Film Wenn plötzlich Nicole Kidman anruft

Vor sechs Jahren gewann Caroline Link den Oscar für "Nirgendwo in Afrika". Seither hat sie mit Hollywoodstars verhandelt, nun aber doch wieder in Deutschland gedreht. Ein Gespräch

ZEIT: Frau Link, stellen Sie sich vor, als Sie 1997 mit Jenseits der Stille das erste Mal für den Oscar nominiert waren, hätte man die Verleihung kurz vorher abgesagt, so wie beinahe in diesem Jahr: Wären Sie wütend gewesen oder mit den streikenden Drehbuchautoren solidarisch?

Caroline Link: Wütend wäre ich bestimmt nicht gewesen und auch nicht sonderlich traurig. Diese Festivitäten sind nicht so mein Ding. Ich verstehe sehr gut, wofür die amerikanischen Autoren kämpfen. Wären wir Autoren in Deutschland so gut organisiert wie die US-Kollegen, würden wir uns sicher auch mehr trauen. Aber die meisten Autoren hier sind Einzelkämpfer. Und viele haben Angst, sich öffentlich zu äußern und womöglich ihre Jobs beim Fernsehen zu verlieren.

ZEIT: Der Regisseur Mike Nichols, der einen Oscar für Die Reifeprüfung bekommen hat, sagt über den Preis: "Es ist ein hohler Sieg. Um Mitternacht ist man wieder im Hotel und fühlt sich leer."

Link: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber es ist ein Phänomen, das schwer zu vermitteln ist. Irgendwie ist so ein Erfolg wie eine schöne Reise, die man alleine macht. Und dabei wünscht man sich jemanden, der mit einem das Glück teilt. Aber es ist eine einsame Angelegenheit, trotz aller Jubelperser.

ZEIT: Florian Henckel von Donnersmarck hat im vergangenen Jahr nicht mehr aufhören können, sich über seinen Oscar für Das Leben der Anderen zu freuen. Als Sie ihn für Nirgendwo in Afrika bekamen, sind Sie gar nicht zur Verleihung erschienen.

Link: Aber nicht aus Überzeugung, sondern weil mein Kind ernsthaft krank war. Irgendwie beneide ich Florian auch ein bisschen darum, dass er sich so uneingeschränkt freuen kann. Jetzt ist er mit der ganzen Familie nach Amerika gezogen. Das hätte Dominik, mein Lebensgefährte, nie mitgemacht.

ZEIT: Dabei ist Dominik Graf selbst Filmregisseur. Wollten Sie denn dorthin ziehen?

Link: Nein. Worum ich Florian beneide, ist die Freiheit, spontan zu entscheiden, etwas Neues zu wagen. Für mich war die Kombination Oscar und Baby im selben Jahr eher Stress. Die beiden machen sich einfach große Konkurrenz.

ZEIT: Sie haben trotzdem vor Kurzem Ihren neuen Film Im Winter ein Jahr abgedreht. Am Set wirkten Sie entspannt.

Link: Ich war einfach glücklich, endlich wieder zu drehen. Und mein Team war großartig. Ich habe mich noch nie so unterstützt und getragen gefühlt. Allerdings könnten die Intervalle zwischen den Filmen jetzt vielleicht wieder etwas kürzer werden.

ZEIT: Stimmt, vorher hatten Sie fast fünf Jahre lang nichts mehr gedreht.

Link: Auch in diesen Jahren habe ich gearbeitet. Ich habe zwei Filme in Amerika entwickelt. Aus beiden Projekten wurde nichts, weil sich die Vertragsverhandlungen mit den Schauspielern als sehr schwierig herausstellten. Und ohne Stars geht gar nichts. Man bekommt einfach das Geld nicht zusammen. Es geht darum, Schauspieler von einer ominösen Hitliste zu besetzen. Wer steht auf Platz 1 bis 20? Namen, die vielleicht auf Platz 50 stehen, die also keinen großen Marktwert haben, sind schwierig durchzusetzen. Auch Im Winter ein Jahr sollte eigentlich eine US-Produktion werden. Das ist ebenfalls an der Besetzung der männlichen Hauptrolle gescheitert.

ZEIT: Wer stand da auf Platz eins?

Link: Sean Penn. Aber es gab auch andere, die ich großartig gefunden hätte, wie Edward Norton, Christian Bale. Allerdings haben diese Leute natürlich auch andere Projekte auf dem Tisch. Und unser Film wäre eine Low-Budget-Produktion gewesen. Wir hätten ewig weitersuchen können. Die Schauspieler hätten das Buch dann wieder gelesen, Interesse gezeigt, darüber nachgedacht. So vergehen die Monate. Das hat mir zu lange gedauert. Letzten Herbst haben wir dann beschlossen, den Film in Deutschland zu machen.

ZEIT: Bekommt man nach dem Oscar wirklich viele Angebote, oder ist das eine Legende?

Link: Man bekommt unglaublich viel zugeschickt. Sicher nicht exklusiv. Einige Drehbücher aus Amerika landen bei zehn Regisseuren gleichzeitig. Bei einem Stoff, The Painted Veil, kam der Produzent extra aus L.A. angeflogen, hat mich zum Lunch am Flughafen getroffen und mir einen fetten Scheck vor die Nase gehalten. Da ist mir wirklich der Kaffeelöffel aus der Hand gefallen. Das war so viel Geld, dass ich dachte, das kann ich unmöglich absagen. Noch dazu wäre der Film mit Edward Norton und Naomi Watts gewesen. Ich dachte nur: Oh Gott, jetzt ist mein Baby ein halbes Jahr alt, und ich soll die nächsten sechs Monate in China verbringen. Das ist schon heftig.

ZEIT: Ist das Projekt daran gescheitert?

Link: Nein. Irgendwie hätten Dominik und ich das vielleicht sogar hingekriegt. Am Ende ist es wieder an der Besetzung gescheitert. Nicole Kidman wollte die Hauptrolle spielen, sie hat mich angerufen, mir Faxe geschrieben, sich wirklich sehr um den Film bemüht. Ich bin hingeflogen, fand sie in der Kombination mit Ed Norton auch spannender als Naomi Watts. Wir haben zwei Stunden geredet. Alles war wunderbar. Den Vertrag hat sie dann doch nie unterschrieben. Kidman hat in unserem Fall gespürt, dass die Produzenten Naomi Watts bevorzugt haben.

ZEIT: Ist es in Deutschland auch so entscheidend, bekannte Schauspieler zu besetzen, um die Filme zu finanzieren?

Link: In Deutschland gibt es keinen Schauspieler, der die Kinos automatisch füllt. Es gibt Theaterstars, Fernsehstars, Leute, für die sich die Boulevardpresse mehr oder weniger interessiert, aber deshalb sind sie noch keine Kinostars. Fernsehstars in Kinohauptrollen zu besetzen, finde ich schwierig. Ich drehe lieber mit Schauspielern, deren Gesichter mir noch unbekannt sind, wo ich noch etwas entdecken kann.

ZEIT: Sie haben für Im Winter ein Jahr auch keine "unbekannten Gesichter" besetzt.

Link: Josef Bierbichler, Karoline Herfurth, Corinna Harfouch: Alle drei sind, wie ich finde, vor allem großartige Schauspieler. Für die Finanzierung des Films war die Besetzung allerdings nicht entscheidend. Da gab es auch mit diesen Namen sehr viele Zweifler. Ich bin das mittlerweile gewohnt. Seit Jenseits der Stille sammle ich die Ablehnungsbegründungen der Filmförderungen. Immer wieder wird mir versichert, dass meine Filme an der Kinokasse "nicht reüssieren werden".

ZEIT: Fast alle Produktionen sind in Deutschland davon abhängig, dass sie Filmförderung oder Geld vom Fernsehen kriegen. Nachdem Sie einen Oscar bekommen haben, ist es für Sie hier also immer noch schwierig, einen Film zu finanzieren?

Link: Für Im Winter ein Jahr haben wir das Geld bei vier Fördereinrichtungen zusammengetragen. Mit fünf Millionen Euro ist das Budget für deutsche Verhältnisse ziemlich hoch. Es gibt keine Action, es ist keine aufwendige Geschichte. Trotzdem sehe ich nicht ein, warum ich meine Mitarbeiter jedes Mal bitten soll, für wenig Geld zu arbeiten. Die meisten haben Familie, Verpflichtungen. Filmemachen ist nicht nur ein lustiger Zeitvertreib.

ZEIT: Wie gehen Sie mit Kritiken um, merken Sie sich die negativen eher als die positiven?

Link: Oh ja, ein weitverbreitetes Übel! Aber nein, ich glaube nicht, dass ich das tue. Man möchte doch erkannt werden. Lob von den falschen Leuten für die falsche Sache ist auch deprimierend. Dagegen kann eine negative Kritik, die ins Schwarze trifft, wehtun, aber auch anregen. Vorausgesetzt, sie ist fair formuliert. Neulich habe ich im Urlaub zufällig einen Kritiker getroffen, den ich von irgendeinem Interview kannte. Ich konnte mich nicht erinnern, ob er damals positiv oder negativ über meine Arbeit geschrieben hatte. An seiner verdrucksten Art mir gegenüber habe ich schnell gemerkt, dass es wohl negativ war. Der Mann war bei unserer Begegnung mehr im Stress als ich.

ZEIT: Die ZEIT schrieb über Nirgendwo in Afrika : "ein überproduzierter Kraftakt", der sich "an seiner Größe verstolpert".

Link: Da stand auch, dass wir versucht hätten, Jenseits von Afrika nachzueifern. Die Kritik fand ich ärgerlich, ich halte sie einfach für falsch. Man kann dem Film einiges vorwerfen, aber dass er versucht, größer zu sein, als er ist, bestimmt nicht. Wir sind zwar mit dem Team nach Kenia gereist, aber die Story war eine kleine Familiengeschichte.

ZEIT: Wenn in Deutschland etwas ein wenig größer wird, dann heißt es oft: Das ist jetzt kommerziell, und deshalb muss es schlecht sein.

Link: Ich habe auch das Gefühl, dass es da so Automatismen gibt. Wenn man seinen ersten Film macht, wird man gern als Entdeckung gefeiert. Wenn der Jubel zu groß wird, kommen die Bedenkenträger und schreien: "Moment! So gut war’s nun auch wieder nicht!" Der zweite Film wird einem dann meistens um die Ohren gehauen. Oft habe ich das Gefühl, dass die Leute schon mit einer bestimmten Meinung zum Film und zum Macher ins Kino gehen. Ich würde mir zu meiner Arbeit, aber auch zu anderen Filmen wirklich wünschen, dass die Dinge richtig bewertet werden. Das betrifft auch den Oscar.

ZEIT: Finden Sie ihn überbewertet?

Link: Ich bin wirklich stolz, das Ding in meinem Wohnzimmer zu haben, aber ich sehe die Dinge realistisch. Als Jenseits der Stille 1997 nominiert war, habe ich zusammen mit meinem Team den ganzen Rummel in Los Angeles mitgemacht. Wir waren eine Woche lang auf den Partys, bei den Veranstaltungen der Academy, hatten viel Spaß. Aber da habe ich eben auch gesehen, wer die Leute sind, die den Auslands-Oscar vergeben. Vor allem sind das ältere Academy-Mitglieder, die sich die untertitelten Filme anschauen. Bei den Vorführungen, bei denen ich dabei war, war das ein ziemlicher Seniorenclub, ab 70 Jahre aufwärts. Ich will deren Meinung auf keinen Fall abwerten, aber ein bisschen lustig war das schon. Der Oscar mag der schillerndste aller Filmpreise sein, aber ob er wirklich immer die besten Filme auszeichnet, na ja…

ZEIT: Ihre Eltern hatten ein Restaurant in Bad Nauheim. Haben Sie wie Quentin Tarantino als Jugendliche in einer Videothek gearbeitet und waren ständig im Kino?

Link: Nein. Und ich bin nicht gerade stolz auf mein lückenhaftes filmhistorisches Wissen. An der Filmhochschule war das mein großer Komplex. Deshalb bekomme ich auch Bauchschmerzen, wenn mich ein Kollege von Ihnen, Michael Althen von der FAZ, fragt, ob ich in seinem Dokumentarfilm nicht ein paar Worte über den Einfluss deutscher Filmklassiker auf meine Arbeit sagen möchte. Vor diesem Interviewtermin bin ich lange geflüchtet. Ich vergesse viel. Im Gegensatz zu meinem Lebensgefährten Dominik. Er weiß immer alles.

ZEIT: Trotzdem haben Sie doch bestimmt Filme gesehen, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind…

Link: Natürlich. Ein Film, der mich in letzter Zeit tief berührt hat, war Babel. Vor allem die Episode über das Ehepaar in Marokko, das auseinanderdriftet. Diese Art Liebesgeschichten interessieren mich.

ZEIT: Ehen und Familienkonstellationen sind das Thema aller Ihrer Filme. In Im Winter ein Jahr geht es auch um eine Familie und ihr Bemühen, mit einem großen Verlust fertig zu werden.

Link: Diese Fragen interessieren mich immer wieder: Was ist Liebe? Was ist die Bedeutung von Zusammensein und Liebe über den ersten Kuss hinaus? Ich fand das Gefühl, sich zu verlieben, einem Fremden zum ersten Mal nahezukommen, immer überwältigend. Dass das irgendwann im Leben wegfallen soll, finde ich ausgesprochen bedauerlich.

ZEIT: Wie lange sind Sie und Dominik Graf zusammen?

Link: 17 Jahre. Dieses tiefe und auch gar nicht mehr zur Disposition stehende Gefühl von Verbundenheit, das eine Familie ausmacht, ist für mich immer wieder ein großes Filmthema.

ZEIT: Wem geben Sie Ihre Drehbücher als Erstes zu lesen?

Link: Dem Dominik.

ZEIT: Klar.

Link: Nein, das ist nicht klar. Er gibt mir seine nicht unbedingt sofort. Er mag es nicht, zu viele Meinungen zu hören, weil sie ihn aus dem Konzept bringen. Mir ist seine Meinung sehr wichtig.

ZEIT: Wie gehen Sie damit um, wenn er sagt: Das geht gar nicht?

Link: Das sagt er nicht. Meist trifft seine Kritik zu, und er sagt etwas, was ich befürchtet habe. Er kann sich gut in meine Welt hineinversetzen. Meine Stoffauswahl ist allerdings nicht so seine. Er interessiert sich für andere, härtere Stoffe.

ZEIT: Könnten Sie zusammenarbeiten?

Link: Nicht mehr so gut, glaube ich. Als wir uns kennengelernt haben, war ich seine Regieassistentin. Wenn man jemanden bewundert, lässt man sich gerne herumscheuchen, als Freundin nicht mehr.

ZEIT: Wann sieht der eine das erste Mal den Film des anderen?

Link: Dominik wird pausenlos von mir belästigt. Er muss seinen Senf zum Casting geben, zum Drehbuch, zum Rohschnitt. Ich frage ihn ständig, oft auch, um dann alles wieder anders zu machen. Ich brauche die Auseinandersetzung. Manchmal wird er sauer: "Wofür mache ich mir die Mühe, wenn du eh machst, was du willst?" Ich sehe Dominiks Filme meist erst im Schneideraum.

ZEIT: Kritisieren Sie hart?

Link: Nein. Ich habe von ihm gelernt, wie verwundbar man ist. Das Verflixte ist allerdings, wenn ich seine Sachen so spät sehe, traue ich mich nicht mehr, das ein oder andere Detail zu bemängeln, weil man dann nichts mehr ändern kann. Deshalb hole ich ihn immer schon früh dazu. Ich will seine Meinungen auch noch berücksichtigen können.

ZEIT: Was ist es für ein Gefühl, wenn Sie Ihren eigenen Film das erste Mal selbst ganz sehen, fremdeln Sie?

Link: Da sind die Abläufe bei mir immer ähnlich. Nach dem Drehen bin ich erschöpft, aber ganz glücklich und bin gespannt auf den ersten Schnitt. Dann sehe ich ihn und bin schockiert. Ich bin mir sicher, dass sich diesen Schwachsinn kein Mensch anschauen wird. Dann werfe ich mich mit meiner Cutterin in die Arbeit, bastle am kleinsten Detail. Irgendwann mag ich mein "Baby", auch wenn es hinkt oder Schlappohren hat. Dann kommen die Bedenkenträger von außen: "Auweia, alles so ruhig, funktioniert die Geschichte?" Ab dem Moment muss man höllisch aufpassen. Das ist der Moment, wo Filme im Schneideraum gekillt werden. Dann, wenn zu viele Leute von außen mutmaßen, was wohl der mächtige feindliche Unbekannte, das Publikum, sehen will.

ZEIT: Jetzt kommt doch noch eine filmhistorische Frage: Ihre Mutter stammt aus der ehemaligen DDR. Kennen Sie DDR-Filme?

Link:Spur der Steine, Solo Sunny‚ Bis dass der Tod euch scheidet. Ich glaube, dass es Mentalitätsunterschiede zwischen Ost und West gab und vielleicht auch noch gibt. Das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, sich sozial verantwortlich zu fühlen, erscheint mir im Osten stärker als bei uns, wo jeder für sich an der eigenen Front kämpft.

ZEIT: Kann man den Unterschied in den Filmen sehen?

Link: Wenn das so wäre, müsste man sagen: Andreas Dresen, der Halbe Treppe und Sommer vorm Balkon gemacht hat, ist ein typischer Ostfilmer, und ich bin eine typische Frauenfilmerin. Mir widerstreben diese Kategorisierungen. Andreas Dresen und ich saßen mal zusammen auf einem Podium. Er hat allergrößten Wert darauf gelegt, zu betonen, dass nicht er allein die Filme macht, sondern dass sie das Ergebnis der Arbeit eines jeden Teammitglieds sind. Das hat meinen Widerspruch provoziert, weil ich dachte: Schön und gut, aber der Regisseur prägt den Film. Ich finde, dass eine gewisse Aggression, der Wille, sich selbst darzustellen, und auch Egoismus zum Filmemachen dazugehören. Ich will ganz egoistisch meine Geschichte erzählen. Film ist für mich kein demokratisches Unternehmen. Wenn du immer erst abstimmst, kann es nicht funktionieren. Ich glaube, dass Andreas eine größere soziale Verantwortung empfindet als ich.

ZEIT: Aha.

Link: Ich finde, die Leute sollen vor allem ihren Job machen. Wenn sie den gut machen, bereichern sie meine Möglichkeiten, meine Fantasie und damit das Endergebnis. Und ich respektiere sie über alle Maßen!

ZEIT: Regisseure müssen kleine Diktatoren sein?

Link: Schon, ja. Für eine Frau ist das nicht so einfach. Eigentlich will ich ja doch ein liebes Mädchen sein.

ZEIT: Stehen Sie nach dem Oscar bei Ihrem jetzigen Film besonders unter Druck?

Link: Ich hab mich unter enormen Druck gesetzt, endlich überhaupt wieder zu drehen. Jetzt fühlte ich mich am Drehort so gelöst wie noch nie zuvor. Ich denke auch nicht darüber nach, ob Im Winter ein Jahr ein kommerzieller Erfolg wird oder nicht. Ich will, dass es ein guter Film wird. Ich versuche nicht, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, das gelingt mir wahrscheinlich sowieso nicht. Ich bin froh, wenn es Szenen und Augenblicke gibt, die wie ein Pfeil ins Schwarze treffen; die stimmen.

ZEIT: Es fällt auf, dass Sie dazu neigen, Ihre Leistungen abzuschwächen.

Link: Ich halte mich gar nicht für so bescheiden. Was meine Arbeit angeht, schätze ich mich ziemlich pragmatisch ein. Meine Filme sind einfach und direkt. Die Emotionalität funktioniert ganz gut, glaube ich. Die Figuren erreichen die Leute. Trotzdem müssen meine Filme nicht unbedingt in die Filmgeschichte eingehen. Trotz Oscar. Das meine ich weder besonders kokett noch bescheiden, noch weinerlich. So sehe ich mich.

Die Fragen stellte Jana Simon

Caroline Link wurde 1964 in Bad Nauheim in Hessen geboren, besuchte die Hochschule für Film und Fernsehen in München, schrieb Drehbücher für Krimis und Kinderfilme. Ihr Film "Jenseits der Stille" über ein Kind taubstummer Eltern wurde 1997 für den Oscar nominiert. 2002 gewann sie die Trophäe – für "Nirgendwo in Afrika" über eine jüdische Familie, die vor den Nazis nach Kenia flieht. Caroline Link lebt zusammen mit dem Regisseur Dominik Graf. Im Herbst kommt ihr neuer Film "Im Winter ein Jahr" in die Kinos.

 
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