Konzentriert sitzt Christoph Böhm vor seinem Rechner. Hinter ihm hängt in feinen schwarzen Linien gezeichnet der Grundriss eines Starbootes, das ist ein Zweisitzer, der zu den ältesten Kielbootklassen der Welt gehört. Seit gut drei Monaten beschäftigt sich Böhm mit ein paar Millimetern, die über Sieg und Niederlage entscheiden. An der gegenüberliegenden Wand zeigt eine Landkarte die Region um Qingdao an der chinesischen Ostküste – ein "Waterloo für jeden Segler", wie Böhm es nennt: "Es ist ein sehr schwieriges Segelgebiet, weil es zwar nur wenig Wind, aber gleichzeitig hohe Wellen gibt – ein Widerspruch in sich."

Christoph Böhm hat Maschinenbau studiert und ist Strömungsanalytiker an der Yacht Research Unit (YRU) der Fachhochschule Kiel. An diesem Institut für Schiffbau des Fachbereichs Maschinenwesen arbeiten Ingenieure daran, Segelboote schneller und schnittiger zu machen.

In einem halben Jahr finden die olympischen Segelregatten in China statt. Deshalb arbeitet der 31-Jährige mit Hochdruck. Sein Auftrag: den Kiel eines Starboots so zu optimieren, dass der deutsche Olympionike Marc Pickel an der Konkurrenz vorbeisegelt. Im Herbst beauftragte Pickel die YRU, herauszufinden, wie der Kiel dafür beschaffen sein muss: Länger oder kürzer? Dicker oder dünner? Knapp vier Tage hat Böhm noch Zeit, dann muss er die Berechnungen abgeschlossen haben. Sonst schafft es die Werft nicht mehr, einen neuen Kiel zu fräsen.

Es ist ein Auftrag, wie ihn die Yacht Research Unit in den vergangenen Jahren immer häufiger bekommt. Dabei hat man in Kiel ganz klein angefangen: Vor zehn Jahren gründete Strömungsanalytiker Kai Graf die Forschungseinrichtung im Alleingang: Ein befreundeter Segler lieh ihm seine Yacht, Graf entwickelte ein Programm zur Geschwindigkeitsprognose und überprüfte bei Segelausflügen mit seinen Studenten, ob die Berechnungen am Computer in der Realität stimmten.

Mit Hilfe einer Förderstudie professionalisierten die Kieler ihre Ergebnisse, veröffentlichten Artikel in Fachmagazinen, fuhren zu Konferenzen – bis sich ihr Können herumgesprochen hatte und 2001 der erste große Auftrag kam: Die YRU sollte für den deutschen Herausforderer beim Volvo Ocean Race, das Team Illbruck, den Kiel verbessern. Ein Überraschungserfolg: Das Boot siegte.

Seitdem hat sich das dreiköpfige Team um Kai Graf, der am Institut für Schiffbau Professor für Hydromechanik und Schiffsdynamik ist, weltweit einen Namen im Segelsport gemacht: Beim Volvo Ocean Race hat es für das spanische Team Alicante gearbeitet; beim America’s Cup im Vorjahr für das US-Team BMW Oracle Racing – das Boot kam bis ins Halbfinale. Bei den Olympischen Spielen im August unterstützen die Kieler neben Marc Pickel auch den Deutschen Segler-Verband.

Gerade haben sie eine Studie fertiggestellt, um das Handling der 470er-Bootsklasse zu verbessern. Darin geben sie den deutschen Seglern zum Beispiel Tipps für die optimale Sitzposition bei bestimmten Wind- und Wellenverhältnissen. "Wir sehen uns in erster Linie nicht als Wissenschaftler, sondern als Ingenieure", sagt Graf. Möglichst anwendungsorientiert arbeiten – dabei sei das das Schwierigste: "Wir müssen versuchen, eine präzise und gleichzeitig verständliche Gebrauchsanweisung für den jeweiligen Bootstyp zu formulieren."