Steppenwolf : Der Wilde von nebenan

Hannover nach dem Krieg: Zwei Jungs spielen Fußball. Der eine singt später "Born To Be Wild", der andere wird Journalist und schreibt über ihr Wiedersehen nach 50 Jahren.

in kurzer Drum-Schlag, drei Akkorde vom Keyboard und dann Licht. Ssuukkissukkkisssukkki – obszön schleppend und scharf konturiert der Rhythmus, schamlos schlüpfrig der Text: »Let it hang out, baby« – Sex, grob und pur, die Südstaatenradios haben so was damals nicht gespielt. Steppenwolf – das ist die Stimme von John Kay: schnörkellos, rau, dunkel, aggressiv und so rostig, wie ein weißer Kehlkopf es hergibt. Schwarze Stiefel, nackte Arme, schwarzes T-Shirt und das alte Adrenalinspiel mit dem Mikro-Ständer. Auf den Rängen des Baseballstadions sitzen alle Stämme des Hardrock-Publikums: Muttis mit Dauerwelle, Vatis mit Bauch und ihre Kinder. Oder sind es die Enkel? Und natürlich jede Menge Biker: karierte Hemden, graue Zöpfe über weiß-blauen Jeanswesten, nachgefärbte Barbies mit generösen Hüften, Lederhosen, silberbestickt: »Rebel Without A Cause«.

Kein Nebel, kein Glitzerkram. Die Hüftschwünge knapp, die virile Aggression leicht ironisch, die Riffs so kurz wie das Verführspiel an der Rampe. Ein Traditionsunternehmen im Hardrock-Segment, nicht totzukriegen und stark belebend. Dies ist das letzte Konzert der letzten Tournee und John Kay der einzige Steppenwolf, der durchgehalten hat seit 68. Die nackenlangen Haare über dem kantigen Gesicht sind noch dunkel und voll, nur die schwarze Brille fehlt. Der Mann ist 63, aber selbst aus drei Meter Abstand könnte er für Anfang 50 durchgehen. Und zwangsläufig hört die Show mit dem Song auf, der für Generationen nachwachsender Rockbands Pflichtübung war, zu dem brave Schüler in Provinznestern ihre Haare wachsen ließen, Clinton seinen Joint drehte, die Astronauten im Spaceshuttle kreisten und die GIs in den Dschungel zogen. Mit diesem wütenden Doppelpunkt aus sechs Tönen: Nun macht mal los, draußen ist das Abenteuer, kriegt den Arsch hoch. Unten recken sie die Fäuste und brüllen mit: »Born to Be Wild«. Die im Dunkeln die Finger zum Wolfsgebiss spreizen, sehen aus wie Männer, die hart arbeiten, nach den Regeln spielen und trotzdem nicht richtig gut durchkommen. Frauen, die tagsüber vielleicht Vorschulkinder betreuen, schwenken das Transparent »Thank you for all these years«. Dann geht das Licht aus, der Drummer wirft sein Hemd ins Publikum. Auf dem Rasen hinter der Bühne schlägt ein Junge Akkorde auf einer Spielgitarre und rennt, um sich ein Autogramm zu holen.

Es hat mal wieder mächtig gerockt. Auch in mir. Aber was mache ich hier, in Aberdeen, Maryland?

Es muss 2001 gewesen sein, als mich nachts ein Lied im Radio elektrisierte: Eine Mutter haut ab, nach 20 Jahren ohne ein Zimmer für sich selbst; ein Arbeiter wird gefeuert, mit zwei Wochengehältern Abfindung nach einem Leben für die Firma; ein junges Paar will Kinder – aber nicht so, aber nicht hier, ein bessres Leben finden wir überall: Let’s live another way, like heretics and privateers . Eine Ballade über den Exodus der Ketzer und Freibeuter – ein Lied von der Art, wie sie mich in den frühen Sechzigern anpolitisierte (so hieß das dann später), aber die Gitarrenschläge unerbittlicher, die Stimme fordernder als in anderen Songs. In diese Sozialpoesie war der Rock eingewandert. Dann sagte der Moderator, der Sänger sei John Kay von Steppenwolf, aber eigentlich heiße der Joachim Krauledat.

An der Stimme hätte ich den Jungen nicht erkannt, der mich, ein halbes Jahrhundert ist das her, auf dem Fensterbrett eines Treppenhauses in Hannover für ein paar kostbare Minuten seine Gibson J200 halten ließ. Die war weiß und sah aus wie die von Elvis – aber sie war aus Hartfaserplatte gebastelt und der Hals zu schwach, um Saiten zu halten. Damit stand der Junge stundenlang vor dem Spiegel seiner Mutter, rockte und sang Wörter, die er nicht verstand. Der Spiegel war groß, denn die Mutter war Änderungsschneiderin, und ihr Mann fuhr Zigaretten aus. Das war in der Kronenstraße 37 in Hannover, Mitte der fünfziger Jahre, in einem dieser hellhörigen Nachkriegsmiethäuser mit ihren 40-Quadratmeter-Familieneinheiten, in denen man immer leise sein musste.

Ich fand den Jungen aus dem dritten Stock etwas unheimlich, auf jeden Fall für mich unerreichbar. Mit zwölf schon rannte er im schwarzen Trenchcoat herum, trug Röhrenhosen, seine Schuhe waren braun mit weißem Deckblatt. Immer trug er diese dunkle Brille, immer nahm er ein paar Stufen auf einmal, vielleicht musste er zum Essen und war spät dran, oder er wollte nicht angesprochen werden. Er war nur gut anderthalb Jahre älter als ich, aber schon durch den Stimmbruch und groß wie 18. Ich sang Sopran im Schulchor der Leibnizschule: die Freimaurerhymne von Mozart. »Brüder, reicht die Hand zum Bunde.« Das trieb mir die Tränen in die Augen, verschmolz mit den Wochenschaubildern vom 17. Juni und ein paar Jahre später umstandslos mit der ersten Brecht-Lektüre. What If Mozart Wrote Born to Be Wild? – so heißt der Titel einer alten CD, einer Hommage verschiedener Künstler an Steppenwolf. Gute Frage. What if Adorno had liked jazz? War aber nicht so.

Der Junge mit der Hartfaser-Gibson hatte mit Mozart nichts im Sinn und auch nicht mit den Musikfilmen, in denen Caterina Valente und Peter Alexander sangen: »Komm ein bisschen mit nach Italien.« Über Serge Jaroff und den Original-Donkosakenchor hätten wir uns vielleicht einigen können; als er die in der Marktkirche hörte, musste er weinen, aber nicht im Traum hätte er damals daran gedacht, mir von so etwas zu erzählen. Er hieß Krauledat, seine Eltern hießen Kyczinski, das fand ich merkwürdig. Ebenso merkwürdig war, was von seiner Schule erzählt wurde: Dort gingen nur die minderbegabten Kinder reicher Eltern hin, und sie würden in weißen Kleidern sonderbare Gymnastik treiben. Reich war die Familie im dritten Stock nicht. Die Mutter war mit dem Sohn aus Tilsit geflohen, zunächst in die Sowjetische Besatzungszone, nach Thüringen, wo sie irgendwann merkte: Der Kleine schreit immer, wenn er in die Sonne blickt. Extreme Lichtempfindlichkeit, Kurzsichtigkeit, Farbenblindheit stellte der Arzt fest und sagte: »Er braucht gute Ernährung.« Im Klartext hieß das damals: Gehen Sie in den Westen, aber das war 1949 nicht mehr so einfach. Bei Nacht werden sie über die Grenze geführt. Der Junge ist fünf, trägt einen Rucksack, er hustet, und ein Mann sagt: »Halt den Kopf runter. Sonst schießen sie.« 20 Jahre danach wird er ein Lied schreiben mit dieser Zeile – aber über die Erinnerung an die Angst auf der Flucht hat sich da schon die Wut über die konformistisch gebeugten Köpfe im Land der Freien geschoben.

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