Musikfilm Stoned!

Die Rolling Stones sind die Stars dieser Berlinale. Martin Scorcese hat einen Film über sie gedreht. Unsere Autoren erzählen davon, wie es war, als sie die Band getroffen haben


Ein Rat von Richards
Schauplatz war ein Hotel in London, Mitte der neunziger Jahre. Ich traf Keith Richards für ein Interview zum Thema "40 Jahre Rock ’n’ Roll".
Während des Gesprächs warf ich ihm vor, irgendwie sei er schuld daran, dass ich mein Leben lang mit dem Soundtrack von "I’m free, I'll do what I want – all the time" im Kopf herumliefe. Und dass ich nun feststellen müsse, dass diese Songzeile im alltäglichen Leben sichtlich ihren Glanz verliert. Denn wenn man abends in einer Etagenwohnung sitzt, nebenan die kleinen Kinder schlafen, die Ehefrau an die Planung des Wochenendes mit den Schwiegereltern erinnert und man genau weiß, dass man morgens um sieben wieder aufstehen und ins Büro fahren wird – dann ist es nicht mehr weit her mit der Freiheit.
"Wie, bitte schön", fragte ich den musikalischen Kopf der Rolling Stones, "kann man den Rock ’n’ Roll im Alltag leben?"
Keith Richards, der zu diesem Zeitpunkt schon drei Wassergläser Jack Daniel’s intus hatte, musterte mich lange eindringlich von oben bis unten. "Andreas", sagte er schließlich, "if I look at you, I think a little bit of rock ’n’ roll now and then is enough." Der Papst der Rockmusik hatte mir offiziell das Zertifikat ausgestellt, kein Rocker zu sein. Oder zumindest nur ein Teilzeit-Rocker.
Andreas Lebert, Chefredakteur "Brigitte"

Mit Jagger am Buffet
Ort meiner Schmach: die Hospitality-Suite in den Katakomben des Müngersdorfer Stadions zu Köln, die Zeit: 4. Juli 1982, kurz nach 19 Uhr. Es war meine fünfte Station auf dieser Tournee. Erstmals wurden auch in Europa Stadien bespielt, die Manie des Rock ’n’ Roll war dabei, sich in Gigantomanie zu verwandeln.
Mein Interviewtermin mit Bill Wyman war eben geplatzt, weil der Bassist verspätet aus Wien eintreffen würde. Sie sei untröstlich, versicherte mir seine Assistentin, ich möge mich doch am Buffet schadlos halten. Was ich dann auch tat. Gerade hatte ich mir ein Käse-Gurken-Sandwich in den Mund geschoben, als die Tür aufging und Mick Jagger eintrat. "Hi, Im Mick", informierte er mich und bot an, für Bill einzuspringen. Seine Zeit sei knapp bemessen, aber für ein paar Fragen stehe er zu meiner Verfügung.
Gern, wollte ich erwidern und kaute schneller. "Es sei denn", grinste der Sänger süffisant, "du bist mehr an Bills Meinung interessiert." Der Gedanke schien ihn köstlich zu amüsieren. Und bei mir muss die Hirntätigkeit für einen Moment ausgesetzt haben, denn kaum hatte ich endlich geschluckt, hörte ich mich sagen: "Yeah, but thanks anyway." Mick zeigte sich kein bisschen konsterniert, wandte sich zur Tür, entbot noch ein freundliches "Enjoy the show!" und ließ mich stehen wie den letzten Deppen. Was für ein peinliches Eigentor! Mit mir selbst hadernd, nahm ich die Show dann wie durch einen Nebel wahr, das abschließende Feuerwerk wirkte wie Hohn.
Wolfgang Doebeling, Autor der Zeitschrift "Rolling Stone"

18 Monate Knast
Mein vierzehnjähriges Leben dämmerte in einem idyllischen Vorort von Leipzig zwischen Schulweg und Hausaufgaben dahin. Doch im März 1965 geriet meine kleine Welt aus den Fugen, der Himmel öffnete sich, und 40 schwere Güterzüge stürzten auf Taucha. Ich hörte das erste Mal The Last Time von den Rolling Stones im westlichen, damals noch verbotenen Radio.
Wahrscheinlich war das meine zweite Geburt, die Rolling Stones öffneten mir ein Tor zu einer anderen Welt. Mein Denken und Fühlen wurde ein anderes. Freiheit, Rebellion und die bedingungslose Liebe zu dieser "neuen" Musik, die mein Leben bis heute bestimmt.
Allerdings sollte mich dieses Gefühl anderthalb Jahre meines Lebens kosten. 1967 klopften drei Männer von der Staatssicherheit bei uns an die Tür und nahmen mich mit. Mein größter Schatz, 56 Tonbänder mit circa 250 Stunden Beatmusik, wurden konfisziert. Ich wurde zu anderthalb Jahren Einzelhaft in Bautzen verurteilt. Der Grund: die Verbreitung "westlicher Subkultur". Die Staatssicherheit hat mein Leben für 18 Monate angehalten. Die Rolling Stones haben es für immer geprägt.
Gert Hof, Regisseur und Lichtkünstler

Jaggers Nase
Die Rolling Stones hätten mehr Leute gesehen als den Papst, den vorigen, den Heiligen, schreibt Ron Wood in seiner Autobiografie, und wahrscheinlich stimmt das auch. Ich war ja oft genug dabei, in Hamburg, in München, in London fast, in St. Louis, beim letzten Mal in Stuttgart. Immer waren es riesige Stadien, und nur wenn man sich durchkämpfte bis ganz nach vorne, bekam man sie leibhaftig zu sehen. 1978 erlebte ich sie in Los Angeles, nicht weit von Disneyland. Nach sechs Stunden Warten in der Hitze kamen sie, fünf magere Gestalten, Mick Jagger eine davon. Und dann sah ich es selber: wie die Frauen reihenweise vor ihm kollabierten. Manche zuckten noch leicht und wurden dann ohnmächtig und mussten weggebracht werden. Es war religiöse Ekstase. Auch die Männer machten mit, nur anders. Als die Stones Love in Vain spielten, flogen Strandschlappen auf die Bühne, bis Mick Jagger an der Nase getroffen wurde. Er war wütend, beherrschte sich aber: »Okay, dann aber alle her damit!« Sie warfen alles nach oben, Hunderte, Tausende Schuhe, die Roadies räumten alles weg, die Rolling Stones spielten weiter Love in Vain, und die Katastrophe wurde haarscharf vermieden.
Willi Winkler, Autor der "Süddeutschen Zeitung" (Von Willi Winkler ist erschienen: "Mick Jagger und die Rolling Stones", Reinbek 2002)

Die Botschaft rockt
Die besseren Lieder der Stones, egal von wann, haben die Kraft – und werden sie immer haben –, uns in pawlowsche Hündchen zu verwandeln, sobald sie gespielt werden. Das gilt jedenfalls für Leute, die vor 1960 geboren wurden. Gemeint ist beispielsweise der Reflex, bei Satisfaction wie am Fädchen gezogen auf die Tanzfläche zu eilen ("Gehen Sie nicht übers Bewusstsein, gehen Sie direkt dorthin!"). Satisfaction spült in einer Zehntelsekunde Dinge herauf, die etwas mit Körperflüssigkeiten, berauschenden Substanzen und anderen Übertreibungen zu tun haben, kurz: sehr persönlich und im Gedächtnis ganz tief abgelegt sind. Andere müssen bei Wild Horses weinen, das ist noch peinlicher. Vor einigen Jahren war ich mal auf einer Party, deren Gäste fast alle sehr bedeutende Zeitgenossen waren. Aber weil man auch entre nous war, spielte der Gastgeber Stones-Lieder. Ich Feigling gebe zu, dass ich meinen Satisfaction- Reflex unter Kontrolle brachte. Aber ich sah den damaligen US-Botschafter John Kornblum und seine Frau Helen, wie sie dem Ruf ihres Hypothalamus folgten. Sie rockten. Und wie! Nicht dünn, aber wild. Und sehr ineinander verliebt. Die Körper hatten sich verändert, die Bewegungen waren original. Alles Schöne, das die beiden miteinander erlebt hatten, vielleicht College, Harvard oder Stanford, seine erste Zeit in Washington, war plötzlich wieder da. Mit Satisfactio n kann man dergleichen feiern, ohne kompliziert drüber reden zu müssen. Dafür brauchen wir das bisschen Rock ’n’ Roll, das wir aushalten können und für das unser Mut reicht. Später tanzten wir dann auch noch.
Thomas E. Schmidt, ZEIT-Kulturkorrespondent

Unter meinem Schutz
Stones-Einsatz, 15. September 1965. 19.55 Uhr, diesen Zeitpunkt werde ich nie vergessen. Da begann die Randale beim Rolling-Stones-Konzert in der Berliner Waldbühne. Ich war damals 28 Jahre alt und Hauptwachtmeister. Unser Einsatzkommando bildete die letzte Sperre zur Bühne. Unsere Aufgabe war, die Massen von Fans, die keine Karte hatten, davon abzuhalten, die Waldbühne zu stürmen. Mal ist das gelungen, mal nicht.
Die Tumulte dauerten ungefähr bis Mitternacht, die Situation war ziemlich unübersichtlich. Einige meiner Kollegen wurden an dem Abend verletzt, mir selbst ist zum Glück nichts passiert. Die Waldbühne wurde während des Konzerts total zerstört.
Das hatte es bis dahin nur 1958 bei Bill Haley gegeben, als der Berliner Sportpalast zertrümmert wurde.
Helmut Pech, 70, pensionierter Polizeibeamter

Anmerkung der Redaktion: Nachdem Konzertbesucher die Bühne gestürmt hatten, brachen die Stones ihren Auftritt nach nur 25 Minuten ab. Während sich in der Waldbühne die Wut der Fans entlud, versuchten Fans von außen, auf das Gelände zu gelangen. 85 Personen wurden festgenommen, Dutzende verletzt. Die Waldbühne wurde zerstört. 15 Jahre lang fand dort kein Rockkonzert mehr statt.

 
Leser-Kommentare
  1. Die "Rolling Stones" sind nicht einfach nur eine Band "von früher" - sie sind KULT.
    Gelebter Rock'n Roll schlechthin mit allem, was das Spießerherz verabscheut: Sex mit ständig wechselnden Partnern, gern und reichlich Drogen, wilde Parties, durchfeierte Nächte, vergammelte Tage und immer wieder laute Musik. Damals holte man sich höchstens einen "Tripper" - von Aids war noch keine Rede. "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment"...so lautete der Schlachtruf einer ganzen Generation.
    Protestiert wurde unter anderem gegen die Verleugnung der eigenen Lust - der Lust auf das gewisse "mehr" im Leben. Mehr als brav zur Arbeit zu gehen, eine Ehefrau und Kinder zu haben. Mehr als das Eigenheim, das abbezahlt werden musste. Sollte DAS etwa alles gewesen sein?
    Wo ist da der Kick, das Abenteuer, das sich lebendig FÜHLEN?
    Jahrzehnte später umgibt die Band immer noch diese Aura der unangepassten "independents".
    Kunststück - mit einigen Milliönchen im Rücken kann man sehr gut "born to be wild" leben. Trotz Ehefrau, Kindern, Verpflichtungen den Rocker 'raushängen lassen und sich gut dabei fühlen.
    Wer will schon daran glauben, dass sich hinter dieser Band "normale" Männer verbergen mit Alltagsgesichtern, Macken und Marotten. Kaum vorstellbar, dass sie ihren Frauen genauso auf den Geist gehen könnten wie der Durchschnittsgatte hierzulande.
    Rock'n Roll steht für lebendig sein, Veränderungen zuzulassen, das Lebensgefühl einer ganzen Generation, die sich mühsam vom alten Muff befreite.
    Das Gefühl für Rockmusik enstand bei mir bei "sympathie for the devil" - gehört im Kassettenrekorder auf der Rückfahrt vom Benny Goodman Konzert in einem Reisbus spät abends Anno 1970.
    Seitdem war es um mich geschehen.
    Danke, Mick, Keith, Bill und Ron.
     
     
     
     
     
     
     
     

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