Landbevölkerung
war oft eine gezielte Vertreibung". Und im Schlussabsatz macht er klar, dass es zu dieser Politik Israels "keine Alternative" gab.
## Aber ist sie deswegen schon eine systematisch geplante und dann
rücksichtslos durchgeführte Politik? Letztlich bleibt Pappe den Beweis
hierfür schuldig. ##.Als ob nicht die Flüchtlinge an sich Beweis genug wären. Natürlich kann man an den Unsinn glauben, dass alle freiwillig gegangen sind, aber aber das zu glauben, ist nicht nur äußerst naiv und intelligenzbefreit. Menschen gehen erfahrungsgemäß erst dann, wenn sie um Hab und Leben fürchten müssen, wie man bisher immer beobachten kontte. Natürlich kann man auf Annahme empirischer Unsinnigkeit sich vorstellen, dass dies in Israel nicht der Fall war, und die flüchtenden Palästinenser entgegen aller anderen Erfahrungen gegangen sind, weil die bösen Araber dies verlangt hätten. Dafür ernst genommen zu werden, sollte man aber ab einem gewissen Verständnisniveau nicht verlangen. Mal ganz abgesehen, wenn zwar von fehlender "totaler Stichhaltigkeit" gesprochen werden kann, aber die Indizien eine überdeutliche Sprache sprechen.
1948 sind bis zu 700.000 Palästinenser in arabische Nachbarstaaten geflüchtet und vertrieben worden. Ein interessanter Aspekt, der meist nicht beachtet wird, ist die Tatsache, dass in allen möglichen arabischen Ländern vor 1948 zusammengenommen ca. 856.000 orientalische Juden lebten - 1974 waren es insgesamt noch 35.420. Die große Mehrheit wurde aber vertrieben und enteignet. Franz Ansprenger schreibt gar in seinem Buch "Juden und Araber in einem Land"(München, Mainz; 1978), S.91f.: "Allein das zurückgelassene und 1951 ebenfalls von einem "Treuhänder" eingezogene Vermögen der ausgewanderten Juden des Irak wurde auf einen Wert von 156 Millionen Pfd.Stlg. geschätzt. Könnte man auch für die anderen arabischen Länder nachrechnen, so würde sich vielleicht nicht nur eine fast genau ausgeglichene Bilanz der geflüchteten Juden und Araber, sondern auch ihrer verlorenen Besitztümer ergeben." Es ist klar, das dieser Umstand weder das Handeln der einen noch das der Seite anderen nachträglich legitimieren kann; auch wird es natürlich weder einen geflüchteten Palästinenser noch einen geflüchteten Sephardim beruhigen, dass irgendein vertriebender Jude bzw. Palästinenser genauso viel verloren hat wie er selbst... Ich finde allerdings, dass es wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass es in dieser Sache keine einseitige Rollenverteilungen wie "die Opfer" und "die Täter" gibt.
Nun, das "Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor (March 8, 2006). Israel and the occupied territories. Country Reports on Human Rights Practices - 2005. U.S. Department of State" meint, dass Israel "institutional, legal, and societal discrimination against the country’s Arab citizens" begeht. Besonders anti-israelisch sind die USA ja als solches nicht, oder? Die fianzieren den Laden ja.Den Drusen wird ersatzlos Land abgenommen, deren Dörfer bekommen keine Elektrizität, etc.Die Bildungschancen der Abkömmlinge der arabischen Israelis sind wesentlich schlechter, weniger Lehrer, grössere Klassen, etc.Arabische Israelis dürfen ausländische Ehepartner nicht zuziehen lassen - einzigartig in der Welt!Das es kein systematische Vertreibung, kein Ethnic Cleansing gegeben hat, darf glauben wer will. Man hat halt von den seinerzeit noch frischen Nürnberger Prozessen gelernt und nicht alles auf Papier festgehalten. Die Zahl der "exilierten" Personen und die Qualität vieler der "freiwillig" aufgegebenen Wohnstätten, betriebe und bäuerlichen Anwesen geben darüber Aufschluss. Am Ende wird die Wahrheit immer vergessen werden.Immer daran denken: hier in Deutschland sind wir einzelnen nur Christen, weil einer unserer Vorfahren klein beigegeben hat, denn sonst wäre der auch nur so abgeschlachtet wirden wie die anderen - und Du und ich nicht geboren.Arabische Israelis haben Probleme beim Landerwerb, usw, usw.
Natürlich gibt es die Opfer und Täter. Vertriebene sind Opfer und Vertreiber sind Täter. Es gibt sogar qualitative Unterschiede zwischen den Opfern. Diejenigen, die in eine neue Heimat flüchten konnten, und jene, die immer noch Recht- und Heimatlos dahinvegetieren.
In meinem Beitrag (5.) sind mit den Drusen natürlich die Beduinen gemeint. Hier noch ein guter Artikel über die Entwicklung der rechtlichen Situation des Landbesitzes in Israel nach 1948: http://countrystudies.us/israel/23.htm
"Mehr als 700000 Palästinenser verließen diejenigen Gebiete, die im
Verlauf des Krieges unter israelische Herrschaft kamen. Sie kehrten nie
mehr zurück."Warum bloß?"Eine Rückkehr der Flüchtlinge war nie vorgesehen, denn die Errichtung
eines demokratischen jüdischen Staates setzte eine gewisse Homogenität
der Bevölkerung voraus."So kann man es auch ausdrücken. Anderswo nennt man es "Ethnische Säuberung" - der Titel des Buches.Ich las den Artikel in Erwartung einer Rezension mit der gewissen, oft gefragten "Objektivität". Stattdessen rehabilitiert der Autor die zionistische Geschichtschreibung, und nicht so gut wie Ilan Pappé sie entlarvt. Gut geblökt, Schaf .... ähm, Wiesel!
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