Klassiker der Moderne (99) Klarheit, Weite

Elliott Carter ist der unamerikanischste aller amerikanischen Komponisten. Er gewährt dem Zeitmaß Raum zur Emanzipation und verflicht die Klänge in eleganter Kontrapunktik.

Wer bei der Avantgarde ab Schönberg vor allem Komplexität fürchtet, sieht sich in diesen Noten erstmal bestätigt. Das Cello beginnt einen ausgreifenden Monolog mit Metronomzahl 120 pro Viertelnote, sein zweites Thema basiert auf fünf Achteln à 48, dann zupft die zweite Geige mit einem Metrum von fünf Sechzehnteln à 96 dazu, was das Cello überhaupt nicht beeindruckt. Danach singt ganz oben die erste Geige etwas völlig anderes, basierend auf je zehn Achteltriolen, und wenn die Bratsche einsetzt – nein, dann ist eben nicht der Wirrwarr komplett. Dann staunt man über die Klarheit, die Weite, die sich ausbreitet. Und hat den Horizont vor sich, vor dem das entsteht. 1949, Arizona, Wüste. Nicht gerade der Ort, an dem man mit einer der wichtigsten musikalischen Fusionen des 20. Jahrhunderts rechnen würde, mit der Vereinigung sehr europäischer und sehr amerikanischer Haltungen.

Der Mann, der das schreibt, mit 41 Jahren, ist bis dahin nicht sonderlich aufgefallen. Er hat vor allem Eindrücke gesammelt. Elliott Carter, 1908 als Sohn eines reichen New Yorker Geschäftsmannes geboren, hat die Musik von der Gegenwart aus entdeckt, unbelastet von Traditionen, wie sie in musikalischeren Elternhäusern gepflegt werden. Mit fünfzehn Jahren hört er in New York Strawinskys Sacre, »und ich wollte mehr zu tun haben mit einer Sache, die so außergewöhnlich war«. Er befreundet sich mit Charles Ives, dem großen Eigenbrötler von New England, er studiert Sprachen, Philosophie, Klavier und Oboe, das Komponierhandwerk veredelt er in Europa bei Nadia Boulanger. Carter ist in den dreißiger Jahren der typische wohlhabende »Amerikaner in Paris«. Zurück in New York, komponiert er mit einigem Erfolg. Populistisch, neoklassisch. Er findet das alles »zu trivial«, bekommt aber ein Stipendium. Und damit finanziert er sein Wüstenjahr, sein erstes Streichquartett, seine Selbstfindung, den Beginn eines Weges, der ihn zu einem der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts macht. Carter ist nicht der Erfinder von Polyrhythmik und Polymetrik, seine Anreger sind Ives und Nancarrow. Aber er geht weit über sie hinaus. Bei ihm wird die Emanzipation des Zeitmaßes fließend, elegant auch in dichtester Kontrapunktik. In seinen späten Werken, etwa der Symphonia, erleben wir dank der ungeheuren Klarheit, mit der er vorgeht, Dinge, die die Teilchenphysik vielleicht erst noch entdecken muss. Carter, der nur für klassische Instrumente schreibt und sich im Kern nicht für moderner hält als Bach und Mozart, ist zwar der unamerikanischste aller amerikanischen Komponisten, aber kein Europäer.

Denn so menschenleeren Horizonten musste noch keine Musik standhalten, so stark wurde noch kein Subjekt abstrahiert, ohne zu zerbrechen. Das reicht weit in eine Zukunft, die er selbst erlebt: Im Dezember wird Carter hundert Jahre alt.

Elliott Carter: Streichquartette Nr. 1 und 4, Arditti String Quartet (Etcetera Records KTC 1065/Codaex)

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