Geschichtsverarbeitung Der Holocaust, niedrigschwellig
In Madrid hat ein Musical über das Tagebuch der Anne Frank Weltpremiere. Die Vergangenheit wird filetiert und aufgehübscht, nur das übliche Merchandising fehlt.
Ende November 1942 sind die 13-jährige Anne Frank und ihre Familie schon seit vier Monaten untergetaucht. Gemeinsam mit der Familie van Pels leben sie in einer kleinen, versteckten Amsterdamer Hinterhauswohnung. Gerade haben sie noch den Zahnarzt Pfeffer aufgenommen, der furchtbare Neuigkeiten zum Stand der Judenverfolgung mitbringt. »Trotzdem werden wir«, schreibt Anne Frank in ihr Tagebuch, »wenn die Berichte ein wenig gesackt sind, wohl wieder Witze machen und uns necken… was hat es für einen Sinn, aus dem Hinterhaus ein melancholisches Hinterhaus zu machen?«
Anne Frank versucht sich die Freude zu erhalten, den Mut, die Hoffnung, und schreibt noch im August 1944, im letzten Tagebuch-Eintrag, über ihre Art, »alles von der leichten Seite zu nehmen«. Eine Seite später bricht der Text ab; die Nazis heben das Versteck aus; Anne Frank stirbt Anfang 1945 im KZ Bergen-Belsen. Ihr Tagebuch überlebt und wird berühmt. Das ehemalige Versteck heißt heute Anne-Frank-Haus und zählt jährlich etwa eine Million Besucher.
Ende der neunziger Jahre besichtigt der spanische Musikproduzent Rafael Alvero die Räume. Er nimmt sich vor, Anne Franks Tagebuch musikalisch aufzuarbeiten. Bloß wie? Der Produzent nimmt Kontakt zum Komponisten José Luis Tierno auf. Der entwirft ein Musical. Alvero ist begeistert, denn Tierno konzentriert sich, ganz in seinem Sinne, »auf die Fantasie und die Freude in der Hoffnung eines Mädchens«. Mit diesem positiven Blick verfolgt Alvero das Projekt weiter, gewinnt die Unterstützung der Amsterdamer Anne-Frank-Stiftung und bringt am 28. Februar in Madrid das Musical El diario de Ana Frank zur Uraufführung. Der Untertitel des Stückes lautet: Un canto a la vida – ein Lied auf das Leben. Im Erfolgsfall geht es von Madrid aus um die ganze Welt.
Alvero hat zweifellos recht: Man darf Anne Franks Tagebuch nicht mit ihrer Geschichte verwechseln. Sie hat ein tragisches Schicksal erlitten, doch ihre Eintragungen stecken voller Lebensmut. Ihr Werk mag ein Dokument des Holocaust sein, aber es erzählt zunächst vom unbezwingbaren Optimismus eines Teenagers. Sollte Annes frohgemutes Wesen nicht Rechtfertigung genug sein für ein frohgemutes Stück? Zu Beginn des Musicals, nach einem Auftakt mit Bombendonner, Strobolicht und Raucheffekten, übergibt Miep Gies, die Amsterdamer Vertraute der Familie Frank, dem davongekommenen Vater das gerettete Tagebuch seiner toten Tochter. Otto Frank nimmt es entgegen und antwortet der tränenerstickten Frau: »Nur nicht traurig sein! Anne hätte das nicht gewollt.« So erteilt sich das Stück noch einmal aus erster Hand die Lizenz zum Singen.
Aber dann ist es doch etwas anderes, ob ein Mädchen inmitten von Enge, Angst und Verzweiflung kraft seiner Fantasie bei Laune bleibt – oder ob Gesang und Tanz und Lichteffekte von vornherein für Laune sorgen und alles Elend eintakten unter das Banner der Hoffnung. Denn ob Anne Frank und die Ihren auf einer Bühne singen dürfen, ist ja nur die Eingangsfrage. Es fiele schwer, sie rundheraus zu verneinen, nach Filmen wie Lubitschs Sein oder Nichtsein oder Benignis Das Leben ist schön, nach Comics wie Art Spiegelmans Maus. Die Frage ist eher, wovon gesungen wird und wie. Doch da reichen Alveros Bedenken nicht bis ins Detail. Er schließt Hoffnung mit Hoffnung kurz und Freude mit Freude. Was Anne Frank nicht verloren ging, soll die Jugend von heute ohne Scham genießen können. Die Feinarbeit erledigen Komponist und Autor.
Die sind wie Handwerker vorgegangen und haben den »Rohstoff« (acht Bewohner, vier Räume, zwei Jahre und ein Stück historischen Rahmens) einfach aufs Format zurechtgeschnitzt. Eine Herausforderung, denn ein Leben im Versteck, mit lauter persönlichen Querelen, voller Monotonie und Furcht, ist zunächst nicht »musicalisch«. Doch Profis wissen sich zu helfen. Ihr erstaunlichster Kniff: Aus Kitty, Anne Franks imaginärem Tagebuch-Gegenüber, wird unversehens eine junge Frau aus Fleisch und Blut. Sie bleibt zwar eine Fantasiefigur. Aber eine mit ein paar glitzernden und knappen Kleidern, die Anne auf ein flottes Tänzchen aus dem engen Unterschlupf lockt und zur universell einsetzbaren Gesangs- und Ansprechpartnerin wird. Und Anne geschieht noch ein weiteres dem Genre geschuldetes Glück. Während sie sich seinerzeit aus Mangel an Alternativen in eine rührend unerfüllte Leidenschaft zum zwei Jahre älteren Peter van Pels hineinsteigern musste, wird den beiden jugendlich Irrenden hier ganz großzügig ein ausgreifendes Liebesduett spendiert. Auch sonst wird nachgespitzt: Frau van Pels sorgt in Wort und Tat für manch kokette Anzüglichkeit, der Zahnarzt Pfeffer grimassiert sich ins Kauzige, und die beiläufigen Tagebuch-Bemerkungen über die Folgen von zu viel Bohnen im Essen verwandeln sich in ein schmissiges Lied über bedrohliche Blähungen: Wer zu laut furzt, wird entdeckt.
Derlei Geschmacklosigkeiten könnte man viele beklagen und natürlich auch die Musik, deren einziges Leitmotiv Eingängigkeit ist und die das Vierziger-Jahre-Refugium auch einmal unbekümmert mit Achtziger-Jahre-Beats nebst Gitarrensoli beschallt. Am traurigsten ist allerdings die Unempfindlichkeit der Produzenten gegen ihr eigenes Vampir-Verfahren. Je saftiger sie ihr Material aufbereiten, desto mehr verblasst die Basis ihres Dramas. Im Tagebuch wachsen Anne Franks Gedanken auf wunderbare Weise hinaus über eine furchtbare und furchtbar lang andauernde Situation. Erst die Spannung zwischen der ausweglosen Lage und dem (fast) erschriebenen Ausweg macht die innere Größe des Buches aus. Wenn man das zweijährige Warten dagegen fein filetiert und aufhübscht, schrumpft am Ende auch Anne Franks Rolle zusammen – auf die eines kapriziösen Görs aus unglücklicher Zeit. Alveros Leute haben dafür kein Auge. Sie folgen eisern der Dynamik des Musicals; die Dynamik des Buches scheint Schnee von gestern.
Dabei ist Rafael Alvero kein skrupelloser Geschäftemacher. Er hat sein Projekt zehn Jahre »reifen« lassen und lange um die Unterstützung der Anne-Frank-Stiftung gekämpft. Auf deren Empfehlung verzichtet er nun auf das übliche Merchandising. Die Amsterdamer haben noch keine komplette Aufführung erlebt. Aber ihnen gefällt das Projekt. Sie mögen »niedrigschwellige« Angebote, mit denen die junge Generation schonend und altersgerecht ans Grauen des Holocaust herangeführt wird.
El diario de Ana Frank
ist all dies: niedrigschwellig, schonend und altersgerecht. Das Grauen wird beiseitegesungen, die gute Hoffnung siegt. Anne mag tot sein, aber siehe, die schmucke Kitty hat überlebt.
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- Datum 29.02.2008 - 11:10 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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Anne Frank Superstar? Sie wird nicht erst durch das Musical dazu, sie ist es
bereits. Ihr Tagebuch ist nach der Bibel das weltweit meist gelesene nichtfiktionale Werk. Das erst Jesus und dann Anne zu Musicalstars werden, erscheint da doch schon fast
logisch. medi & ocre
http://die-mediocren.blog...
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