Altersarmut

Alt werden wir später ...

... und arm vielleicht auch: Drei gebildete Menschen, denen es gut geht. Doch ihre Rente ist alles andere als sicher

Mercedes Bunz hat keine Angst vor dem Alter, aber besonders gemütlich stellt sie es sich auch nicht vor. »Wahrscheinlich werde ich immer irgendwie arbeiten und Geld verdienen, manchmal mit Festanstellung, manchmal ohne. Und die meisten meiner Freunde auch«, sagt sie. Bunz sitzt im Café Liebling im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg; es ist Samstagnachmittag, aber hier merkt man wenig vom Wochenende. Die Cafés sind auch werktags voll, und umgekehrt sieht man in den kleinen Büros in den Seitenstraßen am Wochenende Menschen vor Computern sitzen. Hier, rund um den Helmholtzplatz, arbeiten viele Menschen ohne feste Arbeitszeiten und ohne feste Stelle.

Bunz ist Journalistin und Mitte 30, sie hat die hiesige Szene in einem Artikel etwas unfreundlich »urbane Penner« genannt und jene Freiberufler beschrieben, die wegen der billigen Mieten nach Berlin ziehen, als Designer, Architekten oder Schreiber arbeiten und kaum über die Runden kommen. Sie sind gebildet, motiviert und fleißig, längst über 30 – und leben doch wie Studenten, bei denen das Geld weder für den Urlaub noch für eine Lebensversicherung reicht und Papa den neuen Laptop finanziert.

Meine Armut kotzt mich an, lautete damals die Überschrift ihres Artikels. Bunz war freie Journalistin, jetzt leitet sie die Online-Redaktion des Tagesspiegels, festangestellt. An ihrer Vorstellung vom Alter haben die leicht entspannten Verhältnisse nichts geändert, dazu hat sie zu viele Freunde, die anders leben. »Um meine Rente kümmer ich mich frühestens ab 40«, sagt ein junger Mann, der mit Laptop am Nachbartisch im Café Liebling sitzt. Er heißt Sascha Lobo, hat über das gleiche Milieu geschrieben, es allerdings etwas freundlicher »Digitale Bohème« genannt. Jetzt arbeitet er am nächsten Buch und hat gerade genug zum Leben. So werde es wahrscheinlich auch im Alter sein, sagen beide. Alle arbeiteten weiter, nur sähe es im Viertel dann anders aus: Statt der Kinderwagen klapperten Rollwagen für Rentner über die Bürgersteige, die Geschäfte verkauften Schaukelstühle statt Schaukelpferden.

Altersarmut? Eigentlich galt das Thema in Deutschland als abgehakt, vorerst jedenfalls.Schließlich geht es den 20 Millionen Rentnern von heute ja vergleichsweise gut. Nur zwei Prozent der Deutschen beziehen eine soziale Grundsicherung, die Sozialhilfe für Alte. Doch nun stehen beide Regierungsparteien unter Druck. Der Parteivorstand der Linkspartei hat gerade beschlossen, Altersarmut und die Rente mit 67 zum wichtigsten Kampagnenthema der kommenden zwei Jahre zu machen. Parteichef Oskar Lafontaine weiß, wie ein Rentenwahlkampf funktioniert, er hat das schon 1998 im Wahlkampf gegen Helmut Kohl mit Erfolg ausprobiert, damals noch als Parteivorsitzender der SPD. Heute lässt Lafontaine kein Interview verstreichen, ohne über die Nöte der Rentner zu sprechen.

Und die Renter sind für solche Töne empfänglich, zuletzt haben die Volksparteien viele Stimmen der Älteren verloren. Gerade ihnen hat der Aufschwung wenig genützt. Die Renten sind kaum gestiegen, von der Senkung des Arbeitslosenbeitrags profitieren sie nicht, dafür spüren sie die höhere Mehrwertsteuer und steigende Energiepreise umso mehr. Erstaunlicherweise sind die Rentner von heute besonders besorgt über die Nöte der Alten von morgen, sie lehnen etwa die Rente mit 67 entschieden ab, obwohl das Gesetz erst in Zukunft wirkt.

Familien mit kleinen Einkommen sparen oft fleißiger als flotte Yuppies

Gemessen an dem, was noch kommen wird, geht es den Rentnern von heute sehr gut. In kaum einem Industrieland seien Geringverdiener so schlecht abgesichert, warnt die OECD; die Wirtschaftsweisen sehen allein schon zwei bis drei Millionen Selbstständige von Armut im Alter bedroht, andere Gruppen kommen hinzu. Auch für einen Durchschnittsverdiener sind die Aussichten dank der vergangenen Rentenreformen nicht gut, wenn er sich allein auf die gesetzliche Vorsorge verlässt: Für 30 Jahre Arbeit erwirbt er, je nach Zeitpunkt der Verrentung, gerade eine Rente auf Sozialhilfeniveau. Und ein Hartz-IV-Empfänger erhöht pro Jahr seinen Rentenanspruch um 2,19 Euro.

Neu sind nicht die Zahlen, neu ist das Gefühl, dass es fast jeden treffen kann. Altersarmut – das klingt immer noch nach einem Randproblem, nach dem Mütterchen, dem man über die Straße helfen muss. Dass auch Akademiker wie Bunz oder Lobo sich Sorgen machen müssen, war in vielen Köpfen offenbar nicht angekommen. Es waren ja auch die Jungen, die unbedingt weitreichende Rentenreformen wollten. Die Folgen werden erst langsam klar. Als kürzlich in einem Fernsehbeitrag vorgerechnet wurde, dass theoretisch ein Durchschnittsverdiener trotz Riester-Rente von Armut bedroht sein könnte, hat das viele Bürger kräftig erschreckt. Es ist nicht einmal allein eine Frage des Einkommens, wen es später trifft. Die Sparneigung, sagt der Bonner Ökonom Meinhard Miegel, sei vor allem Mentalitätssache. So legten Familien mit kleinen Einkommen oft mehr zurück als mancher sorglose Yuppie.

Nun warnen Gewerkschaften und liberale Ökonomen gleichermaßen vor künftiger Armut. Selbst Bert Rürup, als Regierungsberater beteiligt an mehreren Rentenreformen, fordert inzwischen Steuerzuschüsse für Geringverdiener mit vielen Beitragsjahren. »Wer ein ganzes Berufsleben lang in die Versicherung eingezahlt hat, muss mehr bekommen als jemand, der nie berufstätig war«, sagt er.

Für diese Gruppe hat Karl-Josef Laumann, Arbeitsminister in Nordrhein-Westfalen und Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels, verschiedene Konzepte durchrechnen lassen.

Der pensionierte Ingenieur repariert Radios, der Lehrer gibt Nachhilfe

Lange hat die gesetzliche Rente für mehr Gleichheit gesorgt. In keiner anderen Altersgruppe waren die sozialen Unterschiede so klein. Das ändert sich gerade, weil im Westen die erste Generation der Doppelverdiener in Rente geht und im Osten die Wendeverlierer ins Rentenalter kommen. Da außerdem Vermögen und Erbschaften ungleich verteilt sind, wird die soziale Lage der Alten auseinanderdriften. Spätestens dann steht ein neuer Streit um Gerechtigkeit im Lande bevor. Statt des viel beschworenen Konflikts zwischen den Generationen werden die Verteilungskonflikte innerhalb der Generationen härter und sichtbarer werden – zwischen Erben und Nichterben, Einheimischen und Zuwanderern, Kinderlosen und Familien.

Die Trennlinie wird nicht nur zwischen Arm und Reich verlaufen, sondern auch zwischen Arbeitsfähigen und Kranken, zwischen denen mit und jenen ohne informelle Netzwerke aus Freunden, Nachbarn und Verwandten. Schon heute gibt es Tauschringe für Ältere mit wenig Geld – der eine mäht für die anderen Mitglieder den Rasen, ein anderer schneidet Haare, der Dritte hilft bei der Steuererklärung.

Viele Rentner von morgen werden »Alterskraftunternehmer« sein, sagt der Jenaer Soziologe Stephan Lessenich voraus: Entscheidend für ihren Lebensstandard sei nicht mehr nur die Überweisung aus der Rentenkasse oder der Ertrag des Riester-Sparplans, sondern – mehr noch als in jungen Jahren – die Fähigkeit, eigene Fertigkeiten zu vermarkten. Fachleute würden dann unabhängig von ihrem Alter gefragt sein, schon deshalb, weil qualifizierte Junge fehlten.

Gut möglich, dass es dann vor allem eine Statusfrage ist, wer in welchem Alter Geld verdienen muss. »Meine Frau braucht nicht zu arbeiten« – das sagte in den sechziger Jahren manch männlicher Familienernährer voller Stolz. Vielleicht werden die Ehefrauen in 20 Jahren im gleichen Tonfall damit prahlen, dass ihr Ehemann mit 60 nicht mehr arbeiten müsse.

An die Armut hochqualifizierter Alter wird man sich gewöhnen wie einst an die Akademikerarbeitslosigkeit in den Krisenjahren der alten Bundesrepublik. Gut möglich, dass dann im Nachhinein die Debatten über die »Rente mit 67« belächelt werden. Arbeitende Alte werden selbstverständlich sein. Der ehemalige Verkäufer räumt Regale im Supermarkt ein, der Ingenieur repariert Radios, der Lehrer gibt Nachhilfe. In vielen anderen Industrieländern ist das heute schon so.

»Ich esse immer bei McDonald’s, wenn ich sehen will, wie es den Alten in anderen Ländern geht«, sagt Herbert Rische. In China und in den USA hat er besonders viele weißhaarige, schlecht bezahlte Burger-Verkäufer angetroffen – beides Länder mit viel Altersarmut. Rische ist der Chef der Deutschen Rentenversicherung, ein Mann mit Humor und Sinn für Grundsatzdebatten, der gleichwohl ratlos auf den Rentenstreit der vergangenen Wochen blickt. Warum, fragt er sich, kommt die Klage über drohende Altersarmut gerade jetzt auf? Die Reformgesetze, über deren Folgen auf einmal gestritten wird, sind 2001 beschlossen worden. Damals, sagt Rische, wurden die Härten der Reform unterschätzt. »Man hat auf die Senkung der Lohnnebenkosten geschaut, das war wichtiger als die Leistungen.«

Von seinem Schreibtisch aus blickt der Rentenversicherungschef auf die Altbaufassaden von Berlin-Kreuzberg. Die Altersarmen von morgen – das sind auch die promovierten Taxifahrer und examinierten Kneipiers aus der Nachbarschaft, einem Milieu, in dem es einst als spießig galt, sich früh für die Rente zu interessieren. Aber das treibt Rische in diesen Tagen nicht um. »Soll ich mir wirklich um die Leute Sorgen machen, die alle Voraussetzungen hatten, sich zu kümmern, und die sich anders entschieden haben?«, fragt er. Rische kann genau vorrechnen, dass sich das gesetzliche System im Moment auch für Kleinverdiener lohnt. Das gilt vor allem, wenn sie Kinder haben, nach deren Geburt nicht lange aussetzen und überdies Riester-Verträge abschließen. Berufstätige Eltern gehören zu den Gewinnern des Systems.

»Aber wenn wir auf Dauer einen Niedriglohnsektor in Deutschland bekommen, verliert die lohnbezogene Rente für einen Teil der Erwerbstätigen an Attraktivität«, sagt der Versicherungschef. »Wenn der Lohn nicht zum Leben reicht, kann man damit auch keine existenzsichernde Rente erwirtschaften.« Aber das sei kein Problem, das man in der Rentenpolitik lösen könne.

So reden auch die meisten Sozialpolitiker. Recht haben sie nicht. Die drohende Altersarmut haben sie sich zum Teil durchaus zuzuschreiben. Sie haben schließlich im Laufe der Jahre vielerlei Subventionen für die Altersvorsorge erfunden, die vor allem eines gemeinsam haben: Sie nützen denen, die ohnehin einen sicheren Job und einen Rentenanspruch ihr eigen nennen.

Der festangestellte Arbeiter oder Angestellte kann die Riester-Rente beantragen und dabei viel Geld vom Staat bekommen. Er kann für eine ebenfalls subventionierte Betriebsrente sparen, und er kann mit dem sogenannten »Wohn-Riester« demnächst sogar wieder den Hauskauf mit staatlichen Zuschüssen finanzieren. Auch die von der Großen Koalition geplante stärkere Beteiligung der Arbeitnehmer an Unternehmenserträgen nützt vor allem der in klassischen Jobs beschäftigten Mittelschicht. »Armutsbekämpfung hatte und hat für die deutsche Rentenpolitik einfach keine Priorität«, sagt die Berliner Professorin Barbara Riedmüller, die zum Sozialbeirat der Regierung gehört.

Es ist heute viel zu leicht, aus der Sozialversicherung auszusteigen

Noch schwerer wiegt, dass die Sozialpolitiker den Abschied aus der Sozialversicherung für die Beschäftigten allzu einfach gemacht haben – und verlockend. Geringverdiener spüren die Last der Sozialabgaben meist erheblich stärker als die Lohnsteuer. Beiträge zu sparen ist für sie viel attraktiver als jeder Steuertrick. Deshalb gibt es zwei bis drei Millionen sogenannte Solo-Selbstständige, Köche oder Friseure beispielsweise, die wenig verdienen und oft nicht für das Alter vorsorgen.

Fast sieben Millionen Menschen arbeiten zudem in Minijobs, für die nur der Arbeitgeber einen pauschalen Sozialbeitrag zahlen muss. Immer wenn feste Stellen in solche 400-Euro-Jobs aufgeteilt werden, fehlt dem Sozialstaat am Ende Geld. Der starke Anstieg der Teilzeitjobs in Deutschland spricht dafür, dass die Aufteilung der Vollzeitarbeitsplätze massenhaft geschieht. Manche Arbeitnehmer verzichten auf Überstunden oder verkürzen ihre Arbeitszeit, um einen Zweitjob annehmen zu können, der als Minijob angemeldet wird. Dieses Modell ist so verbreitet, dass in Deutschland heute mehr Menschen einen Zusatzjob haben als in den Vereinigten Staaten. Auch das entzieht der Versicherung Geld.

»Erst hatte ich etwas Angst vor der Selbstständigkeit, jetzt bin ich heilfroh darüber – ich zahle weniger Abgaben und habe mehr Freiheiten«, sagt beispielsweise Thomas Langer, Sporttrainer in einem der edelsten Fitnesscenter Berlins. Langer zahlt regelmäßig in einen Rentenfonds ein, ist damit in der Branche aber eher eine Ausnahme.

Schicke Sportstudios, schöne Cafés mit lässigen jungen Menschen: In Berlin arbeiten viele der neuen Selbstständigen, die als mögliche Arme von morgen gelten, an Orten, an denen man nicht zuerst an Armut denkt. Vielleicht gibt es da sogar einen Zusammenhang. Weil die Altersarmut so schwer sichtbar ist – die von heute und erst recht die von morgen –, haben sowohl politisch Verantwortliche als auch die potenziell Betroffenen sie erst spät als Thema entdeckt.

Was könnte die Politik tun? Am wichtigsten wäre es, auch schlecht verdienenden Selbstständigen beim Sparen für das Alter zu helfen. Außerdem sollte der Staat sie zu irgendeiner Form der Vorsorge verpflichten. Noch streiten die Sozialpolitiker der Volksparteien darum, ob die Zuschüsse für die Renten der Ärmsten aus Versicherungsbeiträgen oder aus Steuern stammen sollen. Wichtiger als dieser Streit ist aber der sich abzeichnende Konsens: dass es solche Zuschüsse geben muss.

Ein Ersatz für eigene Vorsorge kann ein solcher Zuschuss nicht sein. Vielleicht ist es ein schwacher Trost für die neuen Selbstständigen von heute, dass sie für die Arbeits- und Alterswelt von morgen in mancher Hinsicht gut gerüstet sind – mit weniger Geld als die Rentner von heute, aber vielleicht mit mehr Ideen, wie sich damit zurechtkommen lässt. Und zumindest in einem wichtigen Punkt werden sie es womöglich besser haben als die Vorgängergeneration: Es wird wohl mehr glückliche alte Paare geben. Die Zahl der Rentnerhochzeiten ist schon in der jüngsten Vergangenheit stark gestiegen. Das liegt vor allem daran, dass es unter den jüngeren Rentnern mehr Männer gibt als in der Kriegsgeneration.

Und an diesem neuen, normaleren Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen wird sich für die Alten von morgen wenig ändern. Weniger Geld, aber mehr Zweisamkeit, das wäre doch schon eine erträgliche Perspektive. Arm und auch noch einsam – das werden vermutlich weniger Menschen als früher sein.

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Leser-Kommentare

    • 23.02.2008 um 9:43 Uhr
    • Anke S

    Wenn das Geld nur knapp zum Leben reicht, wird es ein bißchen schwierig mit der erwarteten eigenen Vorsorge. Kein Weg hierfür scheint die Riesterrente für Selbstständige als Ergänzung zur eingezahlten Rente - die wird nämlich - dankeschön Staat - auf die Sozialhilfe zur Aufstockung einer geringen Rente angerechnet. Es hängt also keineswegs nur am Unwillen zur eigenen Vorsorge - das Konzept geht völlig an den Menschen vorbei, die mangels Möglichkeit der Festanstellung selbstständig sind, wenig Geld verdienen, aber wertvolle Beiträge zu Kunst und Kultur leisten. Sprich - die urbanen Penner und nicht nur Berlin ist voll davon.Deren Leben ist schon jetzt durchaus anstrengend - zu wünschen wäre also, im Alter arbeiten zu dürfen und nicht zu müssen.

  1. Urban stimmt ja meistens. Aber warum sollte sich unsere Generation auch noch selbst runtermachen mit dem Wort "Penner"? Ständig flexibel, gute bis beste Computer-Kenntnisse, Fremdsprachen, arm trotz Arbeit, was hat das mit pennen zu tun? Ansonsten ist mit dem ersten Kommentar schon fast alles gesagt. Kohl war für die Einführung von Mini-Jobs, Schröder hat alles noch getoppt, unbezahlte Arbeit mittels Praktika wurde "modern", Hartz IV eingeführt und der Niedriglohnsektor. Dort finden sich auch jede Menge Akademiker wieder. Wenn das so weiter geht, ist klar, dass wir in 10 bis 20 Jahren ein wirklich armes Land sein werden, wenn auch mit ein paar Superreichen.

    • 24.02.2008 um 17:31 Uhr
    • isaacb

    ... die gibt es nicht, nur Fragmente zur Selbstbeweihräucherung der Todefall-Versicherer. isaac ben laurence weismann

    • 25.02.2008 um 10:17 Uhr
    • Zel

    Ironischerweise kümmert sich der "Staat" ja auch nicht um seine Zukunft. Da wird alles privatisiert was da ist und dann wundert man sich, daß einem Energiekonzerne auf der Nase rumtanzen, die Bahn immer teurer wird und in 30 Jahren die Politik völlig erpressbar durch die Wirtschaft sein wird.Vielleicht sollte man auch nicht in Rentenfonds einzahlen, sondern gemeinschaftlich Grundstücke erwerben-auf denen kann man dann seine Kartoffeln anbauen, sein eigenes Kraftwerk draufstellen und kann über die "Rentenabhängigen" nur noch lächeln...

    • 25.02.2008 um 10:36 Uhr
    • ali-ch

    Es vollzieht sich doch die De-Solidarisierung und Des-Integration der Solidargemeinschaft doch völlig plan- und wunschgemäss?
    In ein paar Tagen kommen die Februar-Statistiken zum Arbeitsmarkt heraus; hoffentlich bereitet sie die ZEIT ebenso auf wie sie es mit den Januar-Zahlen tat. Nach dem arbeiten 6.6 Mio Arbeitnehmer Fulltime, müssen aber unterstützt werden, um erst einmal Hartz IV zu erreichen. War es das DIW, das feststellte, dass 11 von 40 Mio Arbeitnehmer weniger als 7.50 die Stunde verdienen; also durch einen solchen Mindestlohn betroffen wären? Da kann man sich ja mal überlegen, wieviel Menschen zwar in die Solidargemeinschaft einzahlen, aber absehbar in ihrem ganzen Leben niemals auch nur die Grundsicherung erreichen werden. Da spielt es keine Rolle, wieviele Selbstständige mit dazu kommen. Da wird sich dann schon eine Regelung finden. (An den 100'000 Nicht-Krankenversicherten kann man die Machart erkennen: Privat versichert, solange die Beiträge niedrig waren, und wenn es teuer wird, ist die Solidargemeinschaft wieder gut genug.)

  2. ...aus der Rentenarmut, ist Deutschland zu verlassen und irgendwohin zu gehen, wo entweder der Nettolohn stimmt oder die staatliche Rente (respektive die Demographie). Da ich mit Frau und Kind ziemlich gebunden bin, habe ich mich darauf eingerichtet, dass ich kaum genug Rente bekommen werde um im Alter ein gutes Leben zu führen. Daher investiere ich das Geld lieber in den Aufbau einer eigenen Immobilie (was ich mir Gott sei Dank und mit viel Eigenarbeit gerade so leisten kann) statt in so betrügerische und schwer nachrechenbare Konstrukte wie Riesterrente und Co., denn wie wir wissen wird die Riesterrente voll versteuert bei ihrer Auszahlung und über den Steuersatz steht natürlich nichts in den Verträgen drin, da lässt der Staat sich alle Optionen offen...und trauen kann man ihm leider schon lange nicht mehr. Wer weiß was in Wirklichkeit von der "Superförderung" am Ende übrig bleibt.Darüberhinaus ist das Thema schon uralt, bereits unter Kohl zeichnete sich ab, dass es ernste Probleme mit den Renten geben würde, aufgrund der Demographie. Der Dicke hat sie halt ausgesessen, das konnte er am Besten. Die folgenden "demokratischen" Herrscher haben dann die Berechnung den Verhältnissen angepasst und sich für diesen "Pragmatismus" feiern lassen, am eigentlichen Problem haben sie natürlich gar nichts geändert (warum auch, unsere "demokratischen Vertreter" denken nur in 4-Jahresrhytmen, wenn überhaupt). Hoffen wir, dass wenigstens die zaghafte Geburtenförderung ala van der Leyen etwas Milderung bringt. Immerhin bringt das Elterngeld etwas Entlastung, wenn auch keine 67% vom Nettolohn, im Regelfall wahrscheinlich eher 50% aufgrund diverser steuerlicher usw. Nebeneffekte (bunte Broschüren lügen immer).

  3. "Aber warum sollte sich unsere Generation auch noch selbst runtermachen mit dem Wort "Penner"? Ständig flexibel, gute bis beste Computer-Kenntnisse, Fremdsprachen, arm trotz Arbeit, was hat das mit pennen zu tun?"

    Was meinen Sie mit "Computer-Kenntnissen" ? Koennen Sie programmieren, einen Chip oder Motherboard entwerfen? Dann finden Sie auch Arbeit, nur eher nicht in Berlin.

  4. Armut ist bei uns ein statistisches Konstrukt, dass dazu führt, dass der Begriff für unterschiedlichste Probleme steht, gemeinhin um zu emotionalisieren, dabei aber wahrscheinlich nur das Gegenteil erreicht, dass über die jeweils eigentlichen Probleme gar nicht mehr gesprochen wird. Wenn man von Menschen redet, die vor allem in Gebieten der unverminderten Bevölkerungsexplosion mit einem Dollar am Tag auskommen müssen, dann handelt es sich um einen ganz anderen Sachverhalt, als wenn eine vierköpfige Familie (zwei Kinder) in Deutschland mit € 1.600 monatlich leben muss – was als Kinderarmutsgrenze definiert ist - oder ein Lediger, der weniger als € 1.000 im Monat hat und deswegen ebenfalls als arm gilt. Und jetzt die Alten. Natürlich gibt es bei den Alten bitterarme Menschen, deren Rente nicht reicht und deren Scham es ihnen dann noch oft versagt, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich traf in München auf dem Viktualienmarkt eine solche alte Frau in einer (gewerblichen) Suppenküche, die sie sich dreimal wöchentlich leisten konnte, ihr einziges warmes Essen mitten in der Gesellschaft, wo über die bittere Armut von Singles, die weniger als € 1.000 Euro haben, gejammert wird. Da stimmt etwas ganz anderes nicht, was auch nicht mit den hier erörterten Fragen einer angemessenen Versorgung im Alter zusammenhängt. Kummer, Sorgen, Elend haben ein anderes Gesicht. Was die Versorgung im Alter generell anbetrifft, so führt kein Weg daran vorbei festzustellen, dass diese noch niemals so gut war heute. Viele Rentner leben deutlich besser als die Jungen und Mittleren, obgleich diese ihre Kinder ernähren müssen und eigentlich alle Werte erst schaffen, von denen die Alten profitieren. Denn keine Mark, die die heutigen Rentner seinerzeit eingezahlt haben, wäre heute noch etwas wert, würden die Jungen nicht die Wirtschaft am Laufen halten und die gegenwärtigen Werte erst erzeugen.
    Aber dennoch werden wir mit der angemessenen Versorgung im Alter zunehmend Probleme haben. Die Rentner, weil sie alle bisherigen Lebenserwartungen sprengen und die Jungen, weil das, was sie verdienen, nicht reicht, soviel zurückzulegen, wie sich unsere heutigen Rentner beizeiten, auch durch ihnen gewogene Gesetze verschafft haben. Als Bismarck die Rentenversicherung - bereits mit einer Altersgrenze von 65 Jahren - einführte, betrug die Lebenserwartung von Neugeborenen max. 39 Jahre, 2001 waren es bis zu 81,3 Jahren und jedes Jahr wächst die durchschnittliche Lebenserwartung um drei Monate. 65-Jährige, die ihre Altersrente auch in Anspruch nahmen, konnte man damals suchen, während heute sich immer mehr drauf einrichten wenigstens zwanzig Jahre Rente zu beziehen. Dennoch gilt bis heute dieselbe Altersgrenze für die Verrentung und dass sie in Zukunft erst einmal um zwei Jahre verlängert wird, gilt den Linken schon als sozialpolitischer Tort, der sie in einem beschämenden sozialhedonistischen Gebrüll einstimmen lassen. Natürlich müssen die Alten länger arbeiten, den Meisten würde es auch Spaß machen, nicht ungebraucht herumzuvagabundieren. Nur müssen wir entsprechende Voraussetzungen schaffen, z.B. für beitrags- und steuerfreie Teilzeitjobs im Alter. Wer sich bis zum 65. Lebensjahr hat sozialpolitisch melken lassen (immer waren es die Politiker, die durch ihre Geschenke die Versicherungen belastet haben), sollte im Rentenalter wenigstens davon verschont werden. Bei den Jungen sollte man aufhören, sie mit solidarischen Versorgungspakts des Staates und Generationenverträgen zu belügen. Solidarisch kann nur noch ein Notgroschen oder eine Mindestrente sein, ansonsten legt die Aufgabe zurück in ihre Hände und sorgt für Aufklärung. Jede Versorgung, die dem Einfluss politischer Entscheidungsträger entzogen war, wie etwa die berufständischen Pflichtversorgungen der Freiberufler, rechnet sich um beachtliche Faktoren besser als die unmittelbar öffentlichen Renten- und Versorgungskassen, an denen sich Generationen von unfähigen Politikern wegen der ihrer jeweiligen Wählerklientel gemachten Geschenke vergriffen haben. Und es gibt noch eine manchem fast atavistisch scheinende Alternative: setzt wieder mehr auf Familie, denn im Generationenverbund können die Alten den Jungen noch lange helfen. Es ist doch verrückt, dass solche selbstverständlich anmutenden Unterstützungen heute als staatliche Fördermaßnahmen wiederkehren (Betreuungsgeld, Pflegegeld). Manchmal schreitet man auch zügiger voran, wenn man zurückblickt.

    Karsten Cascais

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  • Von Elisabeth Niejahr
  • Datum 26.2.2008 - 10:57 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 21.02.2008 Nr. 09
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  • Schlagworte Gesellschaft und soziales Leben | Sozialpolitik | Altersversorgung
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