GPSPer Knopfdruck in die Gruft

Tragbare Minicomputer versprechen den digitalisierten Tourismus. Manche jedoch sind nicht mehr als teures Spielzeug

»Sie werden über Satellit durch den Park geleitet. Haben Sie keine Angst! Wir erklären Ihnen die Technik.« Statt einer Dame, die der Gruppe mit Schirm oder Flagge fuchtelnd voranschreitet, leitet seit einiger Zeit auch ein virtueller Gästeführer durch den Schlosspark Sanssouci in Potsdam. Im Besucherzentrum leiht man sich einen Minicomputer namens iguide aus, hängt ihn sich um den Hals, setzt den Kopfhörer auf, und los geht’s. Auf dem Bildschirm erscheint ein Lageplan, der sich der Laufrichtung anpasst, ein Fadenkreuz zeigt die jeweilige Position an, eine Weltkugel weist auf die Übersichtskarte und eine Lupe auf einen kleineren Ausschnitt. Wer die »Kaffeehaus«-Taste drückt, kann eine Pause machen.

Wie von Geisterhand geführt, folgt der Besucher dem Fadenkreuz zu 19 nummerierten Sehenswürdigkeiten: vom Ehrenhof zur Gruft Friedrichs II., von den Weinbergterrassen zur Großen Fontäne. An jeder Station erscheint nicht nur ein Foto zur visuellen Orientierung auf dem Display, sondern automatisch startet auch die Audiosequenz im Kopfhörer. Drei historische Persönlichkeiten, König Friedrich Wilhelm IV., Architekt Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff und der Hofgärtner Joachim Ludwig Heydert, von Schauspielern bisweilen märchenonkelhaft gesprochen und von klassischer Musik untermalt, vermitteln auf erlebnispädagogische Art die glorreiche Vergangenheit in Sanssouci. Die Bedienung des Virtual Guide ist kinderleicht, selbst für Technikscheue. Durch die dreifach gemoppelte Sicherung – GPS-gestützte Karte mit Standort sowie Fotos und akustische Hinweise – kann man nicht vom rechten Weg abkommen.

Fünf Euro kostet die 90-minütige »weltweit erste GPS-gesteuerte Parkführung« in Sanssouci. »Verschwindend gering« sei die Nachfrage bisher gewesen, sagt Silke Hollender von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, im vergangenen September zum Beispiel wurden nur acht Geräte vermietet. Das soll sich im Frühjahr ändern, denn dann werden, deutlich sichtbar, den Besuchern 20 bis 30 iguides auf einem Rollwagen am Haupteingang angeboten.

Neben audiovisuellen Führungen für Museen und Ausstellungen, Schlösser, Parks und Industrieareale hat die Firma itour bisher für 26 deutsche Städte, von Augsburg bis Weimar, audiovisuelle Stadtführungen erstellt. »7000 Besucher haben im vergangenen Jahr unseren City-Guide genutzt«, sagt itour-Geschäftsführer Sebastian von Sauter. Eine bescheidene Resonanz. Zum einen ist das Produkt einfach noch nicht bekannt genug, zum anderen müssen sich Besucher vom Personal an den Ausgabestellen den virtuellen Führer erklären lassen.

Ein kleiner, leicht bedienbarer Navi für Fußgänger, eine Kombination aus GPS-Gerät und elektronischem Kompass, ist der cruso. Drei junge Diplomingenieure eines Berliner Start-up-Unternehmens entwickelten diesen mobilen Stadtführer, auf dem sechs populäre Führungen durch Berlins City mit allen wichtigen interessanten Punkten aufgespielt sind. Sie heißen »Die Museumsinsel« oder »Unter den Linden«. Um Besucher auch mal an die Peripherie zu lotsen, hat der Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar die Tour »Zwischen Avus, Bahngleis und Knüppeldamm« gestaltet.

Marco Köhler von der cruso AG glaubt, dass dank mobiler Reisebegleiter bald keiner mehr den Stadtplan bei Sturm und Regen auseinanderfalten und mitten auf der Straße im Reiseführer lesen muss. Die Vorteile des Virtual Guide für den Individualtouristen liegen auf der Hand: Er kann eine Stadt nach eigenem Rhythmus und eigenem Tempo unabhängig erkunden. Für den Erfolg der neuen Geräte sei neben der leichten Handhabung vor allem der »Erlebnis-Content« entscheidend, erklärt Köhler, »Musik, Originaltöne, Geräusche«. Zum Beispiel am Brandenburger Tor: dramatisierende Hintergrundmusik, O-Ton Ronald Reagan »Mister Gorbatschow, tear down this wall« , das Geknalle und Gezische von Silvesterraketen. 14 Euro kostet die Ausleihe des mobilen Reisebegleiters pro Tag. Der Haken dabei: Bisher können Berlinbesucher den cruso nur im neuen DomAquarée und in einigen wenigen Hotels ausleihen.

Auch das internetfähige Handy ist wie geschaffen für eine individuelle Tour. Denn das Mobiltelefon ist, laut Untersuchungen, der persönlichste Gegenstand, 91 Prozent der Nutzer haben es stets zur Hand. Man kann sich aus dem Internet ein kleines Programm, den Tour-Player, kostenlos aufs Handy installieren. Wenn man diesen dann unterwegs startet, greift er automatisch auf eine Liste von Orten oder auf thematische Touren zu, beispielsweise »Die besten Biergärten« in München oder die »Ostalgie-Tour« in Berlin. In naher Zukunft werde das Handy als multimedialer City-Guide viel mehr leisten, sagt Peter Mende, Geschäftsführer von Transformat, einer Firma für mobile positionsbezogene Anwendungen. »Schon in zwei, drei Jahren werden alle Handys standardmäßig GPS haben, die Displays werden größer sein, dann wird man auch Videos und Audiostreams abspielen können.«

Der letzte Schrei auf dem boomenden Markt der mobilen Navigationsgeräte ist der elektronische Multimediareiseführer Merian scout Navigator. Kostenpunkt: 779 Euro, er ist damit doppelt so teuer wie normale Auto-Navis. Neben der Navigationssoftware enthält der schicke Personal Travel Agent Tipps zu 30000 Reisezielen, von der Merian- und der Feinschmecker- Redaktion aufbereitet, zudem kartografische Darstellungen, bewegte Bilder und Hörstücke. Ein weiterer Clou: Der intelligente Reisebegleiter ortet während der Fahrt mittels GPS touristische Hinweisschilder an der Autobahn und spielt, wenn man es denn will, automatisch Audiobeiträge zu den Sehenswürdigkeiten vor. Das Produkt wolle »Zielfindung durch Navigation, Orientierung durch Reiseführerinfos und Erlebnis durch audiovisuelle Inszenierung« kombinieren, erklärt die Marketingleiterin der Firma iPublish. »Das ist ein emotionales Produkt, mehr als Papier.«

Doch der Praxistest in Bochum fällt eher nüchtern aus: viel Oberflächenglanz, wenig Tiefenwirkung. Die Handhabung des Bildschirms mit Menüs, Untermenüs und vielen Schaltflächen ist ziemlich umständlich; die Funktionen von Navigation und Reiseführer beziehen sich unzureichend aufeinander; der touristische Nutzwert hält sich in Grenzen. Unter »Sehenswertes« tauchen nur acht Einträge auf (kein Schauspielhaus, kein Planetarium, kein Starlight Express), lediglich für das Bergbau- und das Eisenbahnmuseum gibt es jeweils eine kurze Hörsequenz, die Jahrhunderthalle, das Festspielhaus der Ruhrtriennale, wird in einem Satz abgehandelt. Und schon nach drei Stunden unterwegs kommt der Warnhinweis: »Batterie schwach. Das Gerät schaltet sich demnächst automatisch ab.«

 
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