Von welchem Traum soll ich Ihnen erzählen? Ich schreibe sie ja alle seit Jahrzehnten auf. Ich habe heute 64 Ordner voll. Es müssen Tausende sein. Ich hole mir immer mal wieder etwas hervor, um nachzuvollziehen, wie ich mich entwickelt habe. Ich bin kürzlich 83 Jahre geworden. Und wissen Sie, was das Schönste ist: Träume können Sie nicht steuern, auch mich überraschen meine eigenen immer wieder. Es ist sogar schon vorgekommen, dass ich lachend aufgewacht bin, weil ein Traum so witzig war.

Der Traum, der mein Leben am stärksten geprägt hat, war allerdings ein erschreckender: Ich betrat meinen Pferdestall, der völlig verwahrlost war. So kannte ich ihn gar nicht. Da stand meine schöne Araberstute Lava und war unglaublich verlaust, ihr Kopf hing, ein trauriger Anblick. Ich war so entsetzt, dass ich aus dem Stall floh. Ich drehte mich noch einmal um, und da brannte der Stall auch schon ab.

Den Traum erzählte ich dem Philosophen und Psychotherapeuten Karlfried Graf Dürckheim. Er erklärte mir das Bild der Reitpferde: Sie strotzen nur so vor schöner Vitalität. Graf Dürckheim machte mir bewusst, dass meine Gefühle verkümmern, meine ganze Vitalität wie verlaust war. Im Laufe des Gespräches wurde mir klar, dass ich immer nur Pflichten erfüllt hatte, meine eigenen Wünsche hatten sich nicht entwickeln können. Ich musste etwas tun. Ich war damals 35, verheiratet mit einem Mann, der fast doppelt so alt war wie ich und mit dem ich eine schwierige Ehe führte. Der Pferde-Traum und eine Psychoanalyse brachten mich dazu, mich mit Träumen intensiv zu beschäftigen.

Mein Mann starb 1964 an einem Herzinfarkt, und ich musste von heute auf morgen die Führung einiger Firmen übernehmen, denen es nicht gerade gut ging. Ich trennte mich schließlich von allem – mit einer Ausnahme: der Lauterbacher Mühle in der Nähe von München, die damals ein kleines Kurhotel mit landwirtschaftlichem Betrieb war. Aus der Mühle habe ich im Laufe der Jahre eine psychosomatisch orientierte Herz-Kreislauf-Klinik mit rund hundert Mitarbeitern entwickelt. Die Ärzte und Psychotherapeuten kümmern sich um etwa hundert Patienten.

Für meine Arbeit mit Träumen gewann ich endlich mehr Zeit, als meine Tochter die Klinik übernahm. Das Wesentliche meiner Forschung wurde die Erkenntnis, dass die Evolution der Natur in allen ihren Erscheinungen – den Landschaften, Pflanzen, Tieren, Wasser, Luft, Erde und Sonne – und all ihren Gesetzen gleichnishaft der Entwicklung der geistigen Kräfte im Menschen entspricht.

Aber um verständlich zu machen, welche inneren und äußeren Hindernisse ich auf meinem Lebensweg zu überwinden hatte, muss ich Ihnen aus meiner Kindheit erzählen: Ich wurde 1925 in Berlin geboren, als Kind von Eltern, die überzeugte Nationalsozialisten waren. Mein Vater, Hans Meinshausen, war bis 1933 Stellvertreter von Joseph Goebbels in Berlin, später wurde er Oberbürgermeister von Görlitz. Er lebte in Verpflichtung für Volk und Vaterland – wie es damals hieß – und übertrug diese Pflichtauffassung auch auf mich. Das hat mich von meinen Gefühlen geradezu abgetrennt.

Ich habe noch Jahrzehnte nach meiner Kindheit davon geträumt, wie ich als Säugling in einer Ecke liege und weine, und keiner kümmert sich um mich. Daraus entstand in mir lange Zeit das Gefühl: Wenn es um mich geht, um meine Bedürfnisse, kann ich niemandem vertrauen. Keiner fühlt mich.