Italien Deutsche, bitte erobert uns!

Italiens Politik versinkt im Chaos. Jetzt muss das Ausland helfen. Ein Appell des Starkomikers und außerparlamentarischen Oppositionsführers Beppe Grillo

Italien appelliert an die deutschen Brüder: Erklärt uns den Krieg! Wir ergeben uns gern. Ihr müsst nicht mal einen Schuss vergeuden. Wir werden Levkojen und Mimosen auf euch regnen lassen: Ihr seid unsere letzte Hoffnung. Und während ihr die Panzer vorbereitet, könntet ihr euch bereits um unsere öffentlichen Angestellten kümmern. Schon jetzt schicken wir euch jeden Tag den Müll aus Kampanien – bitte nehmt uns auch die Politiker ab! Wir bezahlen euch gut. Nicht mit Parmalat- oder Cirio-Bonds, auch nicht mit Alitalia-Aktien, das garantiere ich euch. Ihr bekommt auch keine Staatsanleihen, das schwöre ich. Italien hat die höchste öffentliche Verschuldung in Europa, rund 1626 Milliarden Euro. Wenn Italien alle seine Staatsanleihen auszahlen müsste, wäre der italienische Staat bankrott.

Aber nehmt uns die Politiker ab! Viele sind euch bereits bekannt, sie sind auch im Ausland berühmt. Wie Berlusconi etwa, der einen eurer Europa-Abgeordneten beleidigt hat, indem er ihn »Kapo« nannte. Berlusconi ist ein Selfmademan, dem ein paar Freunde geholfen haben. In Italien ist die Freundschaft heilig, und wenn die Freunde Bettino Craxi heißen (vor der Justiz nach Tunesien geflüchtet, wo er auch starb) oder Marcello Dell’Utri (Gründer von Forza Italia, verurteilt wegen Mafiabegünstigung, Steuerhinterziehung und Rechnungsbetrug) oder Licio Gelli (verurteilt wegen Infiltration des italienischen Staates durch seine Geheimloge P2), dann kann man schon mal ein Auge zudrücken. Freunde verrät man nicht, vor allem dann nicht, wenn sie Freundschaftsdienste erwidern. Craxi hat ein Gesetz durchgedrückt, mit dem Berlusconi ad hoc über drei Fernsehsender verfügte, die Propaganda für seine Partei machten, und Gelli hat ihn in seine Verbrechensorganisation aufgenommen. Berlusconi besitzt auch Mondadori, das größte italienische Verlagshaus. Er erlangte den Zuschlag dafür, nachdem sein Anwalt Cesare Previti die Richter bestochen hatte, Previti endete dafür in Haft.

Wenn Angela Merkel drei Fernsehsender und 40 Zeitungen und Zeitschriften besäße, dann hätte sie keine Große Koalition nötig. Bei den Wahlen würde sie 80 Prozent der Stimmen bekommen. Vielleicht solltet ihr das der Merkel vorschlagen. Der Interessenskonflikt ist bei uns ein Witz, der uns seit Jahren von der Mitte-links-Koalition erzählt wird. Tatsächlich verbringen die Mitte-links- Abgeordneten ihre Zeit damit, am Telefon über Banken und Versicherungen zu reden, einige gehen auch segeln, andere fahren nach Arcore zu Berlusconi, um ihn zu beruhigen. Gegen die Linksdemokraten Fassino und D’Alema ermittelt die Mailänder Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwältin, die die Ermittlungen leitete, heißt Clementina Forleo, ihre Eltern sind in einem mysteriösen Unfall zu Tode gekommen, nachdem sie zuvor bedroht worden waren, die Staatsanwältin selbst wurde von den Medien für verrückt erklärt, angeklagt und schließlich versetzt.

Ich möchte auch, dass ihr uns Veltroni abnehmt, den übrig gebliebenen Neuen, ein Politiker, der in den siebziger Jahren in die Politik einstieg und jetzt überlackiert wurde, in den neuen Farben der Demokratischen Partei (PD). Die Demokratische Partei ist die neue Marke, sie ersetzt jene der Linksdemokraten, die wiederum die Partei der demokratischen Linken (PDS) ablöste, welche die Kommunistische Partei Italiens ersetzte. Unsere Politiker sind Chamäleons, sie wechseln ihre Namen und Farben und bleiben immer die Gleichen. Sie hoffen, dass die italienischen Wähler vergessen – dass die italienische Politik seit 20 Jahren die schlechteste Europas ist.

Einen dürft ihr auf keinen Fall vergessen: Clemente Mastella, der im kampanischen Ceppaloni lebt. Das ist ein Mann, der die Welt zum Lachen gebracht hat. Er glaubte, Justizminister zu sein, war aber nur Komparse. Man hat ihn zum Minister ernannt und ihm sowohl einen Dauerlutscher geschenkt als auch einen präzisen Auftrag: eine Amnestie zu erteilen. Die erste Tat der Regierung Prodi bestand darin, 24000 Häftlinge wieder auf freien Fuß zu setzen – und Hunderte von den Parteien nahestehenden Beamten erst gar nicht zu verhaften. Mastella verbrachte so viel Zeit damit, sich in Gefängnissen mit Zuchthäuslern fotografieren zu lassen, dass sie ihn am Ende adoptieren wollten. Er musste als Justizminister zurücktreten, weil seine Frau wegen versuchter Erpressung unter Hausarrest stand – zusammen mit einer nicht genau bezifferten Anzahl von Mitgliedern seiner familiengeführten Partei.

Und dann hätten wir da noch Dini, einen ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten. Seine schöne Ehefrau wurde wegen Bankrotts zu etwas mehr als zwei Jahren Haft verurteilt. Das ist in Italien ein Verdienst, Dini ist zu Recht stolz darauf.

Im Parlament sieht es nicht besser aus. Ihr werdet dort 24 letztinstanzlich verurteilte Abgeordnete finden: verurteilt wegen Delikten, die von der Bildung einer bewaffneten Vereinigung über Betrug und Meineid bis hin zu Mafiazugehörigkeit reichen. Zu diesen 24 Prachtexemplaren kommen noch all jene Parlamentarier hinzu, die erst- und zweitinstanzlich verurteilt wurden, schließlich noch diejenigen, deren Strafen verjährt sind – alles in allem rund hundert Gauner. Verjährt bedeutet bei uns, dass die Strafe zu spät erlassen wurde, um im Gefängnis zu enden. Weltrekordhalter der Verjährungsfrist ist der 90-jährige Giulio Andreotti. Er wurde wegen Mafiabegünstigung verurteilt – allerdings war die Strafe schon verjährt, als sie ausgesprochen wurde. Dafür wurde er mit einem Posten als Senator auf Lebenszeit belohnt.

Vielleicht habt ihr auch davon gehört, dass der sizilianische Regionalpräsident im Januar wegen Begünstigung verschiedener Mafiosi zu fünf Jahren Haft und der Niederlegung aller öffentlicher Ämter verurteilt wurde. Er verspeiste daraufhin einen Teller mit Cannoli (mit Quarkcreme gefüllte Teigröllchen), weil er mit einer viel höheren Strafe gerechnet hatte. Er wird keinen einzigen Tag im Gefängnis verbringen, auch wenn er letztinstanzlich (bei uns sind drei Instanzen üblich) verurteilt werden sollte. Strafen von unter zwei Jahren müssen bei uns grundsätzlich nicht angetreten werden, und Strafen von drei Jahren hat uns Mastella erlassen, der Amnestie sei Dank. Als Ausgleich wird der sizilianische Ministerpräsident für Mastellas Partei in das Parlament einziehen. Denn unser Wahlrecht, im Jahr 2006 von Berlusconi durchgesetzt, bevor er zurücktreten musste, sieht vor, dass Abgeordnete und Senatoren nicht von den Italienern gewählt werden, sondern von den Parteisekretären. Deshalb sitzen im Parlament Ehefrauen, Geliebte, Angestellte, Taschenträger, Jasager, Vorbestrafte, Mafiosi und Camorristi. Der Bürger darf nur ein Symbol ankreuzen.

Viele sagen, dass wir wie Argentinien enden werden, tatsächlich sind wir da bereits, aber wir schämen uns, das zuzugeben. Es gibt in Italien sechs Millionen Zeitarbeiter, die nur jeden zweiten Monat Arbeit haben. Die italienische Industrie besteht im Wesentlichen aus Fiat. Ausländische Investitionen in Italien sind praktisch zusammengebrochen. Sogar Spanien hat uns überholt. Im europäischen Vergleich sind wir die Letzten oder Vorletzten, in Konkurrenz zu Griechenland. Nur was den Betrug der europäischen Gemeinschaft betrifft, ist Italien Spitzenreiter. Jährlich enden neun Milliarden Euro EU-Gelder fast ausschließlich in drei italienischen Regionen: in Kampanien, Kalabrien und Sizilien, wo die Camorra, die ’Ndrangheta und die Mafia herrschen, ein schwarzes Loch aus Politik und organisierter Kriminalität. Ich könnte noch Stunden so weitermachen, aber mir fehlt der Mut. Und der Platz.

Nehmt uns die Politiker ab und erobert uns! Die Italiener sind auf eurer Seite. Cry for me, Deutschland!

Würde der 59-Jährige Beppe Grillo eine Partei gründen, wäre er wohl der einzige ernsthafte Konkurrent für Silvio Berlusconi. Aber Grillo will kein Politiker sein, zudem hält er die Neuwahlen am 13. April für verfassungswidrig. Seine TV-Shows hatten bis zu 20 Millionen Zuschauer; seit seine Gegner ihn aus dem Fernsehen verbannt haben, tritt er in riesigen Arenen auf. Sein Blog ( www.beppegrillo.it ) zählt zu den zehn am häufigsten besuchten Blogs weltweit. Zurzeit organisiert Grillo dort eine »Renaissance der Demokratie« über Bürgerlisten

Aus dem Italienischen von Petra Reski

 
Leser-Kommentare
  1. Schade das die deutsche Übersetzung entschärft wurde. Im Original ist sie wesentlich unterhaltsamer zu lesen.

  2. da hat sich einer von der Zeit wohl angepisst gefühlt. Vielleicht heisst er Franz oder Gunther hahaLese gerdade den Originaleintrag im Blog von BG auf http://www.beppegrillo.it...Danke für den Hinweis, HJ44

  3. [...] "Newsweek":

    Farewell, Dolce Vita?Schmieding scrive:Of course Italy has severe problems. The public sector is in need of root-and-branch reforms. Italy's open economy is highly exposed to the global downturn. Consumers - shocked by a steep rise in oil and food prices - have shunned the shops in the last few months. But once again, Italy looks more likely to muddle through than to go down the drain.[Der erste Teil dieses Beitrags musste leider gelöscht werden - bitte halten Sie sich an Deutsch und Englisch als die Verkehrssprachen dieses Forums. Danke. /Die Redaktion pt.]

  4. Das geht heutzutage doch gentz schnell :) einfach ins gute alte Deutschland reisen und per US-Post versand ein Paket ans Weise haus schiken mit dorgen und Sprengstoff in grossen mengen drin und ein par dieser al-Kaida berichte ( natürlich gefälschte ) wo drin steht das die jetzt von Italien aus agiren. Als absender dann nur noch das Italienische Parlament angeben und schon bald ( nach Ikran und Iran, die waren leider schon vorher da ) dürft auch ihr euch über die amerikanische wirtschaftshilfe in form einer invasion freuen. die amerikaner wissen ja wo man bei euch landen muss und kennen sicherlich noh die alten Straßen. Wenns schneller gehen soll sih einfach als Al-Kaida Kämpfer verkleidet auf die Straße stellen und so US-Fahnen verbrennen das die amerikaner das auch mitkrigen ( z.B. mit Wahlkampfslogens für einen Politiker, dann nutzen das schon seine Gegner ). Aber OIran hat da mit sinen kommentaren die ihr in Italien gsicherlih auch gehört hat die Latte schon recht hoch gelegt, aber die mafia solte das ja wohl topen können. ( VORSICHT SATIRE )

  5. Alle Politiker sind Verbrecher?
    Immerhin gibt's doch noch den Prodi, so ein richtig übler Halunke schient der gar nicht zu sein.
    Aber Ihr Italiener laßt Euch doch lieber von Berlusconi regieren, stimmts?
    Selber schuld....

    • keox
    • 11.04.2008 um 23:25 Uhr
    7. Na ja.

    eines muß man konzedieren, der Unterhaltungswert der italienischen Politik übertrifft den der deutschen um diverse Nudellängen.Unsere HerrenDamen sind da wesentlich diskreter, ist halt ´ne Temparamentfrage. Das heißt aber noch lange nicht, daß man mit einem mafiösen Ehrenwort hier nix erreichen könnte.Also im Ganzen, werter Beppo, ich rate dringend ab.

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    @keox
    So ist es! Mit einer Übernahme würd's nicht besser sondern ledoglich etwas anders werden!

    @keox
    So ist es! Mit einer Übernahme würd's nicht besser sondern ledoglich etwas anders werden!

  6. @keox
    So ist es! Mit einer Übernahme würd's nicht besser sondern ledoglich etwas anders werden!

    Antwort auf "Na ja."

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