Sie sei nicht sonderlich emotional, sagt die Hebamme Gode Baumeister. Und wahrscheinlich ist sie auch zu lange im Geschäft, um noch gerührt zu sein von einer Geburt. Nicht falsch verstehen, sie mag das, einem Menschen auf die Welt zu helfen, und wenn nachts um drei ihr Handy klingelt, wenn sie in ihren Twingo steigt und durch den nebligen Wald zur Klinik fährt, freut sie sich auf den Kreißsaal, weil ihre Arbeit ein schönes Handwerk ist und weil sie gern zuschaut, wenn ein Neugeborenes zum ersten Mal genüsslich an der Brust der Mutter trinkt. Aber wirklich gerührt ist die Hebamme von etwas anderem: vom Wochenbett, wenn sie zusehen kann, wie aus einem Paar eine Familie wird. Die frischen Eltern, die durch das Baby aus dem Takt geraten und nachts um drei Spaghetti kochen, sind wie Verliebte, sie können nicht weiter in die Zukunft denken als vier Wochen.

Eine Familie werden, das gelingt nicht immer, und nach all den Jahren würde Gode Baumeister nicht wagen, vor der Geburt eine Prognose abzugeben, bei wem es gut laufen wird und bei wem nicht. Bei allen Paaren aber spürt sie Hilflosigkeit, denn keiner scheint mehr zu wissen, wie das geht: Mutter sein, Vater sein.

Beleghebamme. Ein hässliches Wort für einen sehr schönen Beruf. In Gode Baumeisters Praxis in Hamburg kommen Frauen schon während der Schwangerschaft, zur Vorsorgeuntersuchung und um den Menschen kennenzulernen, der den vielleicht intimsten Moment ihres Lebens mit ihnen teilen wird: wenn ihr Kind auf die Welt kommt. Frauen, die schon einmal in einer Klinik ein Kind geboren haben und traumatisiert sind, weil sie allein waren mit ihren Schmerzen und ihrem Freund oder Mann, der ihnen auch nicht helfen konnte. »In den Kreißsälen sieht es schlimm aus«, sagt Gode Baumeister. Sie gehörte selbst mal zur Maschinerie.

Heute will sie ein Gegenmodell zum durchrationalisierten Gesundheitsbetrieb entwerfen. Sie steht so lange im Kreißsaal, wie die Geburt dauert; wann ihre Schicht beginnt und wann sie endet, entscheidet das Kind. Die Hebamme spricht nicht von Patientinnen, sondern von »meinen Frauen«. Entweder kann man das sehr altmodisch finden oder sehr modern: Die Beleghebamme ist eine Art Personal Trainer für werdende Mütter, der ultimative Dienstleister, immer verfügbar.

Wie also blickt jemand, der das Leben vom Anfang her betrachtet, auf die Gesellschaft? Und wie honoriert diese Gesellschaft die Anstrengung derjenigen, die für eine sichere Ankunft in der Welt sorgen?

Hebammen haben einen unverstellten Blick in die Schlafzimmer des Landes