Klassiker der Moderne (98) Orphischer Zauber
Keith Jarretts "Köln Concert" wurde zum Kultstück. Dabei sagt der Pianist selbst, dass lange Passagen seiner Improvisationen redundant seien.
Es ist ein Klischee (nicht nur der romantischen Kunst), dass erst der Schmerz die Schönheit schafft. »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch« – für den armen Hölderlin hatte sein Vers einen bitteren Preis. Keith Jarrett, der solche emphatischen Vergleiche sonst keineswegs scheut, erlebte diesen Sachverhalt weniger pathetisch bei der Entstehung der Aufnahme, die bis heute seine berühmteste geblieben ist. Nach einer quälend langen Anfahrt von Lausanne (im R4) fand er ein lausiges Instrument vor, ein scheußliches Abendessen, und als er an jenem 24. Januar 1975 die Bühne der Kölner Oper betrat, war er, nach zwei schlaflosen Tagen, restlos erschöpft.
Die Solokonzerte, mit denen er seit kurzer Zeit Weltberühmtheit erlangt hatte, waren spontan improvisierte, groß angelegte Piano-Rezitals ohne Vorgabe und Vorlage und Sicherheitsnetz. Jetzt und hier entwickelte er aus einem somnambulen Halbdämmer eine rauschende Hymnik, eine schamlose Schönheit, eine hinreißende Melomanie, ziseliert gestochene Läufe, über kaleidoskopische Akkord-Architekturen bis zu Arpeggien, dröhnend wie Glockengeläute. Schreie und Geflüster, eine ganze Welt im Bauch des Flügels, der eben noch gut genug schien für ein paar mittlere Bar-Klimpereien. In der Nachbereitung im Studio verschafften Produzent Manfred Eicher und sein Ingenieur dem Naturereignis noch ein paar Hallräume und Obertöne, aber im Wesentlichen war alles da. Das Kultstück The Köln Concert.
Bis heute wurden davon an die 3,5 Millionen Exemplare verkauft. Unter Jazzplatten wird das gerade mal von Miles Davis’ Kind of Blue übertroffen. Jazz? Zu welcher Gattung The Köln Concert gehörte, interessierte keinen mehr. Aber jeder, der sich auf diese spontane Schöpfungsgeschichte einließ, erlag ihrem orphischen Zauber, nahm Banalitäten in Kauf als Voraussetzung für das Außerordentliche. Das war hier nur im Ganzen zu haben, im Vorgang, auf der Reise vom Himmel durch die Welt zur Hölle (und zurück). Jarrett bestand darauf, in seinen Soloflügen die voraussetzungslose Improvisation zu versuchen. »Wie nackt auf die Bühne treten« sei das, und es gehe nicht darum, Dinge zu erfinden, sondern Automatismen zu verhindern. Das ist ehrenwert als Absicht.
Allerdings offenbart die Wiederbegegnung mit
Köln,
dass auch bei Jarrett nichts von nichts kommt. Nur ist es müßig, seinem Eklektizismus analytisch beikommen zu wollen. Auf den Strom kommt’s an, nicht auf das Treibgut, das er mitführt.
The Köln Concert
umgab bald eine unangenehme sakrale Aura. Jarrett selbst fand, da gebe es »doch lange Passagen, da kann man sich verabschieden, und wenn man zurück ist, hat man nichts verpasst«. Gewiss. Aber die Momente der Ratlosigkeit gehören nun einmal zur bedingungslosen Improvisation. Ohne sie ist Un-Erhörtes nicht zu haben.
Keith Jarrett:
The Köln Concert, ECM 1064/65 810067
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- Datum 17.02.2008 - 02:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.02.2008 Nr. 08
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