Pop

Konfrontation ist Alltag

Der Kunstexperte Diedrich Diederichsen spricht über das Zusammenspiel neuer Kulturindustrien und die politische Dimension von Pop. Ein Interview


Was ist Pop?

Eine vor circa 50, 60 Jahren entstandene kulturelle Konstellation, die weder Massen- noch Hochkultur war. Sie verdankte sich dem Zusammenwirken neuer Kulturindustrien (Fernsehen, Popmusik), Medien (Nähetechniken von Kameras, Mikrofone) und gesellschaftlicher Dynamiken (Bürgerrechtsbewegung, Generationenkonflikte mit den fordistisch geprägten Kriegsgenerationen).

Wo beginnt Pop?

Mit dem Zusammenwirken von personenbezogen genauer und direkter aufgezeichneter Musik und deren weltweiter Verbreitung, irgendwann zwischen Sinatra, Big Joe Turner, Elvis und dem dazugehörigen Design und der entsprechenden Kleidermode. Wichtig war auch die zeitnahe Reflexion des Phänomens durch vor allem britische Künstler (Richard Hamilton) und Theoretiker (Birmingham School).

Was ist das dümmste Vorurteil gegen Pop?

Dass sich der Begriff allein von populär herleiten und erklären lasse.

Ist Pop links oder rechts?

Pop war lange mit gesellschaftlichen Bewegungen verbunden, die in unterschiedlicher Weise links waren (libertär-anarchistisch, arbeiterkulturell, sexualrevolutionär). Pop wurde aber immer schnell rechts, wenn Pop mit einem Thema allein blieb – die sexuelle Revolution wird unter den Händen eines allein gelassenen Pop zu Sexismus. Pop hat mit den Aufbrüchen zu tun, danach werden die Dinge oft von der Schwerkraft der herrschenden Verhältnisse herabgezogen. Dazwischen gab es immer auch Ansätze, dass Pop sich selbst politisch organisiert und um dieses Problem kümmert. Davon sind wir im Moment weit entfernt. Wenn Pop eine Konstante aller künftigen Gesellschaften sein soll, kann Pop natürlich links oder rechts sein. Wenn wir Pop als historisches Phänomen verstehen wollen, das sich in der digitalen Kultur zur Unkenntlichkeit erweitert, verfeinert und aufgehoben hat, dann war Pop – im Ansatz – links.

Ist Pop überhaupt politisch?

Ja, wie alles, das Geschichte macht.

Ist Pop heute bloß noch ein Schatten von früher?

Nein, Pop ist nur etwas anderes geworden.

Erfindet jede Generation einfach den Pop neu?

Es ist umgekehrt. Pop hat die Verlagerung der gesellschaftlichen Konfrontation ins Alltagskulturelle eingeführt beziehungsweise erfunden. Der Generationenbegriff und der dazugehörige Konflikt sind die Schwundstufe dieser Konfrontation.

Ist Pop also Privatsache?

Das wäre sein Ende in Langeweile.

Was war Ihr größter Popmoment?

Es gab zu viele.

Diedrich Diederichsen ist Professor am Institut für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Im April erscheint sein Buch »Eigenblutdoping. Künstlerromantik und Selbstverwertung« (Kiepenheuer & Witsch)

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    • Von Georg Diez
    • Datum 14.2.2008 - 09:42 Uhr
    • Serie Bildungskanon
    • Quelle DIE ZEIT, 14.02.2008 Nr. 08
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    • Schlagworte Kultur | Musik | Kulturbetrieb |
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