Gitarrenmusik klingt aus einem der Fenster, in schnellen Tonleitern hinauf und wieder hinab. Eine Etüde, die den Spaziergänger durch die Schlossanlage begleitet, wenn er sich vom Parkplatz aus dem barocken Hauptgebäude von Belvedere nähert. Das Schloss ließ sich Herzog August Anfang des 18. Jahrhunderts in den Hügeln über Weimar bauen; in den gelb gestrichenen Kavaliershäusern waren damals seine Dienstboten untergebracht. Heute wohnen dort die 120 Schülerinnen und Schüler des Musikinternats Weimar. Sie werden bis zum Abitur nicht nur von Gymnasiallehrern, sondern auch von den Dozenten der örtlichen Hochschule für Musik unterrichtet.

Ein Musikinternat ist in Deutschland eine Seltenheit – ganze drei davon gibt es hier. Das Land Bachs, Händels und Liszts – der die Weimarer Musikschultradition ins Leben rief – besitzt den historischen Nimbus einer musikalischen Talentschmiede. Seinem heutigen Nachwuchs bietet es aber zum größten Teil erst ab dem Hochschulalter eine umfassende Förderung. Vorher ist Musikunterricht Privatsache.

»Versuche, in der Musik zu erzählen, was du erlebst«

Solange jemand nur ab und an in seiner Freizeit ein Menuett klimpern will, genügt das auch. Nicht aber bei musikalisch Hochbegabten. Die Weimarer Schüler hatten alle dieselben Probleme, bevor sie sich um einen Internatsplatz bewarben: Terminüberschneidungen von Schul- und Musikunterricht, Hausaufgaben und Fingerübungen, Klassenarbeiten und Konzerten. Judith zum Beispiel, die gerade Gitarre übt. Die Siebzehnjährige hat bei ihrer Mutter gelernt, bis sie ihr musikalisch über den Kopf wuchs. Der nächste renommierte Lehrer unterrichtete in Magdeburg – zweieinhalb Autostunden von ihrem Heimatort Freiberg in Sachsen entfernt. Ihre Mutter fuhr sie hin, einmal im Monat, für drei Unterrichtsstunden am Stück. Keine Lösung auf die Dauer. Oft haben die Schulen auch zu wenig Verständnis, wenn ein Schüler schon wieder wegen eines Auftritts fehlt. Von ihrer Seite aus ist das verständlich – aber an die Konzertbühne muss man sich früh gewöhnen.

In Russland und Asien geschieht das bereits im Alter von drei, vier Jahren. Schon in den Kindergärten wird nach neuen Lang Langs gesucht, die dann in eigenen Spezialeinrichtungen entsprechend gefördert werden. Im Westen Deutschlands klang Eliteförderung lange Zeit stark nach Drill, weshalb die Musikhochschulen hier erst in den letzten Jahren eigene Programme für Jugendliche entwickelt haben, wie das Precollege in Köln und das Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter (IFF) in Hannover. Anders im Osten: In der DDR waren für den Nachwuchs der über 80 Orchester, die es in der kleinen Republik gab, Spezialschulen gegründet worden, ebenso wie für Spitzensportler. Aus dieser Zeit stammen die drei Musikinternate, die es in der heutigen Bundesrepublik gibt: das Sächsische Landesgymnasium für Musik in Dresden, das Musikgymnasium Carl Philipp Emanuel Bach in Berlin – und das Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar.

Der Unterrichtsraum für Klavier ist mit hellem Parkett ausgelegt; bis auf den Steinway-Flügel in der Mitte ist er fast leer. Auf dem Hocker davor sitzt Lotta, eine schmale Dreizehnjährige, ganz auf das Mozart -Rondo in D-Dur konzentriert. Bei durchschnittlich begabten Gleichaltrigen korrigiert ein Musiklehrer Töne oder Rhythmus; Lottas Klavierlehrer Christian Wilm Müller feilt auf hohem Niveau an der Phrasierung. »Das Stück ist schon viel lebendiger geworden«, sagt er. »Jetzt versuch, in der Musik zu erzählen, was du erlebst. Wie eine Geschichte, die von unten nach oben geht.« Lotta hat die Hände auf die Knie gelegt und blickt ihn aufmerksam an.

Sie ist vor zwei Jahren als eine der Jüngsten aufs Internat gekommen; viele Schüler steigen erst in einer höheren Klasse ein. Natürlich ist das nicht einfach, in der fünften Klasse von zu Hause auszuziehen, und Lotta hatte anfangs starkes Heimweh. Schulleiter Wolfgang Haak bot ihr an, erst einmal nur als Tagesschülerin zu kommen, aber das Pendeln fand sie bald »zu nervig«, sagt sie.