In Österreich war er ein Verräter, in Moskau ein inhaftierter Dissident

Als Elfjähriger hat er mit seiner Familie ein Jahr lang in der iranischen Hauptstadt Teheran gelebt. Das war unmittelbar nach der Islamischen Revolution 1979. Sein Vater, Hans Pusch, war damals österreichischer Kulturattaché in Teheran und hatte Verbindungen zu linken Aktivisten. »Wir waren dann sehr schnell auf der schwarzen Liste, und man hat uns die Toten vor die Haustür gelegt«, erzählt er beiläufig, als ob das eine Anekdote wäre, die man als Sohn eines Berufspolitikers automatisch erlebt. Puschs Vater war später Kabinettschef von SPÖ-Kanzler Fred Sinowatz. Ihm wurde vorgeworfen, die Waldheim-Affäre im Präsidentschaftswahlkampf 1986 initiiert zu haben. Die Zeitungen verglichen Hans Pusch damals gern mit Rasputin, der den »Zaren« – Bundeskanzler Sinowatz – »unter seiner Kontrolle« habe.

In jener Phase wurde Lukas Pusch politisch sozialisiert. »Das war das erste Mal, dass ich Kaffeehausprügeleien hatte und man mir gesagt hat, dass Leute wie ich vergast gehören«, erinnert er sich. Nach der Matura studierte Pusch Kunst und Grafik in Wien und Moskau. »Mich hat die klassisch realistische Ausbildung interessiert, aber ich wusste auch, dass Russland das nächste Land sein würde, wo es kracht. Da wollte ich dabei sein«, sagt er und schmunzelt. Binnen weniger Monate hatte er in der russischen Hauptstadt eine dissidente Gruppe um sich geschart, organisierte Demonstrationen gegen Preisliberalisierung, gab ein linkes »Informationsblatt« heraus und war sogar für einen Tag lang wegen seiner politischen Aktivitäten inhaftiert.

In Wien führte Pusch sein politisches Engagement weiter. Gemeinsam mit anderen Kunststudenten präsentierte er in der Säulenhalle des Parlaments eine Arbeit zum Thema »Kunst und Politik«. Sein Beitrag bestand aus einem beleuchteten Kasten, auf dem Fotos von 36 Politikern – von Franz Vranitzky über Erhard Busek bis Jörg Haider – zu sehen waren. Das Objekt trug die Aufschrift: »Wir haben es gesetzlich ermöglicht, J. Jafarzadeh zu verhaften und abzuschieben! Im Iran droht ihm die Hinrichtung. Danke für Ihr Vertrauen.« Die Arbeit musste wenige Stunden nach der Eröffnung wieder entfernt werden, und Lukas Pusch bekam vom Unterrichtsministerium ein Schreiben, das ihm attestierte, ein »zynisch plakativer Provokateur« zu sein, »der gegen Freiheit, Toleranz und gegen sämtliche Förderungsrichtlinien des Staates Österreich« verstoße. Staatliche Unterstützung für nachfolgende Projekte blieb aus, auch Bekannte wollten seine Arbeit nicht länger fördern.

Daraufhin verließ Pusch das Land und studierte Landschaftsmalerei in Dresden, um danach als Grafiker in Berlin und Wien zu arbeiten. Seit vier Jahren konzentriert er sich nun ausschließlich auf seine Kunst. Slum TV ist eines seiner jüngsten Projekte.

»Es soll kein Hilfsprojekt sein, sondern ein richtiges Unternehmen werden, das sich selbst trägt und nicht von irgendwelchen Spenden abhängig ist«, sagt Pusch. In Mathare arbeitet das Team, das sich aus den einstigen Workshop-Teilnehmern zusammensetzt, an einem Archiv, das gegen Gebühr auch von internationalen Medien genutzt werden kann. Einige Mitarbeiter konnten bereits Bildmaterial an CNN verkaufen oder haben dank ihrer Ausbildung bei Slum TV Jobs bei anderen Unternehmen gefunden. Demnächst soll es ähnliche Projekte auch in anderen Ländern geben, etwa in Indien und Brasilien.

»Ich bin Künstler, nicht Sozialarbeiter«, sagt Pusch. Diese Unterscheidung ist ihm wichtig. Dass er einigen Mitgliedern des Teams Geld nach Nairobi schickt, weil sie wegen der Unruhen aus ihren Häusern vertrieben wurden, erwähnt er nur am Rande. Pusch ist Idealist, aber keiner soll es merken.