Pop Ich sage Nein, Nein, Nein!

Die Grammy-Gewinnerin Amy Winehouse ist eine Kunstfigur, deren Leben die Menschen fesselt. So sehr, dass ihr Debütalbum von 2003 jetzt neu aufgelegt wird.

Verletzlichkeit macht stark. Hillary Clinton hat es gerade vorgemacht: einmal feuchte Augen bekommen, schon Sympathien und ein paar Vorwahlen gewonnen. »Ich habe euch zugehört und meine Stimme gefunden«, sagte Clinton über diese Neujustierung ihres Images. Gut möglich, dass sich ihre spin doctors vom Pop inspirieren ließen: Die Sängerin Amy Winehouse lebt ihre Schwäche und Verletzlichkeit seit einem Jahr sehr erfolgreich öffentlich vor, und am vergangenen Sonntag gewann sie fünf Grammys. Im Pop reichen feuchte Augen freilich nicht aus, da braucht es grellere Gesten – in Unterwäsche über die Straße torkeln oder sich mit seinem Lebenspartner blutig prügeln. Man sollte vorher allerdings sicherstellen, dass Paparazzi in der Nähe sind, sonst lohnt sich der Aufwand nicht.

Das große Boulevarddrama, pünktlich inszeniert zur Preisverleihung

Amy Winehouse eröffnete den Grammy-Vorwahlkampf im Herbst 2006. Da erschien ihr Album Back to Black, und die Kritiken waren positiv. Doch dauerte es fast anderthalb Jahre, die Publikumsmehrheit dafür zu gewinnen. Back to Black stieg nämlich weder sofort hoch in die Charts ein, noch entwickelte sich Winehouse zum Internet-Hype. Denkt man die Polit-Analogie weiter, besteht ihr Erfolgsgeheimnis in der hohen Mobilisierung der Nichtwähler. Neben Kennern, die ihre Musik als moderne Fortschreibung der Motown-Ära schätzen, erreicht sie auch jene Hörerschichten, die sich nicht bewusst für Musik interessieren. »Obwohl ich sie seit einem halben Jahr kenne, habe ich gestern zum ersten Mal ein Lied von ihr gehört« ist eine typische Aussage, wenn von Amy Winehouse die Rede ist.

Selbst ihre Plattenfirma Universal wundert sich über 3,4 Millionen verkaufte Exemplare von Back to Black im Jahr 2007 und macht dafür Winehouse’ Präsenz in den Klatschspalten verantwortlich. Die Grammys nahm die Sängerin nun via Satellitenschaltung entgegen, erst hatte es Ärger gegeben wegen Drogenbesitzes, dann kam das Visum zu spät, das Übliche eben. Rund um die Verleihung des wichtigsten Popmusikpreises konzentrierte sich anschaulich das Winehouse-Drama von Kunst und Leben. Um vier Uhr früh sang sie von London aus in die Welt, dass sie ein böses Mädchen sei, was als nüchterner Morgenauftritt nur ein weiterer Fall für populärkulturelle Legendenbildung sein könnte.

Die Begeisterung für diese Musik, von der man zuvor gedacht hatte, sie würde die Bars niemals verlassen, ist erstaunlich. Denn Pop, der sich epigonal auf den Soul der Sechziger bezieht, läuft eigentlich am Rande mit, respektiert, aber auch ein wenig belächelt, so wie in Deutschland die Musik des Retro-Swingers Roger Cicero. Es sei denn, man macht zur Mitte dieser Musik eine Kunstfigur, deren Schicksal die Menschen fesselt. Amy Winehouse wurde zur Hauptdarstellerin in einem Boulevarddrama um zugedröhnte Auftritte, Entziehungskuren und Videos, in denen sie angeblich Drogen konsumiert. Sie bewegt sich jedoch fern des unappetitlichen Total-Kontrollverlustes einer Britney Spears.

Vieles am öffentlichen Bild der Amy W. erscheint kalkuliert, ihr Leben wirkt jetzt schon wie verfilmt, Amy of Darkness, gratis auf allen Kanälen, mit dem Song Rehab als Soundtrack. Darin besang sie ihre Probleme schon, bevor sie in die Öffentlichkeit gelangten: »They tried to make me go to rehab, I said no, no, no.« Nebenbei bekommt die Institution Reha-Klinik den Anteil an Glamour zurück, der ihr für die Aufrechterhaltung des Starsystems zusteht: Wo Elizabeth Taylor oder Liza Minnelli wiederhergestellt wurde, liegt Amy Winehouse ganz richtig. Aber in Wirklichkeit wissen wir nichts über ihr Befinden: Könnte »Amy Winehouse« nicht auch eine Schauspielerin sein, die von einem durch F. Scott Fitzgeralds Zärtlich ist die Nacht und dunkler Betty-Ford-Klinik-Romantik inspirierten Regisseur gelenkt wird? Es gehört zum unentscheidbaren Charakter solcher Medienphänomene, dass man sie nicht als Inszenierung abtun kann. Denn wie jüngst wieder der Fall des Schauspielers Heath Ledger zeigte, richten junge Stars sich manchmal tatsächlich zugrunde. Die Times forderte deshalb sogar, die britische Regierung müsse Frau Winehouse zum Entzug zwangseinweisen: »Der Staat könnte ein großes Talent retten.«

Als solches wurde sie 2003 bekannt. Ihr Debütalbum Frank , das nun wiederveröffentlicht wurde, zeigt die Künstlerin, als sie noch ohne den Expeditionsrucksack voller Weltruhm unterwegs war. Auf Frank präsentiert sich eine auch im symbolischen Sinn untätowierte 20-jährige Songwriterin und Sängerin, vom Jazz beeinflusst und mit enormem Potenzial. Aus dem Booklet lächelt ein Kumpeltyp: Amy beim Abwasch, Amy beim Billard, Amy noch mal kurz mit dem Hund vor der Tür. Doch Hauptattraktion ist auch damals schon ihr Timbre, das wie eine Falltür über dunklen Verliesen liegt.

Jetzt trägt sie die »Fuck Me Pumps«, von denen sie zunächst nur sang

Kurz darauf hat der Produzent Mark Ronson Amy Winehouse zugehört – und ihre Stimme gefunden: Auf dem zweiten Album Back to Black singt sie langsamer und pompöser, und die Verliese sind noch ein bisschen tiefer. Damit einher ging eine optische Veränderung: Seitdem trägt Amy Winehouse die »Fuck Me Pumps«, von denen sie auf Frank nur singt. Dazu ein schwarzes Kleid, das die mit halb nackten Frauen tätowierten Arme freilässt, eine Bienenkorbfrisur und kleopatraartig geschminkte Augenlider, im Ergebnis nicht ganz von dieser Welt, leicht aus der Zeitachse gekippt. An solch einem Look kann man sich festhalten, er ist ein Exoskelett, in dem es sich stilvoll leiden lässt, weil man niemals so schlecht aussieht, wie man sich fühlt. In wenigen Strichen ließe sich Amy als Comicfigur auf eine Serviette zeichnen – optisch ist ihr Image von einer homogenen Schlichtheit, die auch Karl Lagerfeld begeistert. Trotz gelegentlicher Ausrutscher (Amy als Blondine wollte niemand sehen) funktioniert die Kontrolle ihres Erscheinungsbildes während aller Eskapaden bestens: Mangels Alternative werden in den Medien stets die gleichen Winehouse-Fotos gezeigt.

Diese immergleichen Bilder des immergleichen Dramas erinnern an eine andere Wahlkampfweisheit: Erst wenn du deine Botschaft so oft wiederholt hast, dass du sie selbst nicht mehr hören kannst, ist sie da draußen angekommen.

Amy Winehouse: Frank (Mercury/Universal)

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Leser-Kommentare
  1. Ich habe mir nur deshalb eine CD von Amy Winehouse gekauft weil einfach soviel von ihr in der Presse erschien. Und die, wenn auch wenigen Photos von ihr, sind schon das Gegenteil der anderen medial-hochgestylten Superfrauen: sie wirkt etwas schrullig, trotzig, etwas wie die Leute auf den Covers der "Smiths", abgetakelt ... und sie ist sich selbst. Als sie einmal volltrunken in London ein Konzert gab hagelte es nur von negativen Kritiken: die meisten Maenner fanden sie eine miese Show (Geld zurueck!) und die meisten Frauen bemitleideten sie. Damit hat sie erreicht, was nur wenige schaffen: eine starke emotional Reaktion. Amy als Reality-Show eben.Natalie Cole kritisierte die Grammies fuer Amy, da sie keine Vorbildfunktion habe. Irgendwo hat sie da recht, dachte ich, aber bei Amy Winehouse und einem Internet Publikum gibt es auch einen neuen Konsensus den es bei der "nur TV" Generation nicht gab: viele Fans kritisieren ihre Drogenabhaengikkeit auf ihrer Website offen, appelieren an sie ihr Talent nicht kaputt zu machen.Damit ist sie ein bisschen wie ein Tamachotchi (auf dass man aufpassen muss und dass man liebhaben kann) und eine Anti-Heldin zugleich. Sie passt gut zusammen mit dem Zusammenbruch der barbiehaften Britney Spears Welt.Meine Lieblinglieder von Amy Winehouse sind "Love is a losing game" und "Tears dry on their own". Mal sehen ob sie sich musikalisch weiterentwickeln kann, denn Stimme und Talent hat sie zweifellos.

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  • Quelle DIE ZEIT, 14.02.2008 Nr. 08
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  • Schlagworte Bill Clinton | Pop | Musik | Liza Minnelli | London | Heath Ledger | Elizabeth Taylor
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