Wenn Annas Eltern Holz brauchten für den Kachelofen, dann wurde das Holz ins Haus gebracht, fertig zum Einschüren. Wie es aussieht, wenn eine Fichte gefällt wird, wie es riecht, wenn sie klein gesägt wird, wie es sich anfühlt, bei Regen durch den Wald zu stiefeln, das wusste Anna nicht. Das hat sie erst in der Schule gelernt.

Wer in Wien auf die W@lzschule kommt – der wird erst einmal weggeschickt: in die Natur rund um Wien, dann zum Förster in der Schweiz, danach zum Biobauern und schließlich zum Handwerker.

Das Konzept der privaten Ganztagsschule, die vor acht Jahren gegründet wurde und sich an Schüler von der 9. bis zur 13. Klasse wendet, beruht auf drei Schwerpunkten: höhere Bildung, Persönlichkeitsentwicklung, Praxiserfahrung. Dazu gehört: raus ins Leben wie einst die Handwerksgesellen, die auf die Walz gingen. Weil »Walz« gestrig klingt, schreibt sich das Lernzentrum mit @ statt mit a. Im zehnten Schuljahr geht es zu Praktika ins Ausland und in einen Steinbruch, in der elften Klasse in die Toskana auf Kunstreise, in der zwölften stehen soziale Projekte an. Am intensivsten aber ist das neunte Schuljahr – das Time-out-Jahr. »Nach acht Jahren in ganz unterschiedlichen Schulen ist es Zeit, aus den althergebrachten Strukturen auszusteigen, sich neu zu orientieren«, findet Schulleiterin und -gründerin Renate Chorherr. Und danach mit einem anderen Konzept weiter zu lernen: viel Blockunterricht, viel Theater und immer wieder Reisen und Arbeiten. Zehn Wochen im Schuljahr kehren die Schüler dem roten Backsteingebäude im 14. Bezirk von Wien den Rücken.

Auf der W@lz vermeiden sie alles, was nach Schule klingt, Noten gibt es keine

Gleich am zweiten Schultag geht es in die Auenlandschaft und dann ins Kamptal. Die Kinder schlafen unter Planen, versorgen sich selbst, machen Spiele und Gruppenübungen. Das Handy sollte zu Hause bleiben, und das war gut so, findet Victoria. »Sonst hätten meine Eltern immer angerufen und gesagt: Vicky hier und Vicky da.« Während ihrer Reisen und Projekte sollen die Schüler lernen, sich immer wieder in einem neuen Alltag zurechtzufinden. Außerdem, sagt Schulleiterin Renate Chorherr, »wollen wir damit auch den Ablösungsprozess von der Familie unterstützen«. Viele Jugendliche haben in der Pubertät Probleme mit der eigenen Familie – und kommen jetzt auf dem Bauernhof in neue Familien hinein, mit denen sie drei Wochen zusammenleben müssen. Für viele ist diese Umstellung gar nicht leicht, denn die Bäuerinnen sind oft streng.

Anna, Victoria, Sophia, Moriz und Marco haben gerade die ersten Wochen an der W@lz hinter sich und schwärmen: »Das ist die geilste Schule, die es gibt.« Wie viele andere kamen die 15-Jährigen hierher, weil es ihnen an den anderen Schulen zu langweilig war und sie keine Lust mehr hatten auf »morgens Schule, nachmittags Hausaufgaben und abends schlafen gehen«, wie Anna sagt. Bildung ist heute nichts mehr, das man hinnimmt, wie es einem vorgesetzt wird.

Auf der W@lz vermeiden sie dabei alles, was nach herkömmlicher Schule klingt: Statt Schule heißt es LernZentrum, Lehrer sind Mentoren, alle duzen sich, Noten gibt es keine, und die Klassen sind nicht nummeriert.

In dem halben Jahr auf der W@lz lernte Victoria bisher nicht nur, »wie viel Mathe dabei ist, wenn man einen Baum fällt«, sondern auch Wanderwege zu ebnen, und sie weiß, wie es ist, wenn man einen ganzen Tag körperlich arbeitet – und abends zufrieden ins Bett fällt. Anna, das Stadtkind, lernte das Land kennen und ihre eigenen Grenzen, Moriz mit dem Pferdeschwanz, der bei Regen und Schnee dachte: »Scheiße, ich will nicht raus«, merkte, dass vieles nicht so schlimm ist – wenn man sich nur überwindet, und Marco staunt heute noch, wie verschieden der Alltag von Menschen sein kann und wie viele Lebensweisen es gibt. Und Sophia sagt: »Ich werde nie wieder vergessen, wie eine Lärche, eine Föhre, eine Fichte aussehen.«

Je näher die Schüler wieder ihrer Heimat kommen, in desto kleinere Gruppen werden sie aufgeteilt: Wohnten in der Schweiz noch alle gemeinsam in einem Gasthof, sind sie auf den Bauernhöfen rund um Wien noch zu zweit oder zu dritt, zu den Handwerksbetrieben in Wien gehen sie in der Regel allein. Die Stelle mussten sie sich selbst besorgen – auch auf einer Privatschule wird den Jugendlichen nicht alles mundgerecht vorgesetzt.

Wer sich das Paket Bildung & Praxis samt Persönlichkeitsentfaltung für 5.000 Euro im Jahr (plus etwa 3.000 Euro für Essen und Reisen) leistet, nimmt in Kauf, dass der Weg zum Abitur 13 Jahre dauert, während die übrigen Gymnasiasten Österreichs nach 12 Jahren so weit sind. Die W@lzisten legen die Matura als Externe ab.

Peter Nagy, Annas Vater, sagt: »Für uns war das Wesentlichste, dass Anna nicht nur in der Schule sitzt, sondern was vom Leben mitkriegt. Dass sie selber mit Leuten kommunizieren muss.«

Die Wochen auf der W@lz und das Unterwegssein, finden Schüler und Eltern jetzt schon, hätten die Kinder selbstbewusster werden lassen. »Draußen«, so sagt Schulleiterin Chorherr, »kommen sie mit Menschen in Berührung, die ganz unpädagogisch mit ihnen umgehen. Aber das ist das normale Leben.« Als Anna im edlen Restaurant und in der Patisserie im 1. Bezirk arbeitete, da fühlte sie, wie es ist, wenn die feinen Damen der Gesellschaft einen herablassend behandeln – »sie wussten ja nicht, dass ich eine Gymnasiastin bin«. Sie erfuhr, dass es Mitarbeitern oft herzlich egal ist, ob eine Praktikantin kommt oder nicht. Wenn sie in Vaters Firma, der Regisseur und Fernsehproduzent ist, ein bisschen mitpraktiziert, »dann ist sie die Prinzessin, aber das zählt nicht als Arbeitswelt«. Erst die wirkliche Arbeitswelt durchstehen, sagt Peter Nagy, stärke das Ego. Trotzdem fiel es ihm schwer, seine Tochter so oft wegzulassen. »Auf den Bauernhof bin ich ihr sogar nachgefahren und habe geschaut, ob sie glücklich ist.« Und Marcos Mutter Sieglinde Schleicher sagt: »Ich habe mir natürlich auch die Frage gestellt, ob ich ihm was Gutes tue, wenn er immer wieder von zu Hause weg ist.«

Die Schüler ziehen von Ort zu Ort und spielen Straßentheater

Auf dem Bauernhof fand Marco es fürchterlich, im Bauwagen ohne Strom und nur mit kleinem Holzofen zu schlafen, und sagt: »Die Bauern waren Stadtleuten gegenüber skeptisch eingestellt.« In der Tischlerei und als Tapezierer beim ORF hätte er dagegen gern noch länger gearbeitet.

Und selbst der lässige Moriz, der stets ein wenig gelangweilt wirkt, kam zu der Erkenntnis: »Jeden Tag in die Schule zu gehen ist nicht so anstrengend, wie jeden Tag um sechs Uhr aufzustehen und zur Arbeit zu gehen.«

In der zweiten Hälfte des Time-out-Jahres werden die Neuntklässler mit Biologen der Uni Wien zu einem Wasserprojekt nach Lunz in Niederösterreich fahren und dort das wissenschaftliche Arbeiten lernen: Proben nehmen, Einzeller zählen, Ergebnisse auswerten und später präsentieren. Im Juni werden sie eine Woche von Ort zu Ort wandern und Straßentheater spielen. Das wird sie noch einmal richtig Selbstüberwindung kosten. Denn Max und Lilly, die das Ganze letzten Sommer mitgemacht haben, sagen: »Du stehst auf selber Höhe wie die Leute, nur einen Meter von ihnen entfernt. Und dann sollst du etwas vorführen.«

Danach werden sie sich wieder ans richtige Lernen gewöhnen müssen – so wie Max, der eine Stufe höher ist – und jetzt weiß, was es bedeutet, Abitur zu haben: Als Max während seiner Handwerkswochen in der Schlosserei eines Theaters arbeitete und das nicht besonders aufregend fand, da sagte sein Vater: »Lern was, dann findest du auch einen gescheiten Beruf.«