Musikfilm Tanzen mit Mister DSeite 2/2
Haynes treibt das Verfahren, Sinnerwartungen erst aufzubauen und dann ins Leere laufen zu lassen, bis in die Nebenstränge seiner Erzählung hinein. Zeitzeugen treten auf, die vor laufender Kamera von Erlebnissen mit einem der Dylans berichten: So und nicht anders sei es gewesen in seiner Gesellschaft. Auch sie ähneln verdächtig Figuren, die in anderen Zusammenhängen schon einmal zu sehen waren, Joan Baez etwa, die in Martin Scorseses Dylan-Dokumentation No Direction Home einige bittersüße Kommentare über ihren früheren Weggefährten und Liebhaber fallen ließ. Doch nicht nur heißt Joan Baez hier ganz anders – und sieht auch ganz anders aus –, die Weisheiten aus erster Hand werden selbst als Teil einer Wahrheitsfindungsmaschinerie vorgeführt, die neue Legenden gebiert.
Dieser Film spricht nicht »über«, er spricht »mit« Bob D.
In immer anderen Szenen Dylan-Rätsel gestellt zu bekommen, für die es auf immer anderen Wegen keine Lösung gibt, ist das eine Vergnügen an diesem Film: Ein Bild hinter der Bildern wird nicht gezeigt, die Mitte bleibt leer. Die eigentliche Pointe jedoch liegt woanders. Indem Haynes Biografie als Fiktion darstellt und Realität als Erfindung, mokiert er sich über den Anspruch, Kunst aus der Person des Künstlers heraus erklären zu wollen. Statt irgendwo doch noch einen eigentlichen Bob Dylan aus dem Hut zu zaubern, gibt er denen, die bereits alles über ihn zu wissen meinen, das Staunen über das Kunstwesen Bob D. zurück. Es handelt sich um einen Mann, der vor unseren Augen in seinen eigenen Schöpfungen aufgeht. Während wir »Dylan« in immer neuen Konstellationen beim Verschwinden zuschauen, geht der Blick durch ihn hindurch auf die Traditionen, aus denen er hervorgegangen ist.
I’m Not There ist ein Film, der mit seinem Gegenstand spricht, weniger über ihn. Als hätten Publikum, Regie und das Objekt ihrer Begierden zu einer letzten Picture-Show zusammengefunden, schauen wir noch einmal zurück auf die wilden Sechziger und darüber hinaus in die Zeit der großen Depression mit ihren Wanderarbeitern und Zirkusartisten. In Bildern, die aus Dylans Liedern stammen könnten und zugleich längst Teil der eigenen Vorstellungswelt geworden sind, geht die Reise hin zu Steinbeck, zu Robert Frank, zum Blues der Vorkriegszeit und weiter ins 19. Jahrhundert, wo Dylan sich auf seinen Streifzügen durch die Kulturgeschichte auch ausgiebig bedient hat. »Dylan«, das ist bei Haynes ein Rimbaud-Zitat, ein Song, eine Geste von Cate Blanchett (die ihren Part hinreißend spielt), nur keine konkrete Person. Sein Wesen offenbart sich darin, keines zu haben.
Ebendeshalb ist I’m Not There viel mehr als als bloße Sabotage hollywoodscher Erzählkonventionen. Im Konflikt zwischen Illusion und »Wahrheit« schlägt der Film sich mit Aplomb auf die Seite der Kunst: Er ist ein 135-minütiges, wunderbar absichtsvoll aus dem Ruder laufendes Bekenntnis zum Experiment, das gerade in seiner Formlosigkeit zu großer Form aufläuft. Mal kommt der Film als Persiflage daher, dann als Thesenstück, dann wieder als elegischer Spätestwestern im Stil Sam Peckinpahs (bei dem Dylan einmal einen Mann namens Alias gespielt hat). Ganz offensichtlich hat er dem höheren Nonsens von Richard Lesters Beatles-Filmen einiges zu verdanken. Manche wollen sogar Einflüsse von Bergman und Buñuel ausgemacht haben. In seinen besten Momenten erinnert dieser Bildersturm einfach nur an ein gutes Rockkonzert: Dancing with Mr. D.
All das lässt sich hinein- und genauso schnell wieder herauslesen, sicher ist nur, dass es eine Sicherheit nicht gibt. Die Kunstfigur »Dylan« ist bei Haynes der Bewohner einer geträumten Welt, die mit ihm zu verschwinden droht. Wie zum Beweis versammelt er kurz vor Schluss das Personal der Geisterrepublik zu einem letzten Ständchen. Alle haben noch einmal einen Auftritt, die Gaukler, Rosstäuscher und shakespeareschen Narren aus Dylans Songs, sogar Richard Gere alias Billy The Kid schaut im sich leerenden Zentrum der Goldgräberstadt Riddle noch einmal seinem alten Widersacher Pat Garrett ins Auge, während eine Traumkapelle zur Beerdigung aufspielt. Gleich fällt der Vorhang, das Spiel ist aus, demnächst soll am selben Ort eine sechsspurige Autobahn aus dem Boden gestampft werden.
Und dann lässt Todd Haynes seinen Helden doch noch mal auf den Zug aufspringen, der ins Offene hinausfährt. Die Sonne geht bereits unter, als Billy mit einem diebischen Grinsen auf den Lippen die alte Gitarre wiederfindet, die irgendjemand im Waggon vergessen hat. Man könnte schwören, dass es der Regisseur selbst ist, dem er das Grinsen gestohlen hat. Aber vielleicht haben wir auch das nur geträumt.
- Datum 06.03.2008 - 11:04 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.02.2008 Nr. 09
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