Jugendkriminalität"Ich mach dich fertig, ganz normal"

Lehrer ringen um Respekt. Ausländische Kinder lassen ihrer Wut auf Deutsche freien Lauf. In Berlin-Neukölln schützen Wachmänner Schulen vor der Gewalt von außen. Ein Frontbericht vom Pausenhof von 

Als Önder Öztürk unter dem Portal des Bundespresseamtes steht und der Sprechanlage seinen Namen anvertraut, da ahnt er schon, dass er der Richtige ist für diesen Job. Auf der Berliner Fachschule Protector hat der 28-jährige Türke als Klassenbester abgeschnitten, und er bringt etwas mit, was die Deutschen »Fremdsprachenkenntnisse« nennen. Englisch ist nutzlos, Französisch auch, Spanisch, Latein, Italienisch – völlig uninteressant. Der Mann, der ihn einstellen will, sagte zu Öztürk am Telefon: »Türkisch, Mensch, das passt ja wie die Faust aufs Auge.« Detektiv in einem Kaufhaus wäre Öztürk gerne geworden, er sagt: »Die Blicke, der Gang, ich kann Menschen gut einschätzen.« Warum also nicht eine Schule bewachen?

Önder Öztürk hat gehört, dass das Bezirksamt in Berlin-Neukölln Wachschützer vor 13 Schulen postieren will, das hat es in Deutschland noch nie gegeben. Die Schulen, heißt es, wüssten sich nicht mehr zu helfen. 56 Gewalttaten in zwei Jahren, allein an den Schulen in Berlin-Neukölln. Messerstechereien, Schlägereien, Raub. 56 Gewalttaten, nur durch schulfremde Jugendliche von draußen.

»Willst du dich verprügeln lassen?«, haben Freunde gefragt, aber Öztürk hat davon nichts wissen wollen, er braucht einen verlässlichen Job. In einem Fotostudio in Kulmbach am Weißen Main posierte er mit nacktem Oberkörper unter künstlichen Palmen, aber das gefiel ihm nicht. In einem Internetcafé in Berlin-Kreuzberg nahm er Sportwetten an, aber der Laden überlebte nicht. Alles in seinem Leben ist brüchig und vorübergehend gewesen, und das kann sich gleich ändern. Öztürk ist ein paar Minuten zu früh erschienen und setzt sich in den Warteraum.

Was mag das für ein Mann sein, dieser Herr Hübner, der in der Wachschutzfirma Germania die Geschäfte führt? Ein einflussreicher Mann muss das sein. Seine Leute beschützen ja auch diese wuchtige Behörde hier, das Haus mit den Presseleuten der Bundeskanzlerin. Hübners Wächter sichern Gebäude der Bundespolizei und Arbeitsagenturen, lauter deutsche Hoheitsgebiete.

Öztürk weiß nicht, dass Hübner früher selber Wächter war und vor der deutschen Botschaft in Kongo stand, ganz früher, als Kongo noch Zaire hieß. Eine deutsche Schule sollte ihn nicht vor unlösbare Probleme stellen, sagte sich Hübner, als er noch überlegte, ob er so einen Auftrag wirklich annehmen sollte. Er hat sich von den Lehrern überall herumführen lassen, bis zu den Toiletten. Vielen klugen Leuten stand er gegenüber, Studienräten, Oberstudienräten, Schuldirektoren, und Hübner hat sich eingeschärft, dass er sich politisch korrekt verhalten müsse. Auch wenn das hier nur das Umkleidezimmer der Security-Leute im Bundespresseamt ist, wo er sich gleich mit Bewerbern trifft: Bloß kein unüberlegtes Wort, zu niemandem.

»Wir bieten eine komplett neue Dienstleistung an«, sagt Hübner.

»Ich arbeite gern mit Kindern«, antwortet Öztürk.

Hübner greift nach Öztürks türkischem Pass und sagt zu einer Assistentin: »Von jeder Seite eine Kopie bitte.« Er wird den Aufenthaltstitel prüfen müssen und bei den Ämtern nach Vorstrafen fragen.

Auf dem Personalbogen steht: »Tragen Sie sichtbare Tätowierungen?« Öztürk zögert und kreuzt »Nein« an. Von seiner Tätowierung sieht man nichts, wenn er eine Uniform trägt. »5,25 Euro Stundenlohn sind in Berlin Tarif«, sagt Hübner, »aber wir legen später 50 Cent drauf.«

Öztürk nickt schweigend. »Eine lückenlose Ausweiskontrolle der Schüler ist nicht möglich«, sagt Hübner, »bitte keine Spitzelei. Vertrauen schaffen. Die Pausenaufsicht bleibt Aufgabe des Lehrkörpers.« Klaus Hübner hat so viel Zeit mit Beamten verbracht, dass er ihren Slang vorbildlich imitieren kann. Er sagt: »Die Amtssprache auf dem Schulhof ist weiterhin Deutsch.«

Öztürk könnte von seiner eigenen Schulzeit auf einer Hauptschule im Berliner Bezirk Wedding erzählen, aber er traut sich nicht. Er könnte erzählen, dass er Lehrerinnen weinend davonrennen sah, weil es in der Klasse drunter und drüber ging. Öztürk könnte Sätze sagen, die er sonst öfter sagt: »Deutschland hat zu viele Ausländer reingelassen, viel zu viele. Acht Deutsche und zwei Türken in einer Klasse, das geht. Aber umgekehrt ist die Hölle los.« Öztürk behält das für sich, weil er weiß, dass er unter Beobachtung stehen wird – von Lehrern, Eltern, Schülern, von Bezirksbürgermeistern und Senatoren, dem deutschen Establishment. Önder Öztürk wird in einem Crashkurs die Kunst der Beschwichtigung trainieren, Deeskalation. Der Chef, der gerade Öztürks Arbeitsvertrag aus einem Drucker laufen lässt, hat es auf eine Formel gebracht: »Nur ein ruhiger Tag ist ein guter Tag.«

Die meisten Schulen in Berlin-Neukölln tragen große Namen: Albert Einstein, Leonardo da Vinci, Eduard Mörike. Orte des Geistes sollen die Schulen sein, wie überall im Land, und wenn Eltern ihre Kinder auf diese Schulen schicken, dann deshalb, damit sie klüger werden, damit sie vorbereitet werden auf ein hoffnungsvolles Leben. So wie man verschiedene Farbschichten auf einem Bild erst wegkratzen muss, um das wertvolle Original freizulegen, so muss man eine Menge schlechter Nachrichten vergessen, um sich daran zu erinnern: Es ist in der Bundesrepublik immer selbstverständlich gewesen, dass die Schule im Großen und Ganzen ein zivilisierter, friedlicher Platz ist. Wer sich vor der Schule fürchtet, der fürchtet sich vor ungerechten Lehrern oder vor Strafarbeiten. So war es immer. Deshalb ist es so ungeheuerlich, dass Schulen beschützt werden müssen vor der Welt da draußen.

Ungeheuerlich? Nein, meint die Direktorin der Röntgen-Realschule in Berlin-Neukölln, das sei die Anpassung an die Wirklichkeit. »Die Probleme innerhalb der Schule sind groß, aber wir werden fertig damit. Doch die Probleme, die von den Straßen draußen reindrücken, schaffen wir nicht. Das ist zu viel.«

Jeden Morgen grüßt der Lehrer Detlev Bachmann den Wächter am Eingangszaun der Röntgen-Schule. Bachmann ist froh, dass Öztürk jetzt da steht. Es ist gut gegen Bachmanns Angst, die nicht ganz weggegangen ist seit den Schlägen im vergangenen Sommer. Bachmann ist ein schlanker Mann mit Brille und Bart, Mitte fünfzig. In den siebziger Jahren studierte er, Lehrer sollte so etwas wie sein Traumberuf werden. Ein junger Linker war er. Mitwirken an einer besseren Welt, so dachte er sich seinen Job. Aber nach dem Studium musste er die ziemlich unangenehme Erfahrung machen, nicht gebraucht zu werden: Es gab viel zu viele Lehrer. Hunderte Bewerbungen, die nichts brachten, das Studium schien für die Katz. Bachmann reagierte pragmatisch und übernahm zusammen mit seiner Frau die Hausverwaltung in einer großen Berliner Wohnanlage. Ein Leben als Hausmeister, jahrzehntelang. Kein schlechtes Leben, sagt er.

Doch vor etwa drei Jahren las er in der Zeitung, dass in Berlin plötzlich Lehrer gesucht würden. Und so stand er im Büro der Neuköllner Schuldirektorin Marlis Meinicke. »Wir haben uns gleich verstanden«, sagt Bachmann, »da war nicht dieses von oben herab zu spüren, nach dem Motto: Was haben Sie denn die letzten Jahre gemacht?« Als Lehrer für Erdkunde und Arbeitslehre unterrichtet er nun an der Schule am Richardplatz in Berlin-Neukölln, einem Stadtteil mit 300000 Einwohnern, zweimal so groß wie Heidelberg. Drei von vier Menschen hier haben das, was deutsche Politiker einen Migrationshintergrund nennen. Mitwirken an einer besseren Welt, ist es das, immer noch?

Bachmann sagt, ganz klar, der Job habe ihn verändert. Freunde hätten ihn darauf aufmerksam gemacht, ihm selbst sei es leider auch schon aufgefallen: »Ich werde von Tag zu Tag konservativer.« Er höre sich selbst nur noch von Disziplin reden, von Strafen, von Härte. Wenn er nicht so ein ernsthafter Mann wäre, müsste Bachmann an dieser Stelle ein bisschen schmunzeln. Doch er erzählt sehr ruhig von der zentralen Eigenschaft seiner Schüler oder, besser, von der alles bestimmenden Unart: einem dramatischen Mangel an Leistungsbereitschaft und Konzentrationsfähigkeit. Neugierig sein, lernen wollen, »können Sie einfach vergessen, gibt’s nicht. Geschieht nur auf Druck.« Hat er eine Erklärung dafür? Tagein, tagaus laufe zu Hause der Fernseher, die privaten Programme, die Computerspiele, das Handy. »Man zappt sich durchs Leben.«

Ist er überrascht worden von der Härte des Lehreralltags? »Nein, wissen Sie, die meisten Schüler sind liebenswert. Die wollen nichts lernen, aber ich mag sie, gerade auch, wenn man ihre Geschichte ahnt.« Nein, er hatte sich das eher schlimmer vorgestellt, bei all dem Schrecklichen, was er vorher gehört hatte. Bis auf diese Sache im Sommer, sicher, das war heftig. Er sagt, er habe die Folgen ganz gut überstanden, langsam höre er auch wieder besser. Er macht eine Pause – »bislang ging es ohne einen Psychologen«.

Bachmann hatte Pausenaufsicht, als er sah, dass ein fremder junger Mann aufs Schulgelände gekommen war und ein Mädchen zur Rede stellte, die Exfreundin, die ihn verlassen hatte. Bachmann kannte den Jungen vom Sehen, er wusste, dass es schon öfter Ärger mit ihm gegeben hatte. Was er nicht wusste: Dieser Marco M., ein Serbe, hatte schon dutzende Straftaten begangen, Körperverletzung, Diebstahl, all so was. Bachmann forderte Marco auf, das Gelände sofort zu verlassen. Es fielen harte Worte, Bachmann versuchte, die Autorität zu behalten: Du verlässt jetzt sofort das Gelände. Und plötzlich prügelte Marco auf ihn ein, ins Gesicht, auf den Kopf. Der Lehrer verlor seine Brille und lag hilflos am Boden. Und es wäre wohl schlimmer geworden, hätte nicht sehr schnell der massige Ibrahim, Schüler in der zehnten Klasse, eingegriffen. Er packte den Schläger einfach in den Schwitzkasten und trug ihn über den Hof bis zum Ausgang des Schulgeländes.

Ibrahim redet viel, macht dauernd Witze, man weiß nie so recht, wann er etwas ernst meint. Er sagt, er komme aus dem Land der Finsternis. Er ist Palästinenser. Er sagt auch, er sei vielleicht nicht der Allerschlauste, »aber ich bin der Kräftigste«. Und plötzlich war Ibrahim ein Held, er hatte Zivilcourage bewiesen. Auch die herbeigerufenen Polizisten lobten ihn. Er bekam sogar eine Auszeichnung vom Bundespräsidenten. Endlich mal einer, der nicht nur zugeschaut hat. Und vielleicht hatte man sich besonders gefreut, einen Jungen wie ihn belobigen zu können, einen, von dem man nie weiß, ob er sich über die Ansprache »Migrant« mehr freut als über »Palästinenser«.

Die Feierstunde fand im Schweriner Schloss statt. Ibrahim kam überhaupt zum ersten Mal raus aus Berlin. Er sagt, er hat sich schön angezogen, aber nicht schön genug, »überall nur Anzüge und 7er BMWs«. Richtig wohl fühlte er sich nicht, »nicht meine Welt«. Der Bundespräsident reichte ihm die Hand, auch die Kanzlerin. Klar war er stolz, sagt Ibrahim. Aber wofür wurde er da eigentlich ausgezeichnet? Dass er stärker als ein anderer war? Sonst hieß es doch immer, genau das solle er nicht dauernd beweisen.

Eigentlich sollte es noch einen eigenen Pressetermin an der Röntgen-Schule in Berlin-Neukölln geben, wieder mit Ibrahim, dem Helden. Doch die Direktorin sagte das ab, ihr wurde die Publicity zu viel. Zu widersprüchlich falle ihr Blick auf den 17-Jährigen aus. Seine Schulleistungen sind schlecht, er wiederholt gerade die zehnte Klasse, seine letzte. Was danach sein wird, ist ungewiss. Er hat Freunde außerhalb der Schule, die öfter straffällig geworden sind. Ibrahim sagt, er habe noch nie Probleme mit der Polizei gehabt, aber die Direktorin weiß: Das stimmt so nicht. Ibrahim lacht, wenn man ihn fragt, ob er Angst habe vor der Rache des jungen Serben. »Nee, mir tut niemand was.« Ibrahim kennt sich aus auf den Straßen von Neukölln. Vielleicht schon zu sehr. Die Direktorin sagt, Ibrahim sei ein gefährdeter Junge.

Ein Nachmittag in Neukölln. Die berühmte Sonnenallee, die bis 1989 von der Mauer durchschnitten wurde, immer geradeaus, dann irgendwann eine Hochhaussiedlung, erster Stock rechts. Die Mutter öffnet. Ibrahim muss geweckt werden, er fällt nach der Schule immer in einen tiefen Mittagsschlaf. Er reibt sich den letzten Schlaf aus den Augen und ist sofort sehr freundlich. Auch das ist sein Markenzeichen, das sagen alle. Er trägt Shorts und ein langes T-Shirt über seinem breiten Körper. »Ich habe zehn Kilo abgenommen in den letzten Wochen, nix mehr McDonald’s.«

Sein Kopf ist kahl, nur ein dünner schwarzer Bartstreifen läuft von den Wangen runter zum Kinn. Er bietet süßen Tee an und setzt sich an den Wohnzimmertisch, die Mutter auch, der Bruder tippt hinten am Computer. Im Fernseher laufen Meldungen auf al-Dschasira, dem arabischen Nachrichtenkanal. An der Wand hängt ein Foto von Jassir Arafat. Ibrahims Vater war ein früher Weggefährte des Palästinenserführers, wurde mehrmals schwer verwundet. Die Kugeln, sagt Ibrahim, seien der Grund dafür, dass der Vater heute arbeitsunfähig ist. 1990 kam die Familie nach Berlin.

Er werde sicher bald mal in die Länder seiner Eltern reisen, aber seine Heimat sei Neukölln, sagt Ibrahim, ganz sicher. »Da bin ich geboren, da bleibe ich.« Ob es ihn manchmal nerve, dass die Deutschen so wenig über Leute wie ihn wissen? Nein, sagt Ibrahim. Nein, sagt auch der Bruder, er finde es okay, wenn sich niemand dafür interessiert, was der andere tut. So sei das in Deutschland. Eine Frage an die Mutter, die nicht gut Deutsch spricht: Macht sie sich Sorgen um Ibrahims Zukunft? Nein, aber ihr Blick verrät etwas anderes. Seine Eltern werde er nicht enttäuschen, sagt Ibrahim. Und erzählt von einem Freund, der jetzt in den Knast muss, »weiß auch nicht, warum sich der kaputtmachen will«.

Ibrahim wäre bestimmt ein guter Bündnispartner für die grüne Jugend-Stadträtin von Berlin-Neukölln, Gabriele Vonnekold. Nach »Bündnispartnern« müsse sie ständig suchen, damit der Staat in den Vierteln mit den türkischen und arabischen Familien überhaupt noch durchdringe. Stehe ein deutscher Sozialarbeiter mit einem Gerichtsbeschluss vor der Tür, dann müsse der jugendliche Täter das Schreiben vor der Familie übersetzen, weil die Eltern kein Deutsch verstünden. »Mit der Schriftform, an die wir gewöhnt sind, kommen wir da gar nicht weiter.« Aber bevor das Amt zwei Türkinnen als Sozialarbeiterinnen einstellen durfte, hatte die Politikerin ein Jahr lang mit der übergeordneten Behörde gekämpft, die pausenlos Jobs streicht. Hört man der grünen Politikerin nur lange genug zu, dann greift auch sie zu diesem Wort: Grenzen. Der Staat müsse Grenzen setzen. Die Grenzen dürften nicht ständig überschritten werden.

Wer im vornehmen Berliner Stadtteil Zehlendorf wohnt, hat nicht einmal eine Ahnung vom Leben in Neukölln. Und umgekehrt. Und beide Viertel wissen gar nichts vom Alltag in Berlin-Marzahn. Es geht wieder um Grenzen, doch diesmal umgekehrt. Alle halten sich an ihre Grenzen, sie werden auf keinen Fall überschritten. Bloß nicht raus aus der eigenen Welt. Lehrer erzählen von vielen Schülern in Neukölln, die noch nie am Brandenburger Tor gewesen sind, nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt. Die Mauern in den Köpfen scheinen aus Granit zu sein. Aus Klassengegensätzen und ethnischen Grenzen entstehen sogar politische Gräben. Ein Sozialdemokrat im leidgeprüften Neukölln spricht oft so hemmungslos über die Gewalt von Ausländern, dass einem Sozialdemokraten im behüteten Zehlendorf übel wird.

Neukölln und die Schulen, Recherchen in einer Grenzzone. Viele der Schüler müssen sich ständig entscheiden. Raus aus dem Ghetto, das heißt Bewerben um Ausbildungsplätze. Aber heißt das auch schnelles Geld? Die Schule, ein Ausbildungsbetrieb, ein erster kleiner Job, es dauert so unendlich lange bis zu einem bescheidenen Erfolg, den nicht einmal ein Lehrer zu versprechen wagt. Ist es die ganze Mühe wirklich wert? Ist es nicht schlauer, Geschäfte zu machen mit Zigaretten, Teppichen, Computerprogrammen oder vielleicht mit Kokain zu dealen, ist das nicht naheliegender, ja sogar vernünftig? Das Deutsche in ihrem Leben heißt Schule und Ausbildungsplatz – Noten, Zeugnisse, Dokumente. Wenn sie im Milieu bleiben, können sie Geschichten erzählen, Bilder produzieren, die niemand nachprüft. Die Entscheidungen, die ein Junge mit 15 in Neukölln zu treffen hat, sind so hart, weil sich danach das Leben gabelt, schroffer und entschiedener, als es sich ein Abiturient vorstellen kann.

Einmal, als Jugendliche der Röntgen-Realschule in einer Gesprächsrunde über ihre Zukunft reden, sagt eine Deutsche, dass sie Tierpflegerin werden möchte, aber die Aussichten seien miserabel. »Ohne Beziehungen kommt man nicht mal bis zum Bewerbungsgespräch.« Ein junger Türke erzählt, dass Freunde ihn überreden wollten, bei einem Einbruch mitzumachen. 15000 Euro Bargeld, eine sichere Sache. Aber er machte nicht mit. Die Freunde wurden erwischt. Als sie das Haus gerade aufgebrochen hatten, kam die Polizei.

Also mehr Wachschützer? Wolfgang Lüdtke, der im Berliner Lehrerverband VBE den Ausschuss Hauptschule leitet, winkt ab. Das geht ihm nicht weit genug. Am liebsten hätte er einen Polizisten in der Nähe seiner Hauptschule in Berlin-Neukölln. Unbewaffnete Wachschützer seien bloß zahnlose Tiger. Einmal stellte der Rektor einen türkischen Wachmann vor die Schule, aber der war nicht zu gebrauchen. Der stänkerte herum und fragte Lehrerinnen, warum sie so kurze Kleider trügen und im islamischen Fastenmonat Ramadan ihre Wurstbrote auspackten. Ein anderer Pförtner gab auf, weil er die Provokationen von Schülern nicht aushielt.

»Ich weiß nicht, wie es gehen soll«, sagt Lüdtke, »für manche Jungs, die aus der U-Haft in die Schule zurückkommen, ist das Gefängnis wie ein Ritterschlag. Das ist dann ihre Geschichte, die sie überall erzählen. Schieben wir einen von denen an eine andere Schule ab, kriegen wir dafür einen Neuen zugewiesen. Ich habe fast keine Zeit mehr für die Hoffnungsvollen, keine Zeit mehr für die Mehrheit.« Gewaltmeldungen an die Senatsverwaltung, Mitteilungen ans Jugendamt, Klassenkonferenzen. Gespräche mit Familienhelfern, Einzelfallhelfern, Jugendgerichtshelfern, Sozialarbeitern der Schule, Klassenlehrern, Fachlehrern. Jugendliche, die das Programm öfter durchlaufen haben, erkennt man daran, dass sie ihre Sätze mit dem Anhängsel »ein Stück weit« schmücken, der Floskel ihrer psychologisch geschulten Betreuer. »Aber Mahmoud hat angefangen mit dem Schlagen, ein Stück weit.«

Vielleicht war das Fatalste an der Diskussion über junge ausländische Gewalttäter in den vergangenen Wochen, dass der hessische Ministerpräsident Roland Koch eine Illusion schaffen wollte: Man müsse nur ein paar Täter schneller wegsperren, und schon sei das Thema erledigt. Aber so ist es eben nicht. Es geht immer weiter. Erziehungswissenschaftler der Freien Universität Berlin wollen Lehrern jetzt in Kursen beibringen, wie sie auf gewalttätige Schüler reagieren sollen. Es geht immer weiter. Der neue Zaun hinter dem Schulgebäude am Lichtenrader Damm ist zwei Meter hoch und aus grün lackiertem Metall. Es soll nun niemand mehr behaupten können, von der Grenze sei nichts zu spüren.

Vielleicht wird der Rektor des Georg-Büchner-Gymnasiums in Berlin-Lichtenrade bald auch eine Videoüberwachung installieren lassen, für 80.000 Euro. Hört man ihn reden, dann merkt man, dass er das ganze Geld lieber in die Auslandsfahrten der bilingualen Klassen stecken würde, aber was soll er tun? »Wir leben in einer liberalen Welt, in der die Kinder keine Regeln mehr hören. Unser Thema ist Autorität, ja.« Ist das die Lehre aus dem Abend des 19. Januar 2007?

Die große Party in der Aula hat begonnen, die schuleigene Security-Gruppe aus Oberstufenschülern steht vor der Tür – große, kräftige Jungen, die aus Eisenstangen, einem Holzbock und rot-weißem Flatterband eine Absperrung errichtet haben. Schon öfter gab es Ärger mit schulfremden Jugendlichen, die eindringen wollten. Auch an jenem Januartag versuchen es einige, ohne Erfolg. Einer von ihnen ruft von seinem Handy aus Verstärkung, zehn junge Türken machen sich auf den Weg – schätzungsweise zehn, genau weiß das später keiner mehr. 15 Jahre alt, 16, 17, die meisten aus Berlin-Schöneberg, viele S-Bahn-Stationen entfernt.

Als die Türken auf die Oberstufenschüler losgehen, überlegt Michael Müller keine Sekunde, rennt herbei und stellt sich dazwischen. Müller ist der Vater eines Jungen aus der achten Klasse, der in der Aula feiert. Müller hat bis vor wenigen Minuten vor der Tür Würstchen gegrillt. Er ist 1,89 Meter groß und hat American Football gespielt. Er hat die Statur von Raimund Harmstorf, der in dem Abenteuerfilm Seewolf eine rohe Kartoffel in der bloßen Faust zerquetschte. Müller ist einen ganzen Kopf größer als die jungen Angreifer, und er ist Kriminalhauptkommissar, spezialisiert auf die Gewalt von Jugendgruppen. In seiner Freizeit fährt er mit Schulklassen wochenlang zur See, damit sie auf dem Schiff Verantwortung übernehmen. Er glaubt nicht an den Knast als Besserungsanstalt, er hält nichts von der harten Tour.

Bevor er eingreift, ruft Müller noch: »Aufhören, Polizei!« Ein Schlag trifft sein Gesicht, Müller fällt zu Boden. Die jungen Türken lösen die Gürtel aus ihren Hosen und dreschen mit den Schnallen auf den wehrlosen Mann ein. Er blutet aus immer neuen Wunden. Wie von Sinnen prügeln die Jugendlichen. Ein Hieb verletzt Müller am Auge. Als einer der Jungen eine zwei Meter lange Gerüststange aus der Absperrung zieht, ausholt und auf den Kopf des Opfers zielt, gelingt es Müller im letzten Moment, sein Pfefferspray aus einer Jackentasche zu ziehen und dem Angreifer in die Augen zu sprühen. Danach löst sich der Knoten aus fliegenden Fäusten und peitschenden Gürteln, Schüler ziehen Müller ins Gebäude, die Täter rennen weg, ein Rettungswagen fährt vor. Weinend steht Müllers 15-jähriger Sohn da und sieht, wie sein Vater auf eine Trage gehoben wird.

Vor Gericht lässt sich der Nebenkläger Müller von einem Anwalt vertreten. Es geht um gefährliche Körperverletzung und versuchten Totschlag. Auf einem Auge hat Müller nur noch eine Sehkraft von 40 Prozent, sonst hat er Glück gehabt. Im Gerichtssaal versucht er, den Angeklagten ins Gesicht zu schauen, aber die halten seinen Blick nicht aus. Müller erledigt seine Zeugenaussage und geht. Er sieht nicht, was zum Schluss passiert. Drei Jahre und sechs Monate Jugendstrafe für die Haupttäter, keine Bewährung. Die Verteidiger legen Revision ein, bis zur Entscheidung sind die Jugendlichen frei. Still und traurig haben sie die meiste Zeit auf ihren Stühlen gesessen, erst nach dem Urteilsspruch laufen sie aufgewühlt nach draußen auf den Flur, wo ihre Freunde und Verwandte warten, 30, 40 Leute. »Drei Jahre sechs!«, ruft einer der Täter, die Menge jubelt und jault. Schulterklopfen, Umarmungen, Tränen. Es ist, als werde ein Torwart gefeiert, der gerade den entscheidenden Elfmeter gehalten hat.

Michael Müller geht morgens wieder in seine Polizeiwache, Innendienst. Vielleicht wird es irgendwann wieder so sein, dass er an Wohnungstüren schellt und Verdächtige festnimmt, noch fühlt er sich dazu nicht imstande. Müller sagt, er könne mit dem Gerichtsurteil leben, das wirklich kein lasches Urteil sei. Aber er stellt sich weiterhin Fragen, auf die ihm niemand antworten kann. Lag es daran, dass er »Polizei!« rief? Ist der Hass dieser jungen Ausländer auf den deutschen Staat wirklich so groß? Warum können die das Nein eines Türstehers nicht ertragen? Warum wollten sie ihm den Schädel spalten? Glauben die, dass sie mit Gewalt gut durchs Leben kommen? Dass sie sich durchschlagen können? Warum fassen einige von ihnen deutschen Mädchen in den Schritt, während die eigenen Schwestern nicht einmal angeguckt werden dürfen? Warum rufen sie »deutsche Fotze«?

Warum?

Eren K. ist nicht in einem sozialen Brennpunkt aufgewachsen, sondern in einem mausgrauen Mietshaus in Berlin-Friedenau. Eine evangelische Kirche, ein Aldi-Markt, die S-Bahn-Linie 1. In Frankfurt könnte dieses Viertel liegen, in Bielefeld, in Hamburg, überall. Eren ist ein stiller, tiefgründiger Junge. Sein Vater hatte eine Sanitärfirma und ist im ADAC. Vor wenigen Tagen feierte Eren seinen 18. Geburtstag, mit Freunden ging er auf eine Bowlingbahn. Vorher hatte seine Mutter eine ihrer saftigen Aprikosentorten gebacken. Eren versucht sich am erweiterten Hauptschulabschluss, und er sagt, das Lernen falle ihm leicht. Während Erens U-Haft im berüchtigten Gefängnis Plötzensee besuchte ihn ein gerichtlich bestellter Gutachter, der einen Koffer mit Fragebögen, Puzzlespielen und Würfeln auspackte, allerlei Zeug, um Eren zu testen. Es kam heraus, dass Erens Intelligenzquotient bei 141 liegt, in der absoluten Spitzengruppe. Warum nur zielte Eren mit einer Eisenstange auf den Kopf des Polizisten Müller?

»Das war eine Dummheit«, sagt Eren, aber das ist natürlich keine Antwort. Sie liegt irgendwo in seinem Leben vergraben, und man sollte sich nicht einbilden, dass man dieses Leben ausleuchten kann. Aber man kriegt eine Ahnung, wenn man die Tage gemeinsam mit Eren verstreichen lässt. Oft sitzt er in seinem Kinderzimmer vor einem der beiden Computer, auf denen ein nächtlich angestrahlter Marktplatz die Bildschirme schont, Corum, die Heimatstadt seiner Eltern. Neben dem Monitor eine türkische Flagge und ein Poster mit dem Staatsgründer Atatürk. Im Schrank hängen die schwarzen T-Shirts, die ihn die entscheidende Spur finsterer aussehen lassen. Stört ihn seine Mutter, giftet Eren sie mürrisch an. Sein Vater zwang ihn einmal, einen Tag als Gast bei einer Polizeipatrouille zu verbringen, damit Eren die Gesetzeshüter zu achten lerne und nicht wieder auf die Idee komme, etwas zu stehlen. »Sie wissen nichts von mir«, sagt er über seine Eltern.

»Ich gehe mal raus«, sagt Eren öfter, aber meist meint er damit nur den Computer, der ihn lautlos in die Welt führt. »Ohne das Internet wäre mein Zimmer wie ein Friedhof.« Wie er sich auf das echte Draußen vorbereiten muss, hat ihm sein älterer Bruder erklärt. Als Eren noch klein war, schlug der Bruder immer wieder auf ihn ein. Eren müsse sich abhärten lassen, sagte der Bruder, da draußen träten Deutsche gegen Türken an, Türken gegen Araber, und ein Angriff unterscheide sich durch nichts von einer Verteidigung. »Zuerst habe ich geweint«, sagt Eren, »danach habe ich mich an die Prügel gewöhnt.«

Oft verzieht sich Eren zu seinem Onkel, der nebenan wohnt und das Computerspiel Counter-Strike hat, das Eren zu einem Mann macht, der bis spät in die Nacht auf Terroristen schießt. Der Onkel ist nur 15 Jahre älter als Eren, aber er sagt: »Ich verstehe diese Jungs nicht mehr. Sie haben keine deutschen Freunde. Ich fühle mich auch nicht als Deutscher, aber ich gehe mit den Deutschen jeden Freitagabend pokern.« Würde er sich mit einem Deutschen erwischen lassen, erzählt Eren, dann riefen die anderen: »Ey, Eren, du Schwuchtel!«

Dreimal in der Woche geht Eren boxen. Das klingt kämpferisch, aber in Wirklichkeit traben 20 Türken und 5 Deutsche hintereinander durch die Turnhalle einer Grundschule. Jeder kommt und geht, wann er will. Nach ein paar Schlägen gegen einen Sandsack geht Eren schwitzend vor die Tür und steckt sich eine Zigarette an. Das hier war seine Grundschule, hier ärgerte er die Lehrerinnen. Die Deutschen. Auch drüben im Jugendheim, wo jetzt die Claudia regiert und ihn nicht mehr duldet – Sozialarbeiter: Deutsche. In der Kirche, im Ausländeramt, auf der Polizeiwache: Deutsche. Es gebe hier nur zwei Orte, an dem die Türken bestimmen dürften – in der Moschee, und manchmal, wenn es gut laufe, auf der Straße.

»Ich bring dich um«, soll Eren dem Polizisten Müller zugerufen haben. Eren hört sich das Zitat schweigend an. »Das sagt hier jedes Kind«, antwortet der Onkel.

»Wir haben gar nicht viele Worte«, sagt die Mutter, »ich bring dich um. Sage ich oft.«

»Ich schlag dich kaputt, das heißt doch nicht: Ich brech dir alle Knochen«, mischt sich Eren ein. Sondern? »Ich mach dich fertig, ganz normal.«

»Voll Lappalie«, meint der Onkel.

»Noch Kuchen bitte?«, fragt die Mutter.

Erens Leben wird bestimmt durch eine Größe, die man nicht unterschätzen darf, eine variable Größe. Eren nennt sie »den Stressmacher«. Die Welt gerät ständig ins Rutschen, weil irgendein Stressmacher die Gewichte verschiebt. Die libanesischen Kinder, die Eren am Kickertisch im Jugendclub umschwirren, sind lästige, harmlose Stressmacher. Eren scheucht sie weg wie Fliegen. Die großen Brüder dieser Kinder sind die wirklich gefährlichen Stressmacher, gegen die er sich durchsetzen muss, damit er etwas erreicht, was ihm lebenswichtig erscheint: »Respekt.« In solchen Momenten ist er dann nicht mehr der introvertierte Junge. Er plustert sich auf, greift an, weil er keine Schwäche zeigen darf und weil es um Sekunden geht, die eine Schlacht entscheiden. Das Schlimmste, sagt Eren, sei die Angst. Durch nichts dürfe man verraten, dass man sich fürchtet.

Der psychologische Gutachter, den das Gericht hinzuzog, spricht von zwei Filmen, die gleichzeitig in den Köpfen abliefen. In Müllers Film stellt sich ein Bär von einem Mann zwischen die Jugendlichen, in dem Bewusstsein, dass er die Autorität der Polizei verkörpert. In Erens Film spielt dieser Mann wieder die Hauptrolle, aber diesmal geht das Wort »Polizei« im Gerangel unter. Ein Fremder wirft sich zwischen die Fäuste, er will mitmischen, und er zieht die Frontlinie neu: Müller, der Stressmacher.

Hört man sich in Wohnvierteln um, in denen Gewalttaten sich häufen, dann taucht eine Frage auf, die so naheliegend ist, dass sie schon naiv klingt: Warum will hier keiner raus? Warum greifen junge Ausländer nicht nach jedem Strohhalm, der ihnen einen Ausweg in bessere Verhältnisse weist? Ist allein das deutsche Bildungssystem schuld, über das die Pisa-Studien sagen, es sei nicht durchlässig genug für Migrantenkinder? Berlin bemüht sich seit Jahren, junge Türken und Araber in den Polizeidienst zu holen, aber es finden sich kaum Bewerber. Die Jugendämter versuchen es auch, die Sozialämter, die Schulbehörden. Der Erfolg ist minimal.

Hin und wieder gelingt es, ausländische Mädchen für einen sozialen Beruf zu begeistern, aber fast nie fühlen sich junge Männer angesprochen. Wirft der Gemüseladen des Onkels so viel mehr ab? Ist das so viel attraktiver als ein Polizistenleben? Oder liegt es daran, dass deutsche Aufstiegsideen auf den Straßen von Neukölln nicht verstanden werden, weil hier weiterhin die Gesetze eines libanesischen Flüchtlingslagers gelten, wo es immer nur ums Überleben gegangen ist, nie um Karrieren? Ist Bildung nur eine dieser fremden Währungen, für die man sich hier nichts kaufen kann?

Azadeh Shahjar ist eine Ausnahme. Sie stammt aus Iran, floh im Alter von acht Jahren zusammen mit Eltern und Bruder vor Chomeinis Machtübernahme und unterrichtet heute Englisch und Geschichte an der Röntgen-Schule in Berlin-Neukölln. Sie ist Referendarin. Sie erzählt, dass sie vor einigen Tagen im Sozialkundeunterricht die Schüler gefragt habe, was sie von der Diskussion über junge ausländische Straftäter hielten. Unglaublich, was da für ein Zorn hochgekommen sei, was für eine Wut auf die Deutschen. »Das war hart. Wie sehr das brodelt, war auch für mich überraschend.« Die Deutschen diskriminieren uns, schimpften die Schüler. Die Deutschen wollen einfach nicht wahrhaben, dass viele von uns auch einen deutschen Pass besitzen. Die Deutschen lassen uns nicht teilhaben. Einer fragte die Referendarin, wann wohl in Berlin der Krieg zwischen den Arabern und den Deutschen ausbrechen werde.

Azadeh Shahjar sitzt in einem Café in der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg und zündet sich eine Zigarette an. Sie lebt in Kreuzberg, sie liebt die Gegend, die nicht so traurig und verloren sei wie Neukölln, sondern bunter und lebendiger. Diese Wut auf »die Deutschen«, sagt sie, könne sie ein bisschen verstehen. Die fremde deutsche Gesellschaft, eine Welt wie hinter einer Glaswand, man kommt dort einfach nicht rein: So ging es auch ihr, als sie noch ein Mädchen war und in Hessen lebte, später in Köln. Wie man immer kritisiert wird, wenn man »Brötchen« nicht richtig ausspricht. Wie man immer angeschaut wird, wenn man anders aussieht oder es so empfindet. In Köln fühlte sie sich erst wohl, als sie spürte, dass sie zur iranischen Community gehörte. Doch irgendwann begriff sie, dass sie da rausmusste, dass ein Ghetto keine Lösung ist. In ihrer Klasse auf dem Gymnasium war sie die einzige Ausländerin. »Mein Glück war mein Bildungshintergrund«, sagt sie, »mein Vater Chirurg, meine Mutter Lehrerin. Bildung war ein Ideal für mich. Bildung ist das einzige Ticket, das einen in Deutschland ankommen lässt.«

Jetzt sitzt die Lehrerin Shahjar also an einer Schaltstelle und könnte den Kindern in der Röntgen-Schule das wichtige Ticket verschaffen. Sie kann lustig erzählen, wenn sie von ihren Versuchen spricht, genau das zu tun. Als Erstes habe sie sich ihr Lächeln abtrainiert. Sie bemühe sich, nicht besonders nett zu sein, nie heiter. »Man verliert sofort die Autorität. Es geht nur mit strengem Gesicht, mit Härte. Mit der Androhung von Konsequenzen.« Sie hat schon den einen oder anderen Nervenkollaps hinter sich, eine Menge Tränen, Wutausbrüche. Für die allermeisten dieser Kinder sei Bildung kein Ideal, »die kennen das nicht von zu Hause.« Manchmal, sagt Azadeh Shahjar, komme sie sich vor, als müsse sie mit einem kleinen Eimer Wasser ein riesiges Feuer löschen. Und dann seien da auch noch tausend Löcher in dem Eimer. Frau Shahjar macht eine Pause und sagt: Manchmal wären schon weniger Löcher eine Hilfe. Wären doch ein paar Schüler weniger in der Klasse.

Sie mag ihre Arbeit, aber manchmal hasst sie den Job. »Ich habe nämlich eigentlich einen anderen Ansatz. Ich träume davon, dass Kinder freiwillig lernen, weil es Spaß macht und toll ist.« Mit diesem Traum betritt sie die Klasse, und nach zehn Minuten stellt sich meist nur noch die Frage, wie lange sie sich die Provokationen des kleinen Mohammed noch gefallen lassen kann.

Schreiben über die bewachten Schulen von Neukölln. Alle sagen, man müsse das differenziert sehen. Bitte keine Schwarz-Weiß-Malerei. Das sagt Jasmin, die Schülersprecherin der Röntgen-Realschule, deren Familie aus Libanon kommt. Sie trägt Kopftuch und geht nicht so gerne raus aus Neukölln. »Sie müssen mal erleben, wie ich angeschaut werde, wenn ich auf der Friedrichstraße shoppen gehe.« Bitte ein differenzierter Blick. Das sagt die Direktorin der Röntgen-Schule, die ihre eigenen Kinder nicht in Neukölln auf die Schule schickt. »Man lernt zu wenig.« Überhaupt: Den meisten Lehrern, die in Berlin-Neukölln unterrichten, reicht das Arbeiten dort. Auch Heinz Buschkowsky, der Bezirksbürgermeister von Neukölln, möchte, dass man genau hinschaut. Nicht nur die Deutschen hätten Neukölln in Scharen verlassen, sondern auch die Migranten, »und zwar die erfolgreichen. Sie möchten, dass ihre Kinder woanders aufwachsen.«

Jeden Tag etwas Neues: Einmal wird der Rapper Massiv angeschossen, das nächste Mal wird bekannt, dass ein Neuköllner Drogendealer eine Mädchenleiche verbrannt hat. Gegen solche Meldungen haben es andere schwer, Meldungen von Nachbarschaftshilfen oder von Polizisten, die Männerabende veranstalten: Vätern und Söhnen soll gemeinsam ein neues Männerbild beigebracht werden. Wäre es nicht genauso wichtig, darüber zu informieren?

Es gibt Leute, die es sich einfach machen, weil sie es leid sind, nach Ursachen der Gewalt zu graben. Lieber warnen sie vor den Folgen. »Es dauert keine zehn Jahre mehr, bis auch bei uns die Barrikaden brennen.« So sieht es die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die durch die Schulen zieht und Lehrer ermuntert, selbst kleine Delikte anzuzeigen. In ihrer Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg sitzt sie vor einer Schale mit frischem Obst und prangert die unerträglichen Zustände an. Nein, sie will sich in keine Erklärungen und Entschuldigungen mehr vertiefen, sie bewundert den früheren New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani für seine Politik der zero tolerance. Über die Wächter vor den Schulen sagt sie: »Reine Notwehr. Schließlich haben wir in Deutschland etwas zu verteidigen.«

Und es gibt Leute, die es sich noch einfacher machen. Einer von ihnen sitzt im Neuköllner Café Rix vor einem Glas Weißbier und schimpft auf den Neoliberalismus, die Globalisierung, die Seuchen der neuen Zeit. Dorthin müsse man blicken, nicht auf die Schulen. Der Politikwissenschaftler Volker Eick verfolgt schon lange, wie sich Sicherheitsfirmen ausbreiten und wie sich der Staat den Privaten grundlos zum Fraß vorwerfe. Die Wächter vor den Schulen? »Reine Hysterie.«

Die Richterin und der Politologe könnten sich niemals auf eine gemeinsame Linie verständigen, nicht einmal auf ein Problem, nicht einmal auf einen Namen für ein Problem, nicht einmal darauf, ob man besser »Ausländer« sagt oder »Menschen mit Migrationshintergrund«. Träfen sie aufeinander, dann würde nichts als Streit herauskommen. Aber auf die entscheidende Frage, wie man das Problem lösen könne, wüsste keiner von beiden eine klare Antwort. Wie wäre es, wenn man den fragte, der den Fall übernommen hat?

Klaus Hübner, der den Auftrag für die Wachschutzfirma Germania einfädelte, ist zufrieden mit den ersten Wochen, weil die Rektoren der Schulen mit ihm zufrieden sind. Eine Schlägerei am Rande eines Pausenhofs, eine Festnahme, das schon, aber nichts von Bedeutung, keine Eskalation. Die Schulleiter finden, das Experiment müsse weitergehen, über die Sommerferien hinaus. Gut, dass Hübner nicht gekniffen hat wie die anderen Firmen, die Großen in seiner Branche, denen die Sache zu heikel erschien. Gut, dass Hübner auf seine innere Stimme gehört hat, die ihm sagte: »Das Ganze hat Wachstumspotenzial.« Vielleicht wird man ihm nachtragen, dass er aus einer pädagogischen Bankrotterklärung ein Geschäft gemacht hat. Dass er vor nichts zurückschreckt. Dass er losfliegt und zu kreisen beginnt, sobald eine Gegend verwildert. Und dass er zupackt wie ein Geier.

Die bewachte Schule, die Idee spricht sich in deutschen Großstädten gerade herum. Politiker aus Bayern erkundigten sich vorsichtig bei den Verantwortlichen in Berlin, Politiker aus dem Rheinland, Baden-Württemberg, sogar aus Österreich. »Ich komme nur privat vorbei«, geben die meisten von ihnen vor, noch erscheint ihnen das Thema Wachschutz zu brisant. Woche für Woche fühlen neue Besucher vor, Woche für Woche mehr. Noch ein paar Jahre, und einer wie Klaus Hübner, der schon in Kongo seinen Mann stand, könnte für den Unterricht wichtiger sein als ein Schulrat.

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