Glosse

Trostlos, diese Besten

Wer oder was ist Elite?

Als der deutsche Finanzminister nun im Zorn sagte, es seien die Eliten, die das System zum Einsturz brächten , hat er mit »Elite« nicht einen wie Loriot gemeint, der gerade als »nobelster und perfektester Humorist« geehrt wurde, eine Art spitzenexzellenter Superlativ. Loriot hat mal gesagt, es komme nicht darauf an, was einer verdiene, sondern welcher Sache er diene, was natürlich sehr, sehr vorgestrig klingt und außerdem preußisch, aber das sollte es schließlich auch, Loriot ist eben Preuße. Wie dem auch sei, mit »Elite« hat jedenfalls der Finanzminister jetzt bloß Leute aus der sogenannten Leistungselite gemeint, zu der er auch den abgetretenen Postchef Zumwinkel zählt, im engeren Sinne reiche Leute, die für den eigenen Vorteil mal die Spielregeln des Gemeinwesens außer Acht lassen und denen vor lauter Geld der Anstand aus den Augen gerät.

Dieser Elite ist bei ihrer Recherche auch die Journalistin Julia Friedrichs begegnet, deren Buch Gestatten: Elite (Verlag Hoffmann und Campe, 17,95 €) nun mit ironischer Pünktlichkeit erscheint, während die Fahndungen nach Steuersündern auf Hochtouren laufen. Friedrichs hat in den Elitenverfertigungsstätten des Bildungssystems vor allem jene Leistungseliten gefunden, die schon der Soziologe Michael Hartmann als Mythos entlarvt hat: Denn der Stallgeruch, die Chemie, der Habitus, das Geld der Eltern und also die Herkunft entscheiden machtvoll mit, wer oben ankommt, nicht einfach Hochleistung. Das Wort von den »Minderleistern«, das manch ein Nachwuchsmächtiger, auf den Friedrichs traf, dümmlich im Munde führt, suggeriert aber, wer unten bleibe, bringe halt nichts.

Gewinnen oder verlieren, das ist die trostlose Alternative, in die sich bei Friedrichs die Gesellschaft sortiert, und ziemlich trostlos ist auch das Bild, das ihre Elite abgibt. »Fast alle, die ich traf, waren klug, fleißig und freundlich«, heißt es da, immerhin, möchte man sagen, aber in diesem Report hört man keine Musik, nur hier und da angestrengtes Hochleistungslachen, keiner bastelt in einer Garage, kaum einer traut sich was oder sagt Nein, zu viele sind Nachmacher, reich ohnehin. Langeweile kommt auf.

Warum soll das die Elite sein, die angeblich besonders gebraucht wird? Natürlich gibt es in dieser Kohorte vorzügliche Menschen. Aber suchte man nach den Besten, wäre auch der Cellist zu erwähnen, der nach jahrelangem Üben, Prüfungen, Wettbewerben sein Publikum glücklich macht, nur leider kaum Geld verdient. Suchte man nach den Mutigsten, müsste im Elite-Begriff Platz für die Lehrerin sein, die nach Afghanistan zieht, um beim Aufbau einer Mädchenschule zu helfen. Ginge es um die Klügsten, dann wären ein paar Schriftsteller, Tüftler, Schachmeister und Verrückte zu nennen, aber auch Leute wie der pensionierte Physiker Gerhard Knies, der heute rund ums Mittelmeer durch die Etagen der afrikanischen und arabischen Mächtigen zieht, um sie für neuartige Kraftwerke zu gewinnen, die Sonne in Strom verwandeln. Und wem es um Leute geht, die hart arbeiten, wird gleich nebenan bei Eltern fündig, die locker auf die fünfzehn Stunden täglicher Arbeit kommen, deren sich die Höchstleister bei Friedrichs exklusiv rühmen.

»Die wirklichen Eliten«, schreibt der Experte Michael Hartmann in seinem jüngsten Buch Eliten und Macht in Europa (Campus Verlag, 19,90 €) »zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Lage sind, qua Position maßgeblichen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen«, gemeint sind vor allem Topmanager, Spitzenpolitiker, Juristen, in zweiter Linie auch Medien, Wissenschaft, Militär, eine Definition, für die wissenschaftlich sicher viel spricht. Aber sonst? Auch diese Definition hat etwas Trostloses. Andersrum würde es interessanter, zum Beispiel: Ein junger Vater, Sohn eines Wachtmeisters und späteren Obersekretärs, rettete mit seiner Frau viele Juden, aber er machte später kein Aufhebens drum. An der Spitze eines Konzerns stand er dann obendrein, eines Riesenkonzerns gar, reich ist er sicher auch, aber vor allem hat er als ein innerlich Autonomer gehandelt, der Verantwortung übernimmt: Berthold Beitz.

Bei ihrer Recherche ist Julia Friedrichs übrigens auch einem jungen Iraner begegnet, der als Flüchtlingskind ohne ein Wort Deutsch in einer Sammelunterkunft landete, dann in der Hauptschule und heute einen steilen Weg durch die Elitenadelöhre nimmt. Der sagt, er finde, zur Elite zähle nur, wer fürs Allgemeinwohl arbeite, nicht für persönliche Ziele, nicht auf ausgetretenen Pfaden. Denn sonst dient das Wort Elite nur, die Vorteile von Mächtigen zu legitimieren.

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    • Von Elisabeth von Thadden
    • Datum 20.2.2008 - 03:58 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 21.02.2008 Nr. 09
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