Lieber Herr Schmidt, Sie waren gerade wieder Gast einer großen Veranstaltung. Alle haben nur darauf gewartet, dass Sie rauchen würden. Aber - Überraschung - Sie haben nicht!

Ja, weil ich unsicher war, was das Gesetz sagt. Ich habe nicht gegen das Gesetz verstoßen wollen, das war auch neulich im Winterhuder Fährhaus nicht meine Absicht.

Sie hatten in dem Theater in Hamburg geraucht und prompt die Anzeige einer Nichtraucherinitiative wegen Körperverletzung kassiert. Dazu Schlagzeilen wie nach einer Staatsaffäre.

Die Theaterleitung hatte mir ein Tischchen vor den Stuhl gestellt mit einem Aschenbecher und einer Tasse Kaffee. Natürlich habe ich davon Gebrauch gemacht, meine Frau auch, wir haben uns überhaupt nichts dabei gedacht. Und daraus haben andere einen bewussten Verstoß gegen das Gesetz gemacht.

Nun steht Ihr schöner Satz im Raum: Ich lasse mir von niemandem das Rauchen verbieten.

Das bleibt auch so.

Aber gegen das Gesetz verstoßen wollen Sie auch nicht?

Dem Gesetz muss man gehorchen. Immerhin haben es die Parlamente beschlossen.

Hat es Sie getroffen, dass Sie angezeigt wurden?

Nee, wir haben darüber gelacht.

Hatten Sie nicht auch Sorge um Ihren Ruf? Sie sind ein Vorbild.

Nein, ich bin kein öffentliches Vorbild.

Jetzt stapeln Sie wirklich zu tief.

Nein, im Ernst: Politiker sollen auf ihrem Felde Vorbild sein, aber nicht auf sämtlichen Feldern menschlichen Lebens. Das ist zu viel verlangt.

Ihre Frau hat neulich erzählt, dass sie mit zehn ihre erste Zigarette geraucht hat.

Jedenfalls hat sie früher angefangen als ich.

Wann haben Sie denn zum ersten Mal?

Als ich konfirmiert wurde, da war ich fünfzehn. Ein Onkel hat mir eine Schachtel Zigaretten geschenkt.

Hatten Erwachsene damals überhaupt kein Gefühl für die Gefahren des Rauchens?

Nee, damals gab’s diese Hysterie noch nicht.

Würden Sie jungen Menschen wenigstens heute dazu raten, gar nicht erst damit anzufangen?

Ich würde niemandem unerbetene Ratschläge geben.

Haben Sie jemals den Versuch unternommen, zu zählen, wie viele Zigaretten Sie am Tag rauchen?

Hab ich nie gezählt. Ich habe mal versucht, auf Pfeife umzustellen, aber das ist mir nicht bekommen, weil ich als Zigarettenraucher auch mit Pfeife immer inhaliert habe.

Wie sind Sie auf Menthol gekommen?

Als in den sechziger Jahren die Zeit des Zechensterbens an der Ruhr war, bin ich viele Male in Schächte eingefahren. Damals habe ich von den Bergleuten gelernt, Schnupftabak zu nehmen, denn da unten durfte man wegen der Explosionsgefahr nicht rauchen. Das habe ich von denen übernommen, weil man im Bundestag auch nicht rauchen durfte. Und der Schnupftabak war mit Menthol parfümiert.

Und haben Sie nie versucht, das Rauchen ganz einzustellen?

Nee. Ich bin doch nicht verrückt.

Geht es Ihnen schlecht, wenn Sie nicht rauchen?

Nein. Wenn ich es für notwendig hielte, könnte ich morgen aufhören.

Das sagen alle Süchtigen.

Ich könnte das, aber es ist ja nicht notwendig. Weder gesundheitlich noch seelisch, noch philosophisch.

Zyniker behaupten ja, dass Raucher viel fürs Gemeinwohl tun: Sie zahlen Milliarden Tabaksteuer und sterben früher.

Den Gefallen, früher zu sterben, kann ich Ihnen nicht mehr antun. (Zündet sich die nächste Zigarette an.) Dazu ist es zu spät. (Helmut Schmidt lacht.)

Das Gespräch führte Giovanni di Lorenzo