LUCHS 252 Kein Erbarmen, kein Entrinnen

Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Patricia McCormicks aufwühlenden Jugendroman »Verkauft«

Welches Alter sollte ein mitteleuropäisches Mädchen erreicht haben, bevor es Lakshmis Geschichte lesen darf? Wie viel sollte es ahnen von der Niedertracht der Welt, um die Lektüre nicht unter Tränen abzubrechen? An manchen Stellen von Patricia McCormicks Roman Verkauft fragt sich der erwachsene Leser sogar: Ist dieses Buch jugendlichen Gemütern zumutbar?

Während wir uns in Europa mit der Frage beschäftigen, welche Geschichten unsere behüteten Kinder verkraften, werden auf anderen Kontinenten minderjährige Mädchen verkauft, in Bordellen vergewaltigt. Die fragt allerdings niemand, ob sie alt genug sind für die totale Erniedrigung, Ausbeutung, Zerstörung. Auch die 13-jährige Lakshmi wird nicht gefragt. Lakshmi ist der Name einer nepalesischen Göttin, »die die Erde umkreist und die Demütigen und Reinen segnet«. Lakshmi ist auch der Name von McCormicks Romanheldin, die mit der Mutter, dem kleinen Bruder und dem Stiefvater irgendwo in einem nepalesischen Dorf unter erbärmlichen Umständen ihr Dasein fristet. Krankheit, Hunger und Tod sind die steten Begleiter dieser Familie, die obendrein noch von der Alkohol- und Spielsucht des männlichen Oberhauptes bedrückt wird. Trotzdem ist Lakshmi ein zuversichtlicher Mensch, dessen größter Wunsch ein Blechdach für die Elendshütte ist, damit die Mutter und das Baby bei Monsun nicht länger im Nassen sitzen müssen.

Die Autorin erzählt Lakshmis Geschichte in kindlichem Ton, in einer Art gesprochener Tagebuchaufzeichnung. Nie verlässt sie die Perspektive der kleinen Heldin. Die Aussichtslosigkeit der eigenen Lage erschließt sich diesem hoffnungsfrohen Kind nicht. Lakshmi nimmt ihr Schicksal mit dem poetischen Blick und der Klaglosigkeit der Naiven hin – nicht nur die Armut, sondern auch die Verachtung, die den Frauen und Mädchen entgegengebracht wird.

Als Lakshmi geschlechtsreif ist, wird sie vom Stiefvater an Menschenhändler verhökert, die die Gutherzige mit einem falschen Versprechen nach Kalkutta verschleppen und dort an ein Bordell verkaufen. Nun beginnt für das Kind eine Leidenszeit, deren Ausmaße durchaus mithalten können mit Berichten aus Foltercamps und Konzentrationslagern. Lakshmi wird von der sadistischen Bordellbesitzerin misshandelt und gequält, bis ihr Wille gebrochen und ihre Selbstachtung in den Staub getreten ist. Den anderen Elendsgestalten um sie herum geht es nicht besser: Sie werden mit Betäubungsmitteln vollgestopft, ins Gesicht getreten, mit Riemen geschlagen und Schlimmeres, was auf einer Kinder- und Jugendbuchseite nichts verloren hat. Ein Mädchen hängt sich auf, ein zweites wird umgebracht, andere werden lungenkrank oder aidsinfiziert auf die Straße gekippt. Es gibt kein Entrinnen. Gitter vor allen Perspektiven. Einziger Zufluchtsort im Bordell bleibt der Fernseher, der den Zwangsprostituierten mit Seifenopern und Bollywood-Schmonzetten Vergessen und Betäubung – also Überleben – ermöglicht.

In Lakshmis Geschichte spiegelt sich die Tragödie der Entwicklungsländer: Die Schrecken eines nicht funktionierenden Staates, dessen korrupte Behördenvertreter vielmehr von der Qual der Unterdrückten profitieren. Die Geißel der Armut, die aus den Menschen das Schlechteste herauslockt, sie heimtückisch und käuflich macht. Die Rechtlosigkeit der Frauen, in der nur diejenigen eine Chance auf ein bisschen Wohlstand und Ansehen haben, die mit den Männern gegen das eigene Geschlecht kollaborieren und alle Menschlichkeit hinter sich lassen. »Wenn das Weinen eines misshandelten Mädchens auf mich nicht anders wirkt, als das Hupen auf der Straße, zu was bin ich dann geworden?«, fragt sich Lakshmi in ihrem Gefängnis.

Patricia McCormick nimmt für sich in Anspruch, das Buch eng an die Realität angelehnt zu haben. Sie habe monatelang in Kalkutta recherchiert, schreibt sie im Anhang, und die Leidenskarawane nepalesischer Kinder nach Indien recherchiert. Sie habe ihre Informationen von den Hilfsorganisationen, die Zwangsprostituierte aus Bordellen retten – und von den Geretteten selbst. Und das darf man ihr glauben. Auch Lakshmi wird von amerikanischen Entwicklungshelfern gerettet, ganz am Ende des Buches, wenn den Leser schon alle Hoffnung verlassen hat. Verkauft ist eben doch ein Jugendbuch – es muss zuletzt einen Notausgang aus der Hölle geben, der Leser darf nicht ungetröstet zurückbleiben. Es muss noch Kraft da sein für den Kampf um eine bessere Welt.

Und noch einen Trost gibt es: Bis zum Schluss bleibt das 13-jährige Kind Lakshmi, das in einem einzigen Jahr zur 14-jährigen alten Frau gemacht wurde, seinem Namen treu. Ihr Körper wurde besudelt und zerstört, aber im Herzen ist sie immer noch ein guter Mensch – und so eine sehr ungewöhnliche Jugendbuchheldin. Eine Heldin. Zweifellos.

 
Leser-Kommentare
    • jeong
    • 15.02.2008 um 11:23 Uhr

    Für diejeinigen, die sich für ebendieses Thema interessieren:Am So, den 24.2.08, um 19 Uhr wird das Theaterstück "Was kostet wohl ein Sternenhimmel" im HAU 1 (Hebbel am Ufer- HAU1: Stresemannstr. 29, 10963) im Rahmen des  100° - Theaterfestivals aufgeführt.Vorgeschichte zu dem Theaterstück "Was kostet wohl ein Sternenhimmel" von/ mit Ok-Hee JeongIn  Osnabrück fand vom 2. – 4. November 20004 „STOP- die Internationale Konferenz gegen Kinderhandel“ statt, ausgerichtet von dem Kinderhilfswerk terre des hommes e.V. und der Stadt Osnabrück. Zu diesem Anlass wurde das Theaterstück zum Thema Kinderhandel/ Zwangsprostitution geschrieben und inszeniert. Das Theaterstück „Was kostet wohl ein Sternenhimmel“ wurde mit großer Begeisterung vom Publikum aufgenommen.  Im Frühjahr 2005 wurde das Theaterstück auch im Auftrag der terre des hommes bundesweit an einige Schulen (Sonder-, Haupt- Realschulen und Gymnasien) bespielt, um die Jugendlichen zum Thema Kinder-, Menschenhandel zu sensibilisieren. Die Jugendlichen waren mehr als empathisch und das Theaterstück wurde nachdenklich und sehr bewegt aufgenommen. InhaltIrgendwo in Asien. Salang, ein 10-jähriges Mädchen wird von seinen Eltern als „Leihgabe“ für ein Darlehen in die Stadt geschickt und hier beginnt das Martyrium des Kindes. Eben noch voller kindlicher Träume, eben noch im kindlichen Spiel, versteht das Mädchen nicht, was geschieht. Nur, wie viel sie ihren Freiern mit den „gelben Haaren und den komischen blauen Augen“ wert ist. Oral:10 Dollar, Vaginal: 20 Dollar, Anal: 30 Dollar. Wenn Salang spricht, sagt sie Sätze, die sie nicht sagen will: „Hey Mister, do you want to have fun with me?“ In ihrer kindlichen „Naivität“ fragt Salang „Wie viel bin ich wohl wert?“. „Mama hat immer gesagt“ träumt sie sich fort, „meine Augen leuchten wie der Sternenhimmel. Was kostet wohl ein Sternenhimmel?“  

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