DIE ZEIT: In der Familie Brasch gab es sehr viele Tote. Worin sehen Sie die Tragik dieser deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie?

Katharina Thalbach: Ich denke manchmal, dass die Eltern und die drei Brasch-Söhne an den Folgen des Faschismus gestorben sind. Die Eltern mussten vor den Nazis fliehen. Sie sind in der Emigration zu Kommunisten geworden und sind zurückgekehrt, um voller Eifer den Kommunismus in der DDR aufzubauen. Die Kinder haben nicht das Familienleben bekommen, das sie eigentlich gebraucht hätten. Jeder von ihnen hat seine Einsamkeit mit sich herumtragen müssen. Hinzu kommt, dass das Jüdische in der Familie hartnäckig verdrängt wurde. Die Verdrängung kompensierten sie mit viel Alkohol und einer Art Kampfgeist für den neuen Staat. Im Grunde sind sie daran alle kaputtgegangen.

ZEIT: Hat sich Thomas dagegen gewehrt?

Thalbach: Ja, mit dem Schreiben. Er hat immer mit den zentralen Fragen herumexperimentiert: Was ist der Faschismus? Was ist das Jüdische? Was ist das deutsche Volk? Kunst hieß für Thomas, so wie er es von Brecht und anderen gelernt hat, eine gesellschaftliche Funktion zu haben.

ZEIT: Was hat ihn am stärksten verändert?

Thalbach: Die Kadettenschule, auf die er als neunjähriges Kind in Naumburg gehen musste. Über diese Zeit hat er selten gesprochen. Aber das Internat und der Knast, in dem er wegen seines öffentlichen Protests gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 einsaß, sind die wundesten Punkte in seiner Biografie.

ZEIT: Thomas Brasch hat sich immer wieder in den Wind gestellt und sich selbst dabei extrem gefährdet. Haben Sie manchmal versucht, ihn da rauszuholen?