Klimaschutz Der GAU unter der HaubeDer Umweltminister

Biosprit soll das Weltklima retten. Er könnte aber Motoren schädigen und sogar für mehr Treibhausgas sorgen

Sigmar Gabriel hat in den ersten zweieinhalb Jahren seines Wirkens als Bundesminister Beachtliches geleistet. Als umweltpolitischer Nobody gestartet, setzte er ein nationales Klimaschutzprogramm durch, das weltweit seinesgleichen sucht. Nicht ihm allein, aber auch seinem Engagement bei der Konferenz auf Bali ist es zu verdanken, dass die internationale Klimadiplomatie wieder Fahrt aufgenommen hat. Schließlich hat Gabriel bewiesen, dass er lernfähig ist, was sich längst nicht über jeden Spitzenpolitiker sagen lässt. So befürwortet der SPD-Minister mittlerweile zu Recht beispielsweise ein allgemeines Tempolimit, von dem er noch vor Kurzem wenig hielt. Glückwunsch!

Dennoch ist Gabriel gerade dabei, einen kapitalen Fehler zu machen, einen, der ihn noch Kopf und Kragen kosten könnte. Denn im Namen der Weltrettung will der Minister Fahrzeugen in Deutschland schon bald Sprit mit einem erhöhten Bioanteil verschreiben. Der Stoff wird teurer sein als herkömmliches Benzin, was schon ein Grund für Aufregung sein wird. Obendrein aber, und das wiegt ungleich schwerer, könnte das neue Gemisch manches Vehikel regelrecht lahmlegen. Sollte aber auch nur der begründete Verdacht bestehen, Klimapolitik könne einen solch destruktiven Effekt haben, wären sämtliche Bemühungen zum Schutz der Erdatmosphäre auf Jahre hinaus diskreditiert. Vom Schicksal des Ministers ganz zu schweigen.

Tatsächlich ist der Drang zum sogenannten Biosprit eine politische Verirrung ohnegleichen. Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt den Zwang, den die Regierung auszuüben im Begriff ist, um mehr Pflanzensaft in die Tanks von Autos zu verfrachten. Das Unterfangen ist nicht nur Ausdruck ökonomischer und ökologischer Ignoranz. Zu allem Übel, bizarrer geht es kaum, droht es nun auch noch einen GAU unter vielen Motorhauben zu verursachen.

Es geht um rund 31 Millionen Fahrzeuge mit Ottomotor, die in Deutschland zugelassen sind. In Zukunft sollen sie nach den Plänen der Regierung mit Benzin fahren, das nicht mehr wie bisher nur maximal fünf Prozent, sondern bis zu zehn Prozent Bioethanol enthält. Der Zusatz, ein beispielsweise aus Weizen oder Mais, Zuckerrüben oder Zuckerrohr hergestellter Alkohol, ist allerdings chemisch aggressiver als Sprit aus Erdöl und kann deshalb Kraftstoffleitungen, Einspritzpumpen und Ventile schädigen. Wohlgemerkt: kann. Dann nämlich, wenn die empfindlichen Bauteile nicht korrosionsgeschützt sind. Da liegt das Problem.

Die Autoindustrie hat sich in Widersprüche darüber verheddert, wie gut die Motoren der früher gebauten, aber immer noch verkehrstüchtigen Autos den Biosprit tatsächlich verkraften. Zwar behauptet der deutsche Verband der Automobilindustrie (VDA), nur maximal 375.000 Fahrzeuge könnten das neue Gemisch namens E10 nicht verdauen; nur sie müssten deshalb in Zukunft an »Sonderzapfsäulen« Super Plus tanken, das noch für ein paar Jahre mit einem unschädlichen Ethanolgehalt von maximal fünf Prozent angeboten werden soll. Doch diese Beschwichtigung taugt schon allein deshalb nichts, weil die meisten ausländischen Hersteller ihre in der Vergangenheit gebauten Modelle bisher keineswegs für E10 freigegeben haben. Die Autofahrer sind deshalb nun maximal verunsichert, zumal im Ernstfall der Nachweis schwerfallen dürfte, dass ein mehrere Jahre altes Auto einen Defekt mit hundertprozentiger Sicherheit wegen des Biosprits erlitten hat. Haftungsansprüche der Kunden muss deshalb kein Hersteller fürchten, der E10 für unbedenklich erklärt.

Dass sich ausgerechnet die deutschen Produzenten für den verbraucherfeindlichen Biokraftstoff besonders starkmachen, kommt nicht von ungefähr. Nur ungern wollen sie nämlich ihre sogenannten Premium-Fahrzeuge beispielsweise durch schmalere Reifen, geringeres Gewicht, andere Getriebe und weniger PS umweltverträglicher machen. Je »grüner« aber der Sprit ist, so ihre Logik, desto weniger grün müssen die Autos selbst werden. Schließlich, so lässt ein bayerischer Autohersteller wissen, habe der biogene Anteil im Kraftstoff ja »einst beim Heranwachsen als Pflanze CO₂ gebunden«.

Dieses Argument, obwohl verkürzt und deshalb falsch, hat es mittlerweile weit gebracht: Zehn Prozent Pflanzensprit ist nach Beschlusslage der EU für das Jahr 2020 europaweit vorgesehen; die deutsche Regierung will bis dahin laut Kabinettsbeschluss von Meseberg sogar für eine Bio-Zwangsbeimischung von 20 Prozent sorgen. Es ist verrückt: Je deutlicher sich herausstellt, welch ein Irrweg die Nutzung von Biomasse zur Kraftstoffherstellung ist, desto mehr verliebt sich die Politik in die Biospritlüge.

Dabei gibt es mittlerweile kaum noch einen Experten, der den politischen Plänen irgendetwas Positives abzugewinnen vermag. Die OECD äußert ebenso Zweifel wie die Berater der EU-Kommission, der deutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen ebenso wie der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesagrarministerium. Es drohe eine »erhebliche Verschwendung öffentlicher und privater Gelder«, warnen die Öko-Weisen. Die »Beimischungsziele für Biokraftstoffe sollten zurückgenommen werden«, fordern die Agrarfachleute.

Tatsächlich widerspricht der Zwang zum Biosprit der elementarsten Anforderungen an rationale Politik. Sie lautet, knappe Ressourcen, also zum Beispiel Geld und Ackerflächen, so effizient wie möglich zu nutzen. Diesem Kriterium wird Biosprit in keiner Weise gerecht. Im Gegenteil, eine noch teurere Methode zur CO₂-Minderung lässt sich nur schwer finden. Im ungünstigsten Fall, dann nämlich, wenn Urwälder den Spritpflanzen zum Opfer fallen, kann die Biosprit-Klimabilanz sogar negativ sein. Dass die Politik diese Gefahr neuerdings mit der Lizenzierung von »guter«, das heißt umweltverträglich erzeugter Biomasse bannen will, ist zwar eine ehrenwerte Idee. Doch sie wird sich als untauglich erweisen. Allein der Streit über die Konformität einer solchen Zertifizierung mit Regeln der Welthandelsordnung dürfte sich über Jahre hinziehen.

Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Der Glaube an den vermeintlich klimaverträglichen Biosprit ist ein gefährlicher Irrtum. Dass sich zu allem Übel jetzt auch noch die Sorge darüber gesellt, ältere Fahrzeuge könnten mehr Biosprit im Kraftstoff womöglich nicht unbeschadet verdauen, sollte die Politik als Chance begreifen. Sigmar Gabriel sollte besser heute als morgen kraftvoll in die Bremsen steigen.

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Leser-Kommentare
  1. 1. *LOL*

    Aktueller denn je - von 2008 bis 2011 hat's wohl keinen interessiert. Oder man ging einfach davon aus, das die Bürger auch das ohne Murren hinnehmen...

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  • Quelle DIE ZEIT, 14.02.2008 Nr. 08
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