Martenstein Das soziale Geschlecht

Die Gender-Theorie besagt: Männer und Frauen gibt es im Grunde gar nicht. Außer vielleicht in Neukölln, glaubt unser Kolumnist.

Männer lesen weniger als Frauen. Aus diesem Grund hat auch die Stadtbibliothek von Berlin-Neukölln mehr Besucherinnen als Besucher. Deswegen wurde in Neukölln ein spezielles Regal für Männer angerichtet. Auf diesem Regal waren Zeitschriften und Bücher zu finden, die Themen behandeln, bei denen erhöhtes männliches Interesse vermutet werden darf. Es handelte sich um Autozeitschriften, Sportbücher, Fitness und dergleichen. Erotisches Schriftgut war, soweit ich weiß, nicht im Angebot, stattdessen Gesundheitsratgeber, denn Männer vernachlässigen häufig ihre Gesundheit, mit den bekannten Folgen in der Sterbestatistik.

Das Neuköllner Männerregal ist ein Fehlschlag gewesen. Wie Augenzeugen berichten, haben die Männer, die in Neukölln die Bibliothek aufsuchen, sich nicht etwa begeistert auf das Männerregal gestürzt, sondern, ganz im Gegenteil, einen weiten Bogen um es herum gemacht. Ein ähnliches Verhalten legen Singvögel an den Tag, die sich weigern, ein Vogelhäuschen aufzusuchen, wenn in dem Vogelhäuschen eine Katze sitzt.

Wenn ich versuche, mich hundert Jahre weiter zu denken, und mir überlege, was unsere Nachfahren später einmal an uns ein bisschen daneben finden werden, so, wie wir den preußischen Stechschritt oder die Spießermoral der fünfziger Jahre daneben finden, fällt mir als Erstes die Gender-Theorie ein. Das Wort "Gender" bezeichnet das "soziale Geschlecht", es steht im Gegensatz zum biologischen Geschlecht, welches in der Wissenschaft "Sex" heißt.

Die Gender-Theorie besagt, dass naturbedingte Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen oder Jungen und Mädchen in Wirklichkeit nicht existieren. Das wird alles von der Gesellschaft gemacht. Wenn Jungen und Mädchen gleich erzogen und gleich behandelt werden, kommt am Ende das Gleiche heraus. Für mich heißt das: Männer und Frauen gibt es im Grunde gar nicht, außer vielleicht in Neukölln.

Ich finde, dass die Theologie, verglichen mit den "Gender Studies", eine exakte Wissenschaft darstellt, denn die Existenz Gottes ist immerhin möglich, während jeder Mensch, der Kinder hat oder sich oft mit Kindern befasst, schnell merkt, dass die Gender-Theorie unmöglich stimmen kann. Sie lässt sich folglich auch nicht belegen. Es ist einfach nur eine Wunschidee.

Trotzdem ist Gender, laut Frankfurter Allgemeiner, der in Deutschland am schnellsten wachsende Wissenschaftszweig, allein in Nordrhein-Westfalen seien von 1986 bis 1999 rund 40 neue Professorenstellen geschaffen worden. Wenigstens im Gendern gehört Deutschland zur Weltspitze. Ein riesiger Apparat baut also auf einer Idee auf, die wissenschaftlich erst mal belegt werden müsste und von der, behaupte ich, fast jeder weiß, dass sie nicht stimmt. Gender ist eine moderne Variante der Idee vom "neuen Menschen", den man durch Erziehung irgendwie herstellen könnte. Diese Idee hat schon viel Schaden angerichtet.

Eine Expertin rief an und sagte, dass es inzwischen Gender-Theoretikerinnen gäbe, die dies nicht mehr so radikal sähen, und dass die Fragestellung als solche doch legitim sei. Gewiss. Offenbar befindet sich Gender in jener defensiven Phase, in der der Marxismus sich 1988 befand. Am interessantesten dabei finde ich aber, dass wir das schöne Ideal der Emanzipation und das richtige Ziel, andere Menschensorten nicht zu diskriminieren, auf dem höchst angreifbaren Gedanken aufbauen, wir alle seien gleich. Ich finde, es kommt eher darauf an, mit Unterschieden klarzukommen, als darauf, sie wegzudiskutieren.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

über die Gemeinsamkeiten von Männern und Singvögeln

 
Leser-Kommentare
  1. Ich hoffe sehr, dass die Leute in hundert Jahren auf uns zurückschauen werden und sich darüber wundern, wie sehr wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch in Kategorien gedacht haben: Wie wichtig es uns war, bestimmte Identitäten (Geschlecht, Nationalität, Hautfarbe, sexuelle Orientierung) gegeneinander abzugrenzen, um uns selber wohl in unserer Haut fühlen zu können. - Letztendlich will die Gender-Theorie auch nur derartig verkrustete Vorstellungen und Bilder dekonstruieren.

    • Koosi
    • 22.02.2008 um 13:34 Uhr

    Wenn Frauen nun mal naturgemäß auf diese Männertypen stehen,
    dann dürfen sie sich auch nicht über die biologischen Folgen beschweren, dann
    sollten sie als Mütter eben auch mit den Konsequenzen beispielsweise in Form
    von Nachteilen in der Arbeitswelt klarkommen oder selbst eben noch einen Zahn
    zulegen, dass sie das alles miteinander vereinbaren können. Wir Männer können
    ja auch nicht aus unserer Haut, wir fallen im Beruf nun mal naturgemäß nicht
    einfach aus, deshalb besetzen wir eben auch mehr Führungspositionen und ein
    kleines bisschen mehr Geld für die gleiche Arbeit geht auch schon in Ordnung,
    weil wir als Männer eben berufsmäßig verlässlicher sind. So hart ist eben das
    Leben, das sie, sehr geehrter Herr Martenstein, immer wieder mit ihrem
    versöhnlichen, männlichen Augenzwinkern aufs Korn nehmen, auch wenn sie dafür
    schon mal in der Mottenkiste kramen müssen.Also bloooß nicht rumgendern hier, nicht wahr (zwinker, zwinker)?!

  2. ... wär vielleicht sinnvoll sich mit Gender-Theorien zu befassen statt solche Platitüden zu verbreiten. So ein Beitrag in der Bild-Zeitung, ok, meinetwegen auch in Focus oder Stern. Aber in der Zeit?! Oder hab ich was nicht verstanden und das war ironisch gemeint? 

  3. Wenn ich also zuviele flache Artikel in der Zeit lese, bin ich dann eine Frau?Oder bezeuge ich damit nur einen Versuch der Zeit - aehnlich einer Bibliothek in Neukoelln - neues (stereotypsiertes) Zielpublikum zu erschliessen?Schade, Herr Martenstein, aber da kenn ich bessere Artikel von Ihnen.

    • mayke
    • 12.03.2008 um 8:53 Uhr

    sie sitzen da auf einem sehr hohen ross, herr martenstein, von dem aus sie vermutlich noch nie versucht haben, als mann eine vernünftige sorgerechtslösung für ihre vielleicht gar nicht vorhandenen kinder zu bekommen, in einer gesellschaft, die denkt, dass das natürlicherweise nur den frauen zu gute kommen kann.als weibliche musikerin und produzentin kann ich ihnen nur sagen, dass sogar meine engsten freunde von mir immer als "der sängerin" reden (dabei ist singen das, was ich am wenigsten kann), und ich viele, gar nicht dumme menschen kenne, die der meinung sind, frauen könnten keine flugzeuge fliegen, da sie ja schon keine karten lesen können und eh kein räumliches vorstellungsvermögen besitzen.für das aufstellen  solcher thesen kann man in anderen ländern übrigens verklagt werden - hier leider noch nicht, was uns eher zum gender-entwicklungsland macht, als dass es uns an irgendeine weltspitze setzt.unterschiede würdigen, schön und gut, aber dass kann man auch ohne die theorie von natürlichen unterschieden - ich persönlich bevorzuge die vorstellung, dass jeder mensch so anders ist als ein anderer, dass es das größte abenteuer ist, zu beobachten, was jeder einzelne entwickelt, wenn er nicht schon im kindergarten mit klischees überschüttet wird, wie er oder sie natürlicherweise zu sein hat.nichts anderes will ja auch die gendertheorie.da können sie am ende immer noch biertrinkend fußball schauen und ich am liebsten shoppen gehen, aber wenigstens hatten wir mal eine wahl.

  4. der Autor bezieht sich hier nicht auf Frauen-Männer-Ungleichberechtigung,
    sondern auf Richtungen der Feministischen Philosophie und - Soziologie etc.

    Das ist ein großer Unterschied.

    Und Herr Martenstein weist auch auf die eigentlich so deutliche Schwäche der
    o.g. Denkrichtungen hin: es findet in diesem Bereich eben eine starke (!) vermischung von Hypothesen (soziales Geschlecht, Konstruktivismus etc.) und daraus unmittelbar abgeleiteten Forderungen statt- und zwar ohne dass Beweise angeführt und logische Widersprüche (mit Geschlechter-Kategorie-Denken auf die Nichtexistenz desselben schließen).

    Daher auch die Anspielung mit den Idealen des "sozialistischen Menschen" und denen des Nationalsozialismus.

    Es geht mal wieder nicht um die Oberfläche, sondern dass, was dahintersteht.

    Ich finde es toll, dass die Zeit auch versucht, "Grundlagenjournalismus" zu betreiben- denn "Fakten und Forderungen" sind dann die besten Manipulierungsinstrumente, wenn die Grundannahmen dahinter nicht bekannt sind (das gilt für alles, nicht nur für das, was wir persönlich gut oder schlecht finden).

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