Das Ende der Brockhaus-BändeAbschied von einem Schwergewicht

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Nostalgiker sprechen von einem Epochenbruch: Der Brockhaus, das berühmteste der deutschen Konversationslexika, wird von April an kostenlos im Internet verfügbar sein, nur mehr durch Werbung finanziert und nicht mehr durch den Verkauf der dickleibigen Buchbände. Das ist für die Freunde des Netzes eine gute Nachricht - Informationen sind dort zwar reichlich vorhanden, aber selten vertrauenswürdig. Man muss nur eine Probe auf umstrittene Gestalten der Geschichte bei Wikipedia machen, um zu erleben, wie Fakten politisch oder ideologisch, gern auch querulatorisch überformt werden können. Wenn also der Brockhaus, den man früher ohnehin brauchte, um Wikipedia oder vergleichbare Angebote zu überprüfen, nun direkt daneben, den berühmten Mausklick entfernt, erreichbar ist, dann ist das erleichternd.

Andererseits ist die Aussicht, nach der letzten gedruckten, der nunmehr 21. Auflage, wohl nie wieder einen aktuellen Brockhaus im Schrank haben zu können, zumindest ambivalent. Das Hantieren mit den dicken Bänden war nicht komfortabel, wissenschaftliche Einträge oft überholt aber es wird gern übersehen, dass das Angewiesensein auf einen Computer mit Netzzugang auch nicht zu den größten Erleichterungen der Neuzeit gehört.

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Und schließlich auch das aktuellste, täglich online überarbeitete Nachschlagewerk ersetzt nicht die großen Konversationslexika der Vergangenheit, von denen manche noch immer kanonischen Rang haben und auf manchen Wissensgebieten uneinholbar bleiben: der berühmte Meyer in der letzten Auflage vor dem Ersten Weltkrieg, das Zedlersche Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste aus dem 18.

Jahrhundert, das umfangreichste jemals erstellte Lexikon, die Grande Enciclopédia Portuguesa e Brasileira, die in den dreißiger bis sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstand.

Alle diese Lexika wird man weiter, vor allem in historischen Zusammenhängen brauchen, ganz zu schweigen von jenen, die sich einer epochalen kulturellen Leistung verdankten wie die berühmte Encyclopédie Diderots, an der alle französischen Aufklärer von Rang mitgearbeitet haben und die nach dem Prinzip der wenigen, großen und übergreifenden Einträge gearbeitet war, ähnlich dem essayistischen Teil der späteren Encyclopaedia Britannica. Nach den technischen Beiträgen im genannten Meyer könnte man einen Webstuhl oder eine Dampfmaschine nachbauen - so viel konkrete Information war nie.

Mit der Wissensexplosion nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der Einträge zu und ihre Ausführlichkeit dramatisch ab. Mit diesem Umfangproblem hat ein Online-Brockhaus nicht zu kämpfen - insofern könnte auch eine strahlende Zukunft der Konversationslexika heraufziehen: Informationen gehen nicht mehr verloren, es kommen nur neue hinzu.

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