Schule Blühende Schulen

Kritik an der verkürzten Gymnasialzeit mag populär sein, ist aber fehl am Platz. G8 ist gut für unsere Kinder. Eine Antwort auf Susanne Gaschke

Vergangene Woche hat sich an dieser Stelle Susanne Gaschke in die Schar der Kritiker der achtjährigen Gymnasialzeit (G8) eingereiht und die Wiedereinführung des 13. Schuljahrs gefordert. Diese Kritik ist derzeit zwar populär, aber falsch. Denn die Schulzeitverkürzung ist doppelt nützlich – gut für die Kinder und für die Volkswirtschaft.

Was, bitte, soll so schlimm daran sein, dass die Gymnasiasten demnächst in fast allen Bundesländern schon nach 12 statt wie bislang nach 13 Schuljahren das Abitur ablegen? Susanne Gaschke argumentiert wie die meisten Kritiker mit einem Cocktail aus Verschwörungstheorie, Realitätsverweigerung und dem Beschwören eines Mythos. Die Verschwörungstheorie geht so: Nicht näher benannte Mächte (mutmaßlich »die Wirtschaft«) bringen mittels einer »Beschleunigungsideologie« Politiker und Eltern dazu, die Pädagogik unter die Knute der Ökonomie zu zwingen; ihre willigen Helfer finden die Zeitdiebe in der CDU.

Das möchte man gern glauben, hätte die Sache nicht gleich zwei Haken. Erstens: Die Schul- und Studienzeiten wurden in den vergangenen Jahren nicht verkürzt, sondern verlängert! War das Gymnasium in den fünfziger Jahren noch eine Eliteinstitution für 5 bis 10 Prozent der Kinder, so besuchen es heutzutage 35 Prozent, bald wohl 50 Prozent eines Schülerjahrgangs. Die Folge: Mehr Schüler drücken länger die Schulbank. Beschleunigung? Mit der Zahl der Abiturienten stieg auch die Zahl derjenigen, die ein zeitaufwendiges Studium aufnehmen. Zudem gehen Hauptschüler nicht mehr wie früher 8 Jahre, sondern 10 Jahre zur Schule.

Sind Gymnasiasten in Jena weniger gebildet als jene in Kiel?

Zweitens ist zwar richtig, dass Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) ein Freund der Schulzeitverkürzung war. Damit steht er aber in der Tradition beispielsweise seines Amtsvorvorgängers Willy Brandt (SPD). Schon in den sechziger Jahren trat Hartmut von Hentig, der Nestor der deutschen Pädagogik, für eine Schulzeitverkürzung ein. Selbst im Philologenverband, der Hort traditionsbewusster Gymnasiallehrer, fand die Idee einflussreiche Unterstützer. Die einen beklagten die Vergeudung der Lebenszeit unserer Kinder, die anderen sorgten sich um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Der Vorwurf einer neoliberal-konservativen Tempo-Verschwörung lässt sich also nur mit unerschütterlicher Meinungsstärke aufrechterhalten.

Nun kann selbstredend auch eine überparteiliche Koalition in der Sache irren. Stimmt es also gar nicht, dass die lange Schulzeit unserer Gymnasiasten ein Wettbewerbsnachteil ist? Die Wirklichkeit spricht gegen diese Annahme. Bei interessanten Jobs, das erfährt jeder Bewerber im In- und Ausland, zählen bei der Einstellung immer die Qualifikation und die Zeit, innerhalb derer sie erlangt wurde. Da zieht der deutsche Durchschnitts-Hochschulabsolvent mit seinen 28 Jahren eben den Kürzeren gegenüber dem 24-jährigen Niederländer oder Engländer gleicher Qualifikation. Dass es dennoch deutsche Spitzenkräfte gibt, die im Ausland begehrt sind, sollte für ein Nicht-Entwicklungsland selbstverständlich sein.

Hausaufgaben in der Schule machen – das wäre eine Revolution

Hinzu kommt der Fachkräftemangel, der unsere Wirtschaft treffen wird. Die Kinder, die jetzt nicht geboren werden, fehlen uns später als Ingenieure oder Lehrer. Wir werden zwar älter und können oder müssen länger arbeiten, das stimmt, aber wir werden eben auch weniger. Deshalb ist ein früherer Berufsstart durchaus sinnvoll.

Sicher, das Gymnasium ist nicht der einzige Zeitfresser, die späte Einschulung, der Wehrdienst, das viel zu lange Studium in amorphen Studiengängen… Nicht nur aus dem Gymnasium muss die Luft rausgelassen werden; nicht nur, aber auch. Susanne Gaschke beschwört dagegen den Mythos dieser beliebtesten deutschen Schulform. Dort zählten Begriffe wie Bildung, Charakter, geistige Reife oder Urteilsvermögen, dort verbrächten Schüler eine »vergnügliche, interessante und auf die vielfältigste Weise lehrreiche Zeit«.

Das wünscht sich sicher jeder. Aber wo, bitte, steht geschrieben, dass sich der gymnasiale Geist nur in exakt 13 Schuljahren entfalten kann? Ist nicht vielmehr die geistige Haltung der Lehrer, Eltern und Schüler entscheidend? Sind die Gymnasiasten in Jena oder Leipzig (Abitur nach 12 Jahren) weniger gebildet als jene in Kiel oder Hamburg (Abitur bislang nach 13 Jahren)? Das wird im Ernst niemand behaupten.

Mehrere Schulstudien belegen zweifelsfrei, dass in vielen Phasen am Gymnasium kaum etwas gelernt wird. Fast jeder Gymnasiast wird das aus eigener Erfahrung bestätigen können. Das 11. Schuljahr wurde deshalb gern für den Schüleraustausch genutzt, weil man nichts versäumte, und die zweite Hälfte des 13. Schuljahres besteht im Wesentlichen aus Leerlauf. Es ist also viel Luft im System.

Nichts gegen kreative Muße, meinetwegen auch Phasen der Langeweile. Aber 19- und 20-Jährige weiterhin zwangsbeschulen zu wollen, das hat nichts mit Charakterbildung zu tun, sondern sollte als Infantilisierung von Erwachsenen verboten werden.

Die »Schulverwüstung« (Susanne Gaschke) durch die Gymnasialzeitverkürzung schrumpft bei genauer Betrachtung zum – für die Betroffenen unangenehmen – Übergangsproblem in jenen Bundesländern, die sie in den vergangenen Jahren holterdipolter betrieben haben. Doch hätte man überall auf erfolgreiche Modellversuche gewartet, dann wären noch einmal 40 Jahre nutzlos ins Land gezogen.

So knirscht es jetzt an vielen Stellen. Paradoxerweise wächst genau daraus die Chance für echte Reformen. Plötzlich wird, nicht abstrakt, sondern sehr konkret über einen anderen Unterrichtsrhythmus verhandelt. Der sinnvolle Schritt hin zu echten Ganztagsschulen drängt auch bei den Gymnasien auf die Tagesordnung. Ein Ministerpräsident schlägt vor, dass die Hausaufgaben in der Schule erledigt werden sollen; eine Revolution, wie viele Eltern wissen. Und Kultusminister kündigen an, die Lehrpläne zu entrümpeln. Da ist etwas in Bewegung geraten. Die Beschränkung aufs Wichtige und die unvermeidliche Diskussion darüber, was das denn sei – das wird die Schule nicht verwüsten, sondern im Gegenteil zum Blühen bringen.

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Leser-Kommentare
    • RobJir
    • 17.02.2008 um 16:06 Uhr
    1. gut

    dieser gut geschriebene artikel verteidigt argumentativ g7 und spricht damit vorallem schülern aus dem herzen in meinem ersten jahr an der universität hab ich mich selbst stärker gebildet als in den gesamten schuljahren zuvor deshalb kann ich auch nur g7 verteidigenfür viele schüler die nach mehr streben ist die schule ein notwendiges übel um sich endlich bildungstechnisch ausleben zu können

  1. Danke für die erfrischende und überfällige Abwechslung in all der G8-Kritik. Ich habe in Baden-Württemberg den G8 gemacht, als er noch Pilotprojekt war - ohne entschlackte Lehrpläne.In meiner Klasse ist in allen acht Jahren keiner sitzen geblieben, wir waren über Jahre hinweg die Klasse mit dem höchsten Zeugnisschnitt der ganzen Schule, mit den meisten Auszeichnungen. Trotz der viel beklagten Überlastung. Jeder von uns hatte ein Vielzahl von Hobbies, von überlasteten Vollzeit-Schülern war nichts zu sehen.Sicher - es gab Herausforderungen und Hindernisse, aber die gibt es auch im G9, das ist zu bewältigen. Gemeinsames lernen mit schwächeren Schülern bis zur 6. (oder auch 10!) Klasse? Eines der wenigen Themen, bei denen ich aus der alten Klasse keinen kenne, der nicht meiner Meinung ist: Der langsame Unterricht unterfordert die einen, überfordert trotzdem die anderen, beide sind frustriert und werden zuverlässig stören und schlechte Noten schreiben - die ersten vier jahren Schule haben als Erfahrung mehr als ausgereicht. Schüler sind nunmal nicht gleich, und Lehrer können nur einen begrenzten Spagat vollbringen - daran muss sich die Diskussion orientierung, soll sie nicht an den Bedürfnissen der Schüler vorbei gehen.Und - Ja, ich würde den G8 wieder wählen. Nur fürchte ich, bis ich Kinder in dem Alter habe muss ich sie auf eine private Schule schicken, da sie sonst ganztägig in einer ineffizienten Bildungsanstalt sitzen, die zwar nur acht jahre Gymnasium braucht, aber das bei einem schmalspur-Lehrplan, der für mich nicht mehr akzeptabel sein dürfte.

  2. macht G8. Warum soll es bei uns nicht klappen? Man muss es halt richtig machen und die Lehrpläne so weit reinigen, dass nur noch wichtige Kernkompetenzen übrig bleiben.
     
    Und Leute, hört nicht auf diese Alt-68er. Die Biologie wird dieses Problem eh bald gelöst haben.

  3. 4. G8

    Nicht G8 (oder BA/MA) ist schlecht, sondern die Umsetzung. Lehrpläne anzupassen oder zu entrümpeln wird den Schulen/Unis überlassen - im Wissen, dass diese dazu nicht in der Lage sind. Wir haben hier keine Reform, sondern eine Konzentrierung. Was fehlt ist konkreter Gestaltungswille(und der muss -will man Vergleichbares haben- von oben kommen).

  4. Ich bezweifel nicht das G8 wirkungsvoll sein könnte, jedoch ist die Umsetzung in NRW davon meilenweit entfernt. Ich bin selber Schüler in NRW und wenn ich mitkriege, was Lehrer von den G8 Jahrgängen berichten, so können einem die Schüler wirklich leid tun. Das Ministerium hat, ähnlich wie beim Zentralabitur, wo die Lehrer absolut im dunklen gelassen werden und somit eine ordentliche Vorbereitung fast unmöglich ist, vieles zu Praxis fern eingerichtet.Im grunde wurden neun Jahre Stoff, auch wenn man es gerne manchmal anders darstellt, auch in der elften Klasse wird den Schülern was beigebracht, in acht Jahre reingequetscht. Dadurch entsteht ein enormer Druck vorallendigne bei 5. und 6. Klässler, da ich in verschiedenen Bereichen mit Jugendlichen solchen alters zu tun habe (Pate einer 5. Klasse, Jugendtrainer im Verein) sehe oftmals mit wieviel Stress die Schule für diese verbunden ist. Bei mir liegt die Unterstufe auch grade mal  sieben Jahre zurück und ich kann mit Sicherheit sagen, dass in unsere Klasse das lernen und der Schulalltag ein angenehmerer war und letztendlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich in den Fächern gute Leistung erzielt habe in denen ich aus Spaß am Fach und nicht aus Druck gelernt habe.Durch diese Überladung des Lehrplans ist der AG-Bereich dabei nach und nach zusammen zu brechen, da junge Schüler keine Zeit mehr haben an diesen AGs teilzunehmen.Gerade das ist sehr schade, da die wichtigste Aufgabe der Schule, meiner Meinung nach, ist es den Schülern zu zeigen wie ein menschliches Miteinander funktionieren kann und das wird nicht im Matheunterricht vermittelt.Ich denke, dass man das ganze G8-System gründlich überarbeiten müsste und nicht irgendwelche Schüler als Versuchskaninchen opfern sollte.

  5. Ja, im Grunde stimmt es schon, dass man die Gymnasialzeit auf acht Jahreverkürzen könnte. Was man in dieser Zeit lernt, was bleibt dem einzelnen davon später noch hängen, v.a. in den ganzen Wissensfächern ?Was ist wirklich wichtig für das spätere Leben ?Was soll man lernen ? Da sind ganz andere Akzente notwendig.Also vor allem eine rigorose Entrümpelung des Lehrplans. Leider ist zu befürchten, dass gerade das nicht geschieht. Die Beharrungstendenzen sind zu gross.Wie ich heute wieder in der Zeitung las:Der Schulleiter einer G8-Schule befürchtet, dass dadurch das "Niveau" seiner Schule (was auch immer das ist) sinken würde und man hat den Eindruck, er würde es gerne so lassen, wie es ist. Die Leidtragenden sind die Schüler (und Lehrer).

    • jojocw
    • 17.02.2008 um 19:24 Uhr

    Ja es ist richtig, die Schulzeit an Gymnasien zu verkürzen. Aber gleichzeitig hätte man auch noch etwas anderes tun sollen: Die Übergangsquoten auf das Gymnasium verändern. Gut wäre es, wenn man sie etwa auf 33% für alle Schularten festgelegt hätte. Als auf die Hauptschule, auf die Realschule und auf das Gymnasium jeweils ein Drittel der Schüler lassen. Die Übergangsquote ist auf das Gymnasium viel zu hoch. In Tübingen z. Bsp. sind es inzwischen 66%, die eine Gymnasialempfehlung bekommen. Auf die Hauptschule geht kaum noch einer. Es wird schon wieder diskutiert, die nächste zu schließen. In wenigen Jahren wird die Realschule die Hauptschule sein, von der Qualität her, wenn sie es nicht regional schon ist. Dann wird die Hauptschule ganz aufgelöst, und oben wird ein neuer Zug aufs Gymnasium aufgesattelt, für die wirklich guten. (Eliteschule). Dann haben wir wieder das dreigliedrige Schulsystem, mit anderen Namen. Realschule, Gymnasium, Oberschule(Elite).  

  6. Lieber Herr Kerstan, Ihre Argumentation ist schon arg zynisch. Man kann die Gymnasien nicht ins Chaos stürzen, damit sich daraus "Chancen zu echten Reformen" ergeben. Eine "echt" gute Reform hätte mit der Verkürzung Rahmenbedingungen geschaffen, die die positiven Aspekte von G8 zur Geltung bringen. Nun stehen Lehrer, Eltern und Schüler vor einem Scherbenhaufen und Herr Kerstan sagt: "Scherben bringen Glück!". Ein kunstruktiver Beitrag von journalistischer Seite habe ich von der Zeit erwartet - aber vielleicht wird der noch geschrieben.

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