Stammzellforschung Es geht auch mit VernunftSeite 3/3
Dem Neuen wird immer mit Misstrauen begegnet. Dieses Misstrauen schützt uns vor allzu eiligen Entscheidungen. Der Stammzellforschung aber schlägt in Deutschland große Ablehnung entgegen. Man unterstellt ihr eine unersättliche Gier nach moralischen Grenzüberschreitungen. Warum eigentlich? Ihr Leumund könnte kaum besser sein. Sie hat das Embryonenschutzgesetz nachdrücklich unterstützt, wenn nicht gar mitgestaltet. Von Gesetzesbrüchen ist mir nichts bekannt. Dass das Klonen von Menschen dereinst einmal geschieht, kann ich nicht ausschließen. Es hat aber nichts mit den Technologien zu tun, die hier zur Debatte stehen.
Hinter dem Stammzellgesetz, das nunmehr angepasst werden soll, steht eine Ethik der Abwägung, zwischen dem Recht auf Leben und der Menschenwürde, die angesichts des hohen Wertes dieser beiden Rechtsgüter kaum den Vorwurf der moralischen Verwerflichkeit verdient. Verhältnismäßigkeit ist daher das Gebot der Stunde. Die vergleichsweise rationale Diskussion in anderen europäischen Ländern, in denen die gesetzliche Ausgangslage durchaus vergleichbar ist, zeigt, dass es auch anders geht.
Ich rufe daher zu einem Diskurs auf, der sich am Gegenstand orientiert, der den komplexen Gegebenheiten der Zellbiologie Rechnung trägt. Ich gebe zu, die moderne, durch Wissen und Wissenschaft gestaltete Gesellschaft stellt an alle Beteiligten größte Anforderungen. Wir haben aber keine Alternative, als zu versuchen, diesen Anforderungen gerecht zu werden.
- Datum 01.10.2009 - 16:41 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.02.2008 Nr. 07
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Ein toller Artikel. Ein Schlüsselsatz steht im drittletzten Absatz: "Dem Neuen wird immer mit Misstrauen begegnet". Im Gegensatz zu einer neuen Pizza im Tiefkuehlregal oder einer neuenSorte grünem Tees im Teeladen, kann man das Misstrauen gegenüber der Stammzellforschung,und generell gegenüber der modernen Biologie, nicht einfach so durch probieren abbauen. Man muss sich mit der komplexen Thematik auseinandersetzen und sich unvoreingenommen informieren, sich also eine Meinung bilden. Da wird leider häufig der bequeme Weg gewählt, und sich denen angeschlossen, die dieser unterbewussten Angst vor dem Neuen durch komplette Ablehnung eines ganzen Forschungsgebietes Ausdruck verleihen - vielfach durch "ethische" Scheinargumente.Bescheidenheit täte manchen Teilnehmern der Debatte manchmal gut: Man muss nicht zu allem gleich eine dezidierte Meinung haben, vor allem, wenn man sich mit der Thematik noch nicht ausreichend auseinandergesetzt hat. http://sosciency.wordpres...
"Es geht nicht um die Herstellung oder Verwendung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken....Embryonale Stammzellen sind keine Embryonen. Niemals stand zur Debatte,
die Forschungsfreiheit könne plötzlich vorrangig vor dem Schutz der
Menschenwürde rangieren."Stammzellen sind keine Embryonen. Verstehe ich. Müssen Embryonen zerstört werden, um Stammzellen zu gewinnen? Ich denke ja, oder? Wie kann es da nicht um den Schutz der Menschenwürde gehen? Für mich ist das, was nach dem Aufeinandertreffen eines Spermiums mit der weiblichen Eizelle entsteht, ganz klar ein neuer Mensch. Und zwar genau ab diesem Zeitpunkt und nicht später. Die Natur stellt diesem neuen Menschen viele Hindernisse in den Weg, am Anfang seines Lebenswegs, direkt nach der Befruchtung, wie auch später im Leben durch Krankheiten etc. Das heisst nicht, dass der Mensch an diesem neuen Leben herumexperimentieren darf, nach dem Motto "der hat eh nur eine kleine Chance..."
Wenn der Autor meint, hinter dem Stammzellgesetz, das nunmehr angepasst werden soll, steht eine Ethik der Abwägung, zwischen dem Recht auf Leben und der Menschenwürde, die angesichts des hohen Wertes dieser beiden Rechtsgüter kaum den Vorwurf der moralischen Verwerflichkeit verdient, ist das eine unklare Aussage. Was verdient den Vorwurf der moralischen Verwerflichkeit nicht, die Ethik, die Abwägung oder die Menschenwürde?
Aus meiner Sicht verdient die Abwägung diesen Vorwurf schon, weil zwischen dem Leben eines Embryos (=Mensch) und dem Leben anderer Menschen abzuwägen wäre. Embronale Opfergaben zur Beschwörung eines mit dem Begriff Forschung überdeckten Geist der Respektlosigkeit vor dem Leben der schlichtweg physiologisch wehrlosesten Beteiligten im Verfahren kann man auch mit dem Schlagwort Ethik nicht rechtfertigen. Dabei zieht das Argument nicht, die betroffenen Embryonen seien doch als IVF-Verfahrensüberschuss ohnehin nicht zum Weiterleben vorgesehen. Denn auch diese Entscheidung ist eine anthropogen hausgemachte, die es nicht, zusätzlich zum Embryonen-Überschuß als solchem zusätzlich politisch zu manifestieren gilt. Es ist schon verwerflich genug, daß sich die EKD in personam Wolfgang Huber (von mir an anderer Stelle kritisiert) besagten Überschuß aus der IVF unkritisiert beläßt und ihn sich darüber hinaus argumentativ zunutze macht.
Menschenwürde entsteht nicht im Reagenzglas, sondern entwickelt sich im Mutterleib. Ohne Mutter kein Mensch (im nichtbiologischen Sinne). Das gehört zu den Urerfahrungen der Menschheit, darauf gründen alle Moralvorstellungen. Kein Mensch, der seine Sinne beisammen hat, wird, wenn er ehrlich ist, sein Leben oder das einer anderen Person mit dem Leben einer im Labor erzeugten menschlichen Blastozyste gleichstellen wollen. Demzufolge liegen auch keine winzigen Menschlein im Kältetiefschlaf, sondern menschliche Embryonen, mit denen selbstverständlich respektvoll umgegangen werden muss, wenn damit gearbeitet wird.
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