Als Önder Öztürk unter dem Portal des Bundespresseamtes steht und der Sprechanlage seinen Namen anvertraut, da ahnt er schon, dass er der Richtige ist für diesen Job. Auf der Berliner Fachschule Protector hat der 28-jährige Türke als Klassenbester abgeschnitten, und er bringt etwas mit, was die Deutschen »Fremdsprachenkenntnisse« nennen. Englisch ist nutzlos, Französisch auch, Spanisch, Latein, Italienisch – völlig uninteressant. Der Mann, der ihn einstellen will, sagte zu Öztürk am Telefon: »Türkisch, Mensch, das passt ja wie die Faust aufs Auge.« Detektiv in einem Kaufhaus wäre Öztürk gerne geworden, er sagt: »Die Blicke, der Gang, ich kann Menschen gut einschätzen.« Warum also nicht eine Schule bewachen?

Önder Öztürk hat gehört, dass das Bezirksamt in Berlin-Neukölln Wachschützer vor 13 Schulen postieren will, das hat es in Deutschland noch nie gegeben. Die Schulen, heißt es, wüssten sich nicht mehr zu helfen. 56 Gewalttaten in zwei Jahren, allein an den Schulen in Berlin-Neukölln. Messerstechereien, Schlägereien, Raub. 56 Gewalttaten, nur durch schulfremde Jugendliche von draußen.

»Willst du dich verprügeln lassen?«, haben Freunde gefragt, aber Öztürk hat davon nichts wissen wollen, er braucht einen verlässlichen Job. In einem Fotostudio in Kulmbach am Weißen Main posierte er mit nacktem Oberkörper unter künstlichen Palmen, aber das gefiel ihm nicht. In einem Internetcafé in Berlin-Kreuzberg nahm er Sportwetten an, aber der Laden überlebte nicht. Alles in seinem Leben ist brüchig und vorübergehend gewesen, und das kann sich gleich ändern. Öztürk ist ein paar Minuten zu früh erschienen und setzt sich in den Warteraum.

»Nur ein ruhiger Tag ist ein guter Tag«, sagt der Chef des Wachschutzes

Was mag das für ein Mann sein, dieser Herr Hübner, der in der Wachschutzfirma Germania die Geschäfte führt? Ein einflussreicher Mann muss das sein. Seine Leute beschützen ja auch diese wuchtige Behörde hier, das Haus mit den Presseleuten der Bundeskanzlerin. Hübners Wächter sichern Gebäude der Bundespolizei und Arbeitsagenturen, lauter deutsche Hoheitsgebiete.

Öztürk weiß nicht, dass Hübner früher selber Wächter war und vor der deutschen Botschaft in Kongo stand, ganz früher, als Kongo noch Zaire hieß. Eine deutsche Schule sollte ihn nicht vor unlösbare Probleme stellen, sagte sich Hübner, als er noch überlegte, ob er so einen Auftrag wirklich annehmen sollte. Er hat sich von den Lehrern überall herumführen lassen, bis zu den Toiletten. Vielen klugen Leuten stand er gegenüber, Studienräten, Oberstudienräten, Schuldirektoren, und Hübner hat sich eingeschärft, dass er sich politisch korrekt verhalten müsse. Auch wenn das hier nur das Umkleidezimmer der Security-Leute im Bundespresseamt ist, wo er sich gleich mit Bewerbern trifft: Bloß kein unüberlegtes Wort, zu niemandem.

»Wir bieten eine komplett neue Dienstleistung an«, sagt Hübner.