Erinnerungen

Thomas war ein wildes Tier

Die Regisseurin Katharina Thalbach erinnert sich an den Dichter Thomas Brasch. Sie inszeniert gerade in Köln die Oper »Rotter« von Torsten Rasch, nach Braschs Theaterstück. Premiere ist am 23. Februar

DIE ZEIT: In der Familie Brasch gab es sehr viele Tote. Worin sehen Sie die Tragik dieser deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie?

Katharina Thalbach: Ich denke manchmal, dass die Eltern und die drei Brasch-Söhne an den Folgen des Faschismus gestorben sind. Die Eltern mussten vor den Nazis fliehen. Sie sind in der Emigration zu Kommunisten geworden und sind zurückgekehrt, um voller Eifer den Kommunismus in der DDR aufzubauen. Die Kinder haben nicht das Familienleben bekommen, das sie eigentlich gebraucht hätten. Jeder von ihnen hat seine Einsamkeit mit sich herumtragen müssen. Hinzu kommt, dass das Jüdische in der Familie hartnäckig verdrängt wurde. Die Verdrängung kompensierten sie mit viel Alkohol und einer Art Kampfgeist für den neuen Staat. Im Grunde sind sie daran alle kaputtgegangen.

ZEIT: Hat sich Thomas dagegen gewehrt?

Thalbach: Ja, mit dem Schreiben. Er hat immer mit den zentralen Fragen herumexperimentiert: Was ist der Faschismus? Was ist das Jüdische? Was ist das deutsche Volk? Kunst hieß für Thomas, so wie er es von Brecht und anderen gelernt hat, eine gesellschaftliche Funktion zu haben.

ZEIT: Was hat ihn am stärksten verändert?

Thalbach: Die Kadettenschule, auf die er als neunjähriges Kind in Naumburg gehen musste. Über diese Zeit hat er selten gesprochen. Aber das Internat und der Knast, in dem er wegen seines öffentlichen Protests gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 einsaß, sind die wundesten Punkte in seiner Biografie.

ZEIT: Thomas Brasch hat sich immer wieder in den Wind gestellt und sich selbst dabei extrem gefährdet. Haben Sie manchmal versucht, ihn da rauszuholen?

Thalbach: Nein. Ich war ja nie seine Krankenschwester. Da hätte er mir auch schön den Marsch geblasen. Ich war jemand, der ihn geliebt hat. Natürlich habe ich versucht, ihn zu schützen, auch vor sich selbst, aber das ging nur bis zu einem gewissen Punkt. Thomas war da auch ein wildes Tier, das war nicht zu zähmen. Das hätte ich auch gar nicht gewollt. Ich habe ihn nicht nur als Mann geliebt, sondern vor allem auch seine Kunst, seine Art zu schreiben und zu denken

ZEIT: In Ihrem Text Mein klein Stücklein blass schreiben Sie, dass Ihr Leben mit Thomas Brasch, dreiunddreißig Jahre lang, mehr als ein Buch füllen würde. Werden Sie dieses Buch irgendwann schreiben?

Thalbach: Das ist vor allem eine Zeitfrage, aber auch eine Scheu davor, ein Leben zu veröffentlichen. Ich bin da in einer großen Zwickmühle. Ich glaube schon, dass wir wichtige Zeitzeugen waren. Vor allem, weil wir etwas mit einem Land zu tun hatten, das es gar nicht mehr gibt. Ich habe auch Angst davor, dass ich das nicht wirklich gut beschreiben könnte. Außerdem hat alles, was mit Thomas zu tun hat, auch mit Schmerz zu tun, weil er einfach viel zu früh gestorben ist.

ZEIT: Fühlen Sie diesen Schmerz nicht, wenn Sie seine Gedichte lesen oder mit seinen Texten arbeiten?

Thalbach: Doch, immer. Das ist meine Form, mit ihm etwas zu tun haben zu können, indem ich mit seinen Texten zu tun habe. Es gibt Situationen, in denen ich schlicht und ergreifend einfach heulen muss. Aber auch andere, in denen mir die Tränen vor Freude kommen, weil ich denke, dass könnte ihm jetzt gefallen. Ich zähle die Jahre nicht, die Thomas tot ist. Ich versuche, mich einfach zu freuen, dass er mich immer wieder und immer noch produktiv macht. In der Kunst kann ich mir die Distanz nehmen, um ihm zu begegnen. Das empfinde ich als großes Glück.

ZEIT: Besuchen Sie manchmal sein Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin?

Thalbach: Ja, ich gehe auf diesen Friedhof, weil dort nicht nur Thomas beerdigt ist, sondern auch meine Mutter, meine Oma und meine Schwester. Auf diesen Friedhof gehe ich, seit ich sechs Jahre alt bin. Das hat Thomas und mich auch verbunden, wir hatten beide sehr früh etwas mit Sterben zu tun. Dass er sterben würde, wollte ich nicht wahrhaben. Aber er war ja auch sehr krank. Eigentlich sollte ich ihn heiraten, aber ich habe gesagt: »Ich heirate nicht, um irgendwelche Rechte und Erbschaften zu bekommen, sondern ich will, dass du lebst.«

ZEIT: Einige seiner Frauenrollen scheinen Ihnen auf den Leib geschrieben zu sein. Haben Sie Rollen wie etwa die der Lisa Gabler in Engel aus Eisen oder die der Lisa in Domino sehr geprägt?

Thalbach: Ich wäre nicht das geworden, was ich geworden bin, ohne Thomas. Vielleicht hätte ich irgendwann mit diesem Beruf aufgehört, vielleicht wäre ich mittelmäßig irgendwo verendet. Als wir uns kennenlernten, war ich 15. Ich glaube, dass wir uns begegnet sind, das war Schicksal. Daran glaube ich ganz fest.

ZEIT: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung?

Thalbach: Das war zum 70. Geburtstag von Helene Weigel. Ein Teil der Gesellschaft spielte mit pornografischen Karten, die ich sehr eklig fand. Auf einmal saß da ein richtiger Typ neben mir, mit einem grauenhaften Dschingis-Khan-Bart und langen Haaren, aber mit einer wunderbaren Stimme und wunderbaren Augen, und fing an, sich mit mir über Brecht zu unterhalten und mir nebenbei noch auf die Knie zu starren. Thomas war der Erste, der mich ernst genommen hat. Eben in jeder Hinsicht.

ZEIT: Thomas Brasch wurde oft negativ charakterisiert. Immer wieder hat man ihn psychologisiert. Warum?

Thalbach: Thomas war ein Menschenfänger. Darin war er wirklich fantastisch. Er gab anderen Menschen das Gefühl, er würde sich ausschließlich für sie öffnen, dabei öffnete er sie. Dadurch gab es eine Fülle von Frauen und Männern, die ihn auf eine sehr intensive Weise geliebt haben. Gleichzeitig konnte Thomas sehr verletzend sein, dann schlug das auch schnell ins Gegenteil um.

ZEIT: Warum bringen Sie das Schauspiel Rotter, das Sie gerade in Köln inszenieren, als Oper auf die Bühne?

Thalbach: Thomas hat immer davon geträumt, dass seine Texte vertont werden. Bei Rotter haben wir oft darüber diskutiert, dass das ein Stoff für die Oper ist. Ich glaube, dass durch die Form der Oper, durch die Überhöhung mit dieser Art von Musik, die Geschichte dieser Figur, die durch die Zeiten geht von der Weimarer Republik bis in die Siebziger der DDR, etwas Allgemeingültiges bekommt.

ZEIT: Welchem Projekt wollen Sie sich als nächstes zuwenden?

Thalbach: Es gibt in der Akademie der Künste das Thomas-Brasch-Archiv. Dort befinden sich noch unzählige Texte, die aber nicht nur auf mich warten. Ich werde mir immer überlegen, was ich als Nächstes mache, damit Thomas mir weiterhin ein Arbeitspartner bleibt. Thomas wird mir da auf imaginäre Weise einen Tritt in den Hintern geben, da bin ich mir sicher.

Das Gespräch führte Ulrike Hempel

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    • Von Ulrike Hempel
    • Datum 25.2.2008 - 01:56 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 21.02.2008 Nr. 09
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    • Schlagworte Kultur | Literatur | Theater | Oper
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