Sind wir eigentlich verrückt geworden? Ist die Welt derart aus den Fugen, dass wir wieder über die Folter diskutieren müssen? Nicht über die Folter irgendwo weit weg, in den düsteren Kerkern blutrünstiger Tyrannen, wohlgemerkt, sondern hier, daheim, in den westlichen Demokratien. In Staaten, die sich der rule of law unterworfen haben, dem Regiment des Rechts, und jeder Konvention gegen die Folter beigetreten sind. Die Vereinten Nationen haben die Folter verboten, ausnahmslos und universell, auch die Europäische Menschenrechtskonvention untersagt sie, und wie in Stein gehauen steht am Anfang des Grundgesetzes als erster Satz von Artikel 1: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Was ist daran so schwer zu verstehen? Wenn etwas die Würde eines Menschen verletzt, dann die Folter. Müssen wir darüber noch diskutieren?

Wir müssen. Wir stecken längst mittendrin in der Debatte, in Washington ebenso wie in Karlsruhe und Berlin. Es ist, als sei plötzlich wieder salonfähig, was jahrzehntelang tabu war. Da räumt der CIA-Direktor Michael Hayden ein, mindestens drei Terrorverdächtige seien von seinem Geheimdienst dem berüchtigten waterboarding ausgesetzt worden, einem simulierten Ertränken, das die Opfer in Todesangst versetzt. Da versucht ein Spitzenbeamter des amerikanischen Justizministeriums vor dem US-Kongress allen Ernstes darzulegen, ebendieses waterboarding sei keine Folter, sondern nur eine ruppige Methode zur Gewinnung von Auskünften. Und Senator John McCain, voraussichtlich der nächste Präsidentschaftsbewerber der Republikaner, selbst in vietnamesischer Kriegsgefangenschaft schwer misshandelt, hat gerade erst gegen ein Gesetz gestimmt, das dem Geheimdienst das waterboarding explizit untersagen würde. »Wir waren immer dafür, der CIA besondere Befugnisse zu gewähren«, erklärte McCain. »Besondere Befugnisse« – so hieß die Folter schon immer in der Sprache der Bürokraten.

Aber es wäre zu einfach, auf Amerika hinabzusehen. Denn hier in Deutschland hat die SPD mit dem Würzburger Staatsrechtler Horst Dreier einen Juristen nominiert, erst Richter und in zwei Jahren auch Präsident des Bundesverfassungsgerichts zu werden, der im bösen Verdacht steht, die Folter zu legitimieren. Wenigstens ein bisschen. Die CDU hat Dreier deshalb – und wegen seiner Ansichten zur Stammzellforschung – ihre Zustimmung verweigert. Seine Wahl, eigentlich für den 15. Februar angesetzt, ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Vermutlich wird sie nie stattfinden.

Um es klar zu sagen: Der Verdacht ist unbegründet. Horst Dreier ist kein Advokat der Folter, kein furchtbarer Jurist, der mit ein paar Winkelzügen die Unmenschlichkeit legitimiert. Nirgends in seinen Schriften findet sich ein zustimmendes Wort zur Wiedereinführung der Folter. Und doch hat Dreier eine Grenze überschritten. Mit einem einzigen Satz. In seinem einflussreichen Kommentar zum Grundgesetz hat er das Dogma infrage gestellt, der Schutz der Menschenwürde gelte absolut, immer und ohne jede Ausnahme – und also auch das Folterverbot. Dreier hat, mit aller Vorsicht, Zweifel an diesem Absolutheitsanspruch angemeldet. Wenn in einem Extremfall die Würde eines Menschen gegen die Würde eines anderen stehe, dann, und nur dann, so lautet Dreiers mittlerweile berühmte Formulierung, dürfe »der Rechtsgedanke der rechtfertigenden Pflichtenkollision nicht von vornherein auszuschließen sein«.

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Das ist selbst für einen Juristen ziemlich nebelig ausgedrückt. Es bedeutet, schlicht gesagt, dass es Fälle gibt, in denen man sich nur zwischen zwei furchtbaren Übeln entscheiden kann. Seit den alten Griechen heißen solche Fälle: tragisch. Und Dreier zögert, ein für allemal im Vorwege festzulegen, wie der Staat da entscheiden soll. Bei wohlwollender Betrachtung kann man darin das akademische Eingeständnis schlichter Ratlosigkeit sehen. Oder eben, wie Dreiers Kritiker, eine Aufweichung des absoluten Folterverbots.

Erster Auslöser dieser Auseinandersetzung war in Deutschland nicht, wie in Amerika, der grenzenlose Kampf gegen den Terror, sondern ein Kriminalfall, der ein paar Jahre zurückliegt und die Republik in Wallung versetzte: die Entführung des Bankierssohns Jakob von Metzler. Dem Kidnapper des elfjährigen Jungen hatte Wolfgang Daschner, der damals ermittelnde Vizepräsident der Frankfurter Polizei, nach der Festnahme die Zufügung körperlicher Schmerzen angedroht, wenn er das Versteck des verschleppten Kindes nicht preisgäbe (das tatsächlich längst tot war). Angewendet auf einen solchen Fall, sagt Dreier nun nicht: Foltert, wenn nötig! Er fragt vielmehr: Ist es ganz undenkbar, die Tat des verzweifelten Polizisten zu rechtfertigen? Und gibt selbst keine Antwort. Das ist kein Dammbruch. Allenfalls ein Haarriss. Aber eben doch ein Riss, der sich unter Druck verbreitern könnte.