Darüber sind sich alle einig: Integration beginnt in der Schule, die beste Prävention heißt Bildung. Ohne den Hinweis auf die herausragende Bedeutung von Kitas, Schulen oder Ausbildungsplätzen kommt heute kein Politikerstatement über kriminelle Migranten, keine Diskussion über wuchernde Parallelgesellschaften mehr aus. Fordert Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan in Deutschland türkische Lehranstalten, schallt ihm ein empörtes »Die Kinder müssen Deutsch lernen« entgegen.

Leider haben die pädagogisch wertvollen Einsichten, die Beschwörungen aller Integrationsgipfel und Kultusministerkonferenzen die Betroffenen bislang kaum erreicht. Der Kern der Schule, der Unterricht, die Auswahl und Ausbildung der Pädagogen, die Lehrbücher und Curricula sind von den Debatten seltsam unberührt geblieben. Damit pflegt die Nation auch in der Schule eine ihrer größten Lebenslügen: dass ein Land, in das Millionen Fremde kamen, sich im Kern nicht verändern muss.

Multikulti ist gescheitert, heißt es nun. Auf unsere Bildungseinrichtungen kann sich das Urteil kaum beziehen. Noch erfahren muslimische Kinder in keinem einzigen Bundesland etwas über ihren Glauben in einem regulären Religionsunterricht. Die Zahl der Lehrer aus Migrantenkulturen in unseren Lehrerzimmern liegt bei einem Prozent. Die Strategie amerikanischer Universitäten, gezielt Studenten aus Einwandererfamilien anzuwerben, ist in unseren Hochschulen völlig unbekannt. Und welche Schule begreift die Nichtdeutschen als Chance und nicht als Hindernis?

Längst sprechen wir nicht mehr von einem Minderheitenproblem. Unter den sechs- bis elfjährigen Kindern haben 29 Prozent einen sogenannten Migrationshintergrund. Das heißt, ihr Vater oder ihre Mutter ist im Ausland geboren. Unter den Ein- bis Zweijährigen sind es bereits 34 Prozent. In Großstädten wie Stuttgart, Nürnberg oder Augsburg haben fast zwei Drittel der Erstklässler eine solche Biografie. Nicht alle gehören zu den potenziellen Bildungsverlierern, aber vielen droht ein Schicksal wie Generationen vor ihnen.

Die Reformen nach dem Pisa-Schock helfen den Migrantenkindern kaum

Spätestens seit der ersten Pisastudie 2001 weiß man, in welch dramatischem Ausmaß Migrantenschüler in deutschen Klassenzimmern scheitern. So kommen von den türkischen Jugendlichen mehr als die Hälfte in der neunten Klasse beim Lesen und Rechnen nicht über das Grundschulniveau hinaus. In der darauf folgenden Pisa-Untersuchung erzielten Kinder der ersten und zweiten Einwanderergeneration, die unser Schulsystem komplett durchlaufen haben, schlechtere Leistungen als Kinder von Einwanderern, die erst wenige Jahre bei uns leben. Das ist weltweit einmalig. Vergangenen Dezember erschien die dritte Studie. Die Leistungssteigerungen der deutschen Schüler wurden von Politik und Öffentlichkeit gefeiert. Was im Jubel unterging: Die Schüler aus Migrantenfamilien stagnieren auf niedrigem Niveau.

Der jüngste Integrationsbericht der Bundesregierung beschreibt bei den beruflichen Abschlüssen gar einen kontinuierlichen Absturz. So gibt es unter den 20- bis 24-Jährigen mit Migrationshintergrund mehr Unqualifizierte (54 Prozent) als bei den 25- bis 34-Jährigen (42 Prozent). Die Botschaft der Zahlen lautet: In Deutschland verfestigt sich ein neues, ethnisch geprägtes Proletariat.