Berlinale "Nur vor der Kamera bin ich ganz allein"Seite 4/4
In manchen Momenten scheint es, als seien Glorias vor Nervosität bebende Nasenflügel, ihre Mischung aus Unsicherheit und Coolness auf Julia übergegangen. Wenn Gena Rowlands’ Gloria dabei scheitert, ihrem Schützling etwas zu essen zuzubereiten, schmeißt sie die Pfanne mitsamt dem angebrannten Rührei in den Müll. Wenn Julia in Erick Zoncas Film nach zwei Tagen klar wird, dass das entführte Kind essen muss, kauft sie fünf Hamburger und ein paar Bier. Beide Frauen sind Beschützerinnen wider Willen. Und beide kämpfen wie Furien um "ihren" Jungen.
Als Tilda Swinton von Gena Rowlands spricht, sind ihre Worte im Wind kaum zu verstehen. Das lässt sie noch ehrfürchtiger klingen. "Ich habe sie nie getroffen, und ich wüsste vor lauter Bewunderung auch nicht, was ich ihr sagen sollte. Natürlich wünsche ich mir insgeheim, dass sie den Film sieht. Nur habe ich auch Angst davor."
Inzwischen sind wir die 2nd Street hinauf- und zur Hälfte wieder zurückmarschiert. Plötzlich bleibt Swinton stehen: "Ich weiß, dass das alle Schauspieler sagen. Aber ich bin sehr, sehr stolz auf diesen Film."
Später, als wir wieder in die Lobby kommen, wartet ein schöner junger Mann mit dunklen Haaren auf Tilda Swinton. Sie stellt ihn vor als Sandro, "meinen Gefängniswärter". Sandro will sie aufs Zimmer holen, denn sie soll für amerikanische Fernsehinterviews geschminkt werden. In den nächsten Tagen läuft in New York Michael Clayton an. Aber Swinton steuert wieder zum indonesischen Gewaltsofa. Will sie wirklich noch etwas trinken? Oder ist ihr einfach nur die Schminkerei lästig, "die doch nicht länger als zehn Minuten dauern muss"?
Beim Tee entspinnt sich eine kleine Diskussion. Was ist subversiver: mit Derek Jarman in den achtziger Jahren Filme gegen die Thatcher-Politik zu drehen? Oder in einem Mainstream-Film wie Michael Clayton eine Konzernsprecherin mit Angstschweißflecken auf der Seidenbluse zu spielen? Und damit eine unsterile, unperfekte Körperlichkeit auf die Leinwand zu schleusen, die für Hollywood-Schauspielerinnen undenkbar ist? Tilda Swinton findet die Frage falsch gestellt. Mehr noch, sie wittert Marginalisierung. "Die Jarman-Filme waren für uns ebenfalls Mainstream! Es ist so grob und falsch, dass manche uns heute als marginal bezeichnen. The Last of England war wochenlang ausverkauft, im Prince-Charles-Kino, am Leicester Square!" Jetzt wird ihr Upperclass-Englisch fast ein wenig vehement: "Und die Annahme, dass ein Film weniger wertvoll sein soll, nur weil er von weniger Leuten gesehen wird, schien mir schon immer absurd."
Dann setzt sie zu einer kleinen Rede an. Es ist ein leidenschaftlicher Monolog, ein Plädoyer und auch eine Art Bekenntnis. Tilda Swinton spricht von der Freude, die es bedeutet habe, mit Derek Jarman zu arbeiten. Von der ewigen Suche nach einer neuen künstlerischen Heimat. Von einer Haltung der Widerständigkeit. Von ihrer Überzeugung, dass ein Künstler die Welt umrühren, aufrütteln, hinterfragen müsse. Und von der Suche nach anderen Schauspielern, Regisseuren, die diese Haltung teilen. "Genau das", sagt sie, "war ein wichtiger Impetus für den Film über Derek Jarman. Es geht ja nicht nur um ihn. Es geht um uns alle. Manchmal scheint es mir, als gebe es irgendwo unter dem Teppich eine geheime Tür. Und als sei alles, wofür wir einmal standen und kämpften, in diesen Türspalt gekehrt worden. Dann wurde der Teppich drübergerollt." Sie steht auf. "Ich denke, wir sollten ihn wieder ein Stück aufrollen."
Tilda Swinton muss nun wirklich gehen. Die Maskenbildnerin, ein Fotograf der Stadtzeitung Time Out und die Fernsehkameras warten. New York will Tilda Swinton umarmen. Am Aufzug dreht sie sich noch einmal um und winkt. Jetzt ist sie wieder die Elfenkönigin. Mit einer kämpferischen Mission. Man sollte sich ein paar Flügelchen ankleben und mit ihr losfliegen.
- Datum 14.02.2008 - 02:54 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 07.02.2008 Nr. 07
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besonders lesenswert. Hoffentlich bleibt er eine Weile als Zierde hier stehen. Das Interview, besser, das Gespräch im alten ZEIT-Stil, ist inhaltlich und sprachlich ein Genuss.
Liebe Grüße und Dank
Christoph Leusch
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