Holocaust? Das konnte ja niemand glauben

Robert Littell ist der Vater des umstrittenen Jonathan Littell – und selbst ein bekannter Thriller-Autor

Der Mann, dessen Sohn das Buch geschrie-ben hat, das, so sagen einige, die Sicht auf den Holocaust verändern wird, stockt nur einmal während unseres Telefongesprächs, er fängt einen Satz an, »Ich war nie bereit, so weit zu gehen…«, sagt er und bricht den Satz ab; »…es war zu komplex für mich«, sagt er nach einer Pause, und es ist, als ob er diesen Satz, als ob er diese Erklärung zum ersten Mal in seinem Leben ausprobiere.

Der Mann, dessen Sohn Jonathan Littell mit seinem Roman Die Wohlgesinnten die deutschen Medien beherrscht, hat erst einmal keine rechte Erklärung dafür, warum er selbst noch nie über den deutschen Massenmord an den Juden geschrieben hat.

Littell ist gerade mit seiner Frau für zwei Monate in Italien, in Ferrara, dieser italienischen Stadt, die früher einmal ein Zentrum jüdischen Lebens war, der Stadt, in der Giorgio Bassani von den Gärten der Finzi-Contini erzählt hat, um eine unglückliche Liebe geht es und ein altes Haus und vor allem um den Antisemitismus der dreißiger Jahre. Gestern erst war Littell auf dem jüdischen Friedhof, sagt er: »Und wissen Sie was, es gab zwar keine Finzi-Continis in Ferrara, aber es gibt hier ein Grab der Familie Finzi und eines der Familie Contini.«

»Mein Vater war der eigentliche Schriftsteller in unserer Familie«

Wenn es um die Verbindung von Wirklichkeit und Erfindung geht, gibt es keine einfachen Antworten. Trotzdem hat Bassani etwas getan, was Littell nicht tat.

»Ich war zu nah dran, ja, das trifft es«, sagt Robert Littell schließlich. »Wenn man zu nah dran ist an einem Bild, dann kann man es nicht sehen, wissen Sie. Das muss die nächste Generation tun, sie muss über den Holocaust schreiben, so wie es mein Sohn getan hat.« Jonathan, der mit seinem jüngeren Bruder Jesse und seinen Eltern in Frankreich aufwuchs, weil die Eltern nicht wollten, dass ihre Kinder von dem Amerika Nixons und Vietnams geprägt werden. Giorgio Bassani wurde 1916 geboren, Robert Littell 1935, Jonathan 1967. »Nein«, sagt Robert Littell, »wir haben nicht über sein Buch gesprochen, als er daran gearbeitet hat. Er macht seine Arbeit, und ich mache meine.«

Familien sind so schwer zu durchschauen. Sie haben immer viel über Politik gesprochen, beim Abendessen und auch sonst, »Politik liegt uns im Blut«, das sagt Jonathan und das sagt der Vater, über Amerika haben sie gesprochen, über den Kalten Krieg, über die Sowjetunion, über Israel, über das ganze Schlamassel also, in dem diese Familie knietief steckte – aber darüber, über Jonathans SS-Roman, nie.

Robert Littell selbst hat erst mit 14 überhaupt vom Holocaust erfahren, durch Zufall, als er sich in eine Filmvorführung schlich, die nur für Erwachsene gedacht war. Da sah er dann die Bilder. »Es konnte ja niemand glauben damals, vergessen Sie das nicht. Wissen Sie, auf welcher Seite die New York Times die ersten Geschichten von den Morden im Warschauer Ghetto gedruckt hat? Auf Seite zwölf!«

Mit seinem Vater jedenfalls hat er sich nie über den Holocaust unterhalten, einem Lehrer für Physik und Chemie. »Aber«, sagt Robert Littell, »der war der eigentliche Schriftsteller in der Familie. Der konnte Briefe schreiben, so wunderbare Briefe!« In Brooklyn war das, wo Robert Littell aufwuchs, in der gleichen Gegend wie Woody Allen. Der eine Großvater war Apotheker, der andere hatte einen kleinen Laden in der Lower Eastside in Manhattan. Die Littells waren angekommen. Aber etwas ließ Robert Littell nicht los, etwas hielt ihn unruhig.

1970 war es schließlich, da zog er mit seiner Familie aus New York nach Frankreich, aufs Land. »Damals hat sich für mich ein Kreis geschlossen«, sagt Robert Littell. »Meine Großeltern kamen etwa 1880 aus Litauen, sie waren russische Juden und suchten ihr Glück in Amerika. Und wir leben nun alle wieder in Europa. Jonathan in Barcelona, Jesse als Maler in Prag, ich in der Dordogne.«

Robert Littell hatte damals 10.000 Dollar auf dem Konto, das reichte für ein Jahr, und er hatte einen Wunsch im Kopf: Er wollte einen Roman schreiben. Acht Jahre lang war er Journalist gewesen, er hatte für Newsweek gearbeitet, hatte Osteuropa bereist, hatte über den Kalten Krieg geschrieben, vor allem darüber, über »dieses lächerliche Spiel«, wie er es heute nennt. Der Doppelagenten-Thriller The Defection of A. J. Lewinter etablierte ihn 1973 als Autor, John Updike nannte das Buch eine »leichtfüßige Performance am Rande der Parodie«, es folgten 14 weitere Thriller, darunter 2002 der CIA-Roman The Company, der gerade verfilmt wurde. Und im März, wenn alle über den Roman seines Sohnes reden, erscheint auf Deutsch sein neuer Thriller Die Söhne Abrahams (a. d. Engl. v. Ulrike Wasel u. Klaus Timmermann; Scherz Verlag, Frankfurt a. M. 2008; 348 S., 17,90 €). Während sein Sohn über den Holocaust schreibt, schreibt der Vater über das heutige Israel.

»Ich habe natürlich große Sympathien für die Existenz Israels«, sagt er. »Ich habe viele Winter dort verbracht, habe viele, viele Freunde dort. Aber ich bin auch sehr kritisch, was das Schicksal der Palästinenser betrifft. Israel war da nie besonders kooperativ, aber es war nie allein Israels Schuld. Arafat zum Beispiel war ein Desaster. Er hätte es schaffen können, er hätte einen Friedensvertrag zustande bringen können. Jetzt ist es dafür vielleicht zu spät. Jetzt ist Hamas zu stark.«

»Die Zeit spielt gegen Israel, das Land muss sich entscheiden«

1998 hat Littell ein Buch veröffentlicht, das aus Gesprächen mit dem heutigen israelischen Präsidenten Schimon Peres besteht, For the Future of Israel hieß es. In Die Söhne Abrahams beschäftigt er sich nun zum ersten Mal auf fiktionale Art mit den Wurzeln der Probleme des Nahen Ostens. Es geht um den orthodoxen Rabbi Apfulbaum, der von Hamas entführt wird, um den Friedensprozess zu stören – es geht aber vor allem um die komplexe Dynamik von Opfer und Täter, es geht um die Nähe, die sich zwischen Geisel und Geiselnehmer entwickelt, zwischen Apfulbaum und seinem Hamas-Schatten Al-Saath, zwei religiösen Fundamentalisten, die sich, das merken sie in den Unterhaltungen, die den Kern des Buches ausmachen, ähnlicher sind, als sie denken. »Die Zeit spielt gegen Israel«, sagt Littell, »das Land muss sich entscheiden, ob es wirklich für immer Besatzer bleiben will.«

Gibt es also eine Verbindung zwischen dem, was sein Sohn beschreibt, dem Holocaust, und dem, was Robert Littell beschäftigt, Hamas? »Nein, nein«, sagt er, »der große Unterschied ist: Israel existiert, und es wird nicht verschwinden. Aber auch die Palästinenser existieren, und auch sie werden nicht verschwinden.«

In Ferrara leben übrigens heute, das erzählt er noch kurz, bevor er auflegt, 60 Juden. Immerhin, sagt Littell.

 
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