Von Ostpreußen gibt es vor allem zwei Bilder, die das kollektive Gedächtnis beherrschen. Das eine zeigt uns eine verklärte Landschaft, zeigt uns kristallne Seen, dunkle Wälder, weiße Dünen, zeigt herrschaftliche Güter, Bernstein und Elche. Das andere schildert den Schrecken und Wahnsinn des Krieges, Ostpreußen 45: Flüchtlingstrecks in Eis und Schnee, Mord und Vernichtung. Gerade jetzt wird dieses Bild wieder neu belebt, wenn ein Fernsehfilm des ZDF den Untergang des Dampfers Wilhelm Gustloff erzählt, den ein sowjetisches U-Boot versenkte; mehr als 9000 Flüchtlinge waren damals, im Januar 1945, in den eisigen Fluten der Ostsee umgekommen. Dazwischen, zwischen dem Kultur- und Naturidyll, wie es auch heute noch in Reisereportagen und Fernsehdokumentationen gern reproduziert wird, und den Erzählungen vom grausigen Ende, scheint es nichts zu geben – nichts gegeben zu haben: keinen politischen Alltag, keinen historischen Prozess. Dabei erweist sich gerade hier, in Deutschlands östlichsten Landen, wie eng politische Radikalisierung und maßlose Zerstörung miteinander zusammenhängen.

Diese Geschichte begann mit dem Ersten Weltkrieg. Ostpreußen war die einzige deutsche Provinz, die direkt unter den Kämpfen zu leiden gehabt hatte und die verheerend zerstört worden war. Kaum schwiegen die Waffen, als neue Konflikte begannen. Überall an den Reichsgrenzen tobte der Streit um die nationale und ethnische Zugehörigkeit umstrittener Territorien. Ostpreußen fand sich, durch den an Polen gefallenen "Korridor" vom Reich getrennt, als Insel wieder. Darüber hinaus stellte der wiedererstandene Nachbar weiter gehende Ansprüche auf die ganze Provinz. Die in Versailles vereinbarte Volksabstimmung im südlichen Ostpreußen am 11. Juli 1920 ging jedoch zugunsten Deutschlands aus; überwältigende 97,9 Prozent stimmten für den Verbleib beim Reich.

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Darauf folgte ein neuer Schock, als am 10. Januar 1923 als Freischärler getarnte litauische Einheiten im Memelgebiet einmarschierten und es der 1918 gegründeten Republik Litauen einverleibten. Dieser neue Status quo verunsicherte die Ostpreußen zutiefst; Demagogen nutzten die Stunde und begannen, gegen die junge Weimarer Republik zu hetzen.

Der Fall des Kaiserreichs hatte hier ohnehin kaum etwas bewirkt, die alte konservative Elite saß längst wieder in Amt und Würden. Die Tatsache, dass die Kapp-Putschisten im März 1920 nirgends so viel Erfolg gehabt hatten wie in Ostpreußen, veranlasste die preußische Regierung dazu, die Versäumnisse der Revolution nachzuholen und die längst überfällige Demokratisierung der Verwaltung einzuleiten. Mit höchst mäßigem Erfolg: Reichskommissar Albert Borowski (SPD), der von der Regierung beauftragt worden war, die Verstrickungen der örtlichen Behörden in den Putsch zu untersuchen, gab nach einigen Monaten entnervt auf.

Das Grundproblem Ostpreußens blieb die agrarische Monostruktur. Um ihre Höfe am Leben zu erhalten, verschuldeten sich viele Landwirte. Die Katastrophe schien unabwendbar. Die tonangebenden konservativen Gutsbesitzer standen an der Spitze der einflussreichen landwirtschaftlichen Lobbyistenverbände und bevorzugten ihre Klientel. Insgesamt verfügten 1925 1,9 Prozent aller Betriebe über die Hälfte der gesamten Nutzfläche. Die Fehlplanungen der "Osthilfe" verschärften den Konflikt und untergruben die Autorität der demokratischen Regierung. Ostpreußens Bauern kehrten den leeren Versprechungen der Parteien den Rücken; als ihren vermeintlichen Retter erkoren sie einen Mann aus Braunau. Bei den Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 stimmte die Provinz mit 47,1 Prozent für die NSDAP (das Reich insgesamt mit 37,4 Prozent) und am 6. November 1932 mit 39,7 Prozent (Reich 33,1 Prozent).

Der Nationalsozialismus in Ostpreußen ist vor allem mit dem Namen eines Mannes verbunden: Erich Koch, geboren 1896 in Elberfeld. Von Beruf Eisenbahnschaffner, widmete sich der führergläubige Protestant seit 1928 dem Aufbau der ostpreußischen NSDAP und prägte sie bis zum Ende. Als Gauleiter, Oberpräsident und zeitweise auch Präses der Provinzialsynode propagierte er anfänglich eine "Partei des preußischen Sozialismus". Immer wieder vertrat er lautstark und wirkungsvoll die Interessen der Region.