Immer wenn Abgeordnete allein ihrem Gewissen folgen dürfen, wird es ernst. Jedenfalls moralisch. Am Donnerstag dieser Woche ist es im Bundestag wieder einmal so weit. Es geht um die Forschung mit embryonalen Stammzellen. Und es geht darum, ob das Importverbot für Stammzelllinien ein weiteres und – wie es heißt – letztes Mal gelockert werden soll. Bisher darf in Deutschland nur an solchen Stammzelllinien geforscht werden, die vor dem 1. Januar 2002 im Ausland angelegt worden sind. Soll dieser Stichtag (einmalig) verschoben werden, und zwar auf den 1. Mai 2007 – oder nicht?

Warum erregt dieser Streit die Gemüter? Und wessen Gemüt erregt er? Im Kern geht es um die eine Frage: Was ist der ethische Status des menschlichen Embryos? Wenn das noch ungeborene Leben unter dem Schutz des Rechts steht (siehe den Paragrafen 218) – muss dies dann nicht auch für den Embryo im allerfrühesten Stadium gelten? Und für Embryonen, die in der Glasschale erzeugt wurden? Wer diese Fragen verneint und nur von »Zellhaufen« spricht, hat im Grunde gar keine Gewissensfragen: Erlaubt ist, was der Forschung – und später vielleicht kranken Menschen – nützt.

Gewissensfragen stellen sich aber für den, der derart wertfrei über menschliche Embryonen nicht zu urteilen vermag. Ist aber erst einmal das Lebensrecht und die Menschenwürde im Spiel, dann gilt Immanuel Kants Regel auch schon gegenüber den Vorstufen des menschlichen Lebens: Kein Mensch darf allein als Mittel zum Zweck gebraucht und verbraucht werden. Ins Praktische gewendet: Eine Erzeugung von Embryonen, ausschließlich um sie als Mittel der Forschung zu zerstören, ist tabu.

Ein ethisch imposanter Standpunkt! Scheinbar frei von jedem Dilemma – spiegelverkehrt, so wie die Auffassung derer, die nur Zellhaufen vor sich sehen. Aber kann und muss dieses fundamentale Nein gegen jede embryonale Stammzellforschung tatsächlich ohne Dilemma durchgehalten werden? Selbst bei starker ethischer Sensibilisierung bestehen daran Zweifel.

Erstens: Durch den politischen Kompromiss des Jahres 2002 (verbunden mit dem Stichtag 2001) hat der deutsche Gesetzgeber die Stammzellforschung in Deutschland zugelassen. An diesen alten Stammzelllinien wird weiter geforscht. Aber sie sind inzwischen durch »falsche« Nährmittellösungen derart »verschmutzt«, dass sie für die Entwicklung von Therapien nicht mehr taugen. Wer eine Verschiebung des Stichtags ablehnt, kann nicht – was immer auch er insgeheim hoffen mag – den Geist in die Flasche zurücktreiben; sondern er kann nur noch erreichen, dass die deutsche Forschung eine »verschmutzte« Forschung bleibt.

Zweitens: Schon die erste Stichtagsregelung konnte nur ein bescheidenes Ziel haben: Es sollen in Deutschland keine Embryonen allein zur verbrauchenden Forschung hergestellt werden – und es sollen keine Stammzelllinien importiert werden, die allein aufgrund des deutschen Gesetzes hergestellt wurden. Aber auch die vorgeschlagene Verschiebung des Stichtags würde dieses eben noch erreichbare Ziel sichern.

Drittens: Stammzelllinien werden heutzutage überwiegend aus Embryonen gewonnen, die nicht eigens dafür erzeugt wurden, sondern die bei der künstlichen Befruchtung in der Petrischale in großer Zahl übrig geblieben sind. Auch die katholischen Bischöfe können nicht erklären, wie werdendes menschliches Leben geschützt werden soll, wenn aus diesen überzähligen Embryonen keine Stammzellen gewonnen werden, sondern wenn sie irgendwann einfach zum Abfall geworfen werden, ohne Amen in der Kirche.