Sehr geehrter Herr Erdoğan,

ich stelle mir vor, wie sehr Sie sich darüber freuen, dass am vergangenen Sonntag so viele Menschen in die Kölnarena gekommen sind. Es muss ein tolles Gefühl sein, vor solch einer großen Fangemeinde zu sprechen. Ihre »Landsleute«, wie Sie die rund 18.000 Zuhörer am Sonntag begrüßt haben, kamen aus dem gesamten Bundesgebiet und dem angrenzenden Ausland, um Sie zu erleben. Ihre einstündige Rede hat Alte und Junge, Väter und Mütter, Töchter und Söhne geradezu euphorisiert; mit strahlenden Gesichtern verließen die Leute den Veranstaltungsort. Ich nicht. Ich habe mich über Sie geärgert.

»Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, haben Sie unter dem Jubel Ihrer Fangemeinde erklärt. Wäre dieser Satz als Kritik am Umgang der Türkei mit ihrer kurdischen Minderheit zu verstehen, die in der Tat lange einer brutalen Assimilierungspolitik ausgesetzt war, hätte er mich sehr gefreut. Doch offenbar war er als Beitrag zur deutschen Debatte um die Integration der hiesigen türkischstämmigen Minderheit zu verstehen. Und das bringt mich in die Verlegenheit, die deutsche Politik und deutsche Politiker verteidigen zu müssen – wiewohl ich mit so manchem gar nicht einverstanden bin.

Offenbar sind Sie über die Integrationspolitik in diesem Land nicht ausreichend informiert. Von Einwanderern – auch nicht von türkischen – wird keineswegs verlangt, dass sie sich assimilieren. Verlangt wird aber zu Recht, dass Zuwanderer und deren Nachkommen die deutsche Sprache beherrschen. (Darauf hätte im Übrigen schon viel, viel früher Wert gelegt werden müssen, dann hätten wir hier weniger Probleme im Zusammenleben.) Verlangt wird auch, dass Eltern ihre Töchter nicht gegen deren Willen verheiraten und Söhne ihre Schwestern in Ruhe lassen, wenn diese ein anderes Leben führen wollen, als es die Familientradition vorschreibt. Kurzum, es geht um gemeinsame Normen und um Integration. Wer das Wort Assimilation benutzt, schürt bei Zuwanderern ganz bewusst Ängste.

Nun gibt es aber unter Ihren hiesigen Anhängern etliche, die sich mit Deutschland schwertun. Sie kamen als Fremde und sind es geblieben. Und wenn Sie die Türkei als deren Vatan , als ihre »Heimat« ins Spiel bringen, dann tragen auch Sie dazu bei, dass diese Menschen hier keine Wurzeln schlagen, um eine bei uns in Deutschland gängige Metapher für das Heimischwerden zu verwenden. Ich wünsche mir, dass diese Einwanderer nicht länger mit halbem Herzen in der Türkei bleiben – gerade weil ich mitbekommen habe, wie sehr meine Eltern darunter gelitten haben. Ich wünsche mir, dass sie sich hier nicht nur in der Opferrolle sehen, sondern als Teil dieser Gesellschaft wahrnehmen. All das bedeutet keineswegs, dass sie ihre Identität und Herkunftskultur aufgeben müssen.

Mir hat auch nicht gefallen, dass Sie die in der Arena versammelten Menschen wie selbstverständlich als Ihre Landsleute begrüßten. Was bezwecken Sie damit, Menschen so anzureden, die seit vielen Jahrzehnten in Deutschland leben, ja die oft hier geboren sind und hier selbst Kinder auf die Welt gebracht haben? »Liebe Freunde« hätte als Anrede gereicht. Und was sollte das Aufgebot an türkischen Ministern, von denen einer uns zurief: »Vergesst nicht: Wo auch immer der Türke geboren wird, er ist und bleibt doch ein Türke!«? Mir ist schon klar, welche Botschaft Sie damit senden wollten: »Wir kümmern uns um euch, wir sorgen uns um die Türken in Deutschland, und wir wollen dafür sorgen, dass es euch gut geht.«

Natürlich war Ihr Auftritt in Köln Balsam auf die Seele all jener, die sich von deutschen Politikern nicht vertreten fühlen. Aber wissen Sie eigentlich, was Sie bewirken, wenn Sie diese Leerstelle zu füllen versuchen? Sie, Herr Erdoğan, vertiefen mit Ihrer Politshow die Kluft zwischen dem Land und jenem Teil der Einwanderer, die sich hier ohnehin schon abkapseln. Wenn Sie sich wirklich so um das Wohl Ihrer »Landsleute« sorgen, dann sollten Sie künftig solche Art von Tuchfühlung unterlassen. Sie sabotieren die Arbeit all jener, die sich um die Integration bemühen. Es beunruhigt und bekümmert mich, wenn hier geborene Jugendliche, deren Eltern auch schon hier aufgewachsen sind, von Ihnen als »unserem Ministerpräsidenten« sprechen, wenn diese Menschen eine so starke Bindung an das Land ihrer Großeltern haben, dass es ihnen schwerfällt, die schönen und guten Seiten ihres Lebens in Deutschland wahrzunehmen.