Kino Die Erotik der Abschweifung
Die Schauspielerin Julie Christie ist zum zweiten Mal für einen Oscar nominiert – völlig zu Recht. Eine Hommage
Sie ist blond, und sie ist keine Blondine. Mit 16 lernte sie als Gast in einem entlegenen Winkel der Gascogne Fr±anzösisch, und es heißt, dass dieser Aufenthalt in der Fremde sie von Grund auf verwandelt habe. Die Fremdsprache hatte ihr zu einer Distanz zum Gewohnten verholfen, die ihr nicht nur als Schauspielerin von großem Nutzen sein sollte.
Darling von John Schlesinger war der Film, der die Britin Julie Christie 1965 international berühmt machte. Ihr Auftritt als Fotomodell im Swinging London ist wie eine Ouvertüre für die jetzt anbrechende Zeit eines hemmungslosen Hedonismus: das model wird Modell. Promiskuität ist Programm. Zwei Jahrzehnte später blickt Julie Christie zurück: »Der Film sollte angeblich von einer Frau handeln, die ihre Sache durchzog. Aber das stimmte so nicht – er handelte von einer Frau, die ihre Sache durchzog und dafür bestraft wurde. Wenn ich sie heute spielen würde, mit dem, was ich heute weiß, würde ich diese Selbstverliebtheit als etwas Wertvolles darstellen und nicht als nutzlos und verdammt.« Sie gewinnt dafür den Oscar. Sie nahm ihn, durchaus programmatisch, in einem Minikleid aus Chiffon entgegen.
Unmittelbar danach ist sie Lara in Dr. Schiwago – und verkörpert jene fast unerreichbare Skala, die Pasternak ihrer Figur zuschreibt: »von unvergleichlicher spiritueller Schönheit – märtyrerhaft, eigensinnig, extravagant, verrückt, unverantwortlich, angebetet«. Lara durchläuft ein halbes Menschenalter, von 17 bis 40. Julie Christie stellt den Zauber dieser Verwandlung durch ihre Augen und ihren ebenso ergreifenden wie erotisch abschweifenden Blick her. Sie trägt nie auf, sie schmachtet nicht. Selbst in Augenblicken großer Intimität spürt man einen Rest unstillbaren Verlangens, den sie wie einen Schatz hütet.
Es folgt, im Jahr darauf, 1966, einer der seltsamsten Filme François Truffauts: Fahrenheit 451. Julie Christie tritt in einer Doppelrolle als somnambule, ängstlich-narzisstische Ehefrau Linda und als selbstbewusste und kämpferische Clarisse auf. Sie hat sich in Truffauts Nähe geborgen und wohl auch geschützt gefühlt vor den immer wieder aufkeimenden Regieübergriffen Oskar Werners. Später überliefert sie ein Detail fast stummer Freundschaft: Truffaut und sie seien so schüchtern gewesen, dass sie kaum miteinander sprechen konnten. Christie gab ihm eine elektrische Eisenbahnanlage. Gemeinsam hätten sie mit den Zügen gespielt und dabei versucht, miteinander zu kommunizieren.
Als Lara in Dr. Schiwago erfüllt sie ein Schönheitsideal, das den glänzenden Miniaturen der Puschkin-Zeit entsprungen scheint, in Joseph Loseys Go-Between ist sie eine stille und bedrängte Erscheinung, wie auf Fotografien der Jahrhundertwende, in Darling eine kesse Beauty, bei Truffaut eine so neugierige wie unschuldige Frau, und Richard Lester entdeckte in Petulia die nervöse Facette ihrer, wie er sagte »ätherischen Schönheit«. Ihre ungewöhnlichste Seite zeigt sie neben Donald Sutherland in Wenn die Gondeln Trauer tragen von Nicolas Roeg. Dieser Film spielt in einem spiritistischen Venedig und ist immer noch einer der bewegendsten Liebesfilme und – konsequenterweise möchte man sagen – intensivsten Farbfilme. Der zu Unrecht fast vergessene Nicolas Roeg hat die damals in den Medien grotesk aufgebauschte Liebesszene nüchtern und fast liebevoll beschrieben: »Ich wollte sie nicht durch diese ganze Gymnastik jagen. Ich wollte den Ausdruck auf ihren Gesichtern sehen, ihre Herzensgefühle, auch danach.« Roeg fächert die Liebesszene in der Montage weit auf mit Augenblicken nach der Liebe, dem Echo des Genusses beim Ankleiden. Der Akt verwandelt sich so von einem Fließbild des Begehrens zu einem Bild zärtlicher Liebe.
Julie Christie ist mehr als ein nur schönes, wandelbares Gesicht. Sie hat ein Gesicht für Gesichte. Sie zeigt uns, wie eine Frau älter wird und wie ihre Schönheit unverloren überdauert. Es treten jetzt, wie wir in ihrem jüngsten Film, Sarah Polleys An ihrer Seite, sehen (mit dem Christie für den Oscar der besten Darstellerin nominiert ist), Jahre der Abgeschiedenheit und der Distanz in diesem Gesicht hervor. Eine Frau erkennt die Anzeichen der Alzheimer-Krankheit – und entscheidet sich, ihren Mann (Gordon Pinsent) zu verlassen und in ein Pflegeheim zu gehen. Ein Liebesdrama, dessen Hauptkräfte die unerbittliche Biologie und die aufbegehrende liebende Erinnerung sind. Julie Christies Augen leuchten noch immer, doch jäh werden sie fahl und blicken befremdet in das Gesicht des über alles geliebten Mannes. Ihre Stimme lockt, fragt, erstirbt. Einmal, im schwebenden Zustand zwischen Vergessen, Verfall und Erinnern, blickt sie auf gezeichnete Selbstporträts aus jüngeren Jahren, als versuche sie, ihrer selbst inne zu werden. Wir blicken, von ihrem Spiel verwirrt, auf uns selbst und werden uns für flüchtige Augenblicke fremd und können doch unseren Blick nicht von ihr abwenden.
Julie Christie kam 1941 in Chabua, Indien, zur Welt, wo ihr Vater auf einer Teeplantage beschäftigt war. In den frühen sechziger Jahren begann ihre Karriere in London. Für ihre Hauptrolle in John Schlesingers »Darling« erhielt sie 1965 einen Oscar. Nun ist Julie Christie wieder als beste Hauptdarstellerin nominiert – in der Rolle der an Alzheimer erkrankten Fiona in Sarah Polleys Film »An ihrer Seite«. Die Verleihung der Oscars findet am 24. Februar im Kodak Theatre, Hollywood, statt. Durch die Zeremonie führt der Komiker Jon Stewart
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- Datum 24.02.2008 - 10:51 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.02.2008 Nr. 09
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Auch wenn eine Hommage des meistens liebevoll daherkommt scheint mir die Überhöhung von Julie Christie- auch und gerade verbunden mit ihren wenigen wahrzunehmenden Filmen-doch arg übers Ziel hinauszuschießen. Sie galt und gilt nicht unbedingt als Garant für außergewöhnliche schauspielerische Glanzleistungen. Genauso wie Roegs Werke doch mit großem Abstand zu betrachten sind. Dann sind sie nämlich nichts als Versuche etwas zu erreichen, dessen sich der Regisseur selbst nicht bewußt watr- und daran, wie bei "Wenn die Gondeln Trauer tragen" maßlos scheitert. Kult hin oder her. Und unerträgliche Schmonzetten wie Doktor Schiwago auch nur zu erwähnen... Na ja. Die Oscar Nominierung mag größtenteils auf ihr Alter zurückzuführen sein, was durchaus auch legitim sein kann, aber angesichts der Leistung in ihrem Beruf nicht ganz nachzuvollziehen.sein muß.
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