Lohndebatte Die Löhne müssen wieder stärker steigenEs wird teuer

Aber das richtige Maß zu finden ist schwieriger, als manche Parolen glauben machen wollen

Die Stimmung ist eindeutig: Acht Prozent, das ist nicht viel, das ist nur gerecht. Das haben die Stahlarbeiter verlangt, und das wollen auch Busfahrer, Erzieherinnen und Müllmänner. Sieben Prozent mehr Lohn, wie es die Chemiewerker fordern, wirken fast schon läppisch. Die Ärzte im Marburger Bund rufen sogar nach zehn Prozent.

Das sind zwar nur die Forderungen. Aber der Abschluss in der Stahlindustrie in der vergangenen Woche – mit 5,2 Prozent der höchste seit eineinhalb Jahrzehnten – signalisiert bereits: Diesmal wird es teuer für die Arbeitgeber. Die Gewerkschaften spüren Rückenwind. Der Aufschwung, so die Wahrnehmung, kam bei den Arbeitnehmern bisher nicht an. Jetzt soll Geld fließen.

Das wird es wohl auch, reichlicher als in den vergangenen Jahren. In vielen Branchen ist wieder mehr Geld da. Trotzdem besteht die Gefahr von Übertreibungen. Denn es geht beileibe nicht allen Wirtschaftszweigen so gut wie der Stahlindustrie. Und: Einige der Argumente, mit denen Politiker und Gewerkschafter kräftige Lohnerhöhungen herbeireden, sind schlicht falsch.

Erstens: Wenn die Preise steigen, müssen auch die Löhne entsprechend steigen. Das scheint gerecht, ist aber – leider – ein Irrtum. Tatsächlich sind Unternehmen immer dann in der Lage, höhere Löhne auszuzahlen, wenn sie ihre Produkte zu einem höheren Preis verkaufen können. 2007 stieg aber dieser Verkaufswert der hiesigen Produktion gar nicht besonders an. Die Inflation erklomm mit 2,2 Prozent aus anderen Gründen den höchsten Stand seit 13 Jahren: Zum einen weil der Benzinpreis in die Höhe schoss, zum anderen weil der Staat höhere Versicherungs- und Mehrwertsteuern erhob und durch Studiengebühren auch noch die Bildung verteuerte (Kostenanstieg für diesen Teil des Warenkorbs: 29 Prozent).

Kurz: Saudis und der deutsche Fiskus sackten das Geld ein, nicht die Unternehmen. Wer in einer solchen Situation von ihnen den vollen Inflationsausgleich fordert, treibt nur die Preise weiter in die Höhe, denn es gibt nicht entsprechend mehr zu verteilen.

Zweitens: Die Arbeitnehmer müssen endlich am Aufschwung beteiligt werden, seit Jahren sinken die Reallöhne. So heißt es allenthalben, richtig ist es dennoch nicht. In der Metall-, Elektro-, Chemie- und Stahlindustrie lagen die Lohnabschlüsse in den vergangenen Jahren oft bei rund vier Prozent, also weit über der Teuerung. Die Arbeiter in diesen Branchen und ihre Gewerkschaften sind keineswegs schwach, politischen Flankenschutz brauchen sie nicht. Und wenn ihre Löhne weiter steigen, hilft das der Verkäuferin gar nichts, die in diesem Jahr wegen der desolaten Lage in ihrer Branche wahrscheinlich wieder keine großen Sprünge machen wird. Sie muss dann nur die davoneilenden Löhne in der Industrie mitfinanzieren, wenn sie deren Produkte kauft. Die Lage der Arbeitnehmer in den unterschiedlichen Branchen ist weit vielfältiger, als es die schlichten »Löhne rauf!«-Parolen suggerieren.

Selbst innerhalb einer Branche oder eines Tarifwerks klaffen große Unterschiede, wie der öffentliche Dienst zeigt. Dort, klagen die Gewerkschaften, seien die Löhne seit Jahren kaum erhöht worden, man dürfe sich aber nicht von den Gehältern in der privaten Wirtschaft abkoppeln. Im Grundsatz ist das richtig, und ein Nachholbedarf besteht – auch wenn sich die Frage stellt, mit wem in der Wirtschaft die Staatsdiener verglichen werden sollten, mit Metallarbeitern oder Verkäuferinnen. Das ist nicht einfach zu beantworten. Vor drei Jahren erst wurde mit Zustimmung von verdi eine neue Niedriglohngruppe für Staatsdiener eingeführt. Sie sollte verhindern, dass immer mehr Müllabfuhren, Krankenhauswäschereien oder Putzdienste an billige Privatfirmen vergeben werden. Jetzt verlangen die Gewerkschaften mindestens 200 Euro mehr im Monat für jeden. Das würde den Privatisierungsdruck im Niedriglohnbereich wieder schlagartig erhöhen. Ist das gewollt? Sicher ist: Selbst innerhalb des Staatsdienstes existieren unterschiedliche Welten, entsprechend differenziert muss die Lohnpolitik sein.

Drittens heißt es immer wieder, wir brauchten starke Lohnerhöhungen, um die Binnennachfrage auf Trab zu bringen. Auch das ist nicht mehr als eine Halbwahrheit. Zunächst einmal kommt es nicht auf die Lohnhöhe, sondern auf die Lohnsumme an. Das sind alle Gehaltszahlungen im Land zusammengerechnet. Es ist nämlich möglich, dass die Löhne nur mickrig steigen, dafür aber mehr Menschen wieder in Arbeit kommen und daher die Lohnzahlungen insgesamt sehr wohl deutlich zunehmen. Vergangenes Jahr geschah genau das. Der durchschnittliche Stundenlohn legte nur um katastrophale 1,3 Prozent zu, die Summe aller Lohnabrechnungen dagegen um beachtliche 3,1 Prozent. Das entsprach knapp 30 Milliarden Euro. Genug, um den Konsum kräftig steigen zu lassen. Er tat es jedoch nicht, teils wegen der bereits zitierten Saudis und des Fiskus, teils weil die Arbeitnehmer lieber sparten. Dass die Binnennachfrage außerdem noch davon abhängt, was Unternehmer und Staat sich anschaffen und ob inländische Erzeugnisse gekauft werden, sei hier nur am Rande erwähnt. Die Formel »höhere Löhne gleich mehr Nachfrage« stimmt so jedenfalls nicht.

Das richtige Maß für die Lohnsteigerungen zu finden ist daher weit schwieriger, als es die Parolen suggerieren. Im Durchschnitt der gesamten Wirtschaft wären dieses Jahr wohl knapp drei Prozent mehr Lohn vertretbar. Dieser Wert ergibt sich aus dem mittelfristigen Anstieg der Produktivität und der Inflation ohne Sonderfaktoren. In florierenden Wirtschaftszweigen sind auch höhere Abschlüsse denkbar, in anderen niedrigere. Letztlich muss in jeder Branche und manchmal auch für Teile einer Branche das richtige Niveau ermittelt werden.

Im Idealfall wird in diesem Jahr dabei auch eine veränderte Machtbalance eine Rolle spielen – nicht aufgrund der Stimmung, sondern weil sich die reale Lage wandelt. Vergangenes Jahr sank die Arbeitslosigkeit auf den tiefsten Stand seit zwölf Jahren, und sie dürfte weiter zurückgehen. Inzwischen werden nicht nur Ingenieure und IT-Spezialisten händeringend gesucht. Vor allem in Süddeutschland fehlt es schon an Maurern, Lkw-Fahrern und Kfz-Mechanikern. In Frankfurt am Main gibt es nicht genug Erzieherinnen. All das löst keinen flächendeckenden Lohndruck aus. Dazu ist das Reservoir an Arbeitslosen mit knapp 3,7 Millionen noch zu groß. Doch die Zeiten, in denen es für jeden Job unerschöpflich viele geeignete Bewerber gab, neigen sich dem Ende zu. Zumindest in Teilen des Arbeitsmarktes werden Unternehmer, um die Leute zu bekommen, die sie brauchen, bald freiwillig mehr Geld zahlen.

 
Leser-Kommentare
  1. Das sind alles Träumereien von der Teilhabe am neuen Erfolg der Wirtschaft. Natürlich ist es nicht gerecht, dass seit Jahren die Reallöhne eher fallen als steigen. Aber das hat einen Grund, den die Unternehmen nicht ändern können, dass nämlich die Arbeitskraft sich auf dem Weltmarkt verdoppelt hat. Das Einzige was Deutschland als eine der bedeutendsten Exportvolkswirtschaften wieder hat Tritt fassen lassen, war eben dieser zum Teil beachtliche Lohnverzicht, der die Lohnkosten ein wenig von der Spitze weggeführt hat. Aber deswegen verdient sich die Wirtschaft jetzt keine goldene Nase. Nein sie hat wieder ausreichend Beschäftigung, aber zu Preisen, die der Weltmarkt diktiert. Also man kann jetzt fordern, dass der Verzicht wieder wettgemacht wird, aber dann steigt auch wieder die Arbeitslosigkeit. Deutschland der -scheidende- Exportweltmeister befindet sich seit zwanzig Jahren auf dem Abstieg zur Mittelmacht  und die Musik spielt in Asien. Japan wird bald ein doppelt so hohes BIP wie Deutschland haben, wir standen mal auf Augenhöhe. Das ist die Wahrheit. Auf den Wachstumsmärkten kommt es auf individuelle Kreativität an, das sind Kategorien wo wir mit Beginn des 19. Jahrhundert aufhörten zu glänzen. Daher ist Sorgfalt dringend angesagt. Karsten Cascais

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Arbeit | Stahlindustrie | Frankfurt am Main
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service