ZEIT-Bildungskanon

Der Rohstoff der Wirtschaft

Um den Handel zu erleichtern, erfand der Mensch Münzen, Scheine, Plastikkarten. Aber Geld ist nicht nur ein Tauschmittel, sondern steht für den Traum von Freiheit, Sicherheit und einem angenehmen Leben. Die Bankenstadt Zürich lebt von diesem Versprechen

Weit unter den Großraumbüros, tief unter der Erde, hinter Panzertüren und elektronischen Sicherheitsschleusen verbirgt sich das größte Geheimnis der Schweizer Großbank UBS: der Geldspeicher. Er ist so groß wie eine Fabrik. Er ist eine Fabrik. Nur, dass hier nicht Stahl oder Bretter verarbeitet werden, sondern Geldscheine.

Sie liegen in Blechkisten, in Leinensäcken, in verschweißten Plastiktüten. Kunden der UBS haben sie eingezahlt, irgendwo in den Filialen im ganzen Land. Jetzt schleppen Männer in abgewetzten Arbeitskitteln das Geld durch die Gänge. Junge Frauen mit Stöpseln in den Ohren stopfen sie in dröhnende Maschinen wie in einen Fleischwolf. Am anderen Ende aber kommen die Scheine nicht zerfetzt heraus, sondern gezählt, geordnet und gebündelt. Ein paar Meter weiter liegen sie dann in den Regalen: Franken, Euro, Dollar, mexikanische Pesos, thailändische Baht, indische Rupien, Währungen aus 111 Ländern, blaue, rote, braune Scheine, bedruckt mit den Gesichtern von Kaufleuten und Künstlern, von Königen und Diktatoren. Millionen von Geldscheinen, von denen keiner dem anderen gleicht und die doch alle eines gemeinsam haben: Ihr Materialwert ist kaum höher als der von Papiertaschentüchern. Trotzdem sind sie Milliarden wert.

Warum eigentlich?

Wieso gibt ein Bauer für ein bedrucktes Stück Papier sein Getreide weg? Wie funktioniert eine Bank? Stimmt es, dass Geld arbeiten und sich vermehren kann? Dass es die Welt regiert? Kurz: Was ist eigentlich Geld?

Ein Tauschmittel, nichts weiter, sagen die meisten ökonomischen Lehrbücher, eine geschickte Erfindung, weil es lästig ist, Getreide gegen Koteletts zu tauschen. Vor Tausenden von Jahren musste ein Ackerbauer, der Fleisch haben wollte, so lange durch den Urwald laufen, bis er einen Jäger fand, der sein Mehl benötigte. Ziemlich umständlich. Deshalb kamen die Menschen auf die Idee, die toten Wildschweine mit Feuersteinen zu bezahlen. Die brauchte jeder. Aus Feuersteinen wurden Münzen, aber auch Münzen sind unpraktisch, wenn es um große Beträge geht. Also kam das Papiergeld hinzu und später die Scheckkarte. Und wäre Geld wirklich nur ein Tauschmittel, dann wäre die Geschichte an dieser Stelle schon zu Ende.

Aber vielleicht ist es ja viel mehr.

»Geld ist etwas, mit dessen Hilfe die Menschen viele ihrer tiefsten Wünsche verwirklichen können«, sagt Alain Robert, der einst Musik studierte, bevor er die Klarinette gegen eine Karriere bei der UBS eintauschte.

»Geld ist der Rohstoff der Wirtschaft«, sagt Hans-Ulrich Doerig. Er arbeitet seit 35 Jahren für die Credit Suisse, die andere große Schweizer Bank.

»Es ist eine Projektionsfläche für alles, was sich Menschen wünschen, Freiheit, Sicherheit, ein schönes Leben«, sagt Jürg Conzett, der für viel Geld ein Museum gebaut hat, das den Menschen das Geld erklären soll.

»Es hat uns fast die Luft abgeschnürt«, sagt Erika Baumann, die nie mehr wollte als ein wenig Wohlstand, bis ein Schicksalsschlag nach dem anderen ihre Familie traf und sie plötzlich ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen konnte.

»Geld ist für den Menschen das, was Käse für die Mäuse ist: eine Belohnung«, sagt Ernst Fehr, der von allen den kühlsten Blick auf das Geld hat, weil das zu seinem Beruf gehört. Fehr ist Wissenschaftler.

Und deshalb sollte die Suche nach der Antwort auf die Frage, was Geld ist, bei ihm beginnen.

Wenn Geld fließt, strömen im Hirn die Glückshormone

Wenn Ernst Fehr aus seinem Büro an der Uni tritt, dann kann er hinunterschauen auf die Börse, die Banken, die Versicherungen, den Geldsektor, der für Zürich eine Bedeutung hat wie für keine andere Stadt der Welt. In New York, London oder Frankfurt mag es mehr Finanzhäuser, mehr Bankkaufleute geben, aber dort gibt es auch Pharmaunternehmen, Ölkonzerne und Autohersteller. In Zürich ist nichts größer als das Geld. Wenn die Credit Suisse ihre Bilanz präsentiert, beherrscht das die Nachrichten überall in der Schweiz. Wenn die UBS ein neues Büro in New York eröffnet, interessiert das in New York niemanden, in der Schweiz steht es in den Zeitungen. Fast jeder fünfte der 280000 Erwerbstätigen in Zürich lebt davon, Geld zu verleihen, anzulegen, zu verwalten. Fehr lebt davon, es zu erforschen. Er ist Ökonom. Allerdings ein ungewöhnlicher. Statt mit Effizienztheorien, Transaktionskosten oder Substitutionseffekten beschäftigt er sich mit dem Menschen. Zum Beispiel damit, was Geld im Kopf auslöst.

Die Wissenschaftler an seinem Institut haben den Leuten ins Hirn geschaut und einen Unterschied zwischen Menschen und Mäusen entdeckt. Bekommt eine Maus ein Stück Käse, freut sie sich. Man erkennt das daran, dass ihr Gehirn Glückshormone ausschüttet. Beim Menschen der Antike war das vermutlich ähnlich. Zufriedenheit empfand er nicht, wenn er Geld bekam, sondern, wenn er das Brot aß, das er sich davon kaufte und seinen Hunger stillte. Der moderne Mensch ist anders. Die Hormone strömen, sobald er Geld erhält. Er fühlt sich dann belohnt, selbst wenn ihm weiter der Magen knurrt. Selbst wenn er schon alles besitzt, wie jene Millionäre, die um weiterer Millionen willen Steuern hinterziehen. Denn Geld ist nicht mehr nur ein Tauschmittel, es ist zur eigenständigen Größe geworden. Der Mensch will es besitzen, weil es ihm ein gutes Gefühl verschafft. Was Fehr da beobachtet hat, ist letztlich die Basis des ewigen Auf und Ab der Wirtschaft. Denn um das Gefühl noch zu verbessern, trägt der Mensch sein Geld auf die Bank, auf dass es arbeite und sich vermehre. Und hält damit den Kapitalismus am Leben.

Mitten in Zürich, wo Bauern einst ihre Kühe verkauften, später Soldaten paradierten und heute Straßenbahnen vorbeiquietschen, steht ein Haus, groß wie ein Palast, verziert mit Säulen, mit Statuen, mit kleinen Balkonen. Es könnte eine Oper sein, ein Theater, eine Universität. Es ist eine Bank: die Zentrale der Credit Suisse, einer der größten Banken der Welt, der Arbeitgeber von Hans-Ulrich Doerig.

Er ist jetzt 67. 1973 hat er hier angefangen. Ein kräftiger Mann, dessen Lebenslauf sich liest wie eine Treppe, die Doerig hinaufgestürmt ist, bis in den Vorstand der Bank. Heute sitzt er im Verwaltungsrat, dem Schweizer Pendant des Aufsichtsrats. Er hat also alles miterlebt, »an vorderster Front«, wie er sagt: die Finanzkrisen der Siebziger und frühen Achtziger, den Aufschwung Ende der Neunziger und zuletzt den großen Einbruch an den Börsen.

Der Ursprung von Krisen wie Blütezeiten aber war derselbe: »Immer ging es um Geschäfte mit der Zukunft«, so Doerig. Immer gaben die Menschen ihr Geld den Banken. Die reichten es weiter an Leute mit einer Geschäftsidee. Wie bei einer Pferdewette setzten sie auf einen Zukunftsmarkt, ein Zukunftsprodukt. Mitte des 19. Jahrhunderts war das die Eisenbahn.

Damals, als durch Berlin längst die Dampfloks fuhren, hatten die Schweizer genug von der Postkutsche. Die ersten Eisenbahnunternehmen entstanden, entwarfen Pläne, brauchten Geld – und bekamen es von der Schweizerischen Kreditanstalt, der heutigen Credit Suisse. Die wiederum bekam es von Kaufleuten und Großbürgern, die darauf bauten, ihr Geld werde nun für sie arbeiten.

Tatsächlich waren es die Arbeiter und die Ingenieure, die da schufteten. Sie verlegten Gleise und sprengten Felsen. Bald rollten Züge durchs ganze Land, die Eisenbahnunternehmen verdienten ein Vermögen, sie zahlten ihren Arbeitern die Löhne aus, beglichen ihre Schulden bei der Bank. Und die Bank zahlte den Kunden die Zinsen aus, sozusagen den Lohn dafür, dass sie ihr so viel Geld anvertraut hatten. Die Wette war gewonnen.

Mehr als 150 Jahre später lässt sich die Geschichte des Kapitalismus als ewige Abfolge solcher Geldwetten lesen. Wenige, wie die Internetwetten der Neunziger, wurden verloren, die meisten gewonnen. Die Welt erlebte eine immense Wohlstandssteigerung, die nur möglich war, weil Menschen mit Geld dieses vermehren wollten und es zu den Banken trugen, die es in Form von Krediten weitergaben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und doch sagt Doerig, der noch immer mithilft, die Credit Suisse wachsen zu lassen, dass heute alles anders sei.

Als er anfing, hatte der Großteil der Kunden nur einen Wunsch: ein Konto mit festem Zinssatz. Viel mehr hatte eine Bank auch nicht zu bieten. Heute gibt es Aktienfonds und Rentenfonds, Futures, Optionen, Swaps und unzählige Kombinationen aus alledem. Das Versprechen auf Geldvermehrung ist zum Produkt geworden wie Haarwaschmittel oder Mineralwasser. Wie im Großmarkt steht der Kunde vorm Regal und kann zwischen Tausenden Varianten wählen. Und kaum einer weiß, wo das Geld letztlich hinfließt.

Manchmal wissen es auch die Banken nicht. Das zeigt der jüngste Börsencrash: Amerikanische Kreditinstitute liehen amerikanischen Verbrauchern Geld für den Immobilienkauf. Sie schlossen eine Wette auf die Zukunft ab. Aber dann verkauften sie diese Kredite, sprich das Recht, die Zinsen zu kassieren, an Banken in der halben Welt, und die verkauften sie an wieder andere Banken. Irgendwann verloren alle den Überblick. Als sich herausstellte, dass mancher Hausbesitzer zu wenig verdiente, um seinen Kredit zurückzuzahlen, waren viele Banken überrascht. Hatten sie darauf eine Wette laufen? Ja, hatten sie. Und sie haben sie verloren.

Eine, die besonders viel verloren hat, ist die UBS: 21 Milliarden Franken, knapp 13 Milliarden Euro. Sie wäre in ernsthafte Schwierigkeiten geraten, hätten nicht zwei Investoren aus Asien und Arabien Kapital zugeschossen. Die Bank, die davon lebt, anderen Geld zu leihen, braucht nun selbst welches.

Fonds, Superreiche und Banken bestimmen über Arbeit und Löhne

Alain Robert läuft über den grauen Teppich, vorbei an Südamerika. Er grüßt in Richtung Frankreich, nach Griechenland, winkt Osteuropa zu, am Rand von Asien bleibt er stehen. Er sagt: »Wir haben hier die ganze Welt vereinigt.« Er steht in einem Großraumbüro in einem der UBS-Gebäude in der Zürcher Innenstadt. Ein großer, schlanker Mann von Anfang fünfzig, der einst lange Haare hatte und professionell Klarinette spielte. Dann merkte er, dass er Geld aufregender fand als Musik, und begann, Wirtschaft zu studieren.

Auch Alain Robert arbeitet seit Jahrzehnten für seine Bank. Auch er ist schnell aufgestiegen. Inzwischen hat er 18000 Mitarbeiter unter sich und ist zuständig für tausende Key Klients. So nennen sie bei der UBS die Kunden mit einem Geldvermögen von mehr als 50 Millionen Franken. Weil diese Superreichen über die ganze Welt verstreut leben, haben sie bei der UBS auch ihre Anlageberater nach Ländern und Kontinenten sortiert: Südamerika, Frankreich, Osteuropa, Asien. In Gruppen sitzen sie beisammen, schauen auf Bildschirme, beobachten Börsenkurse und Rohstoffpreise, telefonieren mit brasilianischen Zuckerbaronen und russischen Neureichen. Hin und wieder fliegen sie auch zu ihnen, zu den Millionären und Milliardären, den Menschen, die ihr Geld für sich arbeiten lassen wollen.

In den vergangenen drei Jahren ist das von der UBS verwaltete Privatvermögen um 70 Prozent auf 1,3 Billionen Franken gestiegen, die gesamte Schweiz braucht fünf Jahre, um das zu erwirtschaften. Nie zuvor gab es so viele Reiche auf der Welt. Nie zuvor hatten sie einen solchen Einfluss.

Einem mitteleuropäischen Angestellten konnte es lange ziemlich egal sein, wenn irgendwo da draußen Superreiche ihr Geld vermehren wollten. Die hatten ihr Leben, er hatte seines. Es war die Zeit, als jeder, der arbeiten wollte, eine Stelle bekam. Damals erfanden Soziologen den Begriff der Arbeitsgesellschaft.

Heute sprechen sie meist von deren Ende. Weil die Jobs vielerorts schlechter und unsicherer geworden sind. Weil sich die Arbeitnehmer oft nur noch als Spielball der Weltmärkte empfinden. Weil inzwischen selbst hoch bezahlte Konzernchefs darüber klagen, dass sie kaum noch Handlungsspielraum hätten. Die wichtigen Entscheidungen treffen längst die Geldgeber, die Investoren. Wobei Investor ein unpräzises Wort ist; er kann eine Einzelperson sein, eine andere Firma, eine Bank, ein Anlagefonds. Sicher ist nur: Der Investor hat viel Geld und möchte daraus noch mehr machen. Deshalb erfährt der Angestellte womöglich aus einer Rundmail in der Firma, dass sein Job demnächst gestrichen wird. Vielleicht auch, dass neue Stellen geschaffen werden. In jedem Fall aber begreift er, dass heute andere darüber entscheiden, ob und wie lange er eine Arbeit hat. Diejenigen, die Geld haben. Das Ende der Arbeitsgesellschaft ist gleichbedeutend mit dem Anfang der Geldgesellschaft.

Nur wenige Kilometer entfernt von den Bürogebäuden der Banken, zerfällt Zürich in Dörfer. Bauernhöfe stehen hier und Häuser mit kleinen Gärten, in denen kleine Obstbäume wachsen. Wer hier lebt, ist es gewohnt, einen anderen auf der Straße zu grüßen, auch wenn er ihn nicht kennt. Wobei das selten vorkommt. Hier kennen sich eigentlich alle.

Und genau das wurde für die Baumanns (Name geändert) zum Problem.

Reich waren sie nie, aber es ging ihnen immer ganz gut. Erika Baumann ist Bürokauffrau, ihr Mann Beat arbeitet Akkord auf dem Bau. Sie sind jung, Mitte zwanzig, als sie beschließen, eine Familie zu gründen. Kurz vor der Geburt des Kindes hat er einen Autounfall, die Kniescheibe bricht, er wird eine Weile arbeitsunfähig sein. Um trotzdem die Steuern bezahlen zu können, die in der Schweiz nicht vom Lohn abgezogen, sondern vom Staat separat eingefordert werden, nehmen die Baumanns einen kleinen Kredit bei einer amerikanischen, auf Verbraucherkredite spezialisierten Bank auf, 4000 Franken. In zwei, drei Jahren haben sie die abgestottert, denken sie.

Sie schaffen es nicht. Beat Baumanns Knie will nicht heilen. Die neu geborene Tochter ist geistig behindert, sie muss in einen speziellen Kindergarten, eine spezielle Schule, braucht Zuwendung, die Mehrkosten übernimmt der Staat nur zum Teil. Die Bank gewährt den Baumanns einen neuen Kredit mit neuen Zinsen und Zinseszinsen.

Beat Baumann lässt sich zum Bürokaufmann umschulen, er findet eine neue Stelle, die Schulden sinken trotzdem kaum, das Gehalt ist zu niedrig. Auch das ist ein Merkmal der Geldgesellschaft: Arbeit ist nicht mehr gleichbedeutend mit Wohlstand. Aber wer keine Arbeit hat, muss deshalb nicht arm sein. Zwei Drittel aller Schweizer erwarten in den nächsten Jahren eine größere Erbschaft oder haben bereits geerbt. Im Schnitt 200.000 Franken.

Die Baumanns gehören zum anderen Drittel. Um mehr Geld zu verdienen, fährt Beat Baumann nach der Arbeit noch Pizza aus, jeden Abend, jedes Wochenende. »Wir haben uns gar nicht mehr gesehen«, sagt Erika Baumann über diese Zeit. Sie endet, als ihr Mann mit Anfang dreißig den ersten Herzinfarkt bekommt, dann den zweiten. Wieder liegt er im Krankenhaus. Die Schulden wachsen.

Er war Banker und Fondsmanager. Dann gründete er das Moneymuseum

Es geht noch Jahre so weiter. Beat Baumann arbeitet so viel, wie seine Gesundheit es zulässt. Es reicht nicht. Die Bank gewährt neuen Kredit, zu höheren Zinsen. Die Baumanns haben jetzt mehrere 10.000 Franken Schulden und erkennen, dass es aussichtslos ist. Im Gemeindeamt gibt es eine Schuldnerberatung. Sie wagen es nicht, dorthin zu gehen. »Dann weiß es gleich das ganze Dorf«, sagt Erika Baumann, die sich damals wie gefesselt fühlt, von Ketten, die niemand sehen kann, sehen darf.

Es ist ein paradoxes Gefühl, denn das Geld und der Kapitalismus haben den Menschen viel Freiheit gebracht. Es ist nicht lange her, da war die Gesellschaft geteilt in Herren und Knechte, in Adelige und Leibeigene. Wer wohin gehörte, entschied die Geburt. Bis zum Tod war daran nichts zu ändern. Heute gilt: Wer Geld hat, bekommt etwas, ganz egal, wie er aussieht, wie er heißt, was er weiß. Eine mit der Vergangenheit vergleichbare Unfreiheit setzt erst ein, wenn das Geld fehlt. Wenn plötzlich nichts mehr da ist. Wie bei den Baumanns.

Irgendwann fassen sie sich ein Herz. Sie gehen zur Schuldnerberatung. Nicht im Dorf, sondern in Zürich, zur Caritas. Die verhandelt in ihrem Namen mit der Bank und setzt durch, dass auf ihre Schulden keine Zinsen mehr erhoben werden. Man könnte auch sagen, sie schließt einen Teil der Ketten auf, und den Rest werden die Baumanns wohl aus eigener Kraft abstreifen. Noch ein paar Jahre, dann sind sie schuldenfrei. Sie wollen dann in den Urlaub fahren. Zum ersten Mal seit 15 Jahren.

Am Eingang sollen sich die Leute Gummistiefel nehmen und durch Geld waten. Durch Wasser eigentlich, aber das ist ja das Gleiche, zumindest in diesem Haus, zumindest so, wie Jürg Conzett es sich vorstellt. Denn Wasser hat viel mit Geld gemein, es kommt herangeschwappt, manchmal fließt es davon. Der eine ertrinkt fast darin, der andere lechzt nach jedem Tropfen. Deshalb will Conzett in seinem Museum das Geld durch Wasser symbolisieren.

Es wird ihn mehrere Millionen Franken kosten. Er kann das aufbringen. Das Geld selbst hat ihn reich gemacht. Er war Banker und Fondsmanager, hat in New York und Tokyo gearbeitet. Aber das ist lange her. Jetzt ist er ein freundlicher, älterer Herr mit goldenen Manschettenknöpfen, der ein ungewöhnliches Projekt verfolgt, das »Moneymuseum«. Ein Teil ist schon fertig, Conzett zeigt dort alte Münzen und Videos über Geld in anderen Kulturen.

Wenn sie aus den Gummistiefeln wieder herausgeschlüpft sind, die Leute, dann sollen sie ein Gefühl dafür haben, was Geld alles noch ist außer einem Tauschmittel. Dass es die Wirtschaft antreibt, die Gesellschaft verändert, Menschen Macht gibt, anderen die Freiheit nimmt. Aber ob sich das Wesen des Geldes endgültig begreifen lässt? »Die Kraft des Geldes zu erklären«, sagt Jürg Conzett, »ist fast so schwer, als wollte man Gott erklären.« Nur dass beim Geld niemand bezweifelt, dass es existiert.

Literatur zum Thema:

John Kenneth Galbraith: Geld
Woher es kommt, wohin es geht; Droemer Knaur 1976; 350 S., nur noch antiquarisch

Georg Simmel: Philosophie des Geldes
Gesamtausgabe Band 6; Suhrkamp 2001; 787 S., 18,50 €

Adrian Furnham/Michael Argyle: The Psychology of Money
Taylor and Francis 1998; 332 S., 28,99 €

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Leser-Kommentare

    • 22.02.2008 um 20:02 Uhr
    • lef

    Das imaginäre Geld (soll fast so viel als Menge zirkulieren, wie reales Geld) wird aber verschwinden (per Inflation), wenn die Energieressourcen enden - also bald.Quelle des imaginären Geldes ist übrigens der Spekulationspreis von Energieträgern - hauptsächlich Öl.

  1. "Es stimmt, daß Geld nicht glücklich macht. Allerdings meint man damit das Geld der anderen" (George Bernard Shaw)wahr und traurig zugleich

    • 22.02.2008 um 22:36 Uhr
    • bediko

    Nach meiner langjährigen Erfahrung kann ich ihnen die Binsenweisheit nur bestätigen, dass Geld durchaus beruhigen kann und zu Freiheitsgraden führt, die fehlen, wenn man immer Sorgen hat, ob es auch am Monatsende noch reicht. Sie wissen, dass zu allen Lebensäußerungen Geld erforderlich ist, zum Beispiel auch, um Ungerechtigkeiten abzuwehren. Selbst wenn sie im Recht sind, zögern sie, wenn Geld sehr knapp ist, ihr Recht zu verteidigen! Ich weiß genau, wovon ich spreche. Ob allzu viel Geld ihre Gedanken wiederum nur blockieren, kann ich leider nicht beurteilen, eigentlich schade! Zwar habe ich persönlich ein sehr gutes Auskommen und fühle mich deshalb frei! Aber die Millionärsebene ist weit entfernt, vielleicht ist das auch gut so. Dennoch besitze ich immer einen Euro mehr, als ich ausgeben möchte und das ist sehr schön und so sollte es eigentlich allen Menschen gehen. Leider ist das aber nicht der Fall. Aber warum schreibe ich das? Ja, eigentlich um zum Ausdruck zu bringen, dass ich wenig Verständnis für die Eskapaden der Megareichen habe, in mehrfachem Sinne.

  2. es ist gealterte Arbeit. Ungefähr so wie Blutwurst, die ja geronnenes Blut ist.Wer es hat, hat im Allgemeinen die Neigung es aufzuessen. Wer die Zukunft fürchtet, hebt Teile davon auf, damit er "niemals" Hunger leiden muss. Er kann damit Handel treiben, um mehr davon zu erwerben. Und, und, und.Es hat aber eine strategische Schwäche. Der Zustrom hört auf, wenn die Produktion von Gütern, die ja die Vorstufe dieses Aggregatzustandes sind, ins Stocken gerät. Das passiert eigentlich in zyklischen Phasen immer wieder. Denn, wenn dieses Geld nicht unablässig im Bereich der gütererzeugenden und güterverbrauchenden Kreisläufe kursiert, tritt der Abbauprozess dieses Geldes so ein, wie Muskulatur abgebaut wird, die nicht bewegt wird.Dumm scheinen aber all die Menschen zu sein, die glauben, Geld käme von der Bank oder aus der Druckerpresse. Es war, es ist und es wird immer nur das Abbild der vorhergenden physischen Arbeit sein, die geleistet wurde.Es gelingt uns nur, diesen "Treibstoff" der Wirtschaft positiv zu nutzen, wenn wir Armut nicht entstehen lassen, denn Armut macht dumm und dumm bleibt arm. Und arme sind am Wirtschaftsprozess nicht beteiligt, sondern stellen ihn qua politischer Überlebensstrategien oder revolutionärer Unruhen in Frage.Ob der Kommunismus versagt hat oder eine Wiedergeburt auf einem höheren Niveau erfährt, darüber entscheiden die Kapitaleigener und ihre bezahlten Funktionäre in den Institutionen, die wir Kapitalsammelstellen - also Banken, Fonds und ähnliches - nennen.

  3. 5. Geld

    also nach den ersten paar absätzen habe ich das gefühl einen aufsatz aus der 5. klasse korrektur zu lesen...der ton und die methodik sind ein wenig verfehlt.übrigends wurde das geld als solches nicht bei uns erfunden, sondern dort, wo es noch viel notwendiger war, mit wenig getragenem am leib, das wertvollste kaufen zu können was man in der wüste brauchen kann, wasser.und schon damals wurde aus gier reichtum gehortet..wenn ich mir anschaue, wie manche firmen milliarden scheffeln, dann muss ich mich fragen, wo denn da die moral ist, denn 1 milliarde euro, in arbeits stunden aufgerechnet, über wieviele menschen leben redet man dann?darf es firmen und/oder privat menschen gestattet sein soviel beiseite zu schaffen?woran misst man betrug?ist es betrug wenn man leer ausgeht?oder ist es schon betrug, arbeitnehmer nicht am gewinn zu beteiligen? kommt auf den lohn an..?wenn eine firma, die 50 milliarden euro wert ist, 4 oder 5 % gewinn im jahr erwirtschaftet, und 1% davon durch lohnkürzungen und kündigungen erreicht, dann, dann finde ich ist das betrug, betrug an allen die für diese firma jemals einen finger krumm gemacht haben..manche firmen wachsen über generationen hinweg, und dementsprechend wächst ihr wert, das es in deutschland überhaupt gewerkschaften geben muss, ist schon ein absolutes armuts zeugnis der kompletten zivilisation in der wir leben.in den anfängen der gewerkschaften wurden höhere löhne mit blut erkämpft, und heute wird das alles aufgeweicht, bis es für den kleinen mann wieder so schlimm wird wie einst? hoffen wir es nicht...mfg

    • 23.02.2008 um 5:18 Uhr
    • Dox

    bis auf eine Kleinigkeit. Mäuse fressen weder Käse noch Speck besonders gern, sondern am liebsten Körner. Aber ansonsten hat mich dieser Artikel prächtig unterhalten. Stil und Aussage hervorragend. Danke.P.S. Wenn ich Josef Joffe wäre, würde ich diesem Mann mehr zu schreiben geben.

  4. Herr Uchatious wirft die Doppelfunktion des Geldes als 1) Tauschmittel [Umlauf => GO] und 2) Wertaufbewahrungsmittel [Halten => STOP] in einen Topf. Weil für 2) Zins erhoben wird, braucht es immer mehr Geld für den gleichen Gegenwert (Inflation). Das macht Geld für 1) ungeeignet, am besten trennte man die Funktionen STOP & GO.Papiergeld ist nichts anderes als ein Schuldschein, für den es -- anders als zu Zeiten der Golddeckung -- keine Einlösegarantie gibt. Das "fraktionale Reservesystem" erlaubt es nämlich den Banken nur einen Bruchteil (Fraktion) des Ausgabewertes abzusichern. Diese "Geldschöpfung" erfolgt durch Ausgabe von Krediten, welche mangels Deckung in jüngster Zeit platzen wie die Seifenblasen. Damit kommen wir zum Grundübel unseres Finanzsystems: Seiner Privatisierung.Noch fundamentaler als z.B. die Verfügungsgewalt des Gemeinwesens über seine Eisenbahninfrastruktur, wäre eine transparente, demokratische Kontrolle der Handelswege und -mittel. Tatsächlich kommandiert jedoch ein totalitäres Zentralkommitee unser Wirtschaften, deren absolutistische Herrscher bei der "Zentralbank der Zentralbanken" (BIS) sogar diplomatische Immunität genießen und deren Sitz in Baselexterritoriales Gebiet darstellt -- vergleichbar dem Vatikan!Wenn Herr Uchatious nun mit seinem Artikel suggerieren möchte "unser Geld ist sicher" (in deren Händen), dann birgt diese Aussage für mich die gleiche Überzeugungskraft wie das Credo "der Papst ist unfehlbar".Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.______________________________________
    Meine Nr.1 Politdokumentation 2007:
    John Pilger's "War on Democracy"
    http://youtube.com/result...

    • 23.02.2008 um 14:16 Uhr
    • isaacb

    ... der Tod. Wenn Versicherungen Lebensversicherungen anbieten, anstatt Policen gegen den Tod verkaufen, hört es sich nur besser an. Verdummung, wenn man es dennoch glaubt, daß am Ende der Laufzeit etwas herausspringt. Eine hervorragende Idee, überschüssiges Geld zu Lebzeiten von anderen abzugreifen. Konsequenz. Das Geld gehört nicht in den Geldbeutel, sondern mindestens auf die Bank, damit es arbeiten kann. Natürlich mit der ihm vorbehaltenen Intelligenz. isaac ben laurence weismann

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  • Von Wolfgang Uchatius
  • Datum 21.2.2008 - 02:50 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 21.02.2008 Nr. 09
  • Kommentare 16
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  • Schlagworte Wirtschaft | Finanzen | Geld und Börse | Geld
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