Ein neuer Typ des Reiseführers kommt. Mit einem Paukenschlag begann der Trend vor fünf Jahren. 1000 Places To See Before You Die von Patricia Schultz ist inzwischen ein Weltbestseller, die Gesamtauflage liegt bei fast zwei Millionen. In den Buchhandlungen stapeln sich die Imitate: 50 Bauwerke, die man kennen sollte, 100x Deutschland – Die 100 wichtigsten Kulturdenkmäler , 1000 Gründe, in Deutschland zu reisen, Die 1001 faszinierendsten Plätze der Welt.

Reisen nach der Liste – da schüttelt der Schöngeist sich schaudernd. Wo bleibt das »ganzheitliche« Erlebnis des Reisens, wenn man Punkt für Punkt die Highlights abarbeitet? Wo bleiben die individuelle Auswahl und der Zusammenhang der eigenen Erfahrung? Die langen Verzeichnisse splittern die Welt in eine Fülle von Einzelheiten auf. Und sie nähren die Illusion, man könne durch das Abhaken von Sehenswürdigem Weltkenntnis erlangen. Das Tadsch Mahal, der berühmteste Bierkeller von Prag, eine Nilkreuzfahrt, die Fußgängerpromenade von Perugia, die Oper von Sydney – kreuz und quer purzeln die Orte durcheinander, als seien sie nur die bunt vermischten Teile eines Kinderspiels. Alles ist verfügbar, und nichts wird ernst genommen.

Von einem »Don-Giovannismus« des Reisens könnte man sprechen: von der Sucht nach ständig neuen Eroberungen, die sich in langen Aufzählungen niederschlägt. »In Italien 640, in Deutschland 231, 100 in Frankreich, 90 in der Türkei, aber in Spanien schon 1003«, wie Don Giovannis Diener Leporello singt. Wie liebt man 640 Italienerinnen, wie sieht man die 1000 wichtigsten Plätze der Welt: im Vorbeigehen, für eine halbe Stunde, ein einziges Mal im Leben? Verliert sich so nicht gerade das Wichtigste: die besondere Atmosphäre, die »Aura« der Orte, die man immer wieder neu und anders erleben kann?

Anleitungen zum Besichtigen – und der Protest dagegen – existieren allerdings schon seit dem Beginn des modernen Tourismus. Seit den 1830er Jahren und bis weit ins 20. Jahrhundert setzten sich die Sichtweisen der allgemein verbreiteten Reisehandbücher – vor allem des britischen »Murray« (ab 1829) und des deutschen »Baedeker« (ab 1835) – als anerkannter Standard durch. Der britische Autor Charles Lever bemerkte um 1850: »Mit wessen Augen schaut der Engländer auf ein Gebäude, eine Statue, ein Bild, ein Manuskript? Mit denen John Murrays, das ist sicher!« Individualistische Reisende – oder solche, die sich so fühlten – haben über Anweisungen zum Sehen schon damals gespottet. Ludwig Thoma karikierte die gläubigen Nutzer von Reiseführern: »Es ist unglaublich, welchen moralischen Zwang dieser Baedeker mit seinen zwei Kreuzen ausübt. Er nötigt uns, minutenlang vor einem Bilde zu stehen und Mienenspiele zu treiben … Frau Kommerzienrat nimmt ihren Bleistift und streicht im Baedeker das erledigte Pensum durch; sie betrachtet das Geschehene mit frohen Gefühlen.«

Der Kanon des Sehenswerten hat aber – was immer die Kritiker dazu sagen mögen – durchaus seinen Sinn. Er ist unerlässlich für Orientierung und Sicherheit in der Fremde. Listen von Sehenswürdigkeiten hat es immer gegeben, explizit oder implizit. Sie standen in den Reiseführern oder, als anerkanntes Bildungswissen, im Kopf der Touristen. Selbst ein Goethe, dem sich Kreativität und Individualität ja kaum absprechen lassen, folgte auf seiner Italienreise klar definierten Vorurteilen. Antikes galt als sehenswert, Mittelalterliches als uninteressant. Wenn der Dichter einmal, wie in Spoleto, eine Bogenbrücke aus dem 13. Jahrhundert irrtümlich für ein römisches Aquädukt hielt, war er pflichtschuldig zur Begeisterung bereit.

Neu an den »1000 Places« und ihren Nachfolgeprodukten ist also nicht, dass detaillierte Anweisungen gegeben werden, was man sehen müsse oder jedenfalls tunlichst vor dem Ableben noch sehen solle. Neu ist nicht der Kanon des Sehenswerten an sich. Aber in Form und Inhalt hat sich seit Baedeker viel geändert. Und die neuen Listen deuten darauf hin, dass sich gerade jetzt ein radikal neues Verhältnis zum Reisen durchsetzt.

In allen bisherigen Reiseführern standen die Sehenswürdigkeiten in einem Zusammenhang: dem eines Landes, einer Stadt, einer Landschaft, der Geschichte. Die neuen Reiselisten führen die Attraktionen als unverbundene Einzelstücke auf, wie Stichpunkte in einem Lexikon. Unter »Südeuropa« findet man: Griechenland – Italien – Portugal – Spanien, unter »Portugal«: Evora – Luxushotel Rainha Santa Isabel – Marvão – Wald von Bussaco – Obidos – Museum Gulbenkian Lissabon – Sintra – Madeira. Die punktuelle Darstellung entspricht der Zunahme des Freizeitflugverkehrs und der Ordnung im Internet. Zappen, Klicken, Herumhüpfen – das Fliegen entwickelt diese Bewegungsformen physisch, das Internet mental. Wer für zwei Tage nach Lissabon fliegt, bildet sich gar nicht ein, er könne in Geschichte und Kultur dieser Stadt eintauchen, sondern sucht ein paar Anlaufpunkte: ein Hotel, ein gutes Restaurant, eine lockere Kneipe, die beste Shopping-Zone, ein interessantes Museum. Die Reiselisten zeichnen solche sprunghaften Bewegungsformen nach. Und zugleich lassen sie sich lesen wie Online-Informationen: Man folgt nicht einer Struktur, sondern blättert hierhin und dorthin.