Hamburg Unordnung und spätes Leid
Ein Mann des Geistes ist er schon. Nun will Michael Naumann Hamburger Bürgermeister werden. Ob er das kann? Wahlkämpfen jedenfalls hat er schnell gelernt
Kein Mega-Event wie so viele andere. Knapp eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung werden im Foyer des Hamburger Kongresszentrums die Garderobenmarken knapp. Die erhitzten Ordner lassen ab sofort auch die Leute mit den Wintermänteln durch. Super Tuesday, eine Dixieband schiebt sich durch die Menge und intoniert I Can’t Get No Satisfaction. Posaunen und Trompeten für den Kandidaten, an dessen Seite Gerhard Schröder mit breitem Kosakenlachen daherschreitet.
Gut 2.000 Genossen am Rande der Contenance, das hat es in der Elb-SPD lange nicht mehr gegeben. »Hier ist er«, brüllt jemand in ein Mikrofon, »Hamburgs nächster Bürgermeister!« Michael Naumann macht einen Satz hinauf, dann steht er auf der großen Bühne im Licht. Immer noch etwas ungelenk winkt er die Ränge hinauf. Für einen Moment scheint die ewige Frage dieses Hamburger Wahlkampfes beantwortet: Warum tut er sich das an?
Gerhard Schröder tritt ans Pult. Er preist Hamburg und Naumann, vor allem beschwört er die Chancen der SPD, den Wechsel in Hamburg hinzukriegen. »Ich habe das Gefühl, das kann werden!«, ruft der Altkanzler aus. Währenddessen sitzt Naumann in seinem Ledersessel und hört einfach nur zu. Gelegentlich umspielt ein maliziöses Lächeln seinen Mund. Er hat in seinem Leben reichlich Lob abbekommen, er steckt das gut weg.
An diesem Abend sieht es so aus, als könnte das Experiment gelingen. Der Rollenwechsel, der größer kaum sein kann. Mit Schutzhelm ist der Schöngeist nun unterwegs auf U-Bahn-Baustellen, der Kenner amerikanischer Lyrik kämpft sich jetzt durch die Prosa der Kommunalpolitik. Früher war Naumann der kritische Beobachter, jetzt wird er kritisiert. Er hat es so gewollt.
März 2007, die Hamburger SPD ist unten. Ganz unten. 29 Prozent. Der Parteivorstand ist zurückgetreten, bei einer Mitgliederbefragung sind fast 1.000 Stimmzettel spurlos verschwunden. Niemand mehr da, der bereit wäre, mit dieser SPD in eine Wahl zu ziehen. Olaf Scholz, heute Bundesarbeitsminister, bringt den ehemaligen Kulturstaatsminister Naumann ins Gespräch. Der berät sich mit seiner Frau, Marie Warburg, einer Ärztin aus der kunstsinnigen Bankiersdynastie Warburg. Am nächsten Morgen sagt er zu. Parteichef Kurt Beck fragt nach: ob es dem Michael wirklich ernst sei? Kein Scherz. Großkalibrige Sachen reizen Naumann, ein Bürgermeisterjob war noch nicht dabei. Unter anderem hat er an der Bochumer Universität gelehrt, als Verleger in New York gearbeitet, als Journalist beim Spiegel, als Chefredakteur und Herausgeber bei der ZEIT. Eigentlich genug der Ämter, zumal auch sein Segelboot mal wieder bewegt werden müsste, das in den USA an der Küste von Maine vor Anker liegt.
Doch Naumann bleibt an Land und lässt sich auf einem außerordentlichen Parteitag der Hamburger SPD am 24. März zum Spitzenkandidaten für die Bürgermeisterwahl küren. 99,1 Prozent der Delegierten stimmen für ihn, es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig. Am nächsten Morgen begibt sich der 66 Jahre alte Michael Naumann auf den neuen Bildungsweg, Kommunalpolitiker muss er nun werden. Wie sich zeigt, stoßen sich zu Anfang die Welten hart im Raum.
Kaum zum Kandidaten gekürt und als Herausgeber der ZEIT beurlaubt, führt ihn ein Wahlkampftermin direkt ins rote Herz von St. Pauli. Ein Kurzinterview mit dem Radiosender Oldie 95 ist geplant, Thema »Beatles-Platz«. Wie wohl alle Hamburger ist auch Naumann gerne dafür, dass es einen Platz mit diesem Namen gibt, es bleibt bis auf Weiteres der einzig glückliche Moment an diesem Nachmittag. Ohne einen Blick für all die Sündenfallen links und rechts eilt der Herausforderer über die Große Freiheit, ein Dutzend Medienvertreter im Schlepptau. »Die Wahrheit ist, ich lerne viel«, entfährt es ihm, »ich muss da durch.« Das Mittagessen mit den Journalisten sitzt ihm offenbar noch in den Knochen.
Kein zwangloser »Medientreff« beim Italiener wie eigentlich vorgesehen, eher ein Verhör bei Pasta und stillem Wasser. Wie viele neue Lehrer er denn einstellen wolle, wie viele Kita-Plätze schaffen? Naumann kommt ins Schwimmen, hat die Zahlen nicht sogleich parat, verwechselt die Lage an Grund- und Hauptschulen. Er kann davon ausgehen, dass jeder Fehler bei Bild oder Hamburger Abendblatt sofort ins Klassenbuch kommt. Die Stimmung an diesem Mittagstisch wird immer gereizter. »Mensch, keine Fotos beim Essen!«, herrscht der Pressesprecher einen jungen Fotografen an, der Mann wird blass. Nein, ein solcher Lunchtermin macht keinen Spaß.
Nicht alle seine Leitartikel haben den politischen Praxistest überstanden
Als einer der Ersten aus Berlin kommt Wolfgang Thierse, der ehemalige Bundestagspräsident, zur Wahlkampfhilfe nach Hamburg. Der Polittalk im Young-Hotel zu Eimsbüttel ist lange geplant und plakatiert, vielleicht hätte Naumann sonst auf den Beistand verzichtet. Wegen seiner Kritik an Altkanzler Kohl, dem Thierse mangelhaften Einsatz bei der Pflege seiner Frau vorgeworfen hat, steht der Genosse plötzlich ziemlich im Abseits. Das weiß auch Naumann, der versucht, Haltung zu bewahren. Dann aber pirscht sich wie aus dem Nichts ein Redakteur vom NDR heran, lässt einfach die Kamera laufen, einer seiner Leute hält eine Stange in die Luft, von der ein Mikrofon herunterbaumelt. Ein Überfall. »Dieser Tisch ist privat!«, entfährt es ihm. »Hier ist gar nichts privat!«, wütet der Mann vom NDR zurück, der wohl schon vieles erlebt hat, aber so etwas noch nicht. »Aber meine Herren«, beruhigt Thierse. Jetzt ist es doch gut, dass der Genosse Wolfgang bärtig in der Nähe ist. Naumann gibt Ruhe.
Nach ein paar Wochen Wahlkampf hat er vieles eingesehen. Die Reden des Herausforderers sind plötzlich weniger kompliziert, nicht mehr ganz so analytisch, statt klassischer Zitate mehr Herz, mehr Mitgefühl. Nicht alle Ansichten, die er früher in seinen Leitartikeln vertrat, haben den Alltagstest bestanden. Also vertritt Naumann sie nicht mehr. Beispiel Mindestlohn, den er im Wahlkampf nun genauso vehement fordert, wie er andererseits rigoros die Abschaffung von Studien-, Schul- und Kita-Gebühren verspricht. »Diese Gebühren schaffen wir ab«, diesen Satz haut er förmlich heraus. Da ahnt man, dass das ein Mann mit Leidenschaften ist und auch mit Obsessionen. Wie viel Armut in diesem doch so reichen Hamburg existiere, das habe er bislang nicht gewusst. »Ich schäme mich nicht, das zuzugeben.« Und weil er gerade dabei ist, stellt er die Nachfrage gleich selbst. Wie das bezahlen? Als wären, wie vom Bürgermeister und von dessen Leuten gerne suggeriert, für ihn Zahlen so etwas wie wilde Tiere. »Tatsache ist, das kostet 250 Millionen Euro, gestaffelt über vier Jahre. Bei einem Etat von jährlich zehn Milliarden kriegen wir das hin. Punkt.«
Über 100 Großveranstaltungen hat er sich aufgeladen, 800 Termine, ein langer Parcours. Will er ihn gehen notfalls bis zum bitteren Ende? Auch die Skeptiker aus der ersten Halbzeit gestehen ihm zu, dass er Tritt gefasst, die Zahlen draufhat. Der kommunalpolitische Crashkurs, den so mancher Genosse mit angehaltenem Atem verfolgte, hat bei Naumann Erfolg. Die SPD ist wieder wer in der Hansestadt, egal wie das am 24. Februar ausgeht. Er hat die Stimmung gedreht, die Verachtung für die Genossen in der Stadt weggezaubert. 35 Prozent für die SPD hat Infratest gerade ermittelt.
»Das Herz«, sagt Naumann, »war voll, und die Zeit war knapp«
Rund 11.000 Kilometer hat der Kandidat in den vergangenen zehn Monaten mit seinem roten Dienstgolf in seinem Wahlrevier zurückgelegt. An diesem Nachmittag bringt ihn das Naumann-Mobil nach Hamburg-Jenfeld, einer Problemzone im Osten der Stadt. Links und rechts der Oppelner Straße graue Wohnbehältnisse, bewohnt von Menschen, die es aus mehr als hundert Nationen hierher verschlagen hat, unter ihnen viele, die das Leben allein nicht mehr schaffen.
Deshalb gibt es die »Jenfelder Kaffeekanne«. Hier können Kinder frühstücken, die sonst hungrig in der Schule säßen. Naumann, dem Anlass angemessen in Sozialarbeiterkluft (Jeans und schlabbriger Pullover), hört sich den Vortrag an, er wirkt erschüttert über das Ausmaß der Verwahrlosung. Die Zeit drängt, der Kandidat muss weiter. »Ich komme wieder, das verspreche ich Ihnen.« Dann ist er auch schon aus der Tür.
Warum tut er sich diese Tage an, die mit dem Besuch in irgendeiner lärmenden Morningshow beginnen und mit einem Bier zu Ende gehen in Kneipen, in denen man nicht rauchen darf. Er erwähnt noch einmal seine Frau. Die schone ihn nicht, grassroots, also bitte: Arbeit an der Basis fordere sie. Naumann gefällt das, voller Einsatz jetzt, es sind doch nur noch ein paar Tage. »Payback-Time« nennt er selber seine Mission. Er zahlt zurück. Seine Mutter, eine Kriegerwitwe, flüchtete 1953 aus Köthen in Sachsen-Anhalt mit ihren vier Kindern nach Hamburg. Michael Naumann war elf, als sie in einem Flüchtlingslager in Wentorf unterkamen. Andere haben ihm geholfen, Karriere zu machen. »Jetzt bin ich dran.«
Naumann sitzt wieder in seinem roten Golf, der Mantelkragen ist noch hochgeschlagen. Sein Pressesprecher reicht ihm einen Aschenbecher nach hinten. Stimmt die Meldung, dass die SPD in den neuesten Umfragen einen Punkt zurückgefallen ist? Der Herausforderer verkneift sich die Antwort, »ich muss ruhig bleiben«, sagt er. »30 Prozent der Wähler in Hamburg haben sich noch nicht entschieden. Auf die kommt es jetzt an.«
Jetzt bloß keine Fehler. Oder noch mal einen solchen Hänger auf der Zielgeraden wie im Fernsehduell mit Ole von Beust. Nach zehn Monaten freier Rede kam er ausgerechnet an diesem Sonntagabend ins Stottern. »Das Herz«, sagt er, »war voll. Und die Zeit war knapp.« Ein schwacher Trost gerade jetzt, da ihm Journalisten mal wieder frühere Zeitungskommentare aus dem Archiv vorhalten. Dabei haben die Kollegen einen seiner Leitartikel aus dem Oktober 2005 ausgegraben. Darin kommt Michael Naumann auf das Weltmeisterschaftsfinale von 1966 zu sprechen, auf das berühmte Wembley-Tor. In einem Absatz erwähnt er diesen umstrittenen Lattenschuss zum »2:1« für England. Zum 3:2 hätte es natürlich heißen müssen. »Verdammt.« Auf die Rückbank seines Golfs geklemmt, stöhnt der Herausforderer kurz auf.
Er hat es wohl geahnt. Jetzt, in diesem Wahlkampf, kommt alles raus.
- Datum 21.02.2008 - 13:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.02.2008 Nr. 09
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"Wie viele neue Lehrer er denn einstellen wolle, wie viele Kita-Plätze schaffen?" Dieser Satz ist so typisch für die Denke unserer Zeit wie kein anderer.Schon bei den bundespolitischen Geschehnissen dieser Tage fällt auf, daß sich alle Politiker und Medienvertreter nur noch Gedanken darüber machen, wie die Zitrone ausgepreßt werden kann. An das Pflanzen der Zitronenhaine werden keine Gedanken mehr verschwendet.Dürfen es noch ein paar Sozialausgaben mehr sein? Wo können wir die Steuern weiter erhöhen. Welche Leistungen lassen sich noch umverteilen?Die CDU hat sich immerhin für den Verbleib der Norddeutschen Affinerie eingesetzt.Bundespolitisch hat die CDU in den letzten zwei Jahren ihren wirtschaftspolitischen Offenbarungseid geleistet.Der angebliche Aufschwung kommt nur bei den Exporteuren und den Reichen an. Die Arbeitslosenzahlen sind so gefälscht wie die Zahlen der DDR. Auch in Hamburg dürfte die Lage kaum anders sein.Und mitten drin, der Feingeist Michael Naumann und die Frage, würde sich Herr Naumann wie Frau Ypsilanti von der Linkspartei tolerieren lassen? Oder würde Herr Naumann bei entsprechendem Ansinnen angewidert in das Feuilleton zurücktreten, um einem grobschlächtigeren Parteigenossen die Niederungen der Basis zu überlassen?Gründe genug, CDU zu wählen. Mitnichten. Bundespolitisch hat die CDU in den letzten zwei Jahren ihren Offenbarungseid geleistet. Ole von Beust ist ein Stützpfeiler des Systems.Steuerreform, Steuererklärung auf dem Bierdeckel? Schnee von gestern. Heute wird lieber am Arm der Sozialdemokraten an der Demontage des Wirtschaftsstandortes D gearbeitet. Die Konsequenzen werden auch in Hamburg deutlich werden.Für den konsequenten Hamburger bleibt angesichts dieser Gemengelage nur die Links-Partei als überzeugende Alternative. Wenn schon in die wirtschaftspolitische Katastrophe, dann mit Volldampf voraus.Von der Titanic wurde gesagt, sie hätte gerettet werden können, wenn sie direkt auf den Eisberg aufgelaufen wäre. Sie ist seitlich an dem Eisberg entlanggeglitten.Die Bundesrepublik hat lange genug an den beiden angeblichen Volksparteien gelitten. Nichts wäre schlimmer, als wenn auch Hamburg auf eine große Koalition auflaufen würde.
Schwätzer ... schwätzen überall.Ob über Koks... - oder - als er noch im Rowohlt Verlag war - über rororo-thriller. ... Er mochte deren Wirklichkeitsanalysen und -phanasien nicht. Er stellte die Reihe ein.Und später, sah er das ganz anders ... und schwätzte.(So überliefert von dem wichtigsten deutschen Krimiautor, den Rowohlt hatte: -ky: Prof. Horst Bosetzky.)~ Mit Schwatz ... hat's!(Mit Erich Kästner nach-gedacht!)
Mit Herrn Naumann haben die Hamburger die ziemlich einmalige Chance, das Selbstbild von der kultivierten, reichen und sozialen (weil eben kultivierten) Alsterschönheit mit dem passenden Bürgermeister zu garnieren. Wer Voscherau zu terrierhaft, Runde zu langweilig, von Beust zu oberschichtenbüttelig fand und zugleich etwas für seinen studierenden Nachwuchs tun möchte, sollte dieses eine Mal lieber SPD wählen.
Also ich als studierender Nachwuchs wähl' dann doch auch lieber CDU. Voschi war noch gut, Runde hat einfach nur verwaltet und sonst nix gemacht und Naumann verspricht jedem alles, egal ob er es nun einhalten kann oder nicht. Der Kommentar von korfstroem ("Wenn schon in die wirtschaftspolitische Katastrophe, dann mit Volldampf voraus.") trifft den Nagel auf den Kopf.
statt der üblichen romantisch-anarchischer Katastrophensehnsucht könnte es doch einmal auch "nur" kultivierte Grandezza-Philantropie sein, finden Sie nicht?
Diesmal, Michael Naumann, wird es wohl keine Verlängerung geben - wie anno 66. 66? War da nicht was? Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an!Mit 66 wird man Erster Bürgermeister in Hamburg!(Keine Angst, McCain ist "schon" 71 - und möchte gern amerikanischer Präsident werden.)
Mein Gott, was ist das alles lange her. In längst vergangenen Zeiten, die auch Zeitzeugen nur vom Hörensagen kennen, diskutierte man politische Inhalte.Scheint sich nicht bewährt zu haben.
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