Internate Nah oder fern? Früher oder später?
Wenn es um die Wahl eines Internats geht, stehen Eltern und Kinder vor wichtigen Fragen.
Wie viele Internate gibt es in Deutschland?
In Deutschland gibt es rund 250 Internate mit allgemeinbildenden Schulen. In ihnen werden gut 10.000 Schüler sämtlicher Altersgruppen unterrichtet und betreut. Katholische und evangelische Einrichtungen stellen den Großteil der Internatsplätze zur Verfügung. Die Vereinigung der Landerziehungsheime (LEH) deckt an 21 Standorten rund ein Drittel der Schülerschaft von deutschen Internaten ab.
Lässt sich bei Internaten ein ähnlicher Gründungsboom wie bei Privatschulen erkennen?
Internate werden wesentlich zögerlicher gegründet als Privatschulen. Der deutsche Markt ist hart umkämpft, vor allem weil Eltern ihre Kinder inzwischen auch auf englische Internate schicken. Ein gewisser Boom ist derzeit bei Sportinternaten zu beobachten. Von ihnen versprechen sich Vereine und Verbände mehr Erfolg in der Nachwuchsarbeit. Oft sind dies Kleininternate ohne eigenen Schulbetrieb. Die Schüler gehen auf die angrenzenden öffentlichen Schulen und widmen sich im Internat dem Training in ihrer Sportart. Eine der jüngsten Gründungen ist das Fußballinternat in Wolfsburg.
Welche Typen von Internaten gibt es?
Die Vielfalt der Internate in Deutschland ist groß und verwirrend. Bei der Auswahl eines Internats sollten die Bedürfnisse und die Persönlichkeit des Kindes an erster Stelle stehen. Eltern sollten sich auch über die pädagogischen Ansätze verschiedener Internate informieren. Die Landerziehungsheime zum Beispiel sind der Überzeugung, dass es nicht gleichgültig ist, in welcher Umgebung ein Kind aufwächst. Diese Internate verstehen sich als »Wohnschulen« auf dem Land. Andere spezialisieren sich auf Hochbegabte oder aber auf Schüler mit musischen oder sportlichen Begabungen. Bestimmte Internate richten sich an besondere Zielgruppen, beispielsweise an Schüler mit Lese-Rechtschreib-Schwäche oder hyperaktive Kinder. Internate gibt es für jede Schulform und sämtliche Abschlüsse.
Wann ist der richtige Zeitpunkt, um ein Kind aufs Internat zu schicken?
Oft geht eine solche Entscheidung von den Eltern und nicht vom Kind selbst aus. Die klassischen Beweggründe sind nach wie vor beruflicher oder familiärer Natur. Wenn Eltern Vollzeit arbeiten, getrennt leben oder ein Elternteil alleinerziehend und berufstätig ist, sprechen viele Argumente für ein Internat. Oft sind es auch schulische Gründe, die zum Wechsel ins Internat führen. »Eltern suchen die Ursachen für die schulischen Probleme nicht mehr sofort beim Kind – sie machen auch die Bedingungen an der Schule verantwortlich. Sie erwarten, dass ihr Kind so angenommen wird, wie es ist«, sagt Internatsberater Hartmut Ferenschild von der LEH-Internatsberatung. Bei der Wahl des Internatsplatzes müssen die Kinder unbedingt einbezogen werden. Sie sollten gerne und freiwillig in ein Internat kommen und emotional gefestigt und selbstständig sein. Grundschulkinder werden am häufigsten von Heimweh geplagt. Die meisten Schüler starten ihre Internatskarriere erst in der siebten, achten oder neunten Klasse.
Worin unterscheiden sich Internate von Tagesschulen?
Internate sind klassische Ganztagsschulen, in denen sich Phasen des Lernens und Konzentrierens mit spielerischen, musischen und sportlichen Angeboten abwechseln. Die Internatsschulen sind staatlich anerkannt und die an ihnen erworbenen Zeugnisse und Abschlüsse denen staatlicher Schulen gleichgestellt. Mit Harry Potter und Schloss Einstein haben die realen Internate wenig gemein. Richtig ist aber, dass an Internaten sehr enge persönliche Beziehungen entstehen, nicht nur unter Schülern, auch zwischen Schülern und Lehrern. In den Landerziehungsheimen wohnen viele Lehrer gemeinsam mit den Schülern im Internat. Sie erleben sich beim Zähneputzen, Frühstücken und beim Fußballspielen.
Sind Internate nur etwas für Kinder reicher Eltern?
Internate betonen gern, für alle Kinder offen zu sein. Die Realität sieht anders aus. Ein Internatsplatz kostet zwischen 1.200 und 2.000 Euro im Monat, an manchen Standorten deutlich mehr. An konfessionellen Internaten bezahlen Eltern 400 bis 1.200 Euro im Monat. Etliche Internate, darunter auch Salem, schreiben Leistungsstipendien aus, die oft durch wohlhabende Eltern und Spenden der Altschülerschaft ermöglicht werden. In Ausnahmefällen, beispielsweise bei lernschwachen Kindern, übernehmen die Jugend- oder Sozialämter die Internatskosten.
Was bieten die englischen Internate?
Pro Schuljahr gehen rund 1200 deutsche Schüler an englische Internate. Was deutsche Eltern an ihnen besonders schätzen, ist die individuelle Betreuung des einzelnen Kindes. Sie wünschen sich für die Erziehung ihrer Kinder aber auch mehr Strenge, Disziplin und Leistungsdruck. Dem Prinzip »Zucht und Ordnung« werden die englischen Internate stärker gerecht als viele deutsche, die eher auf eine »Pädagogik auf Augenhöhe« setzen. Ein Internatsaufenthalt in England kostet pro Schuljahr im Durchschnitt 30.000 Euro.
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.02.2008 Nr. 08
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