TschadSarkozys liebster DiktatorHinter den Kulissenverfolgt Libyens Staatschef Muammar al-Gadhafi seine eigenen Ziele. Er mischt in Darfur ebenso mit wie im Tschad – zum Schaden der Einheimischen

Rebellen drohen, die Regierung im Tschad zu stürzen. Dabei geraten auch Frankreich und Soldaten der EU in Bedrängnis von 

Ein Häuflein österreichischer Soldaten, die ratlos im Bunker des Hotels Kempinski in N’Dschamena sitzen, während im Zentrum der tschadischen Hauptstadt Kämpfe toben – ist das eine symbolische Szene für eine Mission, die gescheitert ist, ehe sie richtig begonnen hat? Die 15 Männer des Bundesheeres gehören zu einem Vorkommando der European Union Force (EUFor), die mit einem Mandat der Vereinten Nationen im Tschad Hunderttausende von Binnenvertriebenen und Flüchtlingen aus dem Sudan schützen soll. Die Männer kamen just in ihrem Einsatzland an, als 2000 Rebellen über N’Dschamena herfielen, um die korrupte Regierung zu stürzen.

Die unmittelbare Folge: Leichen in den Straßen der Hauptstadt und ein Flüchtlingsstrom. Mindestens 20000 Menschen sollen bislang über die Grenze nach Kamerun geflohen sein.

Kongo, Sudan, Simbabwe, Somalia, jüngst Kenia und jetzt auch noch Tschad – die Außenwelt kann in diesen Tagen den afrikanischen Tragödien kaum mehr folgen. Und weil niemand vorhersagen kann, wie der Machtkampf in N’Dschamena ausgeht, wird in Brüssel bereits die Forderung laut, die ohnehin höchst umstrittene Militärmission abzubrechen. Sie hat nämlich einen schwerwiegenden Geburtsfehler: Das mit Abstand größte Kontingent der 3700 Mann starken EU-Truppe stellt Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht. Der Tschad ist 48 Jahre nach der Unabhängigkeit der wichtigste Militärstützpunkt Frankreichs in Afrika, und Frankreich behandelt das Land mit seinen Öl- und Uranvorkommen wie ein postkoloniales Lehen. Schon einmal, im April 2006, hat Paris den treuen Diktator Idriss Déby vor einem Sturz bewahrt. Nun, da sein Amtssitz, das protzige Rosa Palais, unter Beschuss steht, telefoniert Déby jeden Tag mit seinem höchsten Schutzpatron, dem Präsidenten Nicolas Sarkozy. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Franzosen von den Aufständischen nicht als Teil einer neutralen Interventionsmacht wahrgenommen werden, sondern als Brandstifter, die sich plötzlich wie Feuerwehrmänner gebärden.

Aber es geht hier nicht nur um eine interne Auseinandersetzung mit Beteiligung der ehemaligen Kolonialmacht. Schon seit Jahren verzahnen und verstärken sich wechselseitig die Konflikte im Tschad und im Nachbarland Sudan. Das Islamistenregime in Khartoum führt einen Vernichtungskrieg in der Provinz Darfur und alimentiert die Putschisten im Tschad. Denn dort können umgekehrt die sudanesischen Rebellen mit klammheimlichem Beistand von der Regierung in N’Dschamena operieren. Diese unerklärte Allianz gegen den Erzfeind am Nil ist auch auf ethnische Loyalität gegründet – zahlreiche Aufständische in Darfur gehören wie Staatschef Déby zur Volksgruppe der Zaghawa. Hinzu kommt, dass hinter den Kulissen Libyens Staatschef Muammar al-Gadhafi seine machtpolitischen Rochaden ausführt – er mischt in Darfur mit und steht im Zweifel hinter Déby. Die Leidtragenden sind die Menschen zwischen den Fronten, Hunderttausende von Flüchtlingen, die auf beiden Seiten der Grenze dahinvegetieren. Die EU-Truppe soll ihre trostlosen Lager im Osten des Tschads sichern und gewährleisten, dass sie die internationale Nothilfe erreicht. Zugleich hofft man, durch dieses halbherzige Engagement einen Flächenbrand in der Region zu verhindern.

Doch die jüngsten Ereignisse stürzen Brüssel in ein klassisches Dilemma. Was tun, wenn es in N’Dschamena tatsächlich zum Umsturz käme? Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ein neues, pro-sudanesisches Regime die Intervention unter dem Kommando der Franzosen akzeptieren würde. Und: Bleibt die alte Schutzmacht tatsächlich neutral, oder wird sie den drohenden Machtwechsel am Ende doch verhindern? »Wenn Frankreich seine Pflicht tun muss, wird es sie tun«, verkündete Präsident Sarkozy, was heißen soll: Ein Regimewechsel im Tschad wird notfalls mit militärischer Gewalt unterbunden. Die Rebellen zogen sich am Dienstag zunächst aus N’Dschamena zurück.

In Brüssel sind die Fürsprecher der EUFor-Truppe derweil noch in der Mehrzahl, obwohl keiner so recht weiß, wie es weitergehen soll. Gewiss ist nur, dass die Glaubwürdigkeit der Europäer auf dem Spiel steht. Erst neulich, beim EU-Afrika-Gipfel in Lissabon, haben sie gelobt, den Aufbau einer neuen Sicherheitsarchitektur zu unterstützen. Wenn sie jetzt ihre Mission im Tschad zurückriefen, würde vom Restvertrauen, das sie auf ihrem Nachbarkontinent genießen, nicht mehr viel übrig bleiben. Der Preis dafür ist, dass die EU vermutlich mit einem Schurken wie Déby kooperieren muss – wenn er nicht doch noch aus seinem Rosa Palais gejagt wird.

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    • Schlagworte Nicolas Sarkozy | Europäische Union | Tschad | Allianz | Bundesheer | Flüchtling
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