Parteien Bauer sucht Frau

Die Sozialdemokraten versuchen, die Liberalen zu mögen – und entdecken dabei überraschende Gemeinsamkeiten

Koalitionen, heißt es in Berlin, entstehen ungefähr so wie früher Bauernehen: Nicht die Liebe entscheidet – es wird so geheiratet, dass die Höfe der Familien sich gut zusammenlegen lassen. Aber auch Bauernhochzeiten gelingen leichter, wenn Braut und Bräutigam sich nicht schon am Altar angewidert abwenden. Manchmal muss man sich dafür die Wirklichkeit schönreden. Seit der Wahl in Hessen bemühen sich daher führende Sozialdemokraten um einen neuen Blick auf die FDP.

Einfach ist das nicht, wenn gerade ein Lagerwahlkampf zu Ende gegangen ist. Und es ist schwer, weil der gemeine Sozialdemokrat beim Anblick des liberalen Spitzenpersonals die Nase rümpft und nur 7,7 Prozent der SPD-Wähler Bündnisse mit der FDP wünschen. Parteichef Kurt Beck hat es da am einfachsten, er preist seine Erfahrung als Chef eines sozialliberalen Bündnisses in Rheinland-Pfalz. Franz Müntefering nannte die FDP seine »Zweitpartei«: Wäre er als junger Mann nicht in die SPD eingetreten, hätte er sich den Liberalen zugewandt. Fachpolitiker betonen Gemeinsamkeiten in der Integrations- oder Bildungspolitik. Einige von ihnen erörtern das auch bei gelegentlichen Abendessen im Berliner Restaurant Maxwell. Am interessantesten ist aber, wie ausgerechnet einige Linke und Sozialpolitiker neuerdings eine programmatische Schnittmenge mit den bürgerlichen Parteien entdecken und pflegen. Nun lieben die Linken bekanntlich das Spiel mit Begriffen. Und haben jetzt einen entdeckt, den sie hoffen, der FDP klauen zu können, ohne sich selbst zu verraten: Leistung. »Wir dürfen den Leistungsbegriff nicht den Geldfuzzis überlassen«, rief die stellvertretende SPD-Vorsitzende Andrea Nahles kürzlich bei einer Berliner Gewerkschaftsveranstaltung unter viel Beifall in den Saal. Der Abgeordnete Karl Lauterbach würde seiner Partei am liebsten das Motto »Leistung statt Herkunft« als Leitidee verordnen – und daraus SPD-Positionen für Mindestlöhne, höhere Erbschaftsteuern, Studiengebühren, Gesamtschulen und die Abschaffung der privaten Krankenversicherung ableiten. Auch Arbeitsminister Olaf Scholz bemüht ganz bewusst das Leistungsprinzip, wo er kann – etwa als Begründung für staatliche Mindestlöhne. Alle drei wenden sich strikt gegen Ideen eines allgemeinen Grundeinkommens, weil es leistungsfeindlich sei.

Wer das Wort »Leistung« höre, denke an selbsternannte »Leistungsträger« oder an »Leistungsempfänger«, sagt Nahles, dabei sei es ein alter Wert der Arbeiterpartei. In einer SPD- Umfrage bei Mitgliedern hielt knapp die Hälfte der Befragten den Wert »Leistung« für »sehr wichtig«, darunter vor allem Rentner und Arbeiter. Nahles, Lauterbach und Scholz wollen die Leistungsidee nicht nur mit Blick auf Koalitionen zurückerobern – aber auch. Sieh zu, dass du bekommst, was du liebst, sonst musst du lieben, was du bekommst, schrieb George Bernard Shaw. Die SPD übt noch zu mögen, was sie 2009 bekommen könnte – die FDP.

 
Leser-Kommentare
  1. Herzlichen Dank für den Bericht über die Wiederentdeckung des Leistungsprinzips in der SPD! Diese Tendenz, sollte sie sich als nachhaltig erweisen, stimmt hoffnungsfroh: Abgesehen davon, dass es sich grundsätzlich um ein sinnvolles Vorgehen handelt, Leistung statt Nicht-Leistung zu unterstützen, könnte sich auf dieser Gedankenlinie gerade auch die SPD-Linke wohltuend von der Linkspartei abheben, gegen deren Rhetorik uferloser Transferströme von den Leistungserbringern zu den Leistungsempfängern die Sozialdemokratie in den letzten ein, zwei Jahren wenig Argumentatives vorgebracht hat. Dass solche Gedankengänge auch eine gewisse Anschlussfähigkeit zur FDP herstellen könnten, wäre ein angenehmer Nebeneffekt. Schließlich, den zuständigen sozialdemokratischen spin-doctors ins Stammbuch geschrieben: Ein erneuerter Leistungsdiskurs muss sich der Globalisierung stellen und darf der Frage nicht ausweichen, was ein deutscher Arbeitnehmer im Vergleich zu einem rumänischen (Nokia), indischen (Tata) oder chinesischen (alles übrige) Arbeiter leistet und was dies für die globale Lohnfindung bedeutet. 

    • hamkon
    • 08.02.2008 um 10:34 Uhr

    war, ist und wird wohl auch immer das Wichtigste im Leben von Pseudoelitemitgliedern sein.Gestern war es der sich herrschaftliche Überwertigkeit anmaßende Erbadel, dann folgten die herrenmenschlichen Gehirnkastraten, die unsere Ständisch-korporierten Elitaristen des Großbürgertums als vermeintlich zu kontrollierende Statthalter in die Reichkanzlei geschickt haben, und heute sehen wir uns einer Horde sich selbst feiernder und inszenierender Manager, Banker, Controller und Berater gegenüber, die alle über eine Fähigkeit verfügen: Sie wissen, wie man ohne wertschöpfende Tätigkeit zu Besitz und Macht kommt. In der kommunistischen Diktatur wurde diese Spezies "Funktionär" genannt.Da es, folgt man den politischen Konzepten von CDU/CSU, FDP und großen Teilen von SPD sowie denen von Bündnis 90/Die Grünen, in unserer Wirtschaft bald kaum mehr eine nennenswerte Produktivwirtschaft geben wird, die Werte schöpft, treibt unser Gesellschaftsschiff auf die Klippen der wechselseitigen Beraubung von vorhandenem Wohlstand.  Das Mittel dazu sind Börsenspekulation, Bildungs- und Erziehungsmittelabbau und Hartz-VI.Alles gerichtet auf die Mehrung des Wohlstandes einer sich als Finanzfeudalisten gebährdenden Pseudoelite, die geistig nicht mehr im Stande ist zu begreifen, dass Essen von Arbeit kommt. Und arbeiten ist dieser Pseudoelite ebenso verhasst, wie es der kommunistischen und der vorhergehenden faschistischen Pseudoelite verhasst war.Das Schisma unserer Gesellschaft ist die Spaltung in Herrschaften und Domestiken. Der Stammvater dieses Schismas heisst Dr. H. Kohl und dessen Vasallen sind uns allen hinlänglich bekannt.

  2. Die Metapher "Bauer sucht Frau" für das neue Buhlen der SPD um die FDP ist köstlich. Zu Zeiten Willy Brandts und Helmut Schmidts war die SPD noch eine mehrheitlich moderne Partei und auch die Bilanz von Schröder wäre positiv ausgefallen, hätte er mit der FDP koalieren können. Leider verhindert eine starke Strömung von Ideologen und Neidern ("Geldfuzzies") innerhalb der SPD (bei den GRÜNEN und den LINKEN sowieso) die Erkenntnis, daß der Leistungswille und die Kreativität von freien Bürgern die wesentliche Grundlage eines wirklich sozialen und gerechten Staatswesens sind. Die "Bauern"-Partei muß ideologisch gewaltig abspecken, wenn sie für die anspruchsvolle Bürgersfrau wieder sexy sein will.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service