Bologna-Prozess Heiße Ware

Die Bachelor-Reform sollte die Zahl der Studienabbrecher verringern. Eine Studie zeigt: Bisher gelingt dies nur in wenigen Fächern.

Universitätsstatistik ist ein nüchternes Handwerk, ihre Produkte entfachen selten Leidenschaft. Wenn die Herren der Tabellen und Kurven vom Hochschul-Informations- System (HIS) jedoch von ihren neuesten Zahlen berichten, dann schleicht sich so etwas wie ein konspirativer Ton in ihre Rede. So als ob sie diesmal »heiße Ware« im Angebot hätten. Alle zwei Jahre ermitteln die Statistiker aus Hannover im Auftrag von Bund und Ländern, wie viele Studenten an deutschen Hochschulen im Studium scheitern. Erstmals seit der Einführung der neuen Studiengänge präsentiert das HIS Ende dieser Woche die Abbruchquoten auch für den Bachelor, die große Hoffnung aller Hochschulreformer .

In ganz Europa sollen die Studienabschlüsse im sogenannten Bologna-Prozess bis 2010 einander angeglichen werden. Für die deutschen Hochschulen gilt die Umstellung der Lehrstruktur auf Bachelor und Master als eine der einschneidendsten Neuerungen seit den Reformen durch Wilhelm von Humboldt vor 200 Jahren.

Kürzer und internationaler sollen die Jungakademiker in der gestuften Struktur lernen, mit klareren Leistungsanforderungen und größerer Nähe zur Berufspraxis. Vor allem aber sollen durch die kürzeren Studienprogramme – zum Bachelor geht es in sechs oder sieben Semestern – mehr Absolventen mit einem Titel die Hochschulen verlassen. Gerade in Deutschland mit seiner im internationalen Vergleich niedrigen Akademikerquote ist die Verringerung der Abbrecherzahlen ein wichtiges Ziel der Bologna-Umstellung.

Laut den HIS-Zahlen werden die hohen Versprechungen der Reformer erfüllt – und gleichzeitig bitter enttäuscht . So sinken die Abbruchquoten tatsächlich in Fächern, in denen früher besonders viele Studenten scheiterten. Im Sozialwesen kommen nur noch zehn Prozent der Anfänger nicht ans Ziel, 1999 waren es noch viermal so viele. Auch Geisteswissenschaftler schaffen es mittlerweile weit häufiger bis zum Examen.

Beide Erfolgsmeldungen lassen sich auf die Einführung des Bachelors zurückführen. »In den neuen Kursen nehmen wir die Studenten viel stärker an die Hand«, sagt Reinhold Grimm vom Philosophischen Fakultätentag. »Da bleibt keine Zeit mehr für das permanente Grübeln, ob man etwas Sinnvolles lernt.«

Doch leider proftieren nicht alle Fächer von der Reform. Schaut man sich das gesamte Spektrum der Disziplinen an, so fördert der Umbau der Lehrarchitektur womöglich sogar den Misserfolg (siehe Grafik). Während die Gesamtabbruchquote bei den Universitäten auf 20 Prozent gesunken ist, liegt sie in den Bachelor-Studiengängen bei 23 Prozent. An den Fachhochschulen bleiben gar 39 Prozent der Bachelorstudenten auf der Strecke. Studenten, die das Fach oder die Universität wechseln oder zum alten Diplom zurückgehen, sind dabei nicht mitgerechnet.

»Das ist ein Schlag«, sagt Andreas Geiger, Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), weiß er doch, dass die HIS-Daten Autorität beanspruchen können. Völlig überraschend kommt die Nachricht für Geiger jedoch nicht. Im eigenen Haus, der FH Magdeburg-Stendahl, kann er den Studentenverlust beobachten. Von den 87 Erstsemestern, die vor drei Jahren begannen, Wasserbau zu studieren, sitzen nur noch 36 in der Vorlesung.

Das Fach gehört zu den Disziplinen, bei denen HIS den größten Schwund vermutet: den Ingenieurwissenschaften . »Eine zentrale Rolle bei den hohen Abbruchquoten der Fachhochschulen dürften der Maschinenbau und die Elektrotechnik spielen«, sagt der Projektleiter, Ulrich Heublein.

Die nüchterne Diagnose erweist sich als politisch hochbrisant. Denn wer freut sich über mehr erfolgreiche Germanisten oder Soziologen, wenn gleichzeitig die Ingenieure durchs Raster fallen ? Deutsche Firmen investieren wieder massiv in die Forschung und die Entwicklung neuer Produkte. Gern würden viele Unternehmen mehr Techniker und Tüftler einstellen, nur sie finden keine. Schon jetzt bremse der Fachkräftemangel das Wachstum, warnt der Generalsekretär des Stifterverbandes, Andreas Schlüter. Er könnte sich in Zukunft weiter verschärfen.

Dabei sehen die Statistiker vom HIS in ihrer Erhebung keine Argumente gegen den Bologna-Prozess. »Die Ergebnisse taugen nicht dafür, den Bachelor zu verteufeln«, sagt Heublein. »Eher muss man fragen, wie gut die verschiedenen Disziplinen die Reform umgesetzt haben .« Gerade in den Ingenieurwissenschaften scheint dies nicht gelungen zu sein. Sie verfielen dem, was man in der Schule das G-8-Syndrom nennen kann. So wie die Gymnasien die Schulzeit um ein Jahr kappten, ohne das Curriculum zu entschlacken, übernahmen die Maschinenbauer und Elektrotechniker zwar den kürzeren Bachelor, versuchten die Stoffmenge aus dem langen Diplomstudium aber zu erhalten.

»Die schon vorher sehr anspruchsvollen Studienpläne scheinen durch die Reform noch dichter geworden zu sein«, analysiert Heublein. HIS-Interviews mit Abbrechern bestätigen die Vermutung. So klagen gescheiterte Bachelor-Studenten sowohl über den mangelnden Bezug der Seminare und Vorlesungen zur Praxis als auch über die enorme Verdichtung des Lernstoffs .

Studenten an Fachhochschulen trifft die erhöhte Arbeitsbelastung besonders hart. Sie stammen traditionell aus bildungsfernen Familien und müssen neben den Seminaren und Vorlesungen jobben. Der enge Studienplan, heißt es im HIS-Report, erschwere die Erwerbstätigkeit.

Mehr als einen ersten Hinweis auf die Probleme einiger neuer Studiengänge vermitteln die Zahlen aus Hannover freilich nicht. Viele Studiengänge haben mit der Umstellung erst vor wenigen Semestern begonnen, Mediziner oder Juristen noch gar nicht. Der Absolventenjahrgang 2006, den die HIS-Studie in den Blick nimmt, bestand nur zu sieben Prozent aus Studenten mit dem Bachelortitel.

Diese erste Generation begann ihre Zeit an der Uni unter widrigen Umständen. Keine Hochschule hatte Erfahrung mit der neuen Studienform oder gar zusätzliche Mittel, um sie zum Erfolg zu führen. Der Bachelor erfordere eine bessere Betreuung und kleinere Lerngruppen, sagt die HRK-Präsidentin Margret Wintermantel. »Dazu brauchen wir mehr Dozenten. Aber bis heute gibt es kein Geld dafür.«

Eine Reihe von Hochschulen kann die negativen Erfahrungen zudem nicht bestätigen. So beobachten die Fachhochschulen München und Aachen durch die Bacheloreinführung einen Rückgang der Abbrecherquote in den Ingenieurwissenschaften. »Ich kann mir die Zahlen nicht erklären«, sagt die Münchner Präsidentin Marion Schick.

Dass die HIS-Studie eher die Kinderkrankheiten der Bachelorreform widerspiegelt als ihre Geburtsfehler, legt das Beispiel Bochum nahe. Die Ruhr-Universität gehörte zu den Bologna-Pionieren in Deutschland . Sie begann mit der Umstellung bereits vor rund zehn Jahren. »Die ersten drei Jahre waren schwierig, es gab viele Probleme im Detail«, erinnert sich der Unirektor Elmar Weiler. Mittlerweile gehört der Bachelor zum Hochschulalltag, und die Statistik spricht eine andere Sprache. Weiler: »Unsere Absolventenzahlen steigen seit Jahren an. Zwischen 2001 und 2007 haben sie sich glatt verdoppelt.«

 
Leser-Kommentare
  1. Ein Grund für die Einführung des Bachelors war die Senkung von Kosten im Bildungswesen - schon wieder vergessen, Frau Wintermantel?Wo käme man hin, wenn die Leute über den Sinn ihrer Tätigkeit nachdenken würden - und das noch dazu "permanent" (Grimm); da muss man das als "Grübeln" apostrophieren und sie "an die Hand" (nicht einmal "an der Hand") nehmen, etwas Druck aufbauen, Studienzeiten verkürzen, Prüfungen vermehren - dann geht das unfruchtbare Reflektieren zurück. Zuviel Denken schadet Geisteswissenschaftlern, Herr Grimm."Verdichtung des Lernstoffs" heißt faktisch Dequalifikation, da nicht alle Bachelor-Absolventen ein Masterstudium weiterführen werden - und sollen.Modell gut, aber schlecht umgesetzt? Ein Erfolgsmodell mit partiell höheren Abbrecherquoten, weniger Auslandsaufenthalten, weniger Studienortswechseln, mehr Verschulung, geringerer Qualifikation, niedrigerem Reflexionsniveau, ungünstigen Aussichten auf dem Arbeitsmarkt - sonst aber außer (sicher "vorübergehenden") Umsetzungsmängeln alles in Ordnung? "Eine der einschneidensten Neuerungen seit den Reformen durch Wilhelm von Humboldt vor 200 Jahren" muss doch wohl als erfolgreich dargestellt werden können - auch wenn es einigen Interpretations- und Überzeugungsaufwandes bedarf.  

    • tzeuch
    • 15.02.2008 um 15:44 Uhr

    Eins wird durch die Zahlen deutlich. Die Implementierung des Bachelors ist vor allem durch das Überstülpen eines Einheitsmodels (in Bezug auf Prüfungsverfahren, Creditpoint-Vergabe-Kriterien, Schlüsselqualifikationsmodulen, Master-Übergangsquoten, etc) auf Disziplinien und Hochschulen gescheitert, die sich in ihrer Struktur und ihrem Reformbedarf grundsätzlich unterscheiden. Die Zahlen sind noch nicht sehr aussagekräftig, Anlaufprobleme spielen sicher auch eine Rolle. Aber einige Entwicklungen zeichnen sich klar ab. In den Natur- und Ingenieurwissenschaften, aber auch BWL war das Studium schon immer verschult, eine stärkere Strukturierung war nicht ansatzsatzweise erforderlich und ist oft auch nicht erfolgt. Der Stoff wurde vielfach schon in den 90er Jahren im Reformerjargon "entrümpelt" und "entschlackt", so dass z.B. an unserer "Eliteuni" sehr viele das Diplom nach 9 Semestern und im Schnitt nach 10 Semestern in der Hand halten. Was sich im Bachelor geändert hat ist der "von oben" oktroyierte Prüfungshagel, der dazu führt, dass die in Natur- und Ingenieurwissenschaften typischen Startschwierigkeiten, die sich im dritten, vierten Semester oft legen, massiv gesteigert werden. Da im Bachelor das Zwangsrausschmiss-Damoklesschwert (nur 30% kommen in den Master lassen Ministerien bundesweit verautbaren, aber es gibt erste Rückzieher wie in Hamburg) über jeder Klausur mitschwingt, steigern sich der Stress und Prüfungsangst enorm. Gleichzeitig ist der Turbo aus und die Bremse eingeschaltet: Die Studenten verschieben die Modulklausuren entweder aus Prüfungsangst oder zur Notenverbesserung immer weiter hinaus, so dass eventuell eine Studiendauer von im Schnitt 9 Semestern für den Bachleor im Vergleich zu 10 Semestern für das alte Diplom herauskommen kann. Nur hat man dann auch nur 60% des Stoffes behandelt, von Verdichtung keine Spur. Diese notenstressinduzierte Verlängerung war bei der Umsetzung der BaMa-Umstellung fast allen Lehrenden klar, konnte man schon im Reformstudiengang BWL sehen, aber Warnungen an die Hochschulleitung oder das Ministerium wurden bei Seite geschoben. Der Refomwille war so unbändig, das Konzept auf dem Papier so bestechend, das Kosteneinsparungspotential so verlockend, dass ein differenzierter Blick auf die Hochsschullandschaft zwecks maßgeschneiderter Vorgaben scheinbar völlig überflüssig war. Diese überhastete und vor allem strukturblinde Vorgehensweise holt die Reformantreiber in den Ministerien und mancher Hochschulleitung jetzt ein.Denn für Physik, Chemie, stärker aber noch Maschinenbau und E-Technik war auch seitens der Industrie klar, dass man keinen einzigen Absolventen weniger auf 10 Semester-Niveau, egal ob Diplom oder Master sehen möchte. Sondern man erhoffte sich durch Verringerung der Abbrecherquoten ein Plus für die sechssemestrig ausgebildeten , die Chemielaboranten (Chefrekrutierer BASF) ersetzen oder im Vertrieb und Kundendienst oder Logistik tätig sein sollen (Siemens BaMa Experte). Nur sah das Ministerium dies völlig anders. Die Industurie soll gefälligst den Master und die Promotion selber zahlen wurde mir von einem Referatsleiter 2004 geschrieben, also 70% raus, basta. Da war deutlich absehbar, welch unkoordinierter Wahnsinn ins Rollen kommt... Denn der Bachelor als Scharnier ins Ausland, in die Wirtschaft (evt. mit anschließendem Master) oder in eine andere FachrichtungNur wie Arthuranna in einer anderen Diskussion (http://kommentare.zeit.de...)für die Geisteswissenschaften schrieb, sei es hier durchaus förderlich von den Studenten zu erwarten, dass sie sich die Voraussetzungen für das freiere, aber fundierte Reflektieren im Master erst einmal im Bachelor erarbeiten müssen. Meine Erfahrungen als ehemaliger Lehramtsstudent in Pädagogik und Psychologie bestätigen dies, aber das ist jetzt nur typische Naturwissenschftler-Kritik an zielosen Endlosdiskussionen in einer Reihe von Seminaren und sollte nicht zu ernst genommen werden.Allerdings zeigen die Zahlen, das in Punkto-Abbrecherquote in den Geisteswissenschaften Fortschritte zu vermelden sind. Ob dies auch für die Inhalte, vor allem die Berufsqualifizierung gilt, bleibt abzuwarten.Es wird spannend, wenn 2010 die ersten großen Bachelorjahrgänge auf den Arbeitsmarkt drängen, dann werden auch die HIS-Zahlen belastbarer.

    • tzeuch
    • 15.02.2008 um 15:51 Uhr

    Denn der Bachelor als Scharnier ins Ausland, in die Wirtschaft (evt. mit anschließendem Master) oder in eine andere Fachrichtung wie z.B. von den neun großen TUs als wesentlicher Reforminhalt gefordert, war überfällig !!

  2. der bachelor ist sicher etwas notwendiges und sinnvolles, in vielen bereichen ueberfaelliges. ich finde auch schoen, dass jetzt mehr leute mit einem abschluss die uni verlassen. aber was lernen sie denn da?
    »Da bleibt keine Zeit mehr für das permanente Grübeln, ob man etwas Sinnvolles lernt.«
    das "faust-syndrom" (b. nuss) hat sicher seine exzesse gezeitigt, aber die muße zur kritischen hinterfragung und die offene diskussion war immer auch einer der magneten des deutschen uni-systems fuer auslaendische studenten, die zu hause keine zeit zum "permanenten gruebeln" hatten. bei vielen studienordnungen hat man den eindruck (wie uebrigens auch bei g8), dass ein bisschen nachdenken ueber die sinnhaftigkeit der vermittelten inhalte seitens derer, die die studenten bei der hand nehmen und ihnen die laestige sinnfrage guetig abnehmen wollen, gar nicht geschadet haette. ausgerechnet jetzt, wo die studenten staerker finanziell beteiligt werden und ihnen zugleich immer weniger zeit schon zur subsistenzsichernden jobberei bleibt und sie evtl. kredite aufnehmen muessen, gerade da sollen sie nicht einmal mehr fragen, ob sich das geschaeft auch fuer sie lohnt (wenn wir "sinnvolles" so weit fassen, dass es sogar noch den oekonomischen nutzen einbezieht)? wer soll denn dann die naechsten reformen machen?

  3. In den Ingenieurswissenschaften hat sich eigentlich nur der Titel geändert. Die Dipl-Ings sind nun Master geworden. Der Lerninhalt ist im Prinzip der Gleiche geblieben, mit einem Bachelor geht im Moment sowieso niemand von der Uni. (Jedenfalls noch nicht in Deutschland.)In den Naturwissenschaften hat sich garnichts geändert, nach 3 Jahren Bachelor, 2 Jahren Master und 3-4 Jahren Promotion lautet der Regelstudienabschluss weiterhin Dr. rer. nat. Der Inhalt ist vollkommen identisch.Das bei der (an vielen Unis wahrscheinlich längst überfälligen) Restrukturierung der
    Lehrpläne ein paar Universitäten über das Ziel hinausgeschossen sind
    ist auch schon früher vorgekommen und verwundert mich nicht im
    Geringsten. Das Verständnis der Professoren für die Arbeitsbelastung ihrer Studenten und Doktoranden war in den Natur- und Ingenieurswissenschaften noch nie sehr stark ausgeprägt. (Mathe und Informatik zählen ich dazu.)Kommen wir zu den "Party-Studenten", also den armen Opfern eines geisteswissenschaftlichen Studiums.Da hat sich dann doch eine ganze Menge geändert. Anstelle von "Sitzscheinen" und nur einer wirklich wichtigen Prüfung (Staatsexamen, Magister) ist es auf einmal erforderlich, wie in der Schule (oder in den Natur/Ing-Studiengängen) jedes Semester Prüfungen zu schreiben! Es ist nicht mehr möglich, sich den Lehrplan selbst zusammenzustellen (ging in den Natur/Ing-Studiengängen auch im Diplom nur in sehr engen Grenzen)! Auf einmal bekommt man in den ersten vier Semestern einen richtigen Stundenplan und riskiert bei nicht bestehen der zugehörigen Prüfungen am Ende des Semesters (klar darf man auch wiederholen) ziemlich schnell rauszufliegen! Ein paar Semester vor sich hingammeln und ab und zu mal einen Sitzschein machen ist im Bachelor nicht mehr möglich. Das passt natürlich so manchem nicht ins Konzept! (beenden wir die Polemik...)Ich bin bereit einzugestehen, dass sich das Studentenleben für diese Zunft stark verändert. Schnell wird der Vorwurf erhoben, es ginge nur noch darum, Absolventen für die Wirtschaft zu produzieren. in realitas ist der Bachelor aber nur eine längst überfällige Reaktion auf die Studentenschwemme in den Geisteswissenschaften. Der Magister erlaubt nunmal ein sehr "freies Lernen", erzeugt aber bei der völlig vogelwilden Belegung der Seminare und Vorlesungen durch die Studenten (der eine macht sie im zweiten, der andere im sechsten Semester) eine Menge Reibungsverluste und sorgt für ein totales Organisationschaos. Ich sehe keine Einschränkung in der Lernfreiheit, wenn die Veranstaltungen, die sowieso jeder besuchen muss, einfach organisiert im Paket, mit Stundenplan angeboten werden. Das vereinfacht die Organisation der Lernveranstaltungen enorm, da vollkommen klar ist, wer wann was besucht.Im Falle des "jobbens, würde sich die Situation auf jeden Fall extrem entschärfen, wenn das Bafög um 30% erhöht würde. (Alternativ wäre ein "örtlicher Hebesatz" hilfreich)Der Bachelor ist eine super Sache, denn jetzt ist es ohne größere Schwierigkeiten möglich, für den Master an eine Uni im Ausland zu gehen. Ich kann nur jedem raten, davon regen Gebrauch zu machen.Und, um noch das Argument der mangelnden Akzeptanz bei deutschen Arbeitgebern zu entkräften. Das wird sich ganz schnell ändern, da es bald kaum noch Diplomabsolventen gibt.GrüßeTrench, BSc, MSc

  4. Mit einem Augenzwinkern kann ich deine Polemik gut ausblenden, denn es steckt viel Wahres darin...Aber es hakt an zwei Stellen:"Der Bachelor ist eine super Sache, denn jetzt ist es ohne größere
    Schwierigkeiten möglich, für den Master an eine Uni im Ausland zu
    gehen. Ich kann nur jedem raten, davon regen Gebrauch zu machen."Von wegen - ein Uniwechsel zum Master ist eine Qual. In der Theorie klingt das schön, aber in der Praxis geht's daneben - da eben viele Unis zwar den Bachelor anerkennen - aber nur mit Einschränkungen (weil das eigene Curiculum nicht erfüllt ist). Meine Freundin hat gerade einen Anerkennungsmarathon hinter sich - und zwar nur weil sie von Zürich nach Basel bzw. Freiburg wechseln wollte. Die sagten ihr einfach schlichtweg: Schön, dass sie den Bachelor haben. Aber Sie haben ihn einfach nicht bei uns gemacht, daher fehlt Ihnen einiges an Stoff! (Dafür hatte sie mehr Stoff in anderen Fächern.) Was bringt dann ein angeblich überall anerkannter Abschluss? Gleiches gilt auch für die Anerkennung der ECTS-Punkte (die die Anerkennung von Studienleistungen ja eben transparent und vergleichbar machen sollte). Viele Institute scheren sich einen Dreck um die Anerkennungsfrage, sondern wollen einfach ihr eigenes Ding durchziehen."Und, um noch das Argument der mangelnden Akzeptanz bei deutschen
    Arbeitgebern zu entkräften. Das wird sich ganz schnell ändern, da es
    bald kaum noch Diplomabsolventen gibt." Und wer sind die Leidtragenden? Die Übergangs-Studierenden. Da hilft ihnen auch nicht, dass es die nächste Generation vieeeeeeel einfacher haben wird...Und noch was zum Studieren im Allgemeinen: Ich war ein "gewissenhafter" Geisteswissenschafts-Student (Philosoph und Theologe), gehörte auch eher zu den Besseren im Jahrgang und genoss die Zeit der Muße (die andere nie hatten, weil sie einfach viel mehr Zeit zum Lernen brauchten) bzw. die langen Party-Abende - weil sie einfach zum Studieren dazu gehören. Und wir hatten viele Mediziner und Juristen beim Feiern dabei - aber eben nur die, die "es drauf hatten". Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.Ums Lernen kam und kommt man nicht herum beim Studieren, Muße hin oder her - aber ich möchte doch anfügen, dass verschultes Lernen mit einem klassischen Studium nichts zu tun hat. Denn Theologie/Philosophie (Medizin war auch früher sehr philosophisch) sind nun einmal die ältesten Studiengänge, die es gibt - also ist es auch gutes Recht dieser Geisteswissenschaften zu Definieren wie ein "wahres" Studium auszusehen hat.Für mich sind Ingenieur- und Wirtschaftsstudiengänge keine Studiengänge, sondern Ausbildungsgänge an der Uni - und die sind nun einmal verschult. Richtiges Studieren erfordert nun einmal Grübeln! Und auch die Zeit dazu. Daher finde ich, dass ein Bachelor/Master bei Grübel-Fächern nichts verloren hat. Ein praktischer Abschluss in Philosophie, den man durch einen wissenschaftlich orientierten Master ergänzen kann? LOL! Den Bachelor nimmt da doch keiner ernst! Und er macht keinen Sinn (außer als Zwischenprüfung - aber da hätte man auch das klassische Propädeutikum behalten können), die Anerkennung beim Uniwechsel lief bei Philosophen/Theologen auch vor dem Bachelor/Master gut, bei einigen Unis sogar besser (weil jetzt erst die einzelnen Unis meinen, zu wissen, wie ihr eigener Philo-Bachelor aussehen muss, vorher war das klar!)So long, Studium vs. Ausbildung mit Studiencharakter - ein kleiner aber feiner Unterschied...

  5. Die von Ihnen beschriebenen Probleme mit der Anerkennung betreffen deutsche Studierende aber nicht! Im europaeischen Ausland werden deutsche Bachelor relativ problemlos anerkannt, nur andersherum ist es ein Problem.Wer also mit einem deutschen Bachelor nach Frankreich, England, Benelux, ... wechseln moechte hat in der Regel kein groesseres Problem.Das es sich bei wirtschafts- und ingenieurswissenschaftlichen Studiengaengen im Prinzip nur um bessere Berufsausbildungen handelt, halte ich fuer eine ziemlich steile These. Mit der gleichen Begruendung koennten Sie die Medizin auch in diesen Topf schmeissen. In einem naturwissenschaftlichen Studium wird man zum Wissenschaftler ausgebildet... Ergo waeren nur noch geisteswissenschaftliche Studiengaenge ein echtes Studium, weil man eben nur dieses und jenes Faechlein studiert aber keine "Ausbildung" bekommt. Wobei ich immer dachte, dass ein Jurist dazu ausgebildet wird, im Gutachtenstil Stellung zu juristischen Sachverhalten zu beziehen. Bei einem Historiker wuerde ich erwarten, dass er lernt, wie Quellen zu wuerdigen sind etc... Ist nicht letztlich auch ein geisteswissenschaftliches Studium eine Ausbildung?GruesseTrench

  6. Natürlich ist auch ein geisteswissenschaftliches Studium eine Ausbildung - mir ging es vor allem darum, ein wenig zu polemisieren - da (auch schon in meinem Studium) gerne über die Art des Studierens von Philosophen/Theologen gelacht wird. In Sachen freie Fach- und Schwerpunktwahl, Vorlesungspflicht etc.. Das ist für viele Ringelpietz mit Anfassen, da "hartes" Lernen nicht Pflicht ist.Dabei finde ich eben, dass das gerade ein Studium ausmacht - und es ist nun einmal die älteste Form des Studierens. Sich selber in den Hintern treten zu müssen, morgens in die Vorlesung zu gehen ist eine höhere Leistung (und Ausdrcuk von Reife), als zu wissen: Da muss ich eh hin, ansonsten bekomme ich keinen Punkt!Und zudem dient es als gute Rückmeldung für den Prof. Denn wenn die Vorlesung gut ist, dann ist sie auch gut besucht - ist sie jedoch schlecht, kommt einfach keiner! Besteht jedoch Anwesenheitspflicht, dann muss ich dahin - obwohl das häufig einfach Zeitverschwendung ist. Den Stoff bekomme ich viel besser in Büchern erklärt (viele Profs lesen doch eh ihre Bücher vor:-)). Im Bachelor sollen Evaluierungsbögen für die Rückmeldung sorgen (aber die müssen wieder ausgewertet werden, was wieder mehr Verwaltung bedeutet...)Ein klassisches Studium setzt für mich einen reifen Menschen voraus, der lernmotiviert ist (oder seine Demotivation durch seine Begabung ausgleichen kann). Für viele ist das nichts, da ihnen eher der Schultyp liegt, bei dem ihnen klar vorgegeben wird, was sie wann tun müssen. Und da regt sich bei mir eben Widerstand, da ich finde: Das passt prinzipiell zu einigen Wissenschaftszweigen nicht! Meine Erfahrung ist zudem: wird jedes Semester jede Vorlesung einzeln abgeprüft, dann steigert das die Stofffülle, aber nicht das Wissen der Studierenden. Gerade das fächerübergreifende vernetzte Denken (was zwangsläufig bei den großen Abschlussprüfungen nötig ist, um überhaupt den ganzen Stoff zu behalten) war für mich eine der intensivsten Erfahrung im Studium. Gespickt mit Erkenntnissen über Zusammenhänge. Meine Semestralexamen (die es in einigen wenigen Fächern damals schon gab) waren jedoch für die Katz. Ich weiß kaum noch etwas davon - lediglich dass der Prof genervt war.Ich hoffe, dass rübergekommen ist, was ich meinte: Das Studium "der allgemeinen Künste" (das Propädeutikum des Mittelalters) war nicht verschult und das ist für mich das Ideal. Und diejenigen, die so studieren wollen - sollten das auch können, (Eigentlich ist ein sehr elitärer Ansatz, auch wenn er auf den ersten Blick nicht so aussieht:-).) gerade weil er in einigen Fächern Sinn macht. Z.B. auch bei Historikern.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service