Musikfilm

Tanzen mit Mister D

Der Regisseur Todd Haynes hat sich auf die Suche nach Bob Dylan gemacht und fünf Alter Egos gefunden. Sein Film »I’m Not There« kommt jetzt in die Kinos.

Wie blass der Mann auf der Bahre ist und wie plötzlich es mit ihm zu Ende ging. Eben noch sah man ihn auf seiner Fünfhunderter Triumph über den Highway jagen, als säßen sämtliche Dämonen des Rock’n’Roll ihm im Nacken. Jetzt liegt er da, eine stumme, dünne Gestalt in Samt und in Seide, während aus dem Off jemand letzte Worte murmelt. So hätte es aussehen können, wäre der Künstler, den wir unter dem Namen Bob Dylan kennen, 1966 von seinem legendären Motorradunfall nicht wieder aufgestanden. So ist es bekanntlich nicht gekommen, aber was heißt das schon bei einem Regisseur wie Todd Haynes.

Kühn, die Idee, seinen Film über den größten lebenden Rocksänger mit dessen Begräbnis zu beginnen. Dylan tot? Das kann man sich nach all den Jahren kaum mehr vorstellen. Zu sehr haben wir uns daran gewöhnt, ihn regelmäßig in irgendeiner Mehrzweckhalle willkommen zu heißen, wo er, begleitet von seiner Rentnerband, die alten Lieder zum Besten gibt. Wenn er gerade unpässlich ist, hören wir seine Märchenonkelstimme eben in der Theme Time Radio Hour. Dylan ist unverzichtbar, denn einen besseren Darsteller der Kultur, die er in grauer Vorzeit einmal mitbegründet hat, werden wir nicht mehr bekommen. Der Dylan, den man kennt, ist freilich gerade nicht der Dylan, um den es hier geht.

Im Pluriversum der Wiedergänger und der Doppel-Dylans

»Inspired by the music and many lives of Bob Dylan« hat Haynes seiner furiosen, in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichneten Hommage I’m Not There vorangestellt – eine freundliche, aber allzu bescheidene Umschreibung für die Tatsache, dass seine Regie einen ungezwungenen Umgang mit biografischen Daten und Fakten pflegt. Dieser Film ist ein Anschlag: auf das Bildnis, das das Publikum sich im Laufe der Jahre vom Menschen »Bob Dylan« gemacht hat, auf die vielen Rituale und Kennerschaften rund um sein Wirken, auf das Listenwesen und den Buchstabenglauben in seinem Geiste, auf alles, was man über ihn, den ewig Flüchtigen, weiß oder zu wissen glaubt. Nichts wisst ihr Kleinmütigen, gibt Haynes uns zu verstehen, solange ihr nicht neu zu sehen lernt.

Gleich sechs Schauspieler, darunter ein 13jähriger schwarzer Junge und eine Frau, spielen sieben glücklich von den Toten auferstandene Dylans, ohne dass der Name Dylan je wieder fiele. Marcus Carl Franklin ist Woody, ein altkluger kleiner Bursche auf Trebe, Christian Bale gibt den Folksänger und Bohemien Jack Rollins. Cate Blanchett brilliert als drogenfressender, ständig unter Starkstrom stehender Songpoet Jude Quinn. Weiter im Aufgebot: der in den Zungen französischer Dichter redende Arthur (Ben Wishaw), der über seinem Ruhm misanthropisch gewordene Robbie (Heath Ledger, der im Januar 2008 starb), ein Prediger namens John (wiederum Christian Bale) und Billy The Kid, ein gealterter Westerner, mit stoischer Miene zu Pferde dargestellt von Richard Gere.

Jede Figur entspricht grob einer der dylanschen Schaffensphasen. Woody steht für die Anfänge, als Dylan sein Vorbild Woody Guthrie am Sterbebett besuchte, um von ihm die Fackel des amerikanischen Protestlieds entgegenzunehmen. Jack Rollins hat viel vom Folksänger der frühen Sechziger. Mit Arthur (Rimbaud) wird Dylan psychedelisch, als Jude hat er sein Coming-out als coolste Katze weit und breit. In Robbie folgen wir ihm in die Ehehölle, die Dylan zu Anfang der Siebziger tatsächlich durchlitt, um erst Jahre später als wiedergeborener Christ daraus aufzutauchen. So weit, so vertraut, bis hin zu Billy, dem Ebenbild der späten Jahre. Doch Richard Gere, der mit Nickelbrille und ergrauter Mähne im Übrigen stark an Peter Handke erinnert (der seinerseits immer schon etwas Dylaneskes an sich hatte), kommt nicht ganz zufällig aus einer Stadt namens Riddle (Rätsel) geritten.

Es ist ein Pluriversum der Wiedergänger und mysteriösen Doppel-Dylans, in das Haynes uns hineinstößt, eine magische Welt, in der nichts so ist, wie es aussieht, und die Erzählebenen sich ständig mischen. Eben noch sah man den kleinen Woody im Güterzug Landstreichern seine Schnurren erzählen, doch schon im nächsten Moment fällt er in einen tiefen Fluss. Fast wäre er wie in der Bibel von einem Wal gefressen worden, doch es war nur der Traum eines anderen Dylan. Mit derselben Plötzlichkeit explodieren Napalmsonnen über pastoralen Landschaften und geistern wilde Tiere durch die Szene. Einmal, es muss sich um das Newport Folk Festival handeln, auf dem Dylan erstmals die elektrische Gitarre auspackte, wird sogar von offener Bühne herab ins Publikum gefeuert: »This machine kills fascists.«

Haynes versetzt uns zurück in eine Zeit, in der Rock’n’Roll und Krieg noch zwei verfeindete Geschwister waren und Dylan zwischen den Fronten stand – um im nächsten Augenblick schon wieder tief in den Siebzigern zu sein, die ihrerseits an das Amerika der dreißiger Jahre erinnern. Dazwischen hasten die diversen Dylan-Impersonatoren durch täuschend echt nachgestellte Szenerien aus Plattencovern, Bildbänden und Dokumentarfilmen: Dylan im Studio, Dylan als »The Freewheelin’ Bob Dylan«, Dylan im Fond seiner Limousine, auf der Flucht vor seinen Fans – man erkennt die Szenerie, man hat das alles schon einmal gesehen, doch immer, wenn die Sicherheit wächst, endlich dem wahren Bob Dylan auf der Spur zu sein, macht die Logik des Films einen Sprung, und »Dylan« entkommt.

Haynes treibt das Verfahren, Sinnerwartungen erst aufzubauen und dann ins Leere laufen zu lassen, bis in die Nebenstränge seiner Erzählung hinein. Zeitzeugen treten auf, die vor laufender Kamera von Erlebnissen mit einem der Dylans berichten: So und nicht anders sei es gewesen in seiner Gesellschaft. Auch sie ähneln verdächtig Figuren, die in anderen Zusammenhängen schon einmal zu sehen waren, Joan Baez etwa, die in Martin Scorseses Dylan-Dokumentation No Direction Home einige bittersüße Kommentare über ihren früheren Weggefährten und Liebhaber fallen ließ. Doch nicht nur heißt Joan Baez hier ganz anders – und sieht auch ganz anders aus –, die Weisheiten aus erster Hand werden selbst als Teil einer Wahrheitsfindungsmaschinerie vorgeführt, die neue Legenden gebiert.

Dieser Film spricht nicht »über«, er spricht »mit« Bob D.

In immer anderen Szenen Dylan-Rätsel gestellt zu bekommen, für die es auf immer anderen Wegen keine Lösung gibt, ist das eine Vergnügen an diesem Film: Ein Bild hinter der Bildern wird nicht gezeigt, die Mitte bleibt leer. Die eigentliche Pointe jedoch liegt woanders. Indem Haynes Biografie als Fiktion darstellt und Realität als Erfindung, mokiert er sich über den Anspruch, Kunst aus der Person des Künstlers heraus erklären zu wollen. Statt irgendwo doch noch einen eigentlichen Bob Dylan aus dem Hut zu zaubern, gibt er denen, die bereits alles über ihn zu wissen meinen, das Staunen über das Kunstwesen Bob D. zurück. Es handelt sich um einen Mann, der vor unseren Augen in seinen eigenen Schöpfungen aufgeht. Während wir »Dylan« in immer neuen Konstellationen beim Verschwinden zuschauen, geht der Blick durch ihn hindurch auf die Traditionen, aus denen er hervorgegangen ist.

I’m Not There ist ein Film, der mit seinem Gegenstand spricht, weniger über ihn. Als hätten Publikum, Regie und das Objekt ihrer Begierden zu einer letzten Picture-Show zusammengefunden, schauen wir noch einmal zurück auf die wilden Sechziger und darüber hinaus in die Zeit der großen Depression mit ihren Wanderarbeitern und Zirkusartisten. In Bildern, die aus Dylans Liedern stammen könnten und zugleich längst Teil der eigenen Vorstellungswelt geworden sind, geht die Reise hin zu Steinbeck, zu Robert Frank, zum Blues der Vorkriegszeit und weiter ins 19. Jahrhundert, wo Dylan sich auf seinen Streifzügen durch die Kulturgeschichte auch ausgiebig bedient hat. »Dylan«, das ist bei Haynes ein Rimbaud-Zitat, ein Song, eine Geste von Cate Blanchett (die ihren Part hinreißend spielt), nur keine konkrete Person. Sein Wesen offenbart sich darin, keines zu haben.

Ebendeshalb ist I’m Not There viel mehr als als bloße Sabotage hollywoodscher Erzählkonventionen. Im Konflikt zwischen Illusion und »Wahrheit« schlägt der Film sich mit Aplomb auf die Seite der Kunst: Er ist ein 135-minütiges, wunderbar absichtsvoll aus dem Ruder laufendes Bekenntnis zum Experiment, das gerade in seiner Formlosigkeit zu großer Form aufläuft. Mal kommt der Film als Persiflage daher, dann als Thesenstück, dann wieder als elegischer Spätestwestern im Stil Sam Peckinpahs (bei dem Dylan einmal einen Mann namens Alias gespielt hat). Ganz offensichtlich hat er dem höheren Nonsens von Richard Lesters Beatles-Filmen einiges zu verdanken. Manche wollen sogar Einflüsse von Bergman und Buñuel ausgemacht haben. In seinen besten Momenten erinnert dieser Bildersturm einfach nur an ein gutes Rockkonzert: Dancing with Mr. D.

All das lässt sich hinein- und genauso schnell wieder herauslesen, sicher ist nur, dass es eine Sicherheit nicht gibt. Die Kunstfigur »Dylan« ist bei Haynes der Bewohner einer geträumten Welt, die mit ihm zu verschwinden droht. Wie zum Beweis versammelt er kurz vor Schluss das Personal der Geisterrepublik zu einem letzten Ständchen. Alle haben noch einmal einen Auftritt, die Gaukler, Rosstäuscher und shakespeareschen Narren aus Dylans Songs, sogar Richard Gere alias Billy The Kid schaut im sich leerenden Zentrum der Goldgräberstadt Riddle noch einmal seinem alten Widersacher Pat Garrett ins Auge, während eine Traumkapelle zur Beerdigung aufspielt. Gleich fällt der Vorhang, das Spiel ist aus, demnächst soll am selben Ort eine sechsspurige Autobahn aus dem Boden gestampft werden.

Und dann lässt Todd Haynes seinen Helden doch noch mal auf den Zug aufspringen, der ins Offene hinausfährt. Die Sonne geht bereits unter, als Billy mit einem diebischen Grinsen auf den Lippen die alte Gitarre wiederfindet, die irgendjemand im Waggon vergessen hat. Man könnte schwören, dass es der Regisseur selbst ist, dem er das Grinsen gestohlen hat. Aber vielleicht haben wir auch das nur geträumt.

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    • Von Thomas Groß
    • Datum 6.3.2008 - 10:04 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 21.02.2008 Nr. 09
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    • Schlagworte Kultur | Film | Kino | Musik | Musiker
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