RomanAm Ende bleibt die Faszination

Jonathan Littell vermischt in seinem Roman Fakten und Fiktion und wirft die Diskussion um die NS-Täter weit zurück von Harald Welzer

Hitler absolvierte seinen ersten und letzten Besuch im besetzten Paris drei Tage nach dem Sieg über Frankreich an der Seite von Breker und Speer. Wie ein Tourist, der mit eigenen Augen sehen möchte, was ihm die Reiseführer versprochen haben, besichtigte er mit seinen ästhetisch versierten Begleitern als Erstes die neubarocke Große Oper – wobei sich seine Kenntnis des nie gesehenen Gebäudes als so profund erwies, dass er einen durch eine Umbaumaßnahme nicht mehr zugänglichen Salon nachweisen konnte, an den sich außer ihm, der noch nie am Ort gewesen war, nur noch ein weißhaariger Logenschließer erinnern konnte. Der touristische Kurztrip ging dann weiter über die Champs-Élysées zum Trocadero und von da zum Eiffelturm, vor dem der Führer sich wie jeder andere Tourist ablichten ließ, von da aus vorbei am Triumphbogen zum Invalidendom und schließlich zur Sacré-Cœur, vor der er, wie es heißt, lange stand. Das alles in drei Stunden, die er auf dem Rückflug so resümierte: »Es war der Traum meines Lebens. Ich kann nicht sagen, wie glücklich ich bin, dass er sich heute erfüllt hat.«

Diese Episode kommt in Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten nicht vor; Hitlers Kurzbesuch hat aber trotzdem viel mit diesem Buch zu tun. Die Kulturreise an der Seite zweier führender Kunstschaffender des Reiches diente nämlich nicht nur dem Genuss, es ging auch um eine Bestandsaufnahme zu gestalterischen Zwecken. »War Paris nicht schön?«, fragte Hitler am nächsten Tag seinen Architekten. »Aber Berlin muss viel schöner werden!« Hitlers ursprüngliche Überlegung, Paris zu zerstören, wurde erst nach diesem Besuch verworfen, und gerade das deutet an, dass es ihm nicht nur um die Installierung einer neuen Gesellschaft ging, sondern auch um die Schaffung einer neu strukturierten Geschichte – um einen Utopismus nach vorn und nach hinten.

Dieser Utopismus war es, der ungeheure Energien bei den Volksgenossinnen und -genossen freizusetzen vermochte – besonders deshalb, weil Hitlers und Speers Zukunftsentwürfe jeweils sogleich die in ihrem Licht notwendigen Schritte zur Umgestaltung der Wirklichkeit nach sich zogen. Die emotionale Durchschlagskraft dieses Systems beruhte genau auf dieser umstandslosen Transformation von Behauptungen in Wirklichkeit, und darin liegt auch die nachhaltige Faszinationswirkung begründet, die bis heute von allem ausgeht, was mit Hitler, dem Krieg und den Verbrechen zu tun hat. Diese Faszination lässt viele Menschen bis heute nicht los; sie scheint mit wachsendem Generationenabstand sogar noch größer zu werden, so groß, dass sich ein junger Autor nun bemüßigt fühlte, all die Taten, Täter und Toten jener Zeit in einer schier endlosen Erzählung aufzulisten. Und das ist der zweite Punkt, an dem sich Hitlers Kurztrip nach Paris mit Littells Dauertrip durch die finstere Geschichte des Vernichtungskrieges verbindet. Hitler nämlich, das zeigt die Sache mit dem verschwundenen Salon, war ein profunder Kenner der Architekturgeschichte; er konnte komplizierte Grundrisse nicht nur lesen, sondern auch memorieren, und hielt eine ungeheure Fülle von Wissen über Architektur gespeichert. Hitler war ein Dilettant im emphatischen Sinn, ein Liebhaber der Architektur und als solcher besessen von Detailwissen. Dilettanten zeichnet eine radikale Gleichgültigkeit gegenüber der Frage aus, ob etwas wichtig ist oder nicht – es muss gewusst werden. Solches Wissen, das das von Fachleuten leicht übertrifft, vermag durchaus zu beeindrucken; seine Krux liegt freilich darin, dass der Liebhaber es nicht ordnen kann, und das kann er deshalb nicht, weil er keine Frage hat. Und die hat er nicht, weil ihm das schiere Wissen immer schon als Antwort gilt.

Jonathan Littell weiß alles über den Vernichtungskrieg. Er kann jedes Detail erzählen, wie das, dass sich Angehörige einer Einsatzgruppe darüber aufregen, dass es Blutwurst zu essen gibt, wo sie doch schon den ganzen Tag Menschen erschießen und buchstäblich im Blut waten müssen; er weiß zu berichten, dass seit dem Angriff auf die Sowjetunion 1,47 deutsche Soldaten pro Minute ihr Leben verloren, während es auf jüdischer Seite 2,5 und bei den Russen 9,8 waren. Er weiß, dass Unteroffiziere und Mannschaften »zumeist aus der unteren Mittelschicht« kamen und der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, »aus einem sehr repressiven katholischen Milieu«. Er weiß auch, wer alles mitgemacht hat, weshalb nahezu das komplette aktenkundige Personal des Vernichtungskriegs auftritt: von Hitler, Himmler und Speer bis zu Blobel, Häfner und Janssen. Von Reichenau tritt in Unterhose auf, Ernst Jünger beiläufig, Odilo Globocnik rotgesichtig und Eichmann beflissen. Alle sind sie da; aber die Dialoge, die sie produzieren, sind so mechanisch wie die Akten, in denen sie ihre Spuren hinterlassen haben. Diese Männer ohne Eigenschaften sind in diesem seltsamen Roman überhaupt nur das, was in den Quellen über sie zu finden ist; literarisch werden sie nicht gestaltet. Dichterische Freiheit erlaubt sich der Autor nur sehr gelegentlich, etwa wenn sein Protagonist und auktorialer Erzähler, Dr. Max Aue, bei einer Erschießung von einem kleinen jüdischen Mädchen bei der Hand genommen wird, was in Wahrheit August Häfner, einem Teilkommandoführer des Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C, widerfuhr und schwer zu schaffen machte. Man fragt sich, warum alle Personen, die der Autor aufruft, so eigentümlich konturlos bleiben oder warum sie, wenn sie denn mal ein paar Attribute bekommen, genauso auftreten, wie man sie aus Filmen kennt – weshalb die Gläser von Himmlers Zwicker spiegeln, wenn er jemanden anblickt, Eichmann wie ein Vogel aussieht und Globocnik dauernd schwitzt. Littell nimmt die Quellen für das, was in ihnen steht, und kommt gar nicht auf die Idee, sie zum Beispiel auf das zu untersuchen, was sie nicht sagen – weil etwas so selbstverständlich war, dass es nicht eigens erwähnt werden musste. Vermutlich in der Annahme, dass ein Buch desto besser ist, je mehr in ihm drinsteht, gibt Littell die Quellen eins zu eins wieder; das macht am Ende nahezu 1400 Seiten.

Die wenigen komischen Passagen dieses ansonsten vollständig humorfreien Buches ergeben sich aus den Anachronismen, die dem Autor unterlaufen – wie eben die Sache mit dem »repressiven Milieu«, die es aus dem Munde eines SS-Manns so wenig gegeben hätte wie die »geifernden Hasstiraden« des Untersturmführers Lübbe »gegen Israel«, was historisch so plausibel ist, als hätte er gegen die DDR gewettert. Kriminalbeamte treten auf »wie zwei Cops aus amerikanischen Filmen«, und zum Essen gibt es »Wein und Pasta«. Das alles ist ziemlich bizarr, und es wird nicht verstehbarer dadurch, dass die endlosen Aufzählungen von Mordaktionen (oder wahlweise kwartelischen Dialekten) durch die pornografischen Fantasien und Aktionen des Protagonisten Max Aue unterbrochen werden. Der ist nämlich homosexuell, was ihn freilich nicht davon abhält, ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Zwillingsschwester zu haben, wobei der Bildungsstand der Akteure dadurch unterstrichen wird, dass die Geschwister sich über Rank und Ferenczi austauschen – wohl um den geneigten Leser servicehalber auf die Psychoanalyse des Inzests hinzuweisen –, bevor der Bruder die Schwester in einem Museum auf einer Guillotine penetriert.

Überhaupt die Belesenheit: Beständig sondert Dr. Aue Zitate ab, wie sie nicht einmal ein Gymnasialprofessor der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hätte produzieren können; mühelos unterhält er sich mit einem ungefähr 120 Jahre alten »Bergjuden« auf Altgriechisch, und im Altertum kennt er sich so souverän aus wie in der Musikgeschichte des Abendlandes. Mit Schönberg allerdings hat er es nicht so, übrigens auch nicht mit dem Essen und Trinken – sein Steak »zerlegt« er, und getrunken wird immer nur »Kognak«. Das Aufnehmen von Nahrung, so darf man schließen, zählt nicht zu den Liebhabereien des Autors; seine Passion gilt vor allem dem Ausscheiden, das in Form menschlicher Exkremente in wechselnder Qualität extensiv dargeboten wird.

Aber wozu nun das Ganze? Weil der Autor eine Theorie hat. Die Vernichtung der Juden richtet sich im Grunde nicht gegen diese, genauer gesagt: Sie ist nicht spezifisch. »Sie sind wie wir«, sagt Max Aue, der Judenvernichter, der übrigens beschnitten und von unklarer Herkunft ist. Dazu passt, dass Himmlers SS von einem obskuren Katzen streichelnden Dr. Mandelbrod gesponsert wird. Jonathan Littell sagt im Gespräch mit dem Historiker Pierre Nora, der Holocaust müsse »dejudaisiert« werden, was ja nur heißen kann, dass er anthropologisiert werden muss. So was kommt vor, will uns der Autor sagen, der Mensch ist so, was soll man machen?

Littells Roman repräsentiert gerade in der erstaunlichen Spannung zwischen seiner durchaus fehlenden Qualität und dem Hype, den er ausgelöst hat, eine neue Eskalationsstufe der Nazi-Faszination, gerade in der Art, wie er historische Fakten, Gewaltpornografie und die Gediegenheit des Bildungsbürgers Aue zusammenrührt. Diese Mischung ergibt die pure Affirmation des Grauens, und interessant daran ist lediglich, dass Littell keinen Roman im klassischen Sinn vorlegt, sondern eine endlose Aufzählung von etwas, was er vermutlich für Fakten hält. So wie Daniel Goldhagen gut zehn Jahre zuvor der historischen Holocaustforschung eine Erzählung bescherte, die an vielen Stellen am filmischen Narrativ gebildet war, so liefert Littell nun umgekehrt einen Roman voller geschichtswissenschaftlicher Versatzstücke. Im Unterschied zu Goldhagens Durchbrechen des Bilderverbots der Holocaustforschung hat das alles hier nun aber überhaupt keinen Sinn; umso bemerkenswerter bleibt daher, was Teile des deutschen Feuilletons neuerdings als diskutabel betrachten. Nichts, was in diesem Buch steht, bringt irgendetwas Neues, inhaltlich wie ästhetisch. Sein Bild vom Täter konserviert die von der Forschung mühevoll überwundene Figur des Abnormen, und wahrscheinlich deshalb muss Aue dem Führer am Ende noch in die Nase beißen.

Der Holocaust als Panoptikum von Verrücktheiten – da ist die Diskussion hierzulande schon weiter gewesen. Für den Erfolg, den das Buch in Frankreich hatte, dürfte der Schlüssel sein, dass Littell seinem Protagonisten nicht nur eine französische Sozialisation angedeihen lässt, sondern ihn im Nachkrieg auch unerkannt in Frankreich leben lässt, sodass dem französischen Publikum mit einem Mal der unheimliche Gedanke gekommen sein mag, dass die Täter des Holocaust auch in aller Harmlosigkeit unter ihresgleichen zu finden sein könnten. In Deutschland, wo selbst der oberste Intellektuelle Mitglied der Waffen-SS war, vermag so etwas keinerlei Schrecken auszulösen: Onkel Max war ja bei uns genauso Gast auf Konfirmationen und Hochzeitsfeiern wie Opa Aue, nicht selten lebte man mit denen sogar unter einem Dach. So bleibt als Erklärung für die Aufmerksamkeit, die das sterbenslangweilige Buch erfährt, einerseits der spektakuläre Erfolg, den es andernorts gehabt hat, und andererseits die immer wieder aufs Neue belegte Erkenntnis, dass sich das Nazizeug verkauft. Das ist die Spätfolge jener Faszinationswirkung, die die Hitlers, Goebbels und Speers zu entfalten vermochten.

Den besonderen Thrill bekommt die Sache in diesem Fall noch dadurch, dass der Autor einen jüdischen Hintergrund hat und sich geradezu unheimlich an jenes Bild anschmiegt, das die Täter von sich selbst gezeichnet haben. Das ist natürlich ein bisschen deprimierend. Den Geschichtspädagogen sollte dieses Buch daher als Beispiel dafür dienen, dass die Monumentalisierung des Grauens auch dazu führen kann, dass am Ende nur die Faszination am monumentalen Grauen übrig bleibt.

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Leserkommentare
    • Noreen
    • 20. Februar 2008 11:05 Uhr

    In der FAZ gibt es seit einigen Tagen einen Vorabdruck und man hat die Möglichkeit, in dieses Buch hineinzulesen. Da ich am Anfang ein wenig neugierig war nach der Ankündigung dieses Buches, habe ich mir einige Tage die Zeitung geholt und hineingelesen.
     
    Der Beginn ist gar nicht so schlecht und macht Lust auf mehr, da man einen Mann sieht, der seine Erlebnisse niederschreiben will, der aber kein Interesse daran hat, Mitleid heraufzubeschwören oder sich für irgendetwas zu entschuldigen. Er acht es für sich, da er schon immer mal schreiben wollte ud nun würde es passen- so ungefähr. So wird doch mit einem guten Schreibstil ein kleines Interesse geweckt.......doch leider bleibt der Stil nicht gleich und das leicht erweckte Interesse wird ganz schnell wieder gelöscht.
    So bin ich diesem Vorabdruck schnell müde geworden, da die Figuren neben ihm keine Persönlichkeit entwickeln und nur Randfiguren zu sein scheinen, die zwar erwähnt werden, weil sie da sind und mit dem Erzähler zusammen gewesen sind, aber mehr auch nicht. Es kommt zu einschläfernden Schilderungen von gefahrenen Wegstrecken, wo ich den Sin suche und die dem Buch nichts an weiterer Tiefe gegeben haben.
     
     Es endete dann soweit, dass ich gar nicht die weiteren Seite bis Seite 1400 lesen möchte. Und wenn ich jetzt die einzelnen Kritiken lese und lese, was mir zum Teil "entgeht", dann habe ich sicher nichts verpasst.

  1. Egal,wie Sie das Buch auch finden,wenn Sie es denn zu Ende lesen-um Gottes Willen,bilden Sie ihr Urteil nicht auf Grund von Kritikern.Das sind doch die wahren Dilettanten:viel Wissen,aber keine Ordnung(das trifft besonders auf die für Musik und Literatur zu).Was "Die Wohlgesinnten"betrifft,denke ich,daß Jorge Sempruns Urteil(als ehemaligerKZ-Insasse UND Schriftsteller)sie alle verstummen und sich schämen lassen sollte.Wie gesagt,ganz gleich,was Sie persönlich von dem Roman halten.

    • epuh
    • 11. Juni 2009 13:28 Uhr

    Ich habe Peter Longerichs Biographie "Heinrich Himmler" gelesen und lese zur Zeit Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten".
    Und es scheint zu stimmen, was die Romanfigur Max Aue im ersten Satz des Romans verspricht: "Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist."
    Und wenn ich hier Harald Welzers giftigen Kommentar lese über den "vollständig humorfreien" Roman (wenn Herr Welzer Humor wünscht, empfehle ich ihm Karl Valentin oder Helge Schneider), trifft auch der zweite Satz ins Schwarze: "Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wir wollen es gar nicht wissen." Harald Schmelzer weiß es nämlich viel besser. Obwohl er (Jahrgang 1958) genauso wenig dabei gewesen ist wie Jonathan Littell (Jahrgang 1967).
    Und noch etwas Wahres sagt Max Aue: "Ich bin wie ihr".
    Und warum wir so sind und die Nazis damals waren (und heute sind!) erklärt mir der Psychoanalytiker Arno Grün viel besser und plausibler in seinen Werken "Der Wahnsinn der Normalität", "Der Verlust des Mitgefühls" oder "Verratene Liebe - Falsche Götter" als Harald Welzer in seinem Buch "Täter" (in dem nichts Neues seit Christopher R. Brownings Buch "Ganz normale Männer" drinsteht), wo er einen Haufen theoretisches Zeug absondert über "Referenzrahmen", "kollektive Nobilitierung" und die verschiedenen Stadien, die die Männer des Reserve-Polizeibataillons 45, die den Auftrag zum Mord an den Juden erhielten, durchliefen: "Erwartung, Initiation, Ausführung und Anpassung."
    Ich werde nun den Roman weiter lesen.

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  • Schlagworte Roman | Heinrich Himmler | Jonathan Littell | Adolf Hitler | Ernst Jünger | DDR
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