Erinnert sich noch jemand an die neue Bürgerlichkeit? Falls dem Schlagwort je eine gesellschaftliche Wirklichkeit entsprach, dann jedenfalls nicht in den Medien, die den Trend behaupteten. In den Medien hat sich im Gegenteil die Proletarisierung beschleunigt, allen voran im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. ARD und ZDF sind in großem Maßstab dazu übergegangen, die Privatsender zu kopieren, und zwar nicht dort, wo sie avantgardistisch, sondern dort, wo sie am dümmsten und dämlichsten sind.

Der Schönling Bruce Darnell, der einst auf ProSieben linkischen Teenagern beibrachte, wie man sich als Mannequin bewegt (»Die Handtasche muss leben«), beginnt jetzt in der ARD eine Typberatungsshow (Bruce – eure Styling-Show). Thomas Gottschalk wiederum soll für das ZDF gegen Dieter Bohlen und die RTL-Superstarshow antreten: mit einer Castingshow für das abgenudelte Dauermusical Starlight Express . Nachwuchssänger auf Rollschuhen! Da werden die Tränen fließen. Das ist aber im ZDF, das sein reifes Publikum bedienen muss, noch nicht alles. Es sind auch die längst eingestellten Privatfernsehformate Der Bergdoktor und die Traumhochzeit (mit Linda de Mol!) eingekauft worden. So viel Nostalgie war nie.

Es ist aber nicht die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der selbst Vorabendware solide und mancher Dialog sogar komisch war. Es ist die Sehnsucht nach der schlechten alten Zeit, die mit dem Privatfernsehen begann. Enthemmung möglich machen! Nach der Deregulierung des Marktes muss endlich auch ästhetisch dereguliert werden. Bald wird gewiss auch das Dschungelcamp übernommen, vielleicht zu einer Ekelkochshow mit Kerners Küche fusioniert, Engerlinge in Aspik, Kröten gegrillt, von Margarethe Schreinemakers beweint.

Nun ist das natürlich, wie an dieser Stelle stets die Intendanten vorwurfsvoll zu sagen pflegen, nicht für ein bürgerlich konsterniertes Publikum gedacht; dieses Publikum möge sich doch an 3sat und Arte laben und endlich die Schnauze halten. Und gewiss ist es mühelos möglich, sich mit den Kulturprogrammen still zu beschäftigen. Es macht aber gleichwohl einen großen Unterschied, und zwar nicht nur für das Fernsehpublikum, sondern für die ganze Gesellschaft, ob das bürgerliche, das gebildete und kritische Segment noch in den Hauptprogrammen bedient oder in Spartensendern marginalisiert wird. Das Erste und das Zweite Programm definieren die Mitte der Gesellschaft, und wenn diese als ein Biotop gedacht wird, in dem Akademiker oder ganz allgemein höher organisierte Wesen nichts zu suchen haben, dann können wir uns alle Bildungsanstrengungen, alle Pisa-Studien und Bologna-Prozesse schenken. Keine Schul- oder Hochschulpolitik wird gegen die Botschaft ankommen, dass nur Dummheit mit einem Platz in der ersten Reihe belohnt wird.