Millionen unentdeckter Spezies Artenreiche Finsternis

Die Tiefsee birgt Millionen unentdeckter Spezies. In der größten Zählung aller Zeiten versuchen Meeresbiologen, sich einen Überblick zu verschaffen

Das größte irdische Ökosystem wirkt auf den ersten Blick wie ein schauderhaftes Totenreich, beherrscht von ewiger Finsternis und Kälte. Sauerstoff ist hier Mangelware. Auf allem liegt ein gewaltiger Druck. Nahrung gibt es kaum, und wenn, dann besteht sie aus Abfall, Aas und Kot. Dennoch besiedelt eine Fülle von Lebensformen diesen Riesenraum, dessen laufende Erforschung mehr Überraschungen bietet als eine Expedition zum Mond. Willkommen in der Tiefsee!

Jahrtausendelang galt der Abgrund der Meere als Hort von Ungeheuern, die ins Wasser gefallene Seefahrer verschlingen. Noch vor rund 150 Jahren behaupteten Biologen, unterhalb von 600 Metern existiere gar kein Leben im Meer. Diese »azoische Theorie« wurde bald widerlegt. Aber erst seit Kurzem wissen die Meeresforscher, dass dort unten nicht nur einige Tausend exotische Arten ein karges Dasein fristen, sondern dass dieser lichtlose Lebensraum eine gigantische Artenfülle beherbergt, die jene tropischer Regenwälder oder Korallenriffe weit in den Schatten stellt. Durch die Fachliteratur geistern inzwischen Zahlen von zehn bis dreißig Millionen mariner Arten, die noch der Entdeckung harren – ein Vielfaches der bisher global bekannten 1,7 Millionen Arten. Davon leben die allermeisten an Land, nur etwa 270.000 im Meer.

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Diese Relation ist jedoch verzerrt. Denn erstens entstand das Leben vor mehr als 3,5 Milliarden Jahren im Meer und eroberte erst vor 400 Millionen Jahren das Land. Zweitens liegen 99 Prozent des Lebensraums im Wasser. Die Weltmeere bedecken nämlich nicht nur 71 Prozent der Fläche unseres Planeten, wegen ihrer enormen durchschnittlichen Tiefe von 3.700 Metern stellen sie auch fast das gesamte Volumen des Lebensraums (setzt man die belebte Höhe an Land mit etwa 100 Metern an).

Forscher finden neue Arten rascher, als sie diese benennen können

»Die Millionen unentdeckter Spezies sind nur sehr grobe Schätzungen«, sagt Pedro Martinez, Chef des DZMB (Deutschen Zentrums für Marine Biodiversitätsforschung) in Wilhelmshaven. »Fest steht allerdings, dass wir derzeit in der Tiefsee neue Arten viel rascher entdecken, als wir sie benennen können. Jede Expedition mit dem Forschungsschiff Polarstern bringt uns Tausende neuer Arten«, freut sich der drahtige Spanier bereits auf die jüngste Ausbeute der Polarstern, die Anfang Februar von einer Fahrt in die Antarktis zurückgekehrt ist.

Neue Wesen bergen und entdecken, das geht dank moderner Fang-, Greif- und Robotertechnik vergleichsweise rasch. Doch all die neuen Arten wissenschaftlich sauber einzuordnen, ihre jeweils typischen Merkmale zu zeichnen, zu beschreiben, zu publizieren und je ein Belegexemplar, den »Holotypus«, fachgerecht als dauerhafte Referenz im Museum zu konservieren, das würde das kleine Forscherteam des DZMB jahrzehntelang auslasten.

Deshalb kooperieren die Wilhelmshavener, die zum Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg gehören, weltweit mit Fachkollegen. Zum Beispiel mit Craig Smith, einem Tiefsee-Ökologen der Universität von Hawaii. Smith leitet zusammen mit Pedro Martinez das globale Projekt Cedamar (Census of the Diversity of Abyssal Marine Life), das sich die Erforschung der Artenvielfalt in der Tiefsee auf die Fahnen geschrieben hat. Cedamar seinerseits ist nur eines von 17 Großprojekten der gigantischsten Viehzählung aller Zeiten, des Zensus marinen Lebens (Census of Marine Life, CoML) . Diese beispiellose Initiative unter amerikanischer Führung erstrebt eine Bestandsaufnahme des gesamten Lebens im Meer. Beteiligt sind rund 2.000 Wissenschaftler aus über 80 Nationen. Sie wollen gleich drei wichtige Fragen klären: Was lebte einst im Meer? Was lebt heute dort? Und was wird künftig in ihm leben? Der Zensus startete im Jahr 2000 und soll 2010 beendet sein.

Die quicklebendige Garnele galt als seit Millionen Jahren ausgestorben

Werden die Meeresforscher dann ihre Fanggeräte einmotten? »Sicher nicht«, lacht Pedro Martinez. »Aber CoML ist ein typisches zeitlich begrenztes Großprojekt der Alfred Sloan Foundation.« Diese Stiftung hatte zuvor die Kartierung aller Sterne am Himmel unterstützt. Nun will sie das Leben in den Meeren kartieren. »Am Ende soll eine jedermann zugängliche Weltkarte im Internet stehen, auf der man jede Meeresregion anklicken und nachsehen kann, was dort alles lebt«, erklärt der Biologe. Die zugehörige Superdatenbank Obis (Ocean Biogeographic Information System) ist derzeit im Aufbau und enthält bereits rund 14 Millionen Aufzeichnungen von rund 80.000 Arten. Schon die bisherigen Funde bieten genügend Stoff, um mehrere Bücher mit faszinierenden Bildern und Geschichten zu füllen. Sie dokumentieren aber auch den Raubbau und die Zerstörungen durch intensive Fischerei in einem Ökosystem, dessen Vielfalt wir erst ansatzweise kennen.

So haben CoML-Historiker die Archive durchforstet, von der Antike bis in die Neuzeit. Sie konnten an zwölf über die Welt verstreuten Mündungs- und Küstengebieten beispielhaft nachweisen, dass in solch relativ leicht erreichbaren Regionen durch intensive Nutzung und Lebensraumzerstörung 90 Prozent der wichtigsten Arten verschwunden sind. Hierfür studierten sie sogar historische Speisekarten und Steuerlisten für Salz zur Konservierung von Fisch. Zu den vielen verschwundenen regionalen Delikatessen zählt der Blauflossenthunfisch aus der Nordsee. Dieser hoch begehrte Sushi-Lieferant wurde noch vor 60 Jahren in industriellen Mengen gefangen, quasi vor unserer Haustür. Heute ist die ganze Art bedroht, insbesondere im Mittelmeer.

Leser-Kommentare
  1. als begeisterter zeit leser seit jahrzehnten, möchte ich mich zum anlass des tiefseeartikles bei herrn schuh bedanken: excellenter wissenschaftsjournalistisch ausgearbeiteter artikel, der zu begeistern vermag.ja es ist schon so, die spezielle physikalische situation der erde lässt zwangsläufig leben entstehen und an den verrücktesten plätzen, die man sich vorstellen kann. die wipfelbiotope sind ein ähnlich faszinierender und bisher kaum betrachteter bereich.vielen dank auch für die anderen perspektiven jenseits des mainstream (akw diskussion), die sie uns immer wieder eröffnen. es ist zu hoffen, dass der mensch doch über die ratio zu erreichen ist und nicht das szenario einer gentechnischen reparatur (sloterdijk: regeln für den menschenpark) angedacht werden muss.weitere vorschläge:der mensch und sein reptildie suszeption von gefahr (hatten wir glaube ich schon)der wahnsinn der regenerativen energieüber mathematik ....gx dr henrybramesfachtierarzt für reptilien  

  2. Ein toller Artikel - vielen Dank! Informativ, aber trotzdem kurzweilig. Kleiner Wermutstropfen: Im Text wird auf Fotos eingegangen, die jedenfalls für mich nicht sichtbar sind.
    @Redaktion: Woran liegt das bzw. lassen sich die Bilder och irgendwie herbekommen???

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Liebe hildegard_von_b,

    Dieser Artikel stammt bereits aus dem Jahr 2008. Leider stehen die damals verwendeten Fotos offenbar nicht mehr zur Verfügung. Doch wir haben noch weitere Artikel zum Census of Marine Life, gespickt mit Videos aus der Tiefsee:

    http://www.zeit.de/wissen...
    http://www.zeit.de/2010/3...

    Hinzu kommen zwei Fotostrecken mit außergewöhnlichen Meerebewohnern:

    http://www.zeit.de/wissen...
    http://www.zeit.de/wissen...

    Eine Infografik als pdf-Download bieten wir auch an:

    http://www.zeit.de/2010/4...

    Wir freuen uns über ihr Interesse und hoffen, dass Ihnen diese Links schon weiterhelfen. Ansonsten empfehle ich die Seite des Census of Marine Life im Netz:

    http://www.coml.org/

    Beste Grüße aus der Redaktion!

    Redaktion

    Liebe hildegard_von_b,

    Dieser Artikel stammt bereits aus dem Jahr 2008. Leider stehen die damals verwendeten Fotos offenbar nicht mehr zur Verfügung. Doch wir haben noch weitere Artikel zum Census of Marine Life, gespickt mit Videos aus der Tiefsee:

    http://www.zeit.de/wissen...
    http://www.zeit.de/2010/3...

    Hinzu kommen zwei Fotostrecken mit außergewöhnlichen Meerebewohnern:

    http://www.zeit.de/wissen...
    http://www.zeit.de/wissen...

    Eine Infografik als pdf-Download bieten wir auch an:

    http://www.zeit.de/2010/4...

    Wir freuen uns über ihr Interesse und hoffen, dass Ihnen diese Links schon weiterhelfen. Ansonsten empfehle ich die Seite des Census of Marine Life im Netz:

    http://www.coml.org/

    Beste Grüße aus der Redaktion!

  3. nur beipflichten. toller artikel. in jeder hinsicht. und regt an zum selber recherchieren. leider scheint nicht jedes tier so zu heißen bzw so geschrieben zu werden wie hier benannt :( aber egal! macht trotzdem spaß!
    von dieser qualität der artikel bitte mehr!

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